Depressiv? Ja, aber richtig! Tipps vom Profi

Der US-amerikanische Intellektuelle George Scialabba hat ein Selbsthilfebuch zum Umgang mit Depression geschrieben, welches sich aus jahrzehntelanger tief leidvoller Eigenerfahrung speist. Das Magazin n+1 hat im März 2020 eine Kurzfassung davon publiziert.

Ein paar Tipps zeugen zwar von einer gewissen, äh, Priviligiertheit des Verfassers, etwa: „How to keep your house from becoming a disaster area? This is straightforward: you pay someone to do it.“ oder auch „Make a smoothie the first thing every morning. Toss a banana, blueberries, yogurt, almond milk, fruit juice, wheat germ, and protein powder into the blender.“, aber die allermeisten sind auch für Grundgesicherte finanziell leistbar. Hier sind sie.

Gefühlslandschaft

(SH) Montserrat 03, 2005

Um das untenstehende längere Zitat angemessen würdigen zu können, sollte man das Folgende wissen:

  • Es handelt sich um einen Ausschnitt aus einer Rezension des 2012 von B. Ecker et al. publizierten psychotherapeutischen Fachbuchs Unlocking the Emotional Brain (im Text als „UtEB“ abgekürzt).
  • Der Rezensent Scott Alexander ist selber Psychiater und Betreiber des ganz ausgezeichneten Blogs Slate Star Codex (siehe Link unter dem Zitat), das ich vor Kurzem entdeckte.

UtEB’s brain is a mountainous landscape, with fertile valleys separated by towering peaks. Some memories (or pieces of your predictive model, or whatever) live in each valley. But they can’t talk to each other. The passes are narrow and treacherous. They go on believing their own thing, unconstrained by conclusions reached elsewhere.

Consciousness is a capital city on a wide plain. When it needs the information stored in a particular valley, it sends messengers over the passes. These messengers are good enough, but they carry letters, not weighty tomes. Their bandwidth is atrocious; often they can only convey what the valley-dwellers think, and not why. And if a valley gets something wrong, lapses into heresy, as often as not the messengers can’t bring the kind of information that might change their mind.

Links between the capital and the valleys may be tenuous, but valley-to-valley trade is almost non-existent. You can have two valleys full of people working on the same problem, for years, and they will basically never talk.

Sometimes, when it’s very important, the king can order a road built. The passes get cleared out, high-bandwidth communication to a particular valley becomes possible. If he does this to two valleys at once, then they may even be able to share notes directly, each passing through the capital to get to each other. But it isn’t the norm. You have to really be trying.

Scott Alexander: Mental Mountains | slatestarcodex.com 2019-11-26

Alexander findet hier ein m. E. brilliantes Bild dafür, wie Erinnerung im menschlichen Gehirn tatsächlich vernetzt ist (nämlich reichlich mies). Seine Metapher löst eine Vielzahl von Problemen 1  mit einem Schlag 2 , ohne Wissenschaft zu sein. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass WissenschaftlerInnen derartige Analogien häufiger einsetzen sollten, um den wissenschaftlichen Fortschritt zu beflügeln.

Warum das nicht geschieht, scheint mir klar zu sein: Die Wissenschaftlerin sieht sich als „Logikmaschine, obwohl sie weiß, dass sie keine Logikmaschine ist“ (Th. Raab). Wer allzu flowery (Alexander über sein Bild etwas später im Text) formuliert, gilt schnell als unseriös.

Auf der anderen Seite hängen KünstlerInnen immer noch viel zu oft dem Ammenmärchen an, die Kunst wäre freier Ausdruck von Fantasie 3 .

Was fehlt, sind Individuen, die sich für den enormen Raum zwischen diesen naiv reduktionistischen Extremen interessieren.


 

1 Z. B. das Phänomen der Pseudoerinnerung, oder die Tatsache, dass Dinge, die wir jahrzehntelang „komplett vergessen haben“, plötzlich taufrisch in unserem Bewusstsein stehen.

 

2 Dafür sind brilliante Metaphern da, vgl. Wittgensteins Bild von der Sprache als Stadt.

 

3 Wobei sie sich in der Regel nicht die Mühe machen, „frei“, „Ausdruck“ oder gar „Fantasie“ zu definieren. Und beschweren sich dann, wenn man ihnen „Geschwätz“ vorwirft.

AWEMs und ADHS

Als amtlich diagnostizierter ADHSler habe ich (mit S. Lobo, B. von Stuckrad-Barre und Chr. Lauer) die Eigenart, mich besonders schnell zu langweilen, da meine „Aufmerksamkeit auf einem lockeren Kugelgelenk montiert ist“ (Danke an A. Neuy-Lobkowicz für diese Metapher!). Das macht gewisse Aspekte unserer aufmerksamkeitsökonomisch strukturierten Gegenwart für mich zu einer,  milde formuliert, besonderen Herausforderung.

Die ADHSlerin ist, um es mal auf den Punkt zu bringen, eine Überschießerin. Seine Köperbewegungen sind oft abrupt und unkoordiniert, ihre Metaphern übertrieben, seine Emotionen pathetisch, ihre Freude euphorisch, aber kurzlebig, sein Ärger überzogen, aber schnell verraucht, ihre Meinungen neigen zur Überpointiertheit, ohne immer sorgfältig begründet zu sein. Ja, so ist er, der ADHSler: selten langweilig, aber immer nervig.

In gewisser Weise passen algorithmische Wunscherfüllungsmaschinen (AWEMs) zu ADHS wie der Schlüssel ins Schloss: Jegliche Form impulsiver Erregung wird augenblicklich aufgefangen und gespiegelt, sei es durch ein YT-Video, einen Tweet, ein FB-Posting, einen Blog-Artikel, ein Instagram-Foto etc. Die AWEMs können so für den stets motorisch wie mental unfokussierten, auf fatale Weise offenen ADHSler das sein, was Oswald Wiener bereits in den 1960er-Jahren als Bio-Adapter bzw. Servo-Narziss beschrieb: Eine Filterblase ohne echtes Außen bzw. Anderes, die pausenlose Kommunikation und Kreativität vorgaukelt, ohne dass wirklich Substanzielles geschieht.

Genau genommen befindet sich sogar jedes mir auf der Straße begegnende Individuum, ob ADHS-geplagt oder nicht, das auf sein Smartphone statt auf den Straßenverkehr blickt, bereits mittendrin in der servo-narzisstischen Filterblase, denn es hat seinen fundamentalen Überlebenstrieb bereits freiwillig auf dem Altar kurzlebiger guter Gefühle geopfert.

Reifenquietschen, ein dumpfer Aufprall, das Knacken menschlicher Knochen auf dem Asphalt.

Nun gut, das war jetzt übertrieben. Ich muss mein Ritalin nehmen.

Was ADHS eigentlich ist

Die kluge Miri Mogilevsky
Vor mittlerweile über 10 Jahren hat ein Neurologe eine ADH-Störung bei mir festgestellt, seitdem nehme ich ununterbrochen Ritalin und meine Lebensqualität hat sich auf ca. einer Million Ebenen verbessert. Natürlich habe ich mich auf alle möglichen Internet-Informationsquellen zum Thema gestürzt und glaube, mich mittlerweile ein wenig auszukennen. Dennoch bleibt diese Störung – vor allem in ihrer erst spät erkannten Form („Erwachsenen-ADHS“) – auch für mich weiterhin ein wenig nebulös und sogar dubios.  Um so mehr freute ich mich, als Bloggerin und Psychotherapeutin Miri Mogilevsky im April des vergangenen Jahres einen kurzen, knackigen Artikel zum Thema publizierte, der die gängigsten Missverständnisse zum Thema anspricht und ausräumt. Der Link ist hier.

Für Eilige und des Englischen nicht wirklich so richtig mächtige hier eine Zusammenfassung der vier wichtigsten Aussagen des Textes:

  1. ADHS ist keine psychische Erkrankung, sondern eine Behinderung, die Folge einer Entwicklungsstörung während der Kindheit ist. Wie bei fast allen Behinderungen lassen sich die Folgen lindern, aber nicht wieder zum Verschwinden bringen. Sichtbar wird diese Störung entweder während der Kindheit selbst oder aber erst in späteren Jahren. Es handelt sich aber immer um dieselbe Störung. Es ist nicht möglich, als Erwachsener „plötzlich ADHS zu bekommen“, genausowenig, wie man plötzlich das Down-Syndrom haben kann. „Erwachsenen-ADHS“ ist also eine irreführende Bezeichnung für das Phänomen, dass Menschen, die seit ihrer frühen Kindheit mit den nicht immer dramatischen, aber immer chronischen Folgen dieser Behinderung zu kämpfen haben, erst in höherem Alter endlich ordentlich diagnostiziert werden.
  2. ADHS ist heutzutage gesellschaftlich sowohl über-, wie unterdiagnostiziert. Als Faustregel kann gelten: Je älter der Mensch, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer undiagnostizierten ADH-Störung und umgekehrt. Das liegt schlicht daran, dass sich die entsprechende Diagnostik erst in den letzten Jahrzehnten vereinheitlicht und standardisiert hat. Deshalb kann es durchaus sein, dass heutzutage – Stichwort „Modediagnose ADHS“ – bei ein paar Kindern zuviel ADHS diagnostiziert wird. Andererseits hätte das Leben vieler älterer Betroffener viel besser verlaufen können, hätte man sie früher diagnostiziert.
  3. Einerseits muss nicht jeder, der diagnostiziert ist, Ritalin nehmen, um seine Symptome zu lindern, andererseits ist die Wirkungslosigkeit von Ritalin bei einer Diagnostizierten kein Beweis dafür, dass keine ADH-Störung vorliegt. Das ist – zugegeben – verwirrend, aber gibt es bsp.weise nicht auch Formen der Diabetes, bei denen man kein Insulin nehmen muss?
  4. Eine ADH-Störung ist Folge einer permanenten Beeinträchtigung Exekutiver Funktionen im Gehirn des Betroffenen (für eine ausführliche Definition dieses neuropsychologischen Fachbegriffs bitte dem Link folgen). Phänomene wie Hyperaktivität, Vergesslichkeit, die Neiung, andere zu unterbrechen oder das ständige „Verschlampen“ und „Verschwitzen“ wichtiger Dinge etc. können Folgen derart beeinträchtigter Exekutivfunktionen sein. Man kann aber auch ADHS haben, ohne unter exakt diesen Dingen zu leiden. Andererseits gilt, wessen Exekutive Funktionen gut funktionieren, der hat definitiv kein ADHS.

Fazit: An einer kompetenten und seriösen Diagnose geht kein Weg vorbei, sie kann in keinster Weise durch Selbstbeobachtung ersetzt (wohl aber ausgelöst) werden.

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Und wer’s noch genauer wissen, will, kann sich diesen gut zehnminütigen und rhetorisch ganz ausgezeichneten Vortrag des gestrengen US-amerikanischen Psychiaters und ADHS-Gurus R. Barkley zum Thema „ADHS und Exekutive Funktionen“ aus dem Jahr 2009 reinziehen. Der Mann wirkt zwar durch und durch konservativ und durchaus autoritär, eröffnet seinen Vortrag aber gleich mit einer These, die allen gestandenen Konservativen die Haare zu Berge stehen lassen dürfte: „Self-control is not learned.“ Potztausend!

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