Lüge und Wahrheit als „kaum zu definierende Primärbegriffe“

Helden der Kopfarbeit: Den Gebrüdern Strugazki verdanken wir u. a. die Vorlage für Andrei Tarkowskis Film „Stalker“

Das Märchen von der Troika von den Strugazki-Brüdern aus dem Jahr 1967 ist alles andere als Science Fiction. Es liest sich eher wie eine ziemlich deftige Gesellschaftssatire, fast ein Bauernschwank, „Szenen aus dem ländlichen Russland“ oder so. Dennoch ein in keinster Weise nostalgisches Leseerlebnis. Und zwischendurch lassen die Autoren eine ihrer infamen Figuren Sätze über Wahrheit und Lüge verkünden, die wie eine Definition von „Postmoderne“ im Trump’schen Sinn klingen:

Was ist eigentlich Lüge? … Lüge ist Leugnung bzw. Verfälschung der Tatbestände. Und was ist ein Tatbestand? Kann man denn unter den immer komplizierter werdenden Bedingungen unseres Alltags überhaupt noch von Tatbeständen sprechen? Ein Tatbestand ist eine von Augenzeugen bestätigte Erscheinung oder Handlung. Es kommt mitunter vor, dass Augenzeugen voreingenommen sind, habgierig, oder ganz einfach nur dumm und einfältig. Ein Tatbestand wird auch von Dokumenten beglaubigt, wobei die Dokumente gefälscht oder fabriziert sein können. Ein Tatbestand ist letztlich eine Erscheinung oder Handlung, über deren Gültigkeit ich persönlich bestimme, wobei aber auch mein Instinkt mitunter wackelig, ja sogar durch unvorhergesehen eingetretene Umstände irrig sein kann. Daraus ergibt sich, dass der Tatbestand eine höchst gebrechliche Rolle spielt. Der Tatbestand ist ein verschwommener, unzuverlässiger Begriff, den wir in Hinkunft gänzlich abschaffen werden. Lüge und Wahrheit werden dadurch zu zwei primären, mit allgemeinen Argumenten kaum zu definierenden Begriffen.

Da soll sich noch einer wundern, warum Trump so auf den Ex-KGB-Agenten Putin steht, für den Lüge und Wahrheit ebenfalls „kaum zu definierende Primärbegriffe“ sein dürften.

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Lüge und Wahrheit als „kaum zu definierende Primärbegriffe“

„Selbstverfickung“, ein Roman von Oskar Roehler

Oskar Roehler (*1959)

Roehlers nach „Herkunft“* und „Mein Leben als Affenarsch“** dritter Roman, dessen Titel natürlich auf das immer noch mächtige Meta-Narrativ „Selbstverwirklichung“ anspielt, hat mich – mit einer Einschränkung (siehe unten) – rundum begeistert, denn er besitzt mehr als ausreichend Selbstironie,…

Dieses ist ein Stück deutscher, depressiver Literatur, eine Innenschau, ein Stück Befindlichkeits-Literatur. Dies ist kein Bildungsroman oder Romanessay, und schon gar keine Autobiographie. Dies ist kein Roman, der geschrieben wurde, um den Büchner-Preis zu bekommen. Es gibt keine Auflösung, keinen Konflikt, keine Liebesgeschichte und keine wie auch immer geartete Spannung. Es gibt keinen Helden in dieser Geschichte. Diese Geschichte erhebt nicht den Anspruch, eine Familiensaga zu sein. Seine Prostata ist dem Autor wichtiger. [10. Kapitel]

…beschäftigt sich aus androzentrischer, aber nicht maskulistischer*** Perspektive tatsächlich mit dem in diesen Jahren nicht ganz einfachen Thema „heterosexuelle Erotik“, teilt aus, wo nötig,…

Die Gesinnungsnazis hatten allerorten die Macht übernommen, weil die wahren Künstler, Punks wie er, zu blöde und zu faul gewesen waren, Machtpositionen zu erobern, da sie lieber ihrem Hedonismus frönten, statt so etwas Langweiliges wie Lektor, Verleger, Produzent, Redakteur oder Ähnliches zu werden. Dabei wäre es so wichtig für das geistige Klima des Landes gewesen, diese Positionen zu besetzen. Jetzt bekam man die Quittung dafür. Jetzt war alles verboten, wurde alles abgelehnt von diesen Akademikern und Feuilletonisten, was auch nur im Ansatz subversiv war. Jetzt herrschte Zensur. Die Bourgeoisie hatte den Kulturkampf gewonnen. Die Bürger und ihre Kinder diktierten von ihren Chefetagen aus ihren faden Bildungsbürgergeschmack. Leute wie er waren, trotz ihres Namens, zu bedauernswerten Personae non gratae degradiert worden, zu exzentrischen Pennern, die sich von Akademikern, die hochmütig die Richtlinien bestimmten, demütigen lassen mussten. Sie hatten die Macht, andere von oben herab zu behandeln, und das war letztlich der einzige Sinn ihrer Existenz. [3. Kapitel]

…und steckt ein (Selbstkritik!), wo angebracht:

Er war ein als Enfant terrible getarnter staatlich subventionierter Filmbeamter, der sehr gut bezahlt wurde. [2. Kapitel]

Und manchmal gibt’s sogar zwar nicht neue, aber neu formulierte Einsichten von einer gewissen Tiefe:

Der Künstler, der am Anfang der riesigen Verwertungskette stand, befand sich gleichzeitig am Ende der Nahrungskette. [3. Kapitel]

Ganz sicher nichts anfangen mit Roehlers Buch werden LeserInnen können, die keinen Sinn für Trash-Ästhetik haben (allerdings geht es hier selbst für meinen Geschmack gelegentlich ein wenig zu drastisch zu, womit sich der Text ohne Not selbst sabotiert), die die durchaus gelegentlich lustvolle Darstellung von Prostitution und Pornografie aus männlicher Sicht für politisch inkorrekt halten sowie generell LeserInnen, die immer ganz genau wissen wollen, was an einem Roman denn nun „wirklich“ autobiografisch ist oder nicht, denn dies herauszufinden, dürfte erstens unmöglich sein, ist zweitens eine literarisch gänzlich unergiebige Frage und zeugt drittens lediglich vom Kleingeist derjenigen, die sie stellen.

Für LeserInnen, die bsp.weise Helmut Kraussers „Hagen-Trinker-Trilogie“ aus den 1990er-Jahren („Schweine und Elefanten, „Könige über dem Ozean“, „Fette Welt“) mochten, ist „Selbstverfickung“ sogar uneingeschränkt zu empfehlen.


* …den er als Quellen des Lebens 2013 selbst verfilmte (Empfehlung!)…
** …den er als Tod den Hippies!! Es lebe der Punk 2015 ebenfalls selbst verfilmte (Empfehlung!)…
*** „Androzentrisch“ bedeutet hier nicht „Der Mann als Maßstab aller Dinge“, sondern lediglich, dass es vollkommen unvermeidbar ist, dass ein biologisch männlicher Erzähler „männlich“ erzählt, so wie es unvermeidbar ist, dass eine biologisch weibliche Erzählerin „weiblich“, also „gynozentrisch“ erzählt. Die deutschsprachige Wikipedia setzt „Androzentrismus“ leider mit „Maskulismus“ gleich, womit ich nicht übereinstimme. Unter androzentrischer Literatur, zu der für mich bsp.weise auch die Romane Houellebecqs zählen, verstehe ich Texte, in denen Männlichkeit nicht als grundsätzlich problematisch und speziell das heterosexuelle männliche Begehren als grundsätzlich notwendig und sinnvoll dargestellt werden. Maskulistische Literatur dagegen lebt vom Ressentiment bzw. Hass gegen das Weibliche und kann Männlichkeit nur „antifeministisch“ definieren, was in meinen Augen lediglich die Unfähigkeit dieser Autoren dokumentiert, Männlichkeit erst mal ganz entspannt aus sich selbst heraus zu entwickeln und zu empfinden, bevor man sich dem anderen Geschlecht zuwendet. In der aktuellen Populärkultur gibt es – nach meinem Empfinden – derzeit weitaus mehr maskulistische als androzentrische Literatur.
„Selbstverfickung“, ein Roman von Oskar Roehler

Ralf Schuster: „Kann alles nicht leiden“ (Liedtext 2017)


Die da, oder die da, die da, oder die da

Die, die da und dort damals
die, die dreist und dumm und so wie selbstverständlich
die, gerade die kann ich nicht leiden

Die, die alles besser wissen und beweisen und bestätigen
geheime Fakten aus dem Koffer packten
die, gerade die, kann ich nicht leiden

Aber die, die weiterziehen, weiterwandern
die die Wichtigkeit der weiten Welt wertschätzen
die, gerade die, kann ich nicht leiden

Und die, die hier und heute und hauptsächlich
die heimatliebend, bodenständig und bescheiden
die, gerade die, kann ich nicht leiden

Die da, oder die da, die da, oder die da

Die da, die so gern was kaufen, in die Warenhäuser laufen,
oder online shoppen, partyhoppen, Geld verdienen, Konsum lieben
dieses hübsch Bekleiden, das kann ich gar nicht leiden

Doch selber stricken, Öko-Leinen, Batikhose, Wäschesack,
Outdoor-Orgie, Radfahrschuhe wasserdicht, funktionsgerecht
das kann ich alles gar nicht leiden

Körperkult, Intimbereich, die Haare ab und pflegeleicht
das ist ohne Frage soziale Tarnfarbe
sie zu vermeiden, auch das kann ich nicht leiden

Verwahrlost, ungewaschen, alles nur gebrauchte Sachen
der Gegenpol, Verneinung, Antithese
wenn ich Philosophen lese, kann ich mich selbst nicht leiden

Ich da, und die da, ich da, und die da

Eis in Eimern ausgeleckt, alles hat so gut geschmeckt,
doch ich mach mich nicht gemein, geh stattdessen heim
und sitze da, und kann mich doch nicht leiden

Schuldig, unwillig, unfähig, dabei zu sein,
ich passe da überall mit rein,
Verdruss durch Eitelkeiten, das kann ich an mir nicht leiden

Im Mainstream und der Volkskultur,
trotz elitärem Wahnsinn, Kunstkacke pur
ich stecke drin, und kann es gar nicht leiden

Verzweifelt, ungeduscht und ungekämmt,
wenn man in Depression verfällt,
das passiert manchmal mit mir, ich kann es gar nicht leiden

Ich da, und die da, ich da und die da

Wenn der Pfandflaschenautomat meine Flasche nicht entgegennimmt
empfinde ich es als persönliches Scheitern,
das kann ich am allerwenigsten leiden

Handy-Verweigerer, die würde ich lieben,
doch ich kenne keinen, doch wenn ich ihn nicht kenne,
kann ich ihn auch nicht leiden

Ralf Schuster: „Kann alles nicht leiden“ (Liedtext 2017)

Nichts, was von Bedeutung wäre

Und dann fragte ich mich, was können »wir armen Menschen-Schweine« (Clausi-Mausi) gegen das Übel Determination tun? Wir, die Bewohner des therapeutischen Jahrhunderts, sind einfallslos wie Ameisen, die lieber ein Leben lang Grashalme schleppen, statt in der Sonne zu liegen, Camus zu lesen, Gainsbourg zu hören, sich die Eier zu kratzen.

Dieses Zitat erfasst die weltanschauliche Quintessenz von Billers nach Die Tochter erst zweitem, dafür aber überaus voluminösem Roman „Biografie“, der im vergangenen Jahr erschien, ganz gut: trans-sarkastische bzw. trans-zynische Abgeklärtheit, eine Art kompletter Ausgebranntheit der Seele, nicht unähnlich der Haltung einiger Houellebecq-Protagonisten, nur (natürlich) mit ausgeprägt jüdischem Kolorit (bzw. der Biller’schen Variante davon).

Der ganz auf Krawall gebürstete Hass-Biller der 1980er-Jahre lebt immer noch, jedoch ist er lediglich „älter geworden, aber nicht reifer“, wie der Protagonist von „Biografie“ mal über sich selbst sagt. Und so verheißt der Romantitel auch mehr an Selbstreflexion, als das Buch dann wirklich einlösen kann. Denn immer noch begnügt sich der Protagonist damit, seinen ätzenden Spot flächendeckend über die Welt auszuschütten und schont dabei weder Nicht-Juden (ist zu erwarten), noch Juden (ist auch zu erwarten, wenn man Biller kennt), noch sich selbst (siehe oben).

Dennoch habe ich durchgehalten, denn Biller bleibt der glänzende Stilist, der er immer war. Seine Inhalte sind ein wenig verschlissen, seine literarisches Können ist es nicht. Die Metaphern sind fast immer witzig, überraschend und intelligent, der Satzbau angenehm und die kunstvolle Nachahmung diverser Jargons, Dia- und Soziolekte sorgt für zusätzliche Abwechslung.

Hätte Biller nun auch noch etwas zu erzählen, das über die mal schonungslose, mal larmoyante Schilderung seiner neurotischen Befindlichkeiten hinausgeht – er würde rasch zu einem der anerkanntesten deutschsprachigen AutorInnen der Gegenwart avancieren. So aber bleibt nach der Lektüre von „Biografie“ – die sich in meinem Fall geradezu endlos, sprich über Monate, hinzog – eine gewisse Leere zurück, die nicht unähnlich der Leere ist, die ich nach der Lektüre von Wallaces „Unendlichem Spaß“ empfand.

Wir rennen einmal, zweimal, dreimal die Woche zu unserem untherapierbaren Therapeuten, machen ihn, als hätten wir nicht genug komplizierte Beziehungen, zu unserer Seelengeisel und wundern uns, dass trotzdem nichts besser wird – außer dass wir nach einem Jahr in treatment dem Kindheitsleid nicht mal mehr metaphysische Bedeutung abgewinnen können. Dann stehen wir an einem herrlichen Sommermorgen am Grabmal des unbekannten Missbrauchsopfers, das wir selbst sind, und fühlen nichts, was von Bedeutung wäre…

Es ist dies keine „leere Leere“, sondern eine qualifizierte, spezifische, zeittypische Leere, die besser „Entleerung“ genannt werden sollte. Das Schlagwort vom „erschöpften Ich“ fällt mir ein, aber was soll das in Billers Fall genau heißen?

Nun, vielleicht so: Der Protagonist des Romans sieht sich als Moralist und Aufklärer, der auch „seine Leute“ (d. h. nach 1945 in Deutschland lebende Juden) nicht schont und gerne als „Gauner“ und „Verräter“ abkanzelt. Zu Beginn von Billers Karriere war eine solche Haltung neu, aufregend, unerhört und verschaffte ihm ausreichend Anerkennung bei der postmodernen Linken (also z. B. mir damals) und mehr als ausreichende, d. h. umsatzfördernde Ablehnung in allen anderen Milieus (vgl. auch Reich-Ranickis Diktum „Mit dieser Art von Literatur möchte ich mich lieber nicht beschäftigen.“, das stolz auf dem Umschlag eines frühen Biller-Bücher prangte). Im Jahr 2017 jedoch wird aus Provokation Affirmation rechtpopulistischer bzw. rechtsradikaler Gemeinplätze („Der Jude ist an allem Schuld.“) – und das ist dann plötzlich das Gegenteil von cool.

Das weiß Biller natürlich auch, weshalb seine weiterhin geäußerte (maskierte) Kritik an Persönlichkeiten wie Ignatz Bubis (?) und vielen anderen „Nachkriegsjuden“, die ich namentlich gar nicht kenne, in „Biografie“ eher einen Nebenkriegsschauplatz darstellt. Auch das Verhältnis des Protagonisten zu Frauen spielt zwar eine gewichtige Rolle, ist aber lange nicht so prominent wie in Billers höchstrichterlich verbotener Erzählung „Esra“.

Stattdessen schiebt sich das Thema Männerfreundschaft auf subtile Weise nach vorne: Die einzige Person, von der der Protagonist über die vielen Seiten des Buchs fast stets mit Zärtlichkeit spricht, ist „Noah“, ein ADHS-geplagter Millionenerbe, dem es selbst durch Inszenierung seines eigenen Todes nicht gelingt, seiner haßgeliebten „Jüdischkeit“ zu entkommen.

So rabiat unsympathisch der Rest des Romanpersonals trotz aller Verdienste dargestellt wird, so allesverzeihend zärtlich kommt „Noah“ mit all seinen durchaus fragwürdigen Kapriolen in den Augen des Ich-Erzählers davon. Aber so ist das eben bei Biller: Trotz fraglos vorhandener enormer literarischer Differenzierungsfähigkeiten tendiert er zur Schwarzweißmalerei.

Exakt dieser Widerspruch macht das Lesen seiner Texte dann aber auch wieder interessant, wenn auch überaus anstrengend, weswegen die Lektüre von „Biografie“ nur der literarisch geübten und leidensfähigen Leserin hiermit ausdrücklich empfohlen sei.

[Beide Zitate aus: Maxim Biller: „Biografie“, 2016 (Viertes Buch, viertes Kapitel)]

Nichts, was von Bedeutung wäre

Medialismus, Roman: 45. Kapitel

Ralf SchusterSabines Wohnung lag in Prenzlauer Berg ganz ähnlich wie meine in der Provinzstadt: An einem kleinen Platz mit Park inmitten der Gründerzeitbebauung. Aber in Berlin war alles schöner, größer und teurer. Schon beim Einparken nahm ich zur Kenntnis, dass wir uns mit dem Cabrio in der richtigen Gesellschaft befanden, denn das Mittelklasse-Einerlei wurde durch verschiedene Sportwägen, exotische Marken und liebevoll erhaltene Siebzigerjahreautos aufgelockert. Wir selbst waren nur auf Urlaub in der Welt der Luxusautos, fühlten uns trotzdem am richtigen Ort zur richtigen Zeit.

Wir hätten Glück gehabt, sie gerade noch anzutreffen, sagte Sabine, da sie am nächsten Tag für eine Woche nach London fliege, eine geschäftliche Angelegenheit, Fortbildung und Konzeptgruppe, Meeting und Brainstorming oder so ähnlich. Sabine wurde bei ihren Erklärungen unterbrochen, weil ihre Tochter nach Hause kam. Ich war ziemlich überrascht, denn ich hatte mir gar keine Gedanken über ihr Alter gemacht und immer nur ein kleines Mädchen mit Spielsachen oder Kritzelbildern in Erinnerung. Aber jetzt war sie plötzlich eine junge Frau, vermutlich sechzehn und sah sehr gut aus. Die genetische Mischung aus ihrem afrikanischen Vater und der blonden Sabine war durchaus gelungen. Sie trug eine folkloristische helle Bluse und eine kaputte Jeans, was nichts Besonderes war, aber bei ihr sah es super aus. Außerdem bewegte sie sich so geschmeidig und gleichzeitig lässig, wie es nur Tina in ihrer besten Zeit hingekriegt hatte. Ich glaubte zu bemerkten, dass auch Karsten staunte und sich plötzlich nicht mehr für den architektonisch bemerkenswerten Grundriss der Wohnung interessierte, sondern für die Frage, welche der vielen Arten von Kaffee, die Sabines teure Maschine ausspucken konnte, die richtige sei, damit sich die hübsche Tochter zu uns an den Tisch setzte.

Sabine lenkte das Gespräch in die beste denkbare Richtung und meinte, es sei für ihre Tochter sowieso höchste Zeit, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was sie nach dem Abitur machen solle, das seien nur noch zwei Jahre und die konfusen Großuniversitäten in Berlin könne Sabine aus eigener Erfahrung nur dann empfehlen, wenn man unbedingt die Stadt kennenlernen wolle, aber das sei ja in ihrem Falle nicht nötig, also könne sie die Gelegenheit nutzen, sich bei uns über die Provinz und deren angeblich so gute Universität zu informieren. Die Tochter schlürfte ihren Milchkaffee. Noch bevor sie etwas sagen konnte, beteuerte Karsten, dass sein Architekturstudium geil gewesen sei, aber jetzt werde er das Diplom beginnen, gehöre er doch zu einem der letzten Jahrgänge, die noch Diplom machten und nicht in die Bachelor- und Masterstruktur hineingezwängt würden.

Bei der Gelegenheit meinte ich erklären zu müssen, dass wir wegen exakt dieser Diplomarbeit unterwegs seien, weil Karsten als besonders ehrgeiziger Student sich mit mir, dem Medienfachmann, verbündet habe, um sich über die Masse der nicht medial unterstützen Diplomarbeiter zu erheben. Denn es sei das herausragende Merkmal von Medien, nicht nur ästhetische Wirkung zu besitzen, sondern auch kommunikativen Mehrwert zu liefern. Das Medium erst gebe einer Aussage Brillanz, Gewicht und Relevanz, medial, sagte ich mit übertriebener Wichtigkeit, erhöben wir uns über die Schlichtheit nackter Fakten. Was allerdings dann fatal werde, wenn sich irgendwann ALLE über ALLE anderen erheben wollten, dann gebe es eine schreckliche Schaumschlägerapokalypse.

Sabine meinte, ich solle ihre Tochter mit diesem selbstreflexiven Kram nicht verwirren, einfache Aussagen, wie das Leben als Medienfachmann denn so sei, genügten vollkommen. Aber das ist doch interessant, widersprach die Tochter und so fühlte ich mich ermutigt, fortzufahren: Die Tricksereien, das Geschummel sowie die Anmaßung, sich ihrer beliebig zu bedienen, seien der eigentliche, faszinierende Kern der Medienarbeit als verlängerter Arm von Polemik und Demagogie. Und die Tatsache, dass das oft nicht erkannt werde. Doch, das erkenne man durchaus, protestierte Karsten.

Ich hoffe nicht, erwiderte ich, aber wir würden es ja später daran merken, wie unser gemeinsamer Film über Mobilität ankomme. Die Millionen tagtäglich hin- und herfahrender Autos seien als Tatsache selbstverständlich bekannt, aber unser Film, der ja von nichts anderem erzähle, werde die Professoren bei der Diplompräsentation hoffentlich dennoch beeindrucken. Für trockene Technokraten sei natürlich eine schnöde Tabelle der statistischen Bundesanstalt mit sorgfältigen Listen der Kilometer pro Kopf, pro Auto oder pro Tonne Warenverkehr in Bezug auf das Bruttoinlandsprodukt eine viel bessere Entscheidungshilfe, aber wir mit unserem Lifestyle-Gedöns und Mädchen mit wehenden Haaren im coolen Cabrio böten eine idealisierte und keineswegs repräsentative Darstellung des Phänomens Mobilität. Darum haben wir ja auch den Fernfahrer mit dem „Ich-hab-den-längsten“-Aufkleber auf seinem 25-Tonner interviewt, warf Karsten ein, der relativiere das verzerrte Bild durchaus wieder. Anschließend steuerte er noch einige Motel-Anekdoten bei, die wohl die Unvereinbarkeit der Truckermentalität mit unserer stilistisch optimierten Intellektuellenwelt illustrieren sollten, was sowohl Sabine als auch ihre Tochter sehr erheiterte.

Sabine beendete unsere Ausführungen mit dem Hinweis an ihre Tochter, dass sie uns nicht zu ernst nehmen solle, aber sie könne doch trotzdem einfach mit uns mitfahren und sich die Uni ansehen, sie habe doch sowieso gerade Ferien und sie selbst müsse schließlich zu ihrem Thinktank nach London. Da stimmte die Tochter überraschend zu.

Während sie ihre Klamotten in einen abgeschabten Rucksack stopfte, plauderte sie aus, dass Sabine ja gar nicht nach London MÜSSE, sondern nur hinwolle, weil sie dort einen wieder mal besonders bedeutenden Liebhaber besuchen wolle, angeblich sogar englischer Adel. Dann quetschte sie sich auf die kleine Rückbank und den letzten Abschnitt unserer Rundreise waren wir zu dritt.

Selbstverständlich gaben wir uns alle Mühe, die junge hübsche Frau zu beeindrucken. Wir kamen am frühen Abend an. Karsten umkreiste erst einmal den Campus und ich filmte die Ankunft. Dann machte ich einige sehr gelungene Fotos von Sabines Tochter. Sie waren ähnlich wie die Aufnahmen in Weimar: Sie hinten im Cabrio auf der Lehne, und die Universitätsgebäude schienen vorbeizufliegen. Alles passte. Der niedrige Sonnenstand sorgte für sanftes Licht, dazu zarte Wölkchen und SIE mit einer coolen Sonnenbrille und ihrer hellbraunen Hautfarbe. Ich sagte ihr, sie sei schon so gut wie immatrikuliert, denn die Fotos seien prima und würden bestimmt in irgendeiner Broschüre der Uni abgedruckt werden, sofern sie nichts dagegen habe. Sie meinte nur, ihr sei das egal, das könne ich ruhig machen. Wir luden die Technik aus, dann ging sie mit Karsten zum Kochen in das Studentenwohngemeinschaftshaus und übernachtete schließlich bei Tina und mir im Arbeitszimmer. Wir zeigten ihr die Stadt und die Uni, zwei Tage später verschwand sie mit dem Zug nach Berlin.

Karsten schnitt den Film weitgehend allein und ich fand, dass er ihn etwas zu wichtig nahm. Bei seiner Diplompräsentation kam es dann zwischen den anwesenden Professoren auch zu einem handfesten Streit, ob der Film nicht zu oberflächlich und plakativ sei und Karsten sich nicht lieber auf seine Entwurfsplanung hätte konzentrieren sollen. Nur mit schönen Bildern wollte man sich also nicht abspeisen lassen, das fand ich gut. Trotzdem verpasste man Karsten eine gute Note, das fand ich ebenfalls gut. Danach aber war seine Zeit in der Provinzstadt abgelaufen. Die erste Generation von Studenten, die ich kennengelernt hatte und die mir ans Herz gewachsen war, verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Sabines Tochter kam auch nicht zurück, sie ging zum Studieren erst nach Stuttgart und dann in die Schweiz. Das Foto mit ihr landete ein Jahr nach ihrem Besuch tatsächlich auf der Rückseite einer Infobroschüre. Nochmals einige Jahre später, als es um die Beschleunigung des Studiums ging, kramte wieder jemand das Foto von Sabines hübscher Tochter heraus, das sei doch ein tolles Motiv, und dann auch noch dieser Multikultilook, ganz wunderbar! Wir versuchten uns an einem Remake des Fotos mit anderen Studentinnen und Studenten und schossen eine ganze Serie, auch unter Zuhilfenahme anderer Fortbewegungsmittel wie Fahrrad, Straßenbahn und Inlineskatern, aber das Original im Cabriolet blieb unerreicht. Wieder entstanden Flyer, bei denen das Bild auf der Rückseite abgedruckt war. Die Mitarbeiterin in der Marketingabteilung fragte mich, ob ich die Druckgenehmigung der jungen Frau habe. Ich rief bei Sabine an, konnte sie aber nicht erreichen. Eigentlich hatte mir ihre Tochter ja bereits gesagt, dass ihr das EGAL sei, also hakte ich die Angelegenheit ab und war der Meinung, es gehe schon alles in Ordnung. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf.

Ich wollte noch ein paar Tage Urlaub machen und mich erst einmal darum kümmern, ein Drehbuch für die letzte Folge meiner Kriminalfilmserie zu schreiben. Mit Tina fuhr ich nach Tschechien, wo wir wanderten und billiges Bier tranken. Nebenbei tippte ich meine Ideen in den Laptop. Tina musste mit mir die Handlung diskutieren und wachte streng darüber, dass die Geschichte stets eine unerwartete Wendung nahm und keine Klischees des gewöhnlichen Fernsehkrimis aufwies. Deswegen steckten wir inzwischen ziemlich fest in den Anti-Klischees. Tina meinte, Antihelden seien auch etabliert, warum nicht Anti-Klischees? Trotzdem gelang uns, eine passable Handlung zu entwerfen, die wir auf achtzehn Szenen verteilten, weil achtzehn Szenen ungefähr zwanzig Minuten Film ergeben und zwanzig Minuten Film war die Länge, die ich ohne Stress in einer Woche realisieren konnte.

Als wir am letzten Urlaubstag im Zug saßen, die Grenze zwischen Tschechien und Deutschland hatten wir gerade passiert, checkte ich das Handy, das ich aus Trotz gegen die allgegenwärtige Verfügbarkeitsdoktrin während der ganzen Woche ausgeschaltet gelassen hatte. Es lag eine Anfrage der Mitarbeiterin der Marketingabteilung vor, die meinen Rückruf erbat, wegen der jungen Frau auf dem Foto. Dann eine weitere Meldung, die mit der Feststellung endete, dass ja vermutlich alles geregelt sei. In der Tat hatte man alles bereits geregelt, das konnte ich sehen, als wir am Bahnhof ausstiegen. Offensichtlich hatte die Marketingabteilung während meiner Abwesenheit beschlossen, eine große Plakatwerbung zu schalten und das Motiv mit Sabines Tochter dafür ausgewählt.

Da prangte sie plötzlich überlebensgroß vor mir, dazu der dämliche Werbeslogan, der der Menschheit vermitteln sollte, dass man an unserer Universität den langen Weg von der ersten Kontaktaufnahme bis zum akademischen Abwinken schneller als anderswo gehen könne. Jetzt fiel mir auch wieder ein, wie die Mitarbeiterin der Marketingabteilung etwas von Sonderkonditionen bei den Plakatwerbevermarktern gemurmelt hatte, da sei angeblich ein Quasi-Umsonst-Plakat für die Uni drin. Kein Wunder, die Werbewände waren inzwischen weitgehend überflüssig und meist mit Eigenwerbung oder Imagekampagnen für soziale Belange bestückt. In der Hinsicht beeindruckte mich die Plakatwerbung nicht sonderlich. Aber dass es so schnell gegangen war, in nur einer Woche, während der ich in Tschechien durch den Wald spaziert war, das erstaunte mich durchaus.

Ich trat näher an das Bild heran. Ja, mein erster Eindruck hatte nicht getrogen, da hatte jemand retuschiert. Ein Leberfleck am Hals war verschwunden und die Reflexion im Auge wirkte anders als im Original. Das konnte ich gleich erkennen. Außerdem hatte es auf dem Foto auch noch ein paar kritische Stellen mit den Haaren gegeben, einzelne Haare auf der Wange, die vom Wind in eine ungünstige Position geweht worden waren. Natürlich hatte ich nicht mehr jedes einzelne Haar in Erinnerung, aber ich sah trotzdem, dass Photoshop am Werk gewesen war, vielleicht sogar mit einem Weichzeichner. Vermutlich durch unseren Designer, dem war das zuzutrauen. Vielleicht lag der schwammige Eindruck auch nur daran, dass die Auflösung meines Fotos für die 10 Quadratmeter dann doch zu niedrig war. In dieser Hinsicht fehlte mir jegliche Erfahrung, denn es war mein erstes Foto auf einer Plakatwand.

Ich trat noch mal einen Schritt zurück, um es als Gesamtheit anzusehen. Wirklich eine tolle Aufnahme von einer tollen Frau. Ob das Bild von mir sei, fragte Tina ungläubig, sie fand es auch sehr hübsch. Wie sich später herausstellte, war es nur diese eine Plakatwand am Bahnhof, die während meiner Abwesenheit ganz überstürzt, aber kostenlos von der Universität bestückt werden durfte. Mit ihrem Handy schoss Tina ein Beweisfoto, mit mir und Rucksack vor dem Plakat. Zwar verzog ich mein Gesicht zu einer emotional uneindeutigen Grimasse, aber eigentlich war ich stolz. Tina postete das Foto im Internet, woraufhin Sabine einen Tag später mit dem Zug angefahren kam.

Sie wies mich darauf hin, dass sie bei ihrem letzten Besuch angekündigt habe, in zwölf Jahren wiederzukommen, um nachzuschauen, ob ich endlich seriöse Filme machte. Außerdem müsse sie hier mal nach dem Rechten sehen, wie weit die mediale Ausbeutung ihrer Tochter noch getrieben werde. Eigentlich habe sie ja nichts dagegen, aber eigentlich sei es nicht korrekt, weil ich eigentlich hätte fragen müssen und eigentlich immer so getan habe, als würde ich derlei überhaupt nicht tun, und eigentlich sei es ein gutes Bild und ihre Tochter gut getroffen, aber eigentlich sei sie ziemlich ausgenutzt worden, obwohl ich eigentlich immer so getan habe, als sei ich selbst ein Opfer der Umstände, was sie eigentlich nie geglaubt habe, und außerdem habe sie den Eindruck gehabt, als wolle ich mit solchen Werbemethoden eigentlich gar nichts zu tun haben, oder sei das nur eine ideologische Tarnung gewesen? Kurz, sie wisse gar nicht, was sie dazu sagen solle.

Ihre Tochter habe ganz unumwunden geäußert: Scheiße, der Typ hat mich gefickt, jetzt kann ich mich in DER Stadt nicht mehr blicken lassen und Sabine habe geantwortet, die Tochter solle nicht immer das Wort „ficken“ für alles, was ihr nicht passe, verwenden, denn das bedeute ja eigentlich etwas anderes, etwas, was ich doch hoffentlich nicht mit ihrer Tochter gemacht hätte?

Als Sabine mir all das mit einem Lächeln an den Kopf warf, meinte ich, dass mein letzter unseriöser Film gerade in Planung sei, aber an dem Plakat könne Sabine doch zweifellos erkennen, wie professionell ich arbeite. Ansonsten lohne es sich eigentlich nicht, meine Schuld zu leugnen, mich rauszureden oder etwas zu erklären. Trotzdem könne ich es ja mal versuchen.

E N D E


Inhaltsverzeichnis

Medialismus, Roman: 45. Kapitel

Medialismus, Roman: 44. Kapitel

Ralf SchusterDer Schock, den Jeanette XYZ Martin und mir beschert hatte, verdarb mir für lange Zeit die Freude am Internet, auch wenn die Geschichte glimpflich ausging. Ich konsultierte einen Anwalt, der uns bestätigte, was wir schon vermutet hatten: Dass Jeanette XYZ keine zwanzigtausend Euro von uns kriegen würde. Das könnte sie nur dann einfordern, wenn wir uns weigerten, die Geschichte aus dem Netz herauszunehmen. Wir weigerten uns nicht und schickten eine nette E-Mail, dass uns alles schrecklich leidtun würde. Schon war die Angelegenheit erledigt. Dachten wir. Zwei Jahre lang. Dann kam der nächste Brief. Er offenbarte, wer sich an der Misere bereicherte: Die Rechtsanwaltskanzlei. Jetzt wurden wir auf Schadenersatz verklagt, weil Jeanette XYZ über tausend Euro Rechtsanwaltskosten zahlen sollte, und dieses Geld wollte sie wiederhaben. Natürlich von uns. Letztendlich lief alles auf einen Vergleich hinaus, den mir mein Anwalt anzunehmen empfahl, da eine Gerichtsverhandlung lange dauern würde und ein Restrisiko bestehe, die Sache zu verlieren. Es sei immerhin möglich, dass der Richter das Internet nicht leiden könne und ein Exempel statuieren wolle, sagte er. Ich glaubte ihm und willigte in den Vergleich en. Letztendlich waren es nur ein paar hundert Euro, die ich zu berappen hatte, aber die verdarben mir den Spaß an den angeblich unbegrenzten Möglichkeiten des WWW gehörig.

Nach Überwindung meiner bereits erwähnten Komprimierungsprobleme hatte ich mittlerweile auch einige meiner filmischen Werke ins Netz gestellt. Da die Datenraten kontinuierlich gewachsen waren, ruckelten die Filme kaum noch, oder hatte ich mich nur daran gewöhnt? Zweifellos war die Akzeptanz für kleine Bildstörungen oder Verzögerungen gewachsen, für die allgegenwärtige Verfügbarkeit nahmen wir das in Kauf. Auch ich gewöhnte mir an, alle Fragen des Alltags ins Internet hinein zu stellen und auf Antwort zu hoffen. Von den prognostizierten Abertausenden von Abrufen meiner Werke konnte ich jedoch kaum etwas bemerken.

Mein Erlebnishorizont schränkte sich unterdessen immer weiter ein, die sogenannte wirkliche Welt war und blieb klein und überschaubar, wie die Provinzstadt selbst. Ich vermutete, dass dies nicht nur das wirkliche, sondern auch das normale Leben sei. In der teilnahmslosen Stimmung, die sich aus dieser Haltung ergab, interessierte es mich nur marginal, als die jungen Leute, zu denen ich mich nicht mehr zählte, plötzlich anfingen, mit ihren digitalen Spiegelreflexkameras zu filmen. Vorher hatten sie ihre Handys dazu missbraucht, das war aber aufgrund der miesen Auflösung unerheblich gewesen. Aber mit den filmenden digitalen Spiegelreflexkameras wurde das letzte Kapitel einer technologischen Entwicklung geschrieben, die das Ende des chemischen 35-mm-Films besiegelte. Wie mein Freund, der Kommunikationstechnologieexperte, schon festgestellt hatte, fehlte es ja nur ein bisschen an der Geschwindigkeit, mit der die Daten verarbeitet und gespeichert wurden. Als die Geschwindigkeit groß genug war, ging es los.

Karsten, der blondierte Architekturpunk, bereitete inzwischen seine Diplomarbeit vor. Während seines ganzen Studiums hatten wir häufig zusammengearbeitet. Einerseits machte er als Helfer und Darsteller bei vielen meiner Krimis mit, andererseits war er immer wieder zu mir an den Schnittplatz gekommen, um an kleinen Filmen zu arbeiten, die mit seinen architektonischen Entwurfsprojekten zu tun hatten. Meistens quälte er mich mit seinen anarchistischen Videoaufnahmen, bei denen der Autofokus sein Eigenleben entwickelte und die Lichter zu tanzen begannen. Meine Vorstellung einer stets genau definierten Schärfenebene praktizierte ich zu dem Zeitpunkt zwar nicht mehr so streng, wie ich es früher getan hatte, aber Karsten strapazierte meine Toleranz jedes Mal gehörig, wenn ich mir ansehen sollte, was er aufgenommen hatte. Manchmal kam er mit vier Stunden Material und wollte einen Film von zwei Minuten daraus schneiden. In solchen Fällen ließ ich den Filmveteranen heraushängen und erzählte davon, wie sparsam und zielgerichtet WIR damals mit dem chemischen Film gearbeitet hätten. Darauf antwortete er nur, dass er heilfroh sei, dass DIESE Zeit vorbei sei. Wenn er dann fertig geschnitten hatte, wozu er tagelang brauchte, gefiel es mir meist ganz gut.

Nun kam er mit einer dieser Spiegelreflexkameras zu mir, die angeblich in höchster Qualität filmen könne und wollte von mir wissen, was er tun solle, damit seine Aufnahmen nach Kino aussähen. Mir war nicht klar, worauf er hinauswollte, ich wusste auch nicht, was seine Kamera konnte und überhaupt empfand ich diese Fragestellung als Anmaßung, denn wenn es nur eines Schalters bedürfte, der umzulegen war, um vom kleinen Videofilm zum großen Kino zu kommen, dann würden doch vermutlich alle diesen Schalter einfach umlegen. Dass dieser Schalter in Form der filmenden digitalen Spiegelreflexkamera bereits vor mir lag, realisierte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Als er mir einige seiner Aufnahmen vorspielte, verfiel ich angesichts der für ihn typischen beliebigen Bildausschnitte und der vielen Unschärfen in meine übliche ablehnende Haltung. Mit der Arroganz des Altprofis zischte ich lediglich, es locke mich schon lange nicht mehr hinter dem Ofen hervor, wenn die Technik-Hersteller jedes Jahr eine neue Vorzugslösung vorschlügen, er solle nicht auf die Werbepropaganda reinfallen und das Unmögliche erwarten. Mit dieser Aussage aber lag ich völlig falsch, vermutlich war es das letzte Aufbäumen der alten Schule, die Angst, dass die eigene liebgewordene Vergangenheit ihre Bedeutung verliert. Durch meine film-ideologischen Scheuklappen verschlief ich um ein Haar die entscheidende technische Neuerung, die das möglich machte, was ich als unmöglich bezeichnet hatte: die digitale Überbietung der Aufnahmequalität des 35-mm-Films. Denn die digitalen Spiegelreflexkameras unterschieden sich in einem entscheidenden Punkt gegenüber den Videokameras: Ihre Bildsensoren waren größer, weil sie an Objektive und Technik der Kleinbildfotografie angelehnt waren. Für diese großen Bildsensoren aber braucht man lange Brennweiten und lange Brennweiten führen zu kleinen Tiefenschärfenbereichen. So wie z. B. bei 35-mm-Kinokameras.

Natürlich hatten die Kamerahersteller auch schon digitale Filmkameras mit großen Bildsensoren auf den Markt gebracht, aber die waren zunächst extrem teuer und die Datenverarbeitung schrecklich umständlich. Als die Spiegelreflexkamerahersteller dann plötzlich das gleiche zu einem Zehntel des Preises anboten, kam der Markt richtig in Bewegung. Innerhalb weniger Jahre etablierten sich verschiedene digitale Kameramodelle, die die Bildästhetik der Kinofilmaufnahme hinbekamen. Die billigsten von ihnen kosteten weniger als tausend Euro. Das war der Wahnsinn. Damit war das Filmemachen mehr als je zuvor keine Frage der Produktionsmittel mehr, sondern der Kreativität und des Gestaltungswillens. Zumindest bei Kurzfilmen und vorausgesetzt, man vergisst das Ladegerät nicht. Aber diese Entwicklung war mir noch nicht bewusst, als mir Karsten seine neue Kamera zeigte.

Trotzdem nahm ich seine Einladung an, mich auf einen Trip quer durch Deutschland mitzunehmen. Er hatte sich über eine Autovermietung ein eigentlich viel zu teures Cabrio besorgt und wollte nun mit meiner Hilfe ein Roadmovie drehen, einfach so, nur um das Gefühl des Unterwegsseins einzufangen. Seine Diplomarbeit sollte der Entwurf einer Autobahnraststätte werden, ein freies Thema, das er sich selbst ausgedacht hatte. Er sagte, ihm gehe es darum, sich einmal grundsätzlich mit der motorisierten Massenbewegung auseinanderzusetzen. Als es schließlich losging, schmiss ich meinen Rucksack in den Kofferraum und die Taschen für die diversen Kameras auf die lächerlich kleine Rückbank. Kaum hatte ich mich in den Ledersitz fallengelassen, wunderte ich mich, wie tief es nach unten ging und beschwerte mich sogleich beim Fahrer, dass es ihm ja vermutlich in Wahrheit gar nicht um motorisierte Massenmobilität gehe, denn die würden wir seit Kindesbeinen kennen, unsere Generation sei ja die Autogeneration schlechthin, vielmehr suche er doch nur nach einem Anlass, mit diesem coolen Sportwagen herumzufahren und sich dabei großartig zu fühlen. Klassischer Fall von künstlerisch verkappter Angeberei! Klar, antwortete er, und um die Angeberei so richtig auszukosten, quasi als Geschmacksverstärker, habe er mich als Hofberichterstatter dabei. Ob ich denn die Kamera schon bereit habe, wollte er wissen, denn bevor er den Motor starte, solle die Aufnahme laufen. Vor allem die Tonaufnahme, die Karre habe einen sensationellen Sound. Ich nahm seine digitale Spiegelreflexkamera, wechselte den Standardzoom gegen die 20-mm-Festbrennweite. Mein Lieblingsobjektiv, sagte ich und er antwortete, das sei gut, schließlich gehe es um sein Lieblingsauto. Wenn wir dann auch noch seine Lieblingsmusik unter das Video schnitten, müsse es einfach großartig werden.

Es konnte losgehen, ich startete die Kamera, Karsten den Motor und die Reise begann. Ich filmte, wie die Stadt an uns vorbeiflitzte, bis wir auf die Autobahn einbogen. Mit röhrendem Motor peitschte Karsten den Wagen auf zweihundert Sachen hoch. Wenn ich die Kamera etwas zu weit aus dem seitlichen Fenster schob, zerrte der Wind am Objektiv und die einzelnen Lastwägen, die sich auf der rechten Spur von Irgendwo nach Nirgendwo schleppten, überholten wir so schnell, als stünden sie auf dem Parkplatz. Karsten strahlte über das ganze Gesicht und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass er das Lenkrad krampfhaft umklammerte. Ich wechselte das Objektiv, um Nahaufnahmen zu machen: Karsten in seiner kindlichen Freude, die zitternde Tachonadel, die angespannten Finger am Lenkrad, die Hand auf dem Schaltknüppel und allerlei andere nutzlose Details. Im Nu war der erste und einzige Akku alle. Später merkten wir, dass Karsten das Ladegerät vergessen hatte.

Den Rest der Reise filmte ich deshalb mit meiner Videokamera, die nun notgedrungen ersatzweise zum Einsatz kam. Mit der kannte ich mich aus, es gab ausreichend Akkus und ein viel besseres Mikro. Außerdem konnte ich wieder den Fachmann heraushängen lassen, was meine Stimmung deutlich verbesserte. Karsten war sowieso gutgelaunt, denn seine eigene Idee zu diesem rasanten Trip gefiel ihm ganz ausgezeichnet. Wir passten unser Verhalten dem Auto an, benutzten eifrig die Licht- und im Stadtverkehr die normale Hupe, hörten laut Musik, vor allem Lieblingsmusik, und taten, als gehöre uns die Welt.

In Weimar durchquerten wir mehrmals mit dem Auto die historische Innenstadt, dann fanden wir einen Parkplatz in Sichtweite eines Straßencafés. Das war entscheidend, denn wenn das Auto zu sehen war, konnten wir das Verdeck offen lassen. Karsten wollte, dass ich ihn beim Aussteigen filmte und dann, vor der laufenden Kamera, setzte er sich nicht an den freien Tisch, sondern neben zwei Studentinnen und quatschte sie gleich an. Als ich mit der Kamera an den Tisch trat, stellte ich fest, dass er sie schon voll eingewickelt hatte. Allerdings waren sie auch Architekturstudentinnen und wurden hellhörig, als wir von dem Projekt und der Diplomarbeit erzählten. Letztendlich quetschten sich die beiden Frauen auf die kleine Rückbank unseres schnittigen Autos und zeigten uns die Stadt. Als wir an einem Park entlangfuhren und die Sonne durch das Laub der Bäume hindurchglitzerte, erhoben sich die beiden Studentinnen auf der Rückbank, so dass ihre Haare im Wind flatterten und ich filmte sie im Gegenlicht. Das hatte sich einfach so ergeben, doch es war eine Kameraeinstellung wie in der Coca-Cola-Werbung, so beschwingt, die Studentinnen hübsch, das Wetter perfekt und das auch noch als Fahraufnahme. So gut, fast zu gut, weil es der Instant-Lebensfreude, die uns aus allen Werbespots anspringt, zu nahe kam, aber trotzdem waren die Aufnahmen grandios. Ich bedauerte, dass ich sie nicht für meinen Uni-Job benutzen konnte, denn es war ja leider die falsche Stadt.

Die Stimmung von Ausgelassenheit und Unbeschwertheit medial zu transportieren, danach lecken sich die Public-Relations-Abteilungen aller Universitäten die Finger: Wie kann man der Zielgruppe vermitteln, dass Studieren NUR Spaß macht und der Abschluss ALLES ermöglicht? Mit gingen diese Marketingaktivitäten immer wieder auf die Nerven. Wozu überhaupt, und warum hatte man mich da hineingezogen? Das sind die Auswüchse des Kapitalismus, behauptete ich, während wir mit einem Affenzahn auf der Autobahn in Richtung Eisenach fuhren, jetzt wieder zu zweit. Die Silhouette der Wartburg tauchte klein und unscheinbar in der beginnenden Abenddämmerung auf. Wir übernachteten in der Jugendherberge und stiegen am nächsten Tag hoch auf die Burg, die viel kleiner war, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich beschwerte mich erneut, diesmal über die Pflastersteine des Burghofes, weil sie so buckelig und uneben waren, dass ich mit meiner Kamera fast gestolpert wäre, als ich Karsten filmte, wie er die hügelige Landschaft des Thüringer Waldes betrachtete. Es war ein hübsches Panorama. Typisch deutsch, ging mir durch den Kopf, aber dann mussten wir weiter. Karsten wollte keine Mittelalterromantik mehr, es ging um Mobilität, Schluss mit Jugendherbergen, die Wartburg sei ja ganz schön, sagte er, aber eine glatte Themaverfehlung.

Ab sofort seien nur noch Motels und Autohöfe erlaubt, wobei wir am folgenden Abend um ein Haar in eine Schlägerei mit einem Fernfahrer verwickelt worden wären. Karsten hatte ein vorlautes Mundwerk, das bei vielen Frauen gut ankam, der Fernfahrer hingegen, den er beim Essen anquatschte, hielt ihn vermutlich für einen Schwulen. Dass ich mit der Kamera daneben saß und bereit war, jederzeit loszufilmen, machte uns dabei keine Spur vertrauenswürdiger. Gefilmt werden wollte der Fernfahrer überhaupt nicht, schon gar nicht von uns, denn er habe gesehen, mit welchem Auto wir angekommen seien, mit so ner Schwuchtelkarre, sagte er. Letztendlich scheuchte er uns mit dem Hinweis davon, dass wir ihn vermutlich gar nicht ernst nähmen, sondern es nur darauf abgesehen hätten, uns über ihn lustig zu machen. Damit lag er gar nicht so falsch.

Im Lauf der Reise rissen wir viele Witze über die grobschlächtigen Typen, denen wir an den Trucker-Gaststätten begegneten und ich fotografierte und filmte die kuriosesten LKW-Dekorationen. Schließlich gelang es uns, einen Fernfahrer zu interviewen, den Karsten mit merkwürdigen Fragen über seine Kindheitsträume quälte und dann darauf spekulierte, ihn in Schlüpfrigkeiten betreffs der Länge seines Lastwagens hineinzumanövrieren. Trotzdem machte der Fahrer einige brauchbare Aussagen. Die Stimmung, die er auf der Autobahn empfinde, sei, wie er sagte, in erster Linie eine Mischung aus Langeweile und der Einsicht, dass man die Arbeit eben machen müsse. Und der immer wiederkehrende Gedanke: Hier war ich schon mal, was hat sich verändert? Manchmal, wenn man in einer Woche mehrmals die gleiche Route fahre, könne es geradezu albtraumartig werden und man verfalle in ein zeitloses Nirgendwo, man fahre und fahre, aber es fühle sich an, als gebe es kein Ziel mehr, da sich jedes Ziel in den Start für die nächste Fahrt verwandle. Aber, und damit beendete er das Interview, man könne auch einfach nur fahren, Dudelradio hören und gar nichts denken. Er stieg in seinen Sattelzug und fuhr weiter.

Als wir ihn ein paar Minuten später überholten, zogen wir langsam an ihm vorbei, um seinen LKW in einer langen Einstellung durchs Bild gleiten zu lassen. Danach durchquerten wir das Autobahnwirrwarr des Ruhrgebiets und steuerten Hamburg an. Eine der spektakulärsten Aufnahmen gelang uns auf der riesigen Brücke im Hafen, was zweifellos an der Brücke lag. Die darauffolgende Nacht verbrachten wir bei Karstens Eltern, die in einer schier endlosen Einfamilienhaussiedlung ihren Bungalow bewohnten. Der Vater war irgendeine Art von Abteilungsleiter, die Mutter Design-Professorin und es gab auch noch eine kleine Schwester. Gehobene, finanziell gut abgefederte Wohlstandsbürgerlichkeit, zu der ich auch meinen Teil beitragen wollte, indem ich am folgenden Tag in Berlin Karsten zu einem Kaffee bei Sabine mitnahm.


Inhaltsverzeichnis

Medialismus, Roman: 44. Kapitel