Bundwerk gegen Diversitas

Dietmar Dath (*1970)

Das kommt also heraus, wenn ein Marxist einen Science Fiction-Roman schreibt: Nicht schlecht, Herr Specht. Dass Dath ganz hervorragend schreiben kann, weiß ich seit Die Abschaffung der Arten aus dem Jahre 2008. Allerdings kann ich mich derzeit an keinerlei Einzelheiten aus diesem Roman mehr erinnern. Und ich fürchte, mit „Venus siegt“ (2015) wird es mir ganz genauso gehen. Komischerweise bedeutet das aber kein Qualitätsurteil – in diesem speziellen Fall.

Warum mir Dath so ausgezeichnet gefällt, obwohl inhaltlich nichts hängen bleibt, ist allerdings zu analysieren. Es erinnert mich doch an was … richtig: Die Lektüre von Diedrich Diederichsens Essay-Sammlungen „Freiheit macht arm“ (1993), „Politische Korrekturen“ (1996), „Der lange Weg nach Mitte“ (1999) und „Eigenblutdoping“ (2008). Auch hier: höchstes Amüsement, ja purer Genuss während der Lektüre, danach die große Leere.

Es gibt eine Verbindung zwischen Diederichsen und Dath und die heißt SPEX. Ersterer war dort mal Chefredakteur, zweiterer Autor. Beide gehören also der intellektuellen Gruppierung an, die ich gerne die postmoderne Linke nenne und der ich mich lange Zeit ebenfalls zurechnete, bis ich mich (wie viele andere) irgendwann vom Zeitalter flächendeckender Ironie verabschiedete.

Aber zum Roman: Gut gegen Böse, Links gegen Rechts, Kommunitarismus gegen Liberalismus, Bundwerk gegen Diversitas, Venus gegen Erde, Sowjetunion gegen Drittes Reich, … – und das äußerst varianten- und einfallsreich verkompliziert, ausdifferenziert, variiert und dekonstruiert, das ist „Venus siegt“. Immerhin ein Narrativ. Am Ende, so viel sei verraten, gibt es keinen eindeutigen Gewinner oder Verlierer, die Dinge bleiben, man ist schließlich postmodern, in der Schwebe.

Worauf sich die geneigte Leserin bei Dath einstellen muss, ist Vokabeln lernen. Der erste Teil des Romans ist als Autobiographie eines ehemaligen Bundwerk-Apparatschiks gestaltet, und der verwendet natürlich ohne Umschweife die Begriffe seiner (fiktiven) Epoche, deren Bedeutung man dann im Weiterlesen entschlüsseln muss. Gefällt mir aber, sowas. Kleine Rätselaufgaben lösen. Andere mag es abschrecken.

Eine Zilie ist bsp.weise ein aus Schwarzem Eis errichtetes öffentliches Transportsystem, in dem man sich mit oder ohne Hilfe von Inertialen bewegen kann. Neben B/ und Neukörpern können auch D/ Zilien nutzen, während K/ darauf nicht angewiesen sind.*

Ansonsten geht’s um ein Thema, das die zeitgenössische SF als Ganzes derzeit umzutreiben scheint (vgl. meine Newitz-Rezension von Anfang des Monats): die soziokulturellen Folgen einer Emanzipation Künstlicher Intelligenz. Während Newitz jenseits aller Witzischkeit dann doch letztlich als fatalistische Mahnerin und Warnerin auftrifft, lässt Dath das Ding als real existierenden Kybernismus durch äußere Gegner scheitern – und damit erneut alles in der Schwebe. Was den Leser unbefriedigt zurücklässt. Von einem ideologisch derart ambitionierten Autor erwartet man dann doch etwas mehr Vision.

Aber bei diesen postmodernen Linken weiß man – per definitionem – ja nie. Vielleicht will Dath ja auch nur spielen (bzw. dekonstruieren, was mir mitunter auf dasselbe hinauszulaufen scheint). Fragt sich nur, wie lange mir die Zeit dafür noch nicht zu schade ist.


* Schwarzes Eis Venusischer Werkstoff mit schwerkraftbeeinflussenden Eigenschaften)
Inertial Sammelbegriff für venusische Transportfahrzeuge
B/ „Biotische“, d. h. Menschen
Neukörper Experimentelle Kombinationen aus D/, B/ und K/, die die Errichtung des Freiwerks, einer Art von kybernetischem Kommunismus, vorbereiten sollen.
D/ „Diskrete“, d. h. Roboter
K/ „Kontinuierliche“, d. h. Künstliche Intelligenzen.
Was man sich genau unter Garben vorzustellen hat, habe ich aber bis heute nicht rausgekriegt.
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Bundwerk gegen Diversitas

Autonome Maschinen, heteronome Menschen

Annalee Newitz (*1969)

„Autonomous“ ist der erste Roman der 49-jährigen US-Amerikanerin. Er ist witzig, anspielungsreich und spannend, wenn auch ausgesprochen konventionell und wie aus bekannten Versatzstücken zusammengeklebt.

Der Romantitel bezeichnet gleichzeitig sein Thema: Was ist Autonomie? Nun, die von Newitz beschriebene Welt scheint auf den ersten Blick von ausschließlich heteronomen Wesen bevölkert: Die Roboter sind es von Haus aus, die Menschen durch ihre Eingebundenheit in die mehr oder minder subtilen Manipulationsmechanismen des Hyperkapitalismus. Und selbst die ursprünglich als Rebellin dargestellte Protagonistin des Romans stellt sich mehr und mehr als von selbstsüchtigen Motiven geleitet heraus, während der Antagonist immer sympathischer wird, womit die klassische Erzählpsychologie „Gut gegen Böse“ letztlich ausgehebelt wird, kein Schwarzweiß mehr, nur noch Grautöne.

Soweit, so dystopisch. Aber Newitz setzt noch einen drauf. Einerseits gibt es in ihrer Welt eine Menge Menschen, die durch ziemlich weitreichende Treuhandverträge (indentures) mit Megakonzernen letztlich ihrer Menschenwürde weitgehend beraubt und somit faktisch versklavt sind, andererseits hat sich die Robotik so weit entwickelt, dass besonders fortgeschrittene Automaten nach einer gewissen Laufzeit / „Lebenserfahrung“ einen autonomy key von ihrem Hersteller einfordern können, um kompletten Zugang zu ihrem eigenen Betriebssystem zu erhalten. Anschließend dürfen sie Menschenrechte einfordern. Einer immer heteronomer werdenden Menschheit steht somit eine immer autonomer werdendere Automatenwelt gegenüber, will uns die Autorin damit wohl sagen.

Dabei spielt die Liebe der Menschen zu ihren Schöpfungen eine fatale Rolle: Sie beschleunigt letztlich nur die Autonomie der Maschinen, die sich, wenn sie sich untereinander unterhalten, stets über deren obsessive Anthropomorphisierungen amüsieren. Menschen, so lese ich das, können einfach nicht anders, als Maschinen zu vermenschlichen. Das wird sich auch nicht ändern, wenn die Cyborgs immer potenter, also un-menschlicher werden und Anthropomorphisierungsstrategien damit immer unangemessener und hilfloser erscheinen.

Sobald aber für autonom erklärte Roboter beginnen, ihre eigene Soziokultur zu entwickeln, fangen sie ihrerseits damit an, eigene Maßstäbe und Kategorien zu verabsolutieren. Sie beginnen damit, die Menschen zu robotomorphisieren. Cyborgs, so Newitz‘ durchaus philosophische Pointe, könnten in diesem Fall offenbar auch nicht anders, als Menschen als missratene Versionen von ihresgleichen zu betrachten und sich über deren Unvermögen und Fehlerhaftigkeit aufzuregen.*

Was mich stilistisch an „Autonomous“ einigermaßen irritiert hat, ist eine Eigenheit, die mir bei Rainbows End, dem letzten Roman von Vernor Vinge (hier nicht rezensiert), auch schon aufgefallen ist, und die ich einmal provisorisch Werkstoff- und Gadget-Fetischismus nennen möchte: Keine noch so banale Alltagshandlung wird beschrieben, ohne dass exakt aufgezählt würde, welche Geräte dabei benutzt werden und aus welchem Material bsp.weise der Stuhl besteht, in den sich der Handelnde gerade setzt. Ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel:

Elias checked his weapons perimeter, passing his hands over his head and chest in solemn blessing. Paladin assessed the space: white walls covered in paint that repelled particulates and sealed its own cracks; a rectangular bed; a foam easy chair whose arms were sprayed with charge strips that gleamed dully. On one strip somebody had left a throwaway mobile which was now biodegrading into a lump of gray cellulose. [p.s 110-111]

Ich habe den leisen Verdacht, hier soll eine ganz bestimmte Nerd-Klientel bedient werden, für die schwebstoffabweisende Wandfarben und sich selbst kompostierende Mobilrechner ähnlichen Fetischcharakter besitzen wie die Beschreibung von Bondage-Utensilien für eine ganz bestimmte BDSM-Klientel. Und „Zielgruppenliteratur“, denke ich, ist schlicht der Tod von Literatur im emphatischen Sinn, also Literatur als Kunst, denn sie verliert dadurch ihren universellen Anspruch und wird letztlich zur Dienstleistung.

Aber vielleicht ist diese Kritik ganz unangebracht, denn eine Aufgabe von Science Fiction war ja immer schon die möglichst präzise Beschreibung des Alltags in möglichen Zukünften, und dazu gehört selbstverständlich auch dessen unausweichliche Gadgetisierung, die ja bereits heute in Gestalt des Smartphones längst nahezu flächendeckend um sich gegriffen hat.

Bleibt die Frage, wie gut jetzt „Autonomous“ eigentlich wirklich ist, und die ist gar nicht so leicht zu beantworten. Ich denke, die Stärke der Autorin liegt weniger in der Erschaffung origineller oder auch nur psychologisch glaubhafter Figuren bzw. im Erzählen einer großen Geschichte, als in der literarisierten Zuspitzung aktuell dräuender Fragen zum künftigen gesellschaftlichen Einfluss Künstlicher Intelligenz und/oder Robotik. Annalee Newitz kommt dabei – siehe oben – zu ebenso geistreichen wie ernüchternden Ergebnissen.


* Diese Sichtweise ist ihrerseits anthropomorph, will sagen, der ganze Aussagenkomplex ist natürlich logisch nicht wasserdicht.
Autonome Maschinen, heteronome Menschen

„Soviel Trübsinn war noch nie“, ein Songtext von Ralf Schuster…

…für sein Projekt „Zero Moment of Truth“:

Es führt der Schritt ins nasse Gras
Und knöcheltief steht da was
Wie mich meine tiefe empfund'ne
Abscheu dort hineinzieht bis zum Ende

Ratlos steht im tiefen Sumpf
Das Schuldgefühl auf einem Stumpf
Nasser Hintern ohne Kissen
Beruhigt ein bisschen das Gewissen

Wasser immer mehr
Kommt von irgendwo her
Während niemand etwas tut
Steigt sie an die große Flut

Soviel Trübsinn war noch nie
Soviel Trübsinn war noch nie

Bedauern hilft nicht mehr
Selbst Überleben ist schon schwer
Die Stimmung die mich übermannt
Wird meines Wissens Depression genannt

Verzweiflung im globalen Rahmen
Lässt Schlimmeres erahnen
Optimismus woher nehmen
Da helfen keine Tränen

Wasser immer mehr
Kommt von irgendwo her
Während niemand etwas tut
Steigt sie an die große Flut

Soviel Trübsinn war noch nie
Soviel Trübsinn war noch nie

Und hier der Song zum Text:


Lektorat: S.H.
„Soviel Trübsinn war noch nie“, ein Songtext von Ralf Schuster…

14 Romane in 20 Jahren

Alle meine Rezensionen von Romanen deutschsprachiger Autoren (keine Innen vergessen, es sind wirklich nur Männer) der vergangenen satten 20 (!) Jahre plus einer Rezension von Ralf Schuster stehen jetzt fein säuberlich chronologisch sortiert auf meiner Homepage.

Insgesamt habe ich 14 Rezensionen verfasst, das macht im Schnitt alle gut eineinhalb Jahre eine Romanbesprechung – nun ja, ein eher moderates Arbeitspensum. Aber so ist das halt bei mir: Mäßig, aber regelmäßig.

Hier eine Auflistung sortiert nach besprochenem Autor:

Ralf hat den Roman Autopilot (2002) von Norbert Kron rezensiert.

Dank meines verbesserten Webdesign-Know-hows dürft ihr die Texte nun plattformunabhängig in der schönen Schriftart Merriweather von Google Fonts lesen. Und das sieht so aus:

Klick auf diesen Screenshot führt zur Übersichtsseite meiner Romanrezensionen auf stefanhetzel.de

Anregende Lektüre wünschen Hetzel (& Schuster)! Kommentare gerne hier.

14 Romane in 20 Jahren

Erlebnisse einer Flussmündung

Marschland bei Manhattan (Quelle: http://www.gothamgazette.com)

Der große KS Robinson hat einen Klimaroman geschrieben, den ich mir als Sommerlektüre ausgesucht hatte. Aber wir haben erst den 4. August und schon habe ich „New York 2140“ ausgelesen – allerdings weniger, weil mich das Buch so fürchterlich gepackt hätte (obwohl es, zugegeben, nicht schlecht ist, siehe unten), sondern weil ich wegen der gegenwärtigen Hitzewelle zu geistig wirklich herausfordernden Tätigkeiten wie Komponieren einfach nicht in der Lage bin. Lesen geht aber, auch Bücher in englischer Sprache.* Also hatten die aktuellen Auswirkungen des Klimawandels meine beschleunigte Lektüre eines Romans über die langfristigen Auswirkungen des Klimawandels zur Folge, was nicht einer gewissen Folgerichtigkeit entbehrt.

*

In gewohnter, aber nicht unmotiviert wirkender panoramischer Breite faltet Robinson eine fiktive, aber mögliche Welt vor uns aus: Das New York des Jahres 2140 ist wg. Klimawandel ziemlich genau zur Hälfte abgesoffen, wird aber weiter zäh bewohnt und halb reißerisch halb zärtlich Super Venice genannt. Dank neuer Werkstoffe können nun unterhalb des Meeresspiegels liegende Downtown-Immobilien recht kostengünstig wasserdicht gemacht werden, während graphen-gestützter Hochbau Uptown-Wolkenkratzer heute unbekannter Höhe nahezu spielend ermöglicht.

Robinsons Szenario ist also sowohl eines des buchstäblichen Untergangs als auch eines des erfolgreichen Krisenmanagements. Und er schafft es das ganze Buch über, diese Ambivalenz aufrechtzuerhalten. „New York 2140“ ist also weder apokalyptisch wie ein Roland Emmerich-Film noch technokratisch-optimistisch wie ein Sachbuch von Marvin Minsky. Der Roman handelt davon, wie die Menschheit angesichts einer selbstgemachten Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß trotz enormer Verluste, Probleme und Folgeschäden halbwegs davonkommt. Und genau deshalb halte ich es für ein realistisches Buch zum Thema Klimawandel. Derartige Bücher gibt es leider derzeit zuwenig, es dominieren die Apokalyptiker und die Klimaleugner. Logisch: Tendenziöser Bullshit verkauft sich besser als mühsam austarierte Ideen und Gedanken.

Psychologisch glaubwürdige und gelegentlich unterhaltsame Charaktere (der jugendlich-ungestüme Hedgefonds-Manager, die abgeklärte afroamerikanische Polizeikommissarin mittleren Alters, der knorrige Hausmeister mit traumatischer Berufstaucher-Vergangenheit und zwei draufgängerische Jungs in ihrem Schlauchboot, die an Tom Sawyer und Huckleberry Finn angelehnt sind) ringen um Einfluss, das Kapital schikaniert die kleinen Leute, idealistische quants (Programmierer) hacken gegen dark pools (Kapitalansammlungen unklarer Herkunft) an, superreiche Bewohner von  Graphen-Superscrapern versuchen, genossenschaftlich geführte Old School-Hochhäuser zu gentrifizieren etc. – das eigentlich Erstaunliche ist, dass mir diese tendenziell schwarzweiße Welt nicht bald auf den Keks ging. Vielleicht lag es daran, dass zumindest eine Zentralfigur im Verlauf des Geschehens etwas unerwartet, aber plausibel das Lager wechselt und damit eine wichtige Kettenreaktion auslöst.

Streckenweise wirkt „New York 2140“ wie eine Fiktionalisierung von Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie. Gegen Ende des Buches macht das eine Figur dann sogar ganz explizit:

Seemingly frozen moments are transient, they break up like the spring ice, and then change occurs. So individuals, groups, civilization, and the planet itself all did these things, in actor networks of all kinds. Remember not to forget … the nonhuman actors in these actor networks. Possibly the New York estuary [Flussmündung, S.H.] was the prime actor in all that has been told here, or maybe it was bacterial communities, expressing themselves through their own civilizations, what we might call bodies.

Diese Sichtweise – eine Flussmündung als Hauptfigur eines Romans – macht „New York 2140“ auf subtile Weise zu einem „ökologischen Roman“ ganz ohne Öko-Klischees und hebt das Buch dann doch aus der Masse aktueller Klimaromane deutlich heraus. Es gelingt Robinson einmal mehr, gesellschaftliche Makro-Entwicklungen mit genuin literarischen Mitteln systemisch darzustellen, ohne dass die Leserin das Gefühl bekäme, einem Ameisenhaufen beim Wuseln zuzusehen. Dafür sind seine Figuren einfach zu lebendig.

LeserInnen mit einem Faible für Technologie und Naturwissenschaft sind dennoch klar im Vorteil, denn ganz am Ende handelt es hier halt doch „nur“ um Science Fiction-Literatur klassischen Zuschnitts (also ohne Elfen), allerdings auf deutlich gehobenem Niveau.


* „New York 2140“ gibt es mittlerweile aber auch auf Deutsch.
Erlebnisse einer Flussmündung

„Rhetorisch unauffällig“, ein Songtext von Ralf Schuster…

…für sein Projekt „Zero Moment of Truth“:

Witzeerzähler, Saitenquäler, Konsensbestimmer
Redet immer, gut begründet, polemisch platziert
Rhetorisch raffiniert, moralisch fragwürdig

Humorspezialisten, Ideologieexperten als Meinungsinstanz
Die Geistesheimat versank dank satirischem Halbwissen
Wenn dann ein Künstler - wichtig wichtig -
Von seiner Künstlerlebenserfahrung erzählt
Geht euch dann ein Licht auf, lachen ja die Hühner!

Folienverwickelte Bratkartoffeltransparenz
Mit bitteren Sojawahrheiten
Das regt zum Zweifeln an, das gibt euch Denkanstöße,
Die ihr dringend braucht, ihr stumpfen Konsumenten!

Wann treffen wir uns wieder? Im Supermarkt?
Oder auch im Ökoladen oder an der Tanke?
Vielleicht beim Einchecken?
Nonstop Flyover, Economy Seat, Bejing, Sidney und L.A.
Da hat man ganz schnell so viel Kerosin verbraucht
Wie man jahrelang nicht durch Fahrradfahren sparen kann
Wobei ich doch recht habe und hatte
Mir war schon immer alles grün, und damit basta

Ich glaube euch nichts, ihr energieneutralen Denker
Der Weg der bedächtigen Langsamkeit
Der Einsicht und der Empathie
Langweilt mich schreckensschwer
Lasst uns Fahnen schwenken, aber welche?

Künstler, Musiker, Nischenexistenzen
This Way of Live: Ein Statement, aber keine Lösung
Alles faule Ausreden, und dann noch verspätet
Ein Einzelner bewirkt nur wenig, aber mehr als nichts!

Vermutlich sind wir sowieso einer Meinung und ihr
Sucht nach Worten und ich nach Bestätigung
Leider mag ich weder Schenkelklopferhumor
Noch Umarmungsgefühle, ich will keine Sippenverschwörung
Und keine Interessenseilschaft. Darum stehe ich nun da
Als singulärer Auswurf intellektueller Normalität

Trotzdem sind wir vermutlich einer Meinung und ihr
Sucht nach Worten und ich nach Bestätigung
So stehe ich nun da 
Als singulärer Auswurf intellektueller Normalität
Ein Einzelner bewirkt nur wenig, aber mehr als nichts!

Und hier der Song zum Text:


Lektorat: S.H.
„Rhetorisch unauffällig“, ein Songtext von Ralf Schuster…

Besuch (1999)

Das einzig sympathische Haushaltsmitglied war die behinderte Katze. Sie
humpelte ab und zu durch den Raum, um uns an ihre Existenz zu erinnern,
sonst tat sie nichts. Schmiegte sich nicht an, wie es Katzen sonst oft
tun, maunzte nicht herum, nervte nicht durch das Herabstürzen
irgendwelcher Gegenstände.

Unsere Gastgeber waren höfliche, korrekte Deutsche. Also ein wenig
unsauber, betont spießig, er kariertes Hemd, sie Rüschenbluse. Er eher
analytisch, sie eine christliche Schwärmerin, von leicht verhärmtem
Äußeren und unbeirrbarer, theoretisch fundierter Freundlichkeit.

Ich reagierte, unklug ehrlich wie ich manchmal bin, mit gelindem, aber
doch deutlich spürbarem Spott: erkundigte mich nach ihrer Bibelgruppe,
ihren sozialen Aktivitäten, zeigte echtes Interesse, ohne aber die
Sache selbst zu bewerten. Sie erklärte mir alles freundlich, eifrig,
aber ohne zu missionieren, die Augen sinnend auf ein fernes Außen
gerichtet.

Wir, Gerald, Sabine und ich, waren zu Eberhard und Mathilde gekommen,
um Silvester zu feiern. Die Jahreswende im trauten Kreis. Traut? Ich
lernte Eberhard und Mathilde gerade erst kennen. Gerald war ein alter
Freund von mir, Sabine seine frischangetraute Ehefrau.

Ich erwartete einen langweiligen Gesellschaftsabend. Nur nicht diese
Feiertagsnächte irgendwo allein verbringen! Ich versumpfe in
emotionalem Brei und höre schlechte Musik.

Man wohnt im Hochhaus. Der Ausblick auf die mittelgroße Stadt im
Niederrheinischen: Bäume, nah, ein Kirchturm, fern, weitere Hochhäuser
von mäßiger Größe, ein paar Grünstreifen, das Stadtzentrum in
ahnungsvoller Entfernung. Ich stehe sinnend mit Gerald, dem
nachdenklichen, polytoxikomanen Gerald, auf dem Balkon. Wie so oft
wissen wir gar nicht, was wir reden sollen, wir sehen uns selten in
letzter Zeit, die alten Zeiten sind vorbei, die neuen haben noch nicht
so richtig angefangen. Ich durfte bei Geralds und Sabines Hochzeit den
Trauzeugen spielen, darauf bin ich stolz, denn das ist ein
Vertrauensbeweis, denke ich.

Gerald ist beruflich sehr eingespannt, sagt er, er habe so viel zu tun.
Ich verstehe das immer gar nicht, wie jemand so viel zu tun haben kann.
Ich hatte noch nie in meinem Leben „viel zu tun“, so absurd das jetzt
klingen mag, aber ich habe diesen Zustand immer zu vermeiden gewusst.
Gerald jedoch scheint ihn zu suchen. Warum? Er hasst es doch, dieses
Abgehetztsein, dieses Von-Termin-zu-Termin-Hasten, diese gedankenlose
Flucht durchs Irgendwas!

„Nächstes Jahr … eigene Abteilung“, murmelt er, mehr zu sich selbst
als zu mir, das Whiskyglas fest in der Hand. „Brasilien, Venezuela,
vielleicht Kanada!“ Ich lausche interessiert und teilnehmend. Gerald
stützt sich auf am Kunststoff-Balkongeländer, blickt, schon leicht
angesäuselt, in die diesige, amorphe Winterabendsonne. Ein paar Stare
umkreisen die Wohnblocks. Die Glocken der Backsteinkirche gegenüber
läuten zur letzten Messe des Jahres.

Gerald wird jetzt pathetisch. „Was wird das nächste Jahr bringen?“
singt er, mit selbstironischem Unterton. Er blickt nach unten, in die
Tiefe. „Depressionen, Geldsorgen, Arbeit.“ Instinktiv suche ich nach
aufmunternden Worten, sage dann aber lieber nichts. Manchmal lässt sich
Gerald nicht aufmuntern.

Sabine quatscht drinnen mit Mathilde über etwas. Eberhard macht den
Salat an, kümmert sich auch sonst ganz allein um die
Essensvorbereitung. Die Tafel ist schon gedeckt: bescheiden und ein
wenig schlampig. Leicht vergeistigt. Kräftige Genüsse sind nicht zu
erwarten, aber Käsefondue. Käsefondue soll die Kommunikation fördern,
weil man gezwungen ist, sich mit allen Personen zu einigen, die auch
ihr Brotwürfelchen in die zähe heiße Kaugummipampe halten. Es kommt
zwangsläufig zu Kollisionen, Brotwürfelverlusten, verzweifelten
Suchaktionen, Stochern im Käsebrei etc. All das soll zu gemeinsamer
Heiterkeit führen, soll Gesprächsstoff entstehen lassen, ein
Gemeinschaftserlebnis erzeugen.

So auch an diesem Abend.

Man behandelt sich höflich, spart aber auch nicht an kritischer
Kommentierung als politisch unkorrekt empfundener Äußerungen des
Anderen. Es wird über alles Mögliche geredet, also über nichts
Besonderes. Mathildes Puritanismus, ihre charismatische Innerlichkeit,
prägt die Atmosphäre. Zwar spricht sie den ganzen Abend nicht einmal
vom Seelenbräutigam, doch strahlt er ihr aus den Augen. Seligkeit,
innere Erfüllung, unnennbares, immerwährendes Glück. Oder zumindest die
unstillbare Sehnsucht danach.

Zwischen Eberhard und Gerald wird ständig ein Spiel gespielt: Fang den
Hut. Gerald ist der Hut, Eberhard versucht ihn zu fangen. Gerald stellt
möglichst radikale Behauptungen über die Zeitläufte im Allgemeinen auf,
Eberhard kommentiert diese moderierend mit geradezu väterlichem
Verständnis. Gerald trinkt dann wieder einen Schluck Whisky und
sinniert weiter. Eberhard tut unbeteiligt, doch ich spüre seine innere
Befriedigung, dem für unreif gehaltenen Freund einen guten Ratschlag
gegeben zu haben. Eberhard ist angehender Studienrat für Deutsch und
Geschichte.

Es wird dunkel. Das Essen ist vorbei. Bevor Langeweile aufkommen kann,
wird ein Spiel vorgeschlagen. Eine dieser aufwendigen Neuerfindungen,
die aber doch immer wieder die gleichen Emotionen hervorrufen wie
„Mensch ärgere dich nicht!“. Der Spielplan ist kompliziert und
unübersichtlich. Es handelt sich um eine Variante von „Trivial
Pursuit“, jene kindische Protzerei mit zusammenhangslosem
Kreuzworträtselwissen. Karten werden gezogen, man darf sich gegenseitig
Fragen stellen. Der Spielgenuss scheint darin zu bestehen, den jeweils
anderen einer Prüfungssituation unterziehen zu dürfen. Das gibt Raum
für mehr oder minder subtile Demütigungen, sollte der Prüfling
versagen. Es ist fast wie im richtigen Leben. Das Spiel wird in
Deutschland sehr oft verkauft.

Ich weiß nicht, wie lang die Chinesische Mauer ist und wer das U-Boot
erfand, doch kann ich Fragen über Fernsehserien der 70er Jahre ganz gut
beantworten. Alle halten sich leidlich. Ich weiß gar nicht mehr, wer am
Ende die meisten Punkte hatte. Ich vermute, Eberhard. Mathilde erzählt
irgendwann später, er habe sich die Woche zuvor hingesetzt und die
Antworten studiert. Eberhard ist dieses Outing sehr peinlich. Doch er
tut lässig, als mache es ihm nichts aus, von seiner Frau vor anderen
bloßgestellt zu werden.

Sabine wird lebendiger, als wir ein neues Spiel spielen: Pantomime.
Kreativität und Schauspieltalent sind gefragt. Auch ich wache ein wenig
auf. Es soll ein Begriff dargestellt werden. Alle ergehen sich in
komischen Verrenkungen, schnaufen am Boden, tänzeln ungeübt, stehen
steif herum, heben ein Bein wie ein pinkelnder Hund, springen auch kurz
in die Luft. Einer macht immer den Hampelmann und die anderen müssen
raten. Sabine ist mit Geralds Darstellungen nie zufrieden. Dieser
behält während der Pantomime die Pfeife im Mund, was ein wenig wurstig
aussieht. Ich liebe ihn dafür. Mathildes Performance ist erwartet
staksig, körperlos und eckig. Dieses Grimmassieren. Dieser stets
altruistische Blick. Ich bin nun doch fasziniert. Hingabe,
Selbstaufgabe. In allem, was sie tut. Sie ist nicht schön, nicht
übermäßig intelligent, nicht redegewandt. Sie ist in Vielem
Durchschnitt. Doch ihr Glaube macht sie, vor sich selbst, zu etwas
Besonderem. Meine eigene Pantomime ist, meiner gedämpften Stimmungslage
entsprechend, wenig inspiriert. Trotzdem wird ein wenig gelacht. Ich
soll das Kinderlied „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ darstellen.
Erst spiele ich den Fuchs, dann die Gans. Der Fuchs wieselt schnüffelnd
auf allen Vieren herum, ungeduldig, lüstern, gierig geifernd ob des
kommenden Genusses. Bei der Darstellung der Gans tue ich mir schwerer.
Ich gehe in die Hocke, watschle herum, imitiere mit meiner Hand den
plappernden Schnabel. Es ist demütigend. Aber das Lied wird
identifiziert. Ich glaube, es war Sabine.

Es werden Chips und Erdnüsse gereicht. Das Bedürfnis nach Musik. Ich
stöbere im Plattenschrank. Die Ausbeute ist mäßig. „Stop Making Sense“
von den Talking Heads, ein bisschen Roxy Music, dann nur noch
Grönemeyer, Westernhagen, Rainhard Fendrich. Zum Schluss doch noch ein
paar halbwegs obskure Tanzmusikplatten aus den späten 60ern. Damit
fange ich an, denn ich spiele den DJ, wie bei jeder Party. Keine
schlechte Rolle, denn man hat immer was zu tun, wird auch gern
angesprochen. Wünsche werden an einen herangetragen. Wünsche, die man
erfüllen kann, oder auch nicht. Es wird getanzt. Die Stimmung wird,
alkoholbedingt, haltloser. Die Frauen lachen manchmal ein wenig zu
laut. Die Männer grinsen still und ein wenig dämlich vor sich hin. Ab
und zu humpelt die Katze verstört durch den Raum.

Kurz vor Mitternacht schalte ich den Fernseher an, aus Langeweile. Ich
will jetzt das kollektive Erlebnis des Jahreswechsels. Sekt wird aus
dem Kühlschrank geholt. Wie auf Kommando versammeln wir uns auf dem
Balkon. Natürlich hörte man schon den ganzen Abend vereinzelte Böller
knallen, aber jetzt gehts natürlich massiv weiter. Niederrhein in
Flammen. Rosen, Tulpen, Nelken. Balustrade. Man fällt sich vorsichtig
um den Hals, wohltemperiert. Das Gesicht verzerrt sich, vom langen
Abend schon leicht angestrengt, zur Freundlichkeitsmaske, während die
Arme den obligatorischen Halbkreis umschreiben. Bussi. Die Oberkörper
berühren sich nur an den Schultern. Die Brüste der Frauen bleiben
ungequetscht. Die Männer umarmen sich nur andeutungsweise, aufkommende
Zärtlichkeit durch gleichzeitiges Rückenklopfen neutralisierend.

*

Intrade. Verlust, ausgekostet. Ich bin enttäuscht: Das neue Jahr fühlt
sich genauso an wie das alte. Geschmacklos, holzig und ein bisschen
fade. Ich stehe jetzt allein und beschwipst auf dem Balkon und möchte
mich gerne hinunterstürzen. Triumphales Ende. Starr aufgerissenen Auges
mit dem Gesicht zur Grasnarbe, das eigene Blut schmeckend, kleine
Knochensplitter dringen in die Hirnrinde ein. Fetzen aus Erinnerung:
Studienjahre, die Wittgenstein-Ausgabe unter der Lederjacke. Die Welt
ist alles, was der Fall ist. Wovon man nicht sprechen kann, darüber
muss man schweigen. Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern
dass sie ist. Oder auch: (W W F F) (p, q) in Worten: p.

Das Fernsehen zeigt jetzt leichtbekleidete langbeinige französische
Tänzerinnen. Moulin Rouge, die rote Mühle in Paris. Nie war ich dort.
Ich will auch nicht hin.

Der Abend ist gelaufen. Kein Überborden der Stimmung, kein brünstiges
Sich-Entäußern, keine unerwarteten Ekstasen. Stattdessen
Wohlanständigkeit.

Mir wird die Iso-Matte zugewiesen, im Studierzimmer des zukünftigen
Herrn Studienrates. Bücher, Schreibtisch, Computer, Zeitschriften, eine
Topfpflanze.

Das Licht ist aus, ich liege flach und starre auf die
Dürrenmatt-Gesamtausgabe ca. einen halben Meter vor meinem Gesicht.
Warum steht der Dürrenmatt so tief? Mag Eberhard den Schweizer
Moralisten nicht? Würde mich wundern. Wahrscheinlich ist Dürrenmatt
gerade nicht „dran“.

Der Schlaf, der Tod, der Traum, das All. Der Kosmos, die Entgrenzung,
der Rand zum Nichts. Dürrenmatt skalpiert Wolfgang Borchert. Bert
Brecht treibt es mit Wolfgang Koeppen und Heinrich Böll wixt sich einen
dazu.
Die Humpelkatze huscht über meinen Adventure-Schlafsack. Ein sanfter
Luftzug. Es ist Tag. Ich habe mein Morgentief, will nicht aufstehen.
Man sollte mich wegtragen müssen. Geräusche aus dem Wohnzimmer. Das
Klappern von Geschirr, natürlich. Ich denke an wahrscheinlich
bevorstehende Abspülexzesse und bin noch tiefer verstimmt.

Doch am Frühstückstisch eine Offenbarung: die besten Eier mit Schinken,
die ich jemals … Keine Ahnung, wie Eberhard das hinbekommen hat,
jedenfalls schmeckt es mir großartig. Eberhard und Mathilde werkeln
eifrig am Herd, ich gewinne die beiden richtig lieb, denn Liebe geht
durch den Magen. Es fehlt eine zweite Pfanne. Erst wird eine Weile
vergeblich gesucht, schließlich wird das gute Stück auf dem Schrank,
oberhalb des Herds, entdeckt. Lagert dort etwas labil auf einem Stapel
alten Geschirrs. Mathilde steigt auf einen wackligen Stuhl, greift nach
dem Pfannenstiel, dann passiert es.

Es passiert.

Ich sehe alles in Zeitlupe. Mathilde hebt die Pfanne an, doch nicht
hoch genug, und reißt den ganzen Geschirrstapel mit in die Tiefe. Mit
grausamem Poltern und Klirren folgt er dem sturen Gesetz der
Gravitation.

Porzellanscherben bohren sich ins Rührei, perforieren kross gebratene
Schinkenstückchen. Sabine lässt einen markerschütternden Schrei fahren.
Die Katze, die es sich bettelnd neben dem Herd bequem gemacht hatte,
humpelt blitzschnell davon und ward nicht mehr gesehen. Eberhard wirkt,
ich beobachte ihn genau, für einen Moment grässlich indigniert, reißt
sich aber sofort wieder am Riemen, setzt seine kontrolliert-wichtige
Miene auf und beginnt sofort, beruhigend auf seine wild gestikulierende
Frau einzureden. Mathilde ist von der Leiter gestiegen, ihr schlechtes
Gewissen färbt den ganzen Kopf dunkelrot. Sie verfällt in blinden
Aktivismus und schneidet sich an einer Scherbe leicht in die Hand. Als
die Wunde anfängt zu bluten, scheint es ihr ein wenig besser zu gehen.
Sabines Bestürzung hat sich bald wieder gelegt, sie eilt herbei, um
Mathildes Verletzung zu versorgen. Gerald hat das Ganze verkaterten
Auges verfolgt, ist nur ganz kurz zusammengezuckt und murmelt jetzt
etwas von „Menetekel“. Ich selbst kann mich nach anfänglichem Schreck
eines schadenfrohen Grinsens nicht erwehren, halte aber sofort meine
Hand vor den Mund, damit mich meine Gastgeber nicht vor die Tür weisen,
wo es gegen null Grad geht.

In kürzester Zeit ist das Malheur beseitigt, aber die friedliche
Neujahrsmorgenstimmung ist zerplatzt. Plötzlich erinnern sich alle an
wichtige Termine, die ja gerade heute, am ersten Tag des Jahres, noch
wahrzunehmen seien: familiäre Verpflichtungen vor allen, ja, vor allem
die, Mutti und Vati sind sonst gleich wieder beleidigt, wenn wir nicht
vorbeikommen und wer weiß, wie lange der Großvater noch lebt.

Die Abschiedszeremonie erlebe ich im Zeitraffer, von allen löst sich
eine gewisse Anspannung. Die Gastgeber freuen sich darauf, bald wieder
nur Privatleute ohne Schauseite sein zu dürfen, im T-Shirt in der
Wohnung herumlaufen zu können, in der Unterhose, die Zahnbürste im
weißumschäumten Mund. Die Gäste sind erleichtert, die stickige Wohnung
verlassen zu dürfen und nicht mehr ständig Objekt aufmerksamer
Bewirtung sein zu müssen. Man entlässt sich gegenseitig. Draußen
scheint die Sonne. Es ist kalt. Es ist ein neues Jahr.

Besuch (1999)