Dem Walser sein Verlag

Die minimalistische Umschlaggestaltung der Reihe suhrkamp taschenbuch von Fleckhaus/Staudt gehört zu meinen Allzeit-Favoriten, vor allem in dieser die Eiseskälte Bernhard’scher Prosa angemessen widerspiegelnden Variante.

Vier Bemerkungen und zwei Fragen zu Siegfried Ressels Doku „Mythos Suhrkamp“ (2019)

Bemerkungen

  1. Martin Walser ist noch geltungsbedürftiger und büffelhafter, als ich bisher annahm.
  2. Bernhard, Frisch und Johnson würden sich heute für free speech einsetzen und wären Parteigänger des „klassischen Liberalen“ Jordan Peterson.
  3. Dass Thomas Bernhard in den 1970er-Jahren als linker Autor galt, muss faszinieren.
  4. Durs Grünbeins Bemerkung (sinngemäß) „Ich wollte nicht in den Westen, ich wollte dahin, wo es Suhrkamp gab.“, ist ebenso entwaffnend wie ernüchternd.

Fragen

  1. Siegfried Unseld demütigte Walser in Gesellschaft vor laufender Kamera im Schach und reckte danach offen die Faust zum Sieg. Während Walsers Blick unverwandt finster auf das Spielbrett gerichtet blieb, erhob sich Unseld betont lässig, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Wird man eines Tages einen unveröffentlichten Roman „Tod eines Verlegers“ in Walsers Nachlass finden?
  2. Helmut Schmidt, dessen Deutsch dem seiner NachfolgerInnen erschreckend überlegen war, holte sich einst Martin Walser, Max Frisch und Siegfried Lenz zu einem Gespräch ins Kanzleramt, um die Denke der RAF besser zu verstehen. Welche renommierten deutschsprachigen GegenwartsautorInnen sollte sich Angela Merkel ins Kanzleramt holen, um die Denke des NSU besser zu verstehen?

Kurt Tucholsky über den Ewigen Wutbürger (ca. 1920er-Jahre)

Wir geben uns als Börsenwürger.
Wir haben, wenn wir mehr sind, mächt'gen Mut.
Wir sind die wildgeword'nen kleinen Bürger.
Wenn's Deutschland schlecht geht, geht's uns gut.

Kurt Tucholsky: Völkisches Lautenlied [Ausschnitt], in: Helga Bemmann: In mein‘ Verein bin ich hineingetreten, S. 210 | Berlin (Hauptstadt der DDR): Lied der Zeit 1989

Dank an Michael für das schöne Buch!

Lektüretagebuch: „Gegen die Welt“ (Brandt 2011)

Jan Brandt, Schriftsteller
Wen meine unreinen Gedanken während des Lesens von Jan Brandts Roman „Gegen die Welt“ interessieren, der wird in meinem Lektüretagebuch unter den Einträgen vom 28. und 29. Mai fündig, wo ich Brandts Schreiben auch mit der Arbeit von Norbert Niemann, einem alten Favoriten von mir, vergleiche. – An dieser Stelle ganz besonders lieben Dank an Gerhard Brenner, der mir „Gegen die Welt“ einst als Dank für das Lektorat seines Buchs „Lebensgeschichte(n) entdecken und bewahren“ (2013) schenkte.

 

Franzen on physiology

In the morning the blood was crowded with commuters, the glucose peons, lactic and ureic sanitation workers, hemoglobinous deliverymen carrying loads of freshly brewed oxygen in their dented vans, the stern foremen like insulin, the enzymic middle managers and executive epinephrine, leukocyte cops and EMS workers, expensive consultants arriving in their pink and white and canary-yellow limos, everyone riding the aortal elevator and dispersing through the arteries.

Jonathan Franzen: „The Corrections“, 2001 (p. 290)