Lancester ist überall

Schuster ist zurück aus Los Angeles & hat ein bisschen was geschrieben. Launig, launenhaft & unterhaltsam wie immer. Viel Vergnügen 🙂

Schuster/Weghardt/Multi Pop

Ein paar subjektive Gedanken zur Musik vom Kultur-Korrespondenten in Kalifornien

Schuster mit Second-Hand-Vinyl auf dem Aerospace-Walk of Honor

 
Wenn man LA mit dem Zug nach Nordosten verlässt, geht es erst einmal an endlosen schmuddeligen Gewerbegebieten vorbei. Meistens Autoverkäufer, Autoreparaturwerkstätten, Reifen-Services oder zur Abwechslung Autoverschrottung und Autoersatzteillager. Dazwischen noch ein paar Self-Storages, denn die Leute können sich vermutlich nur ein winziges Häuschen leisten, weil das Geld fürs Auto gebraucht wird.

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Lancester ist überall

Lem über „Rückwirkungen der Sapientisierung der Umwelt“

[Es ist] eine Tendenz der Zivilisation, was euch veranlasst, eure Lebensumwelt mit Künstlicher Intelligenz auszustatten. Sollte diese Tendenz sich noch wenigstens 100 Jahre lang fortsetzen, so werdet ihr selbst am Ende die dümmsten auf dem … Erdboden sein, und ihr werdet euch der Vernunft, deren Früchte ihr gleichzeitig genießt, entledigen […].

Stanisław Lem: „Also sprach GOLEM“, 1973 (S. 151)

Lem über „Rückwirkungen der Sapientisierung der Umwelt“

„Invisible Man“, ein Roman von Ralph Ellison aus dem Jahr 1952

Leidgeprüft, aber unbeugsam: der junge Ellison

Das Buch – im habe es im englischen Original als E-Book gelesen – ist im Laufe der Lektüre immer stärker geworden, was nicht allzu häufig passiert. Mittlerweile erstarre ich in Ehrfurcht vor dem Talent des Autors, was auch nicht allzu häufig passiert.

Der Roman ist von einer derartigen Hellsichtigkeit, was das Thema Rassismus betrifft – und hier speziell natürlich den Post-Sklaverei-Rassismus in den Vereinigten Staaten von Amerika -, dass einem schwindelig wird. Rassismus ist ein Verhängnis: so lässt sich Ellisons Erkenntnis zusammenfassen. Ein Verhängnis zudem, das auf einem Irrtum beruht, der sich wiederum von einer derart soliden anthropologischen Grundlage (Menschen trauen instinktiv eher Menschen, die so aussehen wie sie selber) nährt, dass man die Gattung Homo sapiens schon komplett ummodeln müsste, um hier so etwas wie objektiven* Fortschritt zu erreichen.

Ellisons ebenso grandios wie absurd an sich selbst und der Gesellschaft scheiternder Protagonist ist ein sehr junger, sehr unerfahrener und sehr hochbegabter Afroamerikaner, der sich im Lauf der Geschichte vom Naiven zum Idealisten, dann zum Realisten und Sarkasten und schließlich zum Fatalisten und Zyniker wandelt. Unsichtbar (invisible) fühlt er sich dabei in allen Phasen, selbst als er kurzfristig zum afroamerikanischen Maskottchen einer philanthropischen weißen Bruderschaft (die evtl. für die Kommunistische Partei der USA steht, das wird nicht ganz klar) aufsteigt, das mit seinem intuitiven Redetalent die schwarzen Massen Harlems für deren Sache gewinnen soll. Sogar einen neuen Namen bekommt er von der Bruderschaft, was er sich gefallen lässt, solange es nur der progressiven Sache (soziale Gerechtigkeit im weitesten Sinn, das genaue, offenbar weltanschaulich recht anspruchsvolle Programm der Bruderschaft bleibt im Nebel) dienen mag.

Durchaus etabliert, aber weiter unbequem: Ellison im mittleren Alter.

Warum und wie genau der tragische Held sich von den weißen MenschenfreundInnen schließlich doch verraten und verkauft fühlt, muss die Leserin von „Invisible Man“ – und ich wünsche diesem Buch noch viele Leser! – selbst herausfinden. Nur soviel sei verraten: die Dinge verhalten sich komplex.

Ralph Ellison (1913 – 1994) ist neben James Baldwin einer der wichtigen afroamerikanischen Schriftsteller der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hierzulande ist er bis heute so gut wie unbekannt. Ein Skandal.

Obwohl „Invisible Man“ bereits 2 Jahre nach seinem Erscheinen als „Unsichtbar“ von Georg Goyert übersetzt wurde, ist der Roman aktuell nur in antiquarischen Print-Ausgaben auf Deutsch erhältlich.**

Und bitte nicht mit dem Science-Fiction-Klassiker „The Invisible Man“ von H. G. Wells aus dem Jahr 1897 verwechseln.


* d. h. nicht nur situativ bedingten
** Ergebnis meiner Recherche auf eBook.de und Amazon 2017-12-20.
„Invisible Man“, ein Roman von Ralph Ellison aus dem Jahr 1952

Houellebecq über Perspektiven deutschsprachiger Belletristik

Ich gebe den deutschen Autoren einen guten Rat: Sie sollten sich dem erotischen Roman zuwenden. Die Deutschen sind ja Großmeister der privaten pornografischen Produktion im Internet. Da befindet sich eine Lücke, die zu füllen wirklich Aussicht auf Erfolg, auch kommerziellen, verspricht. Und das meine ich nur halb im Scherz.

Michel Houellebecq: Interview 2017 (steht leider hinter einer Paywall)

Houellebecq über Perspektiven deutschsprachiger Belletristik

A Chinese Science Fiction writer on Postmodernism

“So literature, it turns out, is a perverted endeavor.”
“It was like that for Shakespeare and Balzac and Tolstoy, at least. The classic images they created were born from their mental wombs. But today’s practitioners of literature have lost that creativity. Their minds give birth only to shattered fragments and freaks, whose brief lives are nothing but cryptic spasms devoid of reason. Then they sweep up these fragments into a bag they peddle under the label ‘postmodern’ or ‘deconstructionist’ or ‘symbolism’ or ‘irrational.’”

Cixin Liu: „The Dark Forest“, 2008 (S. 83)

A Chinese Science Fiction writer on Postmodernism