SS:TF10Y | Bombus Variations (Soundscape #1)

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Klangquelle Field Recording von Christian Walter
Software GranuLab, Audacity

Kompositionsnotiz

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SS:TF10Y | Bombus Variations (Soundscape #1)

Ellison on the relationship between Traditional and Modern Jazz (Bebop)

Thelonious Monk @ Minton’s Playhouse, ca. 1947

Usually music gives resonance to memory (and Minton’s was a hotbed of [traditional, S.H.] jazz), but not the music then in the making here. It was itself a texture of fragments, repetitive, nervous, not fully formed; its melodic lines underground, secret and taunting; its riffs jeering [,] … its timbres flat or shrill, with a minimum of thrilling vibrato. Its rhythms were out of stride and seemingly arbitrary … . And in it the steady flow of memory … summed up by the traditional jazz beat and blues mood seemed swept like a great river from its old, deep bed.

Ralph Ellison: „The Golden Age, Time Past“, 1959*


* In: Callahan, John F. (Hg.): The Collected Essays of Ralph Ellison, New York 1995, S. 240
Ellison on the relationship between Traditional and Modern Jazz (Bebop)

Ozean aus Müll

Ramona Andra Xavier (*1992) aka Vektroid

Unser Jahrhundert ist ja überaus reich an bestehenden, aber merkwürdigerweise recht arm an neuen Musikgenres. Seit einigen Jahren geistert der Begriff Vaporwave durch die Fachpresse. Wie ich herausfand, steckt dahinter im Wesentlichen die US-Amerikanerin Ramona Andra Xavier, deren obsessive  Kreativität – über 20 Alben in 6 Jahren! – mich an das Treiben von Richard David James in den 1990er-Jahren erinnert. Wie Letzterer versteckt sich auch Xavier gern hinter einer Fülle von Pseudonymen – sie benutzt vor allem Vektroid, aber auch dstnt, Laserdisc Visions, New Dreams Ltd., Macintosh Plus, Virtual Information Desk und PrismCorp Virtual Enterprises, James kennt man als Aphex Twin, aber auch als Polygon Window, Caustic Window, Blue Calx, The Dice Man, GAK, Power-Pill, Q-Chastic oder The Tuss – und liebt es, ihre Tracks ab und an auch mal auf obsoleten Medien wie der Schallplatte oder gar der CompactCassette (!) unters Volk zu bringen.

Zum Kennenlernen hier mal „Sleepline“, Xaviers letztes Album aus dem Jahr 2016, welches sie unter dem Pseudonym „New Dreams Ltd.“ ins Netz stellte (via bandcamp.com):

 

Mangel an Exzentrizität kann man diesen Tracks wohl kaum vorwerfen. Andererseits haben sie etwas geschafft, was schon sehr lange keine Musik mehr bei mir ausgelöst hat. Ich rufe Dreierlei empört aus:

  1. Was soll das?
  2. Aber das ist doch keine Musik (mehr)!
  3. Das klingt ja alles gleich! / Das kann ich auch! / Das kann doch jedeR!

Nachdem sich meine, wie gesagt, selten und darum kostbar gewordene Empörung – 35 Jahre ästhetischer Auseinandersetzung mit Musik erzeugen ja nicht nur eine verfeinerte Wahrnehmung, sondern auch eine gewisse achselzuckende Abstumpfung gegenüber den Dingen – etwas gelegt hat, wird mir klar, dass sie ein untrügliches Anzeichen dafür ist, dass sich hier wirklich ästhetisch interessante Dinge ereignen. Aber was genau?

*

Nun, „Sleepline“ löst ein nur schwer zu charakterisierendes ästhetisches Unbehagen aus, das auch nach mehrfachem Anhören nicht verschwindet. So wie die Ozeane unseres Jahrhunderts mit unzähligen menschlichen Artefakten, vulgo Müll, gefüllt sind, die von den großen Meeresströmungen um den Globus getrieben werden, füllt Xavier ihre Tracks unermüdlich mit auralem Zivilisationsmüll ursprünglich „schöner Musik“ an und komponiert daraus ihren im Freud’schen Sinn unbehaglichen Ocean of Trash.

Ich drifte durch eine Unterwasserwelt voll exotischer auraler Artefakte, deren Bedeutung ich lediglich erahne, wenn ich auch deutlich ihren appellativen Charakter wahrnehme. Sie wollen etwas von mir, wollen Gefühle übermitteln, überwältigen, stimulieren, aufregen, sich einschmeicheln, mir etwas verkaufen, aber gleichzeitig ist da eine semantische Mauer. Und ich meine jetzt nicht die Tatsache, dass Xavier ganz offenbar ein Faible für das Japanische hat, das ich nicht verstehe – ich denke nicht, dass ihre Tracks kommensurabler wären, hätte sie deutschsprachige Schnipsel verwendet. Es ist vielmehr die weder logische noch zufällige Art und Weise, wie Xavier ihre Artefakte durch den Raum segeln lässt, die das Unbehagen aufrecht erhält.

Psychoakustische Ursache für den allgegenwärtigen Unterwasserwelt-Effekt ist natürlich,  dass alle Schnipsel etwas langsamer abgespielt werden als im Original. Aber was zunächst als billiger Trick erscheint, erweist sich in the long run als ebenso durchschlagende wie nachhaltige ästhetische Operation, vergleichbar etwa mit Gerhard Richters Unschärfetechnik: eine eigentlich simple Idee, die aber bei fortgesetzter Anwendung immer größere Eindringlichkeit gewinnt, verblüffenderweise irgendwann ganz plötzlich „schlüssig“ erscheint und am Ende gar als notwendige ästhetische Operation.

Es ist faszinierend, wie gute KünstlerInnen es immer wieder hinkriegen, ihr idiosynkratisches Empfinden in soziokulturell relevante Ausdrucksformen zu transformieren. Vaporwave ist, zumindest wie er sich hier manifestiert, keine bloße Retro-Version von Easy Listening, sondern eine legitime Form zeitgenössischer Kunstmusik.

Ozean aus Müll

Neue Reihe „Soundscapes: The First 10 Years“ [SS:TF10Y]

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Die kommenden 21 (!) Montage werde ich meine zwischen 2005 und 2015 fabrizierten „Soundscapes“ hier in der Weltsicht präsentieren, versehen jeweils mit einem (neuen) Werkkommentar. Die weitaus meisten dieser Arbeiten wurden hier noch nie gefeaturet, da die Weltsicht ja erst seit Ende August 2011 operiert.

Als soundscape wird grundsätzlich „the component of the acoustic environment that can be perceived by humans“ (Wikipedia) verstanden. Und weiter heißt es dort:

The term „soundscape“ can also refer to … compositions created using the found sounds of an acoustic environment, either exclusively or in conjunction with musical performances.

Hier schon mal ein paar aurale Ausgangspunkte einiger Arbeiten:

  • Hummelgesumm (##1 und 5)
  • das Große Trauergeläute des Kiliansdoms zu Würzburg (#8)
  • das Gepiepse von Supermarktkassen (#11)
  • das Plätschern des Eibelstädter Birkenbachs (#13)
  • die LoFi-Aufnahme eines Vortrags von Oswald Wiener (#18)
  • rollende Kiesel in der Meeresbrandung auf Rügen (#21)

Viel Spaß beim (Wieder)Hören und anregendes Lauschen in den kommenden Wochen wünscht von Herzen allen geneigten WeltsichtlerInnen

Der Blogbetreiber

Neue Reihe „Soundscapes: The First 10 Years“ [SS:TF10Y]

Ellison on Musical Group Improvisation and Social Organization

King Oliver (Dritter von links, am Kornett) and his Creole Jazzband, ca. 1920, den soziokulturellen Charakter ihrer Kollektivimprovisationen ausdruckstanzmäßig darstellend 😉

These jazzmen … lived for and with music intensely. Their driving motivation was … the will to achieve the most eloquent expression of idea-emotions through the technical mastery of their instruments … and the give and take, the subtle rhythmical shaping and blending of idea, tone and imagination demanded of group improvisation. The delicate balance struck between strong individual personality and the group during those early jam sessions was a marvel of social organization.

Ralph Ellison: „Living with Music“, 1955*


* In: Callahan, John F. (Hg.): The Collected Essays of Ralph Ellison, New York 1995, S. 227-228
Ellison on Musical Group Improvisation and Social Organization

[vorübergehend zurückgezogen] «torrent» for Bösendorfer Imperial Player Piano

Material 3. Satz der Sonate 2008 für Klavier („zunächst aufbrausend und zornig, dann plötzlich nachdenklich“)
Soundfont Bösendorfer Imperial (Vienna Symphonic Library)
Kompositions-Software Cubase SE
Sample Player Vienna Instruments unter Cubase SE
Faltungshall Schellingwoude Kerk Amsterdam

Da muss ich noch mal ran bzw. drüber. Komposition b. a. W. zurück ins Werk.

[vorübergehend zurückgezogen] «torrent» for Bösendorfer Imperial Player Piano

«quiet afternoon» for prepared player piano, 2018 (ePlayer realisation)

Rendering von „quiet afternoon“

…ist nichts anderes als der 2. Satz meiner Player Piano Sonata 2018, gerendert mit KJ Werners fantastischer Prepared Piano-Sample Library, der sich wiederum an den Vorschriften John Cages zur Präparierung des Klaviers für seine „Sonatas and Interludes“ orientiert:

Soundfont Prepared Piano after Cage’s „Sonatas and Interludes“ (K. Werner)*
Faltungshall keiner
Sample Player Kontakt Player 5.7 unter Freepiano


* Hier gibt’s diese Samples als Kontakt-Instrument.
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«quiet afternoon» for prepared player piano, 2018 (ePlayer realisation)