Aus dem fahrenden Zug gefilmt (2 Beispiele)

Verantwortlich für Bild und Ton zeichnet die Künstlerin Tentenko aus Japan, das Werk heißt „Parade“, ist von 2019 und für meinen Geschmack zu kurz:

Ralf und ich konnten uns vor 13 Jahren nicht auf zweieinhalb Minuten beschränken! Nun gut, es ging ja auch um Cottbus und nicht um Japan. „No Go Area“, der Titel unseres Werks, erschien mir damals recht gewagt, heute kommt er mir angesichts grassierender rechter Gesinnung in dieser Stadt auf traurige Weise prophetisch vor:
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Die Kino-Genres der letzten 100 Jahre

Klick aufs Bild führt zur interaktiven Quelle dieses Screenshots. Interaktiv heißt in diesem Fall, dass man herausfinden kann, welcher Science Fiction-Film 1968 der populärste war, wenn auf die entsprechende Stelle in der entsprechenden Grafik klickt. – Wer einfach nur dieses Bild in größer sehen möchte, klickt hier.

Actionfilm, Thriller und Horrorfilm statt Kriegsfilm, Liebesfilme und Krimis im Niedergang, Musical wie Western sterben aus, Science Fiction und Fantasy bleiben marginal, das Interesse an Komödien bleibt hoch und der nicht-fiktionale Film beendet sein Schattendasein und rückt zu einem der wichtigsten Genres der letzten Jahrzehnte auf. Einverstanden, weitermachen.

Danke an Kulturtechno für diesen Link.

Lob des Dell

Dell
Matthias Dell ist einer der ganz wenigen Film- und Fernsehkritiker, der die Funktion und die Wichtigkeit von Filmmusik nicht nur verstanden hat, sondern sie auch unterhaltsam beschreiben kann. Er nennt sehr oft sogar den Namen der KomponistIn, was in der TV-Kritik eine echte Seltenheit darstellt. Anlässlich des Tatorts „Borowski und das Haus der Geister“ vom 2. September lief er zu Höchstform auf, weshalb mir das diesen Weltsicht-Artikel wert ist. Dell, beschreiben Sie das Unbeschreibliche!

Dabei geht es gar nicht darum, ob man das ephemer-gestische Klaviergetrippel und Streichergedränge, die Bedrohungswolken in Moll oder sich in den Räumen des den Titel schmückenden, prächtigen Hauses verlierenden Innerlichkeitssongs nicht auch kitschig finden können [darf, S.H.] – die Kompositionen von Matthias Beine bewirken zuerst einen Großteil der Atmosphäre des Kieler Tatort[s, S.H.]. [Quelle]

Matthias Dell kritisiert seit vielen Jahren zeitnah den jeweils neuesten ARD-Sonntagabendkrimi (d. h. bei Wiederholungen erscheint keine Kritik). Entdeckt habe ich ihn beim FREITAG, dann wanderte er zum NEUEN DEUTSCHLAND und jetzt ist er bei der ZEIT zu finden – leider gönnt ihm diese aber (nach meinem Kenntnisstand) keinen separaten Feed: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Es könnte ja sein, dass es Menschen gibt, die an der ZEIT nur der Dell interessiert.*

Matthias Dell liefert zuverlässig unmittelbar nach Krimi-Ende um 21:45 Uhr, mitunter auch etwas später. Dabei geht es gar nicht darum, ob man die mitunter arg idiosynkratisch und launenhaft daherkommenden Sottisen dieses Kolumnisten nicht auch komplett daneben finden können darf – mittlerweile weiß ich gar nicht mehr, wie ich auch nur irgendeinen Sonntagabendkrimi jemals überhaupt ohne seine kundigen Erläuterungen halbwegs erfassen und verstehen konnte.**


* Nerd-Tip für Nutzer von RSS-Feeds: http://newsfeed.zeit.de/index abonnieren und einen Nachrichtenfilter draufsetzen, der alles löscht, was nicht „Autor=Matthias Dell“ ist, dann bekommt man einen fast lupenreinen Sonntagabendkrimi-Newsfeed. „Fast“ deswegen weil Dell mitunter auch Anderes für die ZEIT schreibt.
** Dieser Satz enthält Ironie.

Zur Ästhetik von Lanzmanns „Shoah“

Claude Lanzmann (links) beim Täterinterview mit versteckter Kamera.

Der Einen oder dem Anderen mag es frevelhaft erscheinen, im Zusammenhang mit Claude Lanzmanns neunstündiger 16 mm-Doku aus dem Jahr 1985 überhaupt von Ästhetik zu sprechen, aber ich finde das nicht. Einen Film ohne Ästhetik gibt es schlicht nicht, also ist es statthaft, auch bei einem Dokumentarfilm über den Holocaust, bei dem das Was nun wirklich wichtiger sein sollte als das Wie, davon zu sprechen.

Zumindest mal kurz. Wesentlicher bleibt natürlich die Tatsache, dass es „Shoah“ überhaupt gibt und welches Geschehen der Dokumentarfilm darstellt: The Destruction of the European Jews (R. Hilberg).

Zunächst einmal ist es frappierend, dass Lanzmann und seine Kameraleute Dominique Chapuis, Jimmy Glasberg, Phil Gries und William Lubtchansky im Grunde mit nur zwei Arten von Einstellungen auskommen: Der Stativkamera, die mehr oder minder frontal und sozusagen sachlich auf den jeweils zu Interviewenden gerichtet ist, und der Handkamera, die wie im Traum suchend über die Landschaften des Massenmords schweift. Wichtigstes dramaturgisches Mittel in beiden Fällen ist dabei der Zoom. Sobald sich bei einem der Interviewten emotionale Disruption zeigt, wird herangezoomt und sobald der Kamerawanderer einen bestimmten, evtl. vorher festgelegten (Aussichts-)Punkt erreicht, ebenso.

Das sind jeweils sehr langsame und deshalb entsprechend intensive Zooms, die mich an Tarkowski-Spielfilme aus derselben Zeit, etwa Nostalghia, erinnern. Aber das ist nicht die einzige Ähnlichkeit mit dessen Ästhetik, auch die abgefilmten Motive gleichen sich: Ruinen moderner Architektur, badlands, osteuropäische Wälder und Felder – und viele Pfützen, viel feuchte Erde, Matsch und Dreck bei trübstem Himmel.

Einen ganz eigenen ästhetischen Ort innerhalb der Bildwelt von „Shoah“ nehmen die mit versteckter (Video-)Kamera gedrehten Täter-Interviews ein, die etwa 15 – 20% des Films ausmachen. Die Bildqualität dieser Schwarzweiß-Videos ist atemberaubend schlecht und manchmal liegt ein dicker waagrechter Bildstörungs-Balken direkt über den Augen eines der SS-Ruheständler.*

Am häufigsten jedoch dürften in „Shoah“ rollende Güterzüge zu sehen sein, die immer von Dampflokomotiven gezogen werden, was im Polen der frühen Achtzigerjahre offenbar noch der Standard war. Der Anblick eines anonym anrollenden, dampflokgezogenen Güterzugs mitsamt den hochprägnanten, mit nichts anderem zu verwechselnden Geräuschen, die er macht, ist durch „Shoah“ zu einer Chiffre für den Holocaust an sich geworden. Ich bin mir fast sicher, Steve Reichs Streichquartett Different Trains aus dem Jahr 1988 wurde entscheidend davon geprägt.

Der heranrollende Güterzug ist – Lanzmann sei Dank – eine ausgesprochen klug gewählte Chiffre, weil sie gleich vier unterschiedliche Charakteristika des Holocaust in einem Objekt zu symbolisieren vermag:

  • Verborgenheit Wir sehen einen Güterzug heranrollen und ahnen, dass sich darin Menschen befinden, aber wir können sie nicht sehen.
  • Bestialität Ein Güterzug ist, wie der Name schon sagt, zum Transport von Waren und nicht von Menschen konzipiert, dennoch wissen wir, dass darin Menschen transportiert werden.
  • Industrialität Der Betrieb von Güterzügen ist nur innerhalb einer hochentwickelten Logistik möglich.
  • Eigendynamik Ein Güterzug, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Symbol für den Massentransport von Gütern wie heutzutage das Containerschiff, ist enorm schwer, es ist geradezu unwahrscheinlich, dass er sich überhaupt in Bewegung setzt, sein Trägheitsmoment ist enorm, d. h., ist er erst einmal in Bewegung, lässt er sich nur noch sehr schwer wieder aufhalten.

*

Anlässlich des Todes von Claude Lanzmann ist eine bestens restaurierte Fassung von „Shoah“ noch bis 4. September 2018 in der arte-Mediathek verfügbar und/oder via MediathekView in HD-Qualität herunterzuladen (11,2 GB).

Obwohl ich damals (d. h. in den Achtzigerjahren) den Film nicht sah, weil mich der Holocaust nicht sonderlich interessierte, ist mir die Ikonografie/Soundscape des Güterzugs mittlerweile derartig oft in Filmen über den Holocaust begegnet, dass ich bis heute keinen solchen sehen oder hören kann, ohne sofort „Holocaust“ zu denken. Ist das generationsspezifisch oder geht das noch jemandem da draußen so? Das ist keine rhetorische Frage, ich bitte um Kommentare.


* Einmal hört man einen der Interviewten treuherzig sagen (sinngemäß): „Aber, Herr Lanzmann, bitteschön, Sie nennen ja nicht meinen Namen, nicht wahr?“ und dieser murmelt zur Antwort: „Ich habe es Ihnen versprochen.“ Im Film werden jedoch penibel alle Namen, Dienstgrade und Einsatzorte der interviewten Täter aufgelistet. Mehrmals wird zudem vor Beginn eines Täter-Interviews ein weißer VW-Bulli mit einem roten Längsstreifen gezeigt, der, mit einer kleinen Richt-Antenne versehen, am Straßenrand steht. Anschließend sieht man – offenbar im Inneren des Bullis – zwei Techniker vor Bildschirmen sitzen. Juristen mögen sich über diese stasi-mäßige Vorgehensweise Lanzmanns streiten, ich halte sie angesichts der Umstände für gerechtfertigt. Und kann man dem Filmemacher nicht vorwerfen, dass er sein trickreiches Vorgehen verschleiert hätte.