Cixin Liu on a strange type of personality

He lacked the ability to thrive in society, but also the resources to ignore it.

Cixin Liu: „Death’s End“, 2010 (p. 52 [tolino])

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Cixin Liu on a strange type of personality

„Invisible Man“, ein Roman von Ralph Ellison aus dem Jahr 1952

Leidgeprüft, aber unbeugsam: der junge Ellison

Das Buch – im habe es im englischen Original als E-Book gelesen – ist im Laufe der Lektüre immer stärker geworden, was nicht allzu häufig passiert. Mittlerweile erstarre ich in Ehrfurcht vor dem Talent des Autors, was auch nicht allzu häufig passiert.

Der Roman ist von einer derartigen Hellsichtigkeit, was das Thema Rassismus betrifft – und hier speziell natürlich den Post-Sklaverei-Rassismus in den Vereinigten Staaten von Amerika -, dass einem schwindelig wird. Rassismus ist ein Verhängnis: so lässt sich Ellisons Erkenntnis zusammenfassen. Ein Verhängnis zudem, das auf einem Irrtum beruht, der sich wiederum von einer derart soliden anthropologischen Grundlage (Menschen trauen instinktiv eher Menschen, die so aussehen wie sie selber) nährt, dass man die Gattung Homo sapiens schon komplett ummodeln müsste, um hier so etwas wie objektiven* Fortschritt zu erreichen.

Ellisons ebenso grandios wie absurd an sich selbst und der Gesellschaft scheiternder Protagonist ist ein sehr junger, sehr unerfahrener und sehr hochbegabter Afroamerikaner, der sich im Lauf der Geschichte vom Naiven zum Idealisten, dann zum Realisten und Sarkasten und schließlich zum Fatalisten und Zyniker wandelt. Unsichtbar (invisible) fühlt er sich dabei in allen Phasen, selbst als er kurzfristig zum afroamerikanischen Maskottchen einer philanthropischen weißen Bruderschaft (die evtl. für die Kommunistische Partei der USA steht, das wird nicht ganz klar) aufsteigt, das mit seinem intuitiven Redetalent die schwarzen Massen Harlems für deren Sache gewinnen soll. Sogar einen neuen Namen bekommt er von der Bruderschaft, was er sich gefallen lässt, solange es nur der progressiven Sache (soziale Gerechtigkeit im weitesten Sinn, das genaue, offenbar weltanschaulich recht anspruchsvolle Programm der Bruderschaft bleibt im Nebel) dienen mag.

Durchaus etabliert, aber weiter unbequem: Ellison im mittleren Alter.

Warum und wie genau der tragische Held sich von den weißen MenschenfreundInnen schließlich doch verraten und verkauft fühlt, muss die Leserin von „Invisible Man“ – und ich wünsche diesem Buch noch viele Leser! – selbst herausfinden. Nur soviel sei verraten: die Dinge verhalten sich komplex.

Ralph Ellison (1913 – 1994) ist neben James Baldwin einer der wichtigen afroamerikanischen Schriftsteller der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hierzulande ist er bis heute so gut wie unbekannt. Ein Skandal.

Obwohl „Invisible Man“ bereits 2 Jahre nach seinem Erscheinen als „Unsichtbar“ von Georg Goyert übersetzt wurde, ist der Roman aktuell nur in antiquarischen Print-Ausgaben auf Deutsch erhältlich.**

Und bitte nicht mit dem Science-Fiction-Klassiker „The Invisible Man“ von H. G. Wells aus dem Jahr 1897 verwechseln.


* d. h. nicht nur situativ bedingten
** Ergebnis meiner Recherche auf eBook.de und Amazon 2017-12-20.
„Invisible Man“, ein Roman von Ralph Ellison aus dem Jahr 1952

Houellebecq über Perspektiven deutschsprachiger Belletristik

Ich gebe den deutschen Autoren einen guten Rat: Sie sollten sich dem erotischen Roman zuwenden. Die Deutschen sind ja Großmeister der privaten pornografischen Produktion im Internet. Da befindet sich eine Lücke, die zu füllen wirklich Aussicht auf Erfolg, auch kommerziellen, verspricht. Und das meine ich nur halb im Scherz.

Michel Houellebecq: Interview 2017 (steht leider hinter einer Paywall)

Houellebecq über Perspektiven deutschsprachiger Belletristik

A Chinese Science Fiction writer on Postmodernism

“So literature, it turns out, is a perverted endeavor.”
“It was like that for Shakespeare and Balzac and Tolstoy, at least. The classic images they created were born from their mental wombs. But today’s practitioners of literature have lost that creativity. Their minds give birth only to shattered fragments and freaks, whose brief lives are nothing but cryptic spasms devoid of reason. Then they sweep up these fragments into a bag they peddle under the label ‘postmodern’ or ‘deconstructionist’ or ‘symbolism’ or ‘irrational.’”

Cixin Liu: „The Dark Forest“, 2008 (S. 83)

A Chinese Science Fiction writer on Postmodernism

Lüge und Wahrheit als „kaum zu definierende Primärbegriffe“

Helden der Kopfarbeit: Den Gebrüdern Strugazki verdanken wir u. a. die Vorlage für Andrei Tarkowskis Film „Stalker“

Das Märchen von der Troika von den Strugazki-Brüdern aus dem Jahr 1967 ist alles andere als Science Fiction. Es liest sich eher wie eine ziemlich deftige Gesellschaftssatire, fast ein Bauernschwank, „Szenen aus dem ländlichen Russland“ oder so. Dennoch ein in keinster Weise nostalgisches Leseerlebnis. Und zwischendurch lassen die Autoren eine ihrer infamen Figuren Sätze über Wahrheit und Lüge verkünden, die wie eine Definition von „Postmoderne“ im Trump’schen Sinn klingen:

Was ist eigentlich Lüge? … Lüge ist Leugnung bzw. Verfälschung der Tatbestände. Und was ist ein Tatbestand? Kann man denn unter den immer komplizierter werdenden Bedingungen unseres Alltags überhaupt noch von Tatbeständen sprechen? Ein Tatbestand ist eine von Augenzeugen bestätigte Erscheinung oder Handlung. Es kommt mitunter vor, dass Augenzeugen voreingenommen sind, habgierig, oder ganz einfach nur dumm und einfältig. Ein Tatbestand wird auch von Dokumenten beglaubigt, wobei die Dokumente gefälscht oder fabriziert sein können. Ein Tatbestand ist letztlich eine Erscheinung oder Handlung, über deren Gültigkeit ich persönlich bestimme, wobei aber auch mein Instinkt mitunter wackelig, ja sogar durch unvorhergesehen eingetretene Umstände irrig sein kann. Daraus ergibt sich, dass der Tatbestand eine höchst gebrechliche Rolle spielt. Der Tatbestand ist ein verschwommener, unzuverlässiger Begriff, den wir in Hinkunft gänzlich abschaffen werden. Lüge und Wahrheit werden dadurch zu zwei primären, mit allgemeinen Argumenten kaum zu definierenden Begriffen.

Da soll sich noch einer wundern, warum Trump so auf den Ex-KGB-Agenten Putin steht, für den Lüge und Wahrheit ebenfalls „kaum zu definierende Primärbegriffe“ sein dürften.

Lüge und Wahrheit als „kaum zu definierende Primärbegriffe“

„Selbstverfickung“, ein Roman von Oskar Roehler

Oskar Roehler (*1959)

Roehlers nach „Herkunft“* und „Mein Leben als Affenarsch“** dritter Roman, dessen Titel natürlich auf das immer noch mächtige Meta-Narrativ „Selbstverwirklichung“ anspielt, hat mich – mit einer Einschränkung (siehe unten) – rundum begeistert, denn er besitzt mehr als ausreichend Selbstironie,…

Dieses ist ein Stück deutscher, depressiver Literatur, eine Innenschau, ein Stück Befindlichkeits-Literatur. Dies ist kein Bildungsroman oder Romanessay, und schon gar keine Autobiographie. Dies ist kein Roman, der geschrieben wurde, um den Büchner-Preis zu bekommen. Es gibt keine Auflösung, keinen Konflikt, keine Liebesgeschichte und keine wie auch immer geartete Spannung. Es gibt keinen Helden in dieser Geschichte. Diese Geschichte erhebt nicht den Anspruch, eine Familiensaga zu sein. Seine Prostata ist dem Autor wichtiger. [10. Kapitel]

…beschäftigt sich aus androzentrischer, aber nicht maskulistischer*** Perspektive tatsächlich mit dem in diesen Jahren nicht ganz einfachen Thema „heterosexuelle Erotik“, teilt aus, wo nötig,…

Die Gesinnungsnazis hatten allerorten die Macht übernommen, weil die wahren Künstler, Punks wie er, zu blöde und zu faul gewesen waren, Machtpositionen zu erobern, da sie lieber ihrem Hedonismus frönten, statt so etwas Langweiliges wie Lektor, Verleger, Produzent, Redakteur oder Ähnliches zu werden. Dabei wäre es so wichtig für das geistige Klima des Landes gewesen, diese Positionen zu besetzen. Jetzt bekam man die Quittung dafür. Jetzt war alles verboten, wurde alles abgelehnt von diesen Akademikern und Feuilletonisten, was auch nur im Ansatz subversiv war. Jetzt herrschte Zensur. Die Bourgeoisie hatte den Kulturkampf gewonnen. Die Bürger und ihre Kinder diktierten von ihren Chefetagen aus ihren faden Bildungsbürgergeschmack. Leute wie er waren, trotz ihres Namens, zu bedauernswerten Personae non gratae degradiert worden, zu exzentrischen Pennern, die sich von Akademikern, die hochmütig die Richtlinien bestimmten, demütigen lassen mussten. Sie hatten die Macht, andere von oben herab zu behandeln, und das war letztlich der einzige Sinn ihrer Existenz. [3. Kapitel]

…und steckt ein (Selbstkritik!), wo angebracht:

Er war ein als Enfant terrible getarnter staatlich subventionierter Filmbeamter, der sehr gut bezahlt wurde. [2. Kapitel]

Und manchmal gibt’s sogar zwar nicht neue, aber neu formulierte Einsichten von einer gewissen Tiefe:

Der Künstler, der am Anfang der riesigen Verwertungskette stand, befand sich gleichzeitig am Ende der Nahrungskette. [3. Kapitel]

Ganz sicher nichts anfangen mit Roehlers Buch werden LeserInnen können, die keinen Sinn für Trash-Ästhetik haben (allerdings geht es hier selbst für meinen Geschmack gelegentlich ein wenig zu drastisch zu, womit sich der Text ohne Not selbst sabotiert), die die durchaus gelegentlich lustvolle Darstellung von Prostitution und Pornografie aus männlicher Sicht für politisch inkorrekt halten sowie generell LeserInnen, die immer ganz genau wissen wollen, was an einem Roman denn nun „wirklich“ autobiografisch ist oder nicht, denn dies herauszufinden, dürfte erstens unmöglich sein, ist zweitens eine literarisch gänzlich unergiebige Frage und zeugt drittens lediglich vom Kleingeist derjenigen, die sie stellen.

Für LeserInnen, die bsp.weise Helmut Kraussers „Hagen-Trinker-Trilogie“ aus den 1990er-Jahren („Schweine und Elefanten, „Könige über dem Ozean“, „Fette Welt“) mochten, ist „Selbstverfickung“ sogar uneingeschränkt zu empfehlen.


* …den er als Quellen des Lebens 2013 selbst verfilmte (Empfehlung!)…
** …den er als Tod den Hippies!! Es lebe der Punk 2015 ebenfalls selbst verfilmte (Empfehlung!)…
*** „Androzentrisch“ bedeutet hier nicht „Der Mann als Maßstab aller Dinge“, sondern lediglich, dass es vollkommen unvermeidbar ist, dass ein biologisch männlicher Erzähler „männlich“ erzählt, so wie es unvermeidbar ist, dass eine biologisch weibliche Erzählerin „weiblich“, also „gynozentrisch“ erzählt. Die deutschsprachige Wikipedia setzt „Androzentrismus“ leider mit „Maskulismus“ gleich, womit ich nicht übereinstimme. Unter androzentrischer Literatur, zu der für mich bsp.weise auch die Romane Houellebecqs zählen, verstehe ich Texte, in denen Männlichkeit nicht als grundsätzlich problematisch und speziell das heterosexuelle männliche Begehren als grundsätzlich notwendig und sinnvoll dargestellt werden. Maskulistische Literatur dagegen lebt vom Ressentiment bzw. Hass gegen das Weibliche und kann Männlichkeit nur „antifeministisch“ definieren, was in meinen Augen lediglich die Unfähigkeit dieser Autoren dokumentiert, Männlichkeit erst mal ganz entspannt aus sich selbst heraus zu entwickeln und zu empfinden, bevor man sich dem anderen Geschlecht zuwendet. In der aktuellen Populärkultur gibt es – nach meinem Empfinden – derzeit weitaus mehr maskulistische als androzentrische Literatur.
„Selbstverfickung“, ein Roman von Oskar Roehler

Ralf Schuster: „Kann alles nicht leiden“ (Liedtext 2017)


Die da, oder die da, die da, oder die da

Die, die da und dort damals
die, die dreist und dumm und so wie selbstverständlich
die, gerade die kann ich nicht leiden

Die, die alles besser wissen und beweisen und bestätigen
geheime Fakten aus dem Koffer packten
die, gerade die, kann ich nicht leiden

Aber die, die weiterziehen, weiterwandern
die die Wichtigkeit der weiten Welt wertschätzen
die, gerade die, kann ich nicht leiden

Und die, die hier und heute und hauptsächlich
die heimatliebend, bodenständig und bescheiden
die, gerade die, kann ich nicht leiden

Die da, oder die da, die da, oder die da

Die da, die so gern was kaufen, in die Warenhäuser laufen,
oder online shoppen, partyhoppen, Geld verdienen, Konsum lieben
dieses hübsch Bekleiden, das kann ich gar nicht leiden

Doch selber stricken, Öko-Leinen, Batikhose, Wäschesack,
Outdoor-Orgie, Radfahrschuhe wasserdicht, funktionsgerecht
das kann ich alles gar nicht leiden

Körperkult, Intimbereich, die Haare ab und pflegeleicht
das ist ohne Frage soziale Tarnfarbe
sie zu vermeiden, auch das kann ich nicht leiden

Verwahrlost, ungewaschen, alles nur gebrauchte Sachen
der Gegenpol, Verneinung, Antithese
wenn ich Philosophen lese, kann ich mich selbst nicht leiden

Ich da, und die da, ich da, und die da

Eis in Eimern ausgeleckt, alles hat so gut geschmeckt,
doch ich mach mich nicht gemein, geh stattdessen heim
und sitze da, und kann mich doch nicht leiden

Schuldig, unwillig, unfähig, dabei zu sein,
ich passe da überall mit rein,
Verdruss durch Eitelkeiten, das kann ich an mir nicht leiden

Im Mainstream und der Volkskultur,
trotz elitärem Wahnsinn, Kunstkacke pur
ich stecke drin, und kann es gar nicht leiden

Verzweifelt, ungeduscht und ungekämmt,
wenn man in Depression verfällt,
das passiert manchmal mit mir, ich kann es gar nicht leiden

Ich da, und die da, ich da und die da

Wenn der Pfandflaschenautomat meine Flasche nicht entgegennimmt
empfinde ich es als persönliches Scheitern,
das kann ich am allerwenigsten leiden

Handy-Verweigerer, die würde ich lieben,
doch ich kenne keinen, doch wenn ich ihn nicht kenne,
kann ich ihn auch nicht leiden

Ralf Schuster: „Kann alles nicht leiden“ (Liedtext 2017)