Houellebecq über Perspektiven deutschsprachiger Belletristik

Ich gebe den deutschen Autoren einen guten Rat: Sie sollten sich dem erotischen Roman zuwenden. Die Deutschen sind ja Großmeister der privaten pornografischen Produktion im Internet. Da befindet sich eine Lücke, die zu füllen wirklich Aussicht auf Erfolg, auch kommerziellen, verspricht. Und das meine ich nur halb im Scherz.

Michel Houellebecq: Interview 2017 (steht leider hinter einer Paywall)

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Houellebecq über Perspektiven deutschsprachiger Belletristik

A Chinese Science Fiction writer on Postmodernism

“So literature, it turns out, is a perverted endeavor.”
“It was like that for Shakespeare and Balzac and Tolstoy, at least. The classic images they created were born from their mental wombs. But today’s practitioners of literature have lost that creativity. Their minds give birth only to shattered fragments and freaks, whose brief lives are nothing but cryptic spasms devoid of reason. Then they sweep up these fragments into a bag they peddle under the label ‘postmodern’ or ‘deconstructionist’ or ‘symbolism’ or ‘irrational.’”

Cixin Liu: „The Dark Forest“, 2008 (S. 83)

A Chinese Science Fiction writer on Postmodernism

Lüge und Wahrheit als „kaum zu definierende Primärbegriffe“

Helden der Kopfarbeit: Den Gebrüdern Strugazki verdanken wir u. a. die Vorlage für Andrei Tarkowskis Film „Stalker“

Das Märchen von der Troika von den Strugazki-Brüdern aus dem Jahr 1967 ist alles andere als Science Fiction. Es liest sich eher wie eine ziemlich deftige Gesellschaftssatire, fast ein Bauernschwank, „Szenen aus dem ländlichen Russland“ oder so. Dennoch ein in keinster Weise nostalgisches Leseerlebnis. Und zwischendurch lassen die Autoren eine ihrer infamen Figuren Sätze über Wahrheit und Lüge verkünden, die wie eine Definition von „Postmoderne“ im Trump’schen Sinn klingen:

Was ist eigentlich Lüge? … Lüge ist Leugnung bzw. Verfälschung der Tatbestände. Und was ist ein Tatbestand? Kann man denn unter den immer komplizierter werdenden Bedingungen unseres Alltags überhaupt noch von Tatbeständen sprechen? Ein Tatbestand ist eine von Augenzeugen bestätigte Erscheinung oder Handlung. Es kommt mitunter vor, dass Augenzeugen voreingenommen sind, habgierig, oder ganz einfach nur dumm und einfältig. Ein Tatbestand wird auch von Dokumenten beglaubigt, wobei die Dokumente gefälscht oder fabriziert sein können. Ein Tatbestand ist letztlich eine Erscheinung oder Handlung, über deren Gültigkeit ich persönlich bestimme, wobei aber auch mein Instinkt mitunter wackelig, ja sogar durch unvorhergesehen eingetretene Umstände irrig sein kann. Daraus ergibt sich, dass der Tatbestand eine höchst gebrechliche Rolle spielt. Der Tatbestand ist ein verschwommener, unzuverlässiger Begriff, den wir in Hinkunft gänzlich abschaffen werden. Lüge und Wahrheit werden dadurch zu zwei primären, mit allgemeinen Argumenten kaum zu definierenden Begriffen.

Da soll sich noch einer wundern, warum Trump so auf den Ex-KGB-Agenten Putin steht, für den Lüge und Wahrheit ebenfalls „kaum zu definierende Primärbegriffe“ sein dürften.

Lüge und Wahrheit als „kaum zu definierende Primärbegriffe“

„Selbstverfickung“, ein Roman von Oskar Roehler

Oskar Roehler (*1959)

Roehlers nach „Herkunft“* und „Mein Leben als Affenarsch“** dritter Roman, dessen Titel natürlich auf das immer noch mächtige Meta-Narrativ „Selbstverwirklichung“ anspielt, hat mich – mit einer Einschränkung (siehe unten) – rundum begeistert, denn er besitzt mehr als ausreichend Selbstironie,…

Dieses ist ein Stück deutscher, depressiver Literatur, eine Innenschau, ein Stück Befindlichkeits-Literatur. Dies ist kein Bildungsroman oder Romanessay, und schon gar keine Autobiographie. Dies ist kein Roman, der geschrieben wurde, um den Büchner-Preis zu bekommen. Es gibt keine Auflösung, keinen Konflikt, keine Liebesgeschichte und keine wie auch immer geartete Spannung. Es gibt keinen Helden in dieser Geschichte. Diese Geschichte erhebt nicht den Anspruch, eine Familiensaga zu sein. Seine Prostata ist dem Autor wichtiger. [10. Kapitel]

…beschäftigt sich aus androzentrischer, aber nicht maskulistischer*** Perspektive tatsächlich mit dem in diesen Jahren nicht ganz einfachen Thema „heterosexuelle Erotik“, teilt aus, wo nötig,…

Die Gesinnungsnazis hatten allerorten die Macht übernommen, weil die wahren Künstler, Punks wie er, zu blöde und zu faul gewesen waren, Machtpositionen zu erobern, da sie lieber ihrem Hedonismus frönten, statt so etwas Langweiliges wie Lektor, Verleger, Produzent, Redakteur oder Ähnliches zu werden. Dabei wäre es so wichtig für das geistige Klima des Landes gewesen, diese Positionen zu besetzen. Jetzt bekam man die Quittung dafür. Jetzt war alles verboten, wurde alles abgelehnt von diesen Akademikern und Feuilletonisten, was auch nur im Ansatz subversiv war. Jetzt herrschte Zensur. Die Bourgeoisie hatte den Kulturkampf gewonnen. Die Bürger und ihre Kinder diktierten von ihren Chefetagen aus ihren faden Bildungsbürgergeschmack. Leute wie er waren, trotz ihres Namens, zu bedauernswerten Personae non gratae degradiert worden, zu exzentrischen Pennern, die sich von Akademikern, die hochmütig die Richtlinien bestimmten, demütigen lassen mussten. Sie hatten die Macht, andere von oben herab zu behandeln, und das war letztlich der einzige Sinn ihrer Existenz. [3. Kapitel]

…und steckt ein (Selbstkritik!), wo angebracht:

Er war ein als Enfant terrible getarnter staatlich subventionierter Filmbeamter, der sehr gut bezahlt wurde. [2. Kapitel]

Und manchmal gibt’s sogar zwar nicht neue, aber neu formulierte Einsichten von einer gewissen Tiefe:

Der Künstler, der am Anfang der riesigen Verwertungskette stand, befand sich gleichzeitig am Ende der Nahrungskette. [3. Kapitel]

Ganz sicher nichts anfangen mit Roehlers Buch werden LeserInnen können, die keinen Sinn für Trash-Ästhetik haben (allerdings geht es hier selbst für meinen Geschmack gelegentlich ein wenig zu drastisch zu, womit sich der Text ohne Not selbst sabotiert), die die durchaus gelegentlich lustvolle Darstellung von Prostitution und Pornografie aus männlicher Sicht für politisch inkorrekt halten sowie generell LeserInnen, die immer ganz genau wissen wollen, was an einem Roman denn nun „wirklich“ autobiografisch ist oder nicht, denn dies herauszufinden, dürfte erstens unmöglich sein, ist zweitens eine literarisch gänzlich unergiebige Frage und zeugt drittens lediglich vom Kleingeist derjenigen, die sie stellen.

Für LeserInnen, die bsp.weise Helmut Kraussers „Hagen-Trinker-Trilogie“ aus den 1990er-Jahren („Schweine und Elefanten, „Könige über dem Ozean“, „Fette Welt“) mochten, ist „Selbstverfickung“ sogar uneingeschränkt zu empfehlen.


* …den er als Quellen des Lebens 2013 selbst verfilmte (Empfehlung!)…
** …den er als Tod den Hippies!! Es lebe der Punk 2015 ebenfalls selbst verfilmte (Empfehlung!)…
*** „Androzentrisch“ bedeutet hier nicht „Der Mann als Maßstab aller Dinge“, sondern lediglich, dass es vollkommen unvermeidbar ist, dass ein biologisch männlicher Erzähler „männlich“ erzählt, so wie es unvermeidbar ist, dass eine biologisch weibliche Erzählerin „weiblich“, also „gynozentrisch“ erzählt. Die deutschsprachige Wikipedia setzt „Androzentrismus“ leider mit „Maskulismus“ gleich, womit ich nicht übereinstimme. Unter androzentrischer Literatur, zu der für mich bsp.weise auch die Romane Houellebecqs zählen, verstehe ich Texte, in denen Männlichkeit nicht als grundsätzlich problematisch und speziell das heterosexuelle männliche Begehren als grundsätzlich notwendig und sinnvoll dargestellt werden. Maskulistische Literatur dagegen lebt vom Ressentiment bzw. Hass gegen das Weibliche und kann Männlichkeit nur „antifeministisch“ definieren, was in meinen Augen lediglich die Unfähigkeit dieser Autoren dokumentiert, Männlichkeit erst mal ganz entspannt aus sich selbst heraus zu entwickeln und zu empfinden, bevor man sich dem anderen Geschlecht zuwendet. In der aktuellen Populärkultur gibt es – nach meinem Empfinden – derzeit weitaus mehr maskulistische als androzentrische Literatur.
„Selbstverfickung“, ein Roman von Oskar Roehler

Ralf Schuster: „Kann alles nicht leiden“ (Liedtext 2017)


Die da, oder die da, die da, oder die da

Die, die da und dort damals
die, die dreist und dumm und so wie selbstverständlich
die, gerade die kann ich nicht leiden

Die, die alles besser wissen und beweisen und bestätigen
geheime Fakten aus dem Koffer packten
die, gerade die, kann ich nicht leiden

Aber die, die weiterziehen, weiterwandern
die die Wichtigkeit der weiten Welt wertschätzen
die, gerade die, kann ich nicht leiden

Und die, die hier und heute und hauptsächlich
die heimatliebend, bodenständig und bescheiden
die, gerade die, kann ich nicht leiden

Die da, oder die da, die da, oder die da

Die da, die so gern was kaufen, in die Warenhäuser laufen,
oder online shoppen, partyhoppen, Geld verdienen, Konsum lieben
dieses hübsch Bekleiden, das kann ich gar nicht leiden

Doch selber stricken, Öko-Leinen, Batikhose, Wäschesack,
Outdoor-Orgie, Radfahrschuhe wasserdicht, funktionsgerecht
das kann ich alles gar nicht leiden

Körperkult, Intimbereich, die Haare ab und pflegeleicht
das ist ohne Frage soziale Tarnfarbe
sie zu vermeiden, auch das kann ich nicht leiden

Verwahrlost, ungewaschen, alles nur gebrauchte Sachen
der Gegenpol, Verneinung, Antithese
wenn ich Philosophen lese, kann ich mich selbst nicht leiden

Ich da, und die da, ich da, und die da

Eis in Eimern ausgeleckt, alles hat so gut geschmeckt,
doch ich mach mich nicht gemein, geh stattdessen heim
und sitze da, und kann mich doch nicht leiden

Schuldig, unwillig, unfähig, dabei zu sein,
ich passe da überall mit rein,
Verdruss durch Eitelkeiten, das kann ich an mir nicht leiden

Im Mainstream und der Volkskultur,
trotz elitärem Wahnsinn, Kunstkacke pur
ich stecke drin, und kann es gar nicht leiden

Verzweifelt, ungeduscht und ungekämmt,
wenn man in Depression verfällt,
das passiert manchmal mit mir, ich kann es gar nicht leiden

Ich da, und die da, ich da und die da

Wenn der Pfandflaschenautomat meine Flasche nicht entgegennimmt
empfinde ich es als persönliches Scheitern,
das kann ich am allerwenigsten leiden

Handy-Verweigerer, die würde ich lieben,
doch ich kenne keinen, doch wenn ich ihn nicht kenne,
kann ich ihn auch nicht leiden

Ralf Schuster: „Kann alles nicht leiden“ (Liedtext 2017)

Nichts, was von Bedeutung wäre

Und dann fragte ich mich, was können »wir armen Menschen-Schweine« (Clausi-Mausi) gegen das Übel Determination tun? Wir, die Bewohner des therapeutischen Jahrhunderts, sind einfallslos wie Ameisen, die lieber ein Leben lang Grashalme schleppen, statt in der Sonne zu liegen, Camus zu lesen, Gainsbourg zu hören, sich die Eier zu kratzen.

Dieses Zitat erfasst die weltanschauliche Quintessenz von Billers nach Die Tochter erst zweitem, dafür aber überaus voluminösem Roman „Biografie“, der im vergangenen Jahr erschien, ganz gut: trans-sarkastische bzw. trans-zynische Abgeklärtheit, eine Art kompletter Ausgebranntheit der Seele, nicht unähnlich der Haltung einiger Houellebecq-Protagonisten, nur (natürlich) mit ausgeprägt jüdischem Kolorit (bzw. der Biller’schen Variante davon).

Der ganz auf Krawall gebürstete Hass-Biller der 1980er-Jahre lebt immer noch, jedoch ist er lediglich „älter geworden, aber nicht reifer“, wie der Protagonist von „Biografie“ mal über sich selbst sagt. Und so verheißt der Romantitel auch mehr an Selbstreflexion, als das Buch dann wirklich einlösen kann. Denn immer noch begnügt sich der Protagonist damit, seinen ätzenden Spot flächendeckend über die Welt auszuschütten und schont dabei weder Nicht-Juden (ist zu erwarten), noch Juden (ist auch zu erwarten, wenn man Biller kennt), noch sich selbst (siehe oben).

Dennoch habe ich durchgehalten, denn Biller bleibt der glänzende Stilist, der er immer war. Seine Inhalte sind ein wenig verschlissen, seine literarisches Können ist es nicht. Die Metaphern sind fast immer witzig, überraschend und intelligent, der Satzbau angenehm und die kunstvolle Nachahmung diverser Jargons, Dia- und Soziolekte sorgt für zusätzliche Abwechslung.

Hätte Biller nun auch noch etwas zu erzählen, das über die mal schonungslose, mal larmoyante Schilderung seiner neurotischen Befindlichkeiten hinausgeht – er würde rasch zu einem der anerkanntesten deutschsprachigen AutorInnen der Gegenwart avancieren. So aber bleibt nach der Lektüre von „Biografie“ – die sich in meinem Fall geradezu endlos, sprich über Monate, hinzog – eine gewisse Leere zurück, die nicht unähnlich der Leere ist, die ich nach der Lektüre von Wallaces „Unendlichem Spaß“ empfand.

Wir rennen einmal, zweimal, dreimal die Woche zu unserem untherapierbaren Therapeuten, machen ihn, als hätten wir nicht genug komplizierte Beziehungen, zu unserer Seelengeisel und wundern uns, dass trotzdem nichts besser wird – außer dass wir nach einem Jahr in treatment dem Kindheitsleid nicht mal mehr metaphysische Bedeutung abgewinnen können. Dann stehen wir an einem herrlichen Sommermorgen am Grabmal des unbekannten Missbrauchsopfers, das wir selbst sind, und fühlen nichts, was von Bedeutung wäre…

Es ist dies keine „leere Leere“, sondern eine qualifizierte, spezifische, zeittypische Leere, die besser „Entleerung“ genannt werden sollte. Das Schlagwort vom „erschöpften Ich“ fällt mir ein, aber was soll das in Billers Fall genau heißen?

Nun, vielleicht so: Der Protagonist des Romans sieht sich als Moralist und Aufklärer, der auch „seine Leute“ (d. h. nach 1945 in Deutschland lebende Juden) nicht schont und gerne als „Gauner“ und „Verräter“ abkanzelt. Zu Beginn von Billers Karriere war eine solche Haltung neu, aufregend, unerhört und verschaffte ihm ausreichend Anerkennung bei der postmodernen Linken (also z. B. mir damals) und mehr als ausreichende, d. h. umsatzfördernde Ablehnung in allen anderen Milieus (vgl. auch Reich-Ranickis Diktum „Mit dieser Art von Literatur möchte ich mich lieber nicht beschäftigen.“, das stolz auf dem Umschlag eines frühen Biller-Bücher prangte). Im Jahr 2017 jedoch wird aus Provokation Affirmation rechtpopulistischer bzw. rechtsradikaler Gemeinplätze („Der Jude ist an allem Schuld.“) – und das ist dann plötzlich das Gegenteil von cool.

Das weiß Biller natürlich auch, weshalb seine weiterhin geäußerte (maskierte) Kritik an Persönlichkeiten wie Ignatz Bubis (?) und vielen anderen „Nachkriegsjuden“, die ich namentlich gar nicht kenne, in „Biografie“ eher einen Nebenkriegsschauplatz darstellt. Auch das Verhältnis des Protagonisten zu Frauen spielt zwar eine gewichtige Rolle, ist aber lange nicht so prominent wie in Billers höchstrichterlich verbotener Erzählung „Esra“.

Stattdessen schiebt sich das Thema Männerfreundschaft auf subtile Weise nach vorne: Die einzige Person, von der der Protagonist über die vielen Seiten des Buchs fast stets mit Zärtlichkeit spricht, ist „Noah“, ein ADHS-geplagter Millionenerbe, dem es selbst durch Inszenierung seines eigenen Todes nicht gelingt, seiner haßgeliebten „Jüdischkeit“ zu entkommen.

So rabiat unsympathisch der Rest des Romanpersonals trotz aller Verdienste dargestellt wird, so allesverzeihend zärtlich kommt „Noah“ mit all seinen durchaus fragwürdigen Kapriolen in den Augen des Ich-Erzählers davon. Aber so ist das eben bei Biller: Trotz fraglos vorhandener enormer literarischer Differenzierungsfähigkeiten tendiert er zur Schwarzweißmalerei.

Exakt dieser Widerspruch macht das Lesen seiner Texte dann aber auch wieder interessant, wenn auch überaus anstrengend, weswegen die Lektüre von „Biografie“ nur der literarisch geübten und leidensfähigen Leserin hiermit ausdrücklich empfohlen sei.

[Beide Zitate aus: Maxim Biller: „Biografie“, 2016 (Viertes Buch, viertes Kapitel)]

Nichts, was von Bedeutung wäre