Nikolai Roslawez „Nocturne“ (1913)

Wir kommen ins Wochenende, also wieder Non-Pop, FreundInnen des Wohlklangs. Diesmal russischer Jugendstil von Nikolai Roslawez, einem Komponisten, der ähnlich rabiat vergessen ist wie mein Liebling Samuil Feinberg.

Den Begriff „Jugendstil“ gibt es in der Musikgeschichte meines Wissens nach nicht, auch nicht den Begriff „Art Deco-Musik“. Stattdessen spricht man, wenn es um Musik zwischen 1880 und 1930 geht, die weder atonal noch spätromantisch noch klassisch modern ist, gerne von „musikalischem Impressionismus“. Dieser Begriff ist aber nun mal reserviert für die Musik Debussys, Janáčeks (teilweise), de Fallas, Ravels, Delius‘ etc. Man stelle sich vor, die Architektur Otto Wagners würde als „architektonischer Impressionismus“ bezeichnet, alle würden lachen. Also plädiere ich tentativ für die Einführung des Begriffs „musikalischer Jugendstil“. Darunter fielen dann bsp.weise Alban Bergs Klaviersonate, „Verklärte Nacht“ von Arnold Schönberg, die ersten drei Klaviersonaten von Samuil Feinberg und eben dieses Nachtstück von Roslawez. Skrjabin hingegen würde ich unter „musikalischer Symbolismus“ rubrizieren.

Roslawezens Nachtstück schwebt in Brauntönen über der Landschaft und ich möchte stets, dass es länger dauert. Viel länger.

Ink „Infallible Drift“ (2014)

Urbane Härte, Männlichkeit, Melancholie, Durchhalten. Ink, der eigentlich Giles Mensah heißt, steckt auch hinter dem Drum and Bass-Klassiker „Altitude“ von The Architex aus dem Jahr 1996, den ich vor Kurzem im Zusammenhang mit meiner Drum and Bass-Artikelreihe hier in der Weltsicht verlinkt hatte.

아버지 „Tomorrow“ (2016)

Minimalistischer Vaporwave aus Korea. „Tomorrow“ ist keine Sekunde zu lang, was bei über 11 Minuten Laufzeit gar nicht so einfach ist. Die latent obszöne wie depressive Künstlichkeit dieser noch sehr jungen Ästhetik, die mit „Sehnsucht nach Substanz angesichts kapitalistischer Entfremdung bis in die Knochen“ mal provisorisch umrissen sei, wurde hier sehr eindringlich umgesetzt.

Die opernhafte Vibrato-Stimme ab ca. Minute 3 lässt mich an das lachhafte Pathos der stalinistischen Erbmonarchie Nordkoreas denken, aber das ist natürlich nur der Fall, weil ich weiß, dass 아버지 Koreaner ist.

Ab 3ʹ50ʺ gewinnt die Musik durch eine weitere Oberstimme dann überraschend ganz ironiefreien Ernst. Ab Minute 7 kommen pulsierende Mallet-ähnliche Klänge wie aus Reichs „Music for 18 Musicians“ dazu. Der abrupte Schluss ist kein Unfall, sondern Stilmittel. Ich habe es überprüft: Auch andere Tracks von 아버지 enden so.

The Stylistics „People Make The World Go Round“ (1971)

Die schwarzen Bee Gees waren mal wieder die besseren Bee Gees, aber irgendwie hat mich bisher nie jemand auf diese Horde lässig im Kornfeld herumlümmelnder Kotelettenkerle aufmerksam gemacht. Nur der YouTube-Algorithmus letztens. Dieses Marimbafon!

Nachtrag 2021-01-17: Der Song scheint mir in einem 9/4-Metrum geschrieben zu sein, jedenfalls kann man ihn komplett so durchzählen. Auflösen lässt sich das dann als 4+4+1-Viertel-Takt, probiert’s aus. – Mir ist kein anderer Popsong in einem solchen Metrum bekannt. Strukturell erinnert es mich an ein „Hinkefuß“ genanntes 5/4-Metrum in traditioneller türkischer Musik, welches als 2+3-Viertel-Takt betont werden kann.