Mendelayev der Woche 3 von 3: „Smoking World“ (2008)

Vielleicht seine beste Arbeit:


(Visuals & YouTube-Upload kommen nicht vom Künstler)

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Mendelayev der Woche 3 von 3: „Smoking World“ (2008)

«Player Piano Sonata 2018» (ePlayer realisation)

Hier die drei Sätze im Einzelnen:

1st movement:

2nd movement:

3rd movement:

Material 1. und 2. Satz: eigene Keyboard-Improvs, 3. Satz: MusicMouse (Laurie Spiegel)
Kompositions-Software Music Mirror (T. Katsuda), Cubase SE
Soundfont Schimmel Upright Piano (Imperfect Samples) – Im WeltsichtWebShop ist ein Rendering dieser Komposition in CD-Qualität zum Preis von EUR 7,00 erhältlich!
Faltungshall keiner

Kompositionsnotiz

Wie bereits in den Three Scale Studies und some variations handelt es sich bei dieser Komposition um einen freien Remix eigener Klavierstücke für das Selbstspielklavier. Für den ersten Satz verwendete ich „Pulse II“, das fünfte aus den Six Pieces for Prepared Player Piano, der zweite Satz basiert auf einer kurzen kontrapunktischen Passage aus all mixed up und der dritte Satz auf der „Cadence (2005)“, dem letzten der bereits erwähnten „Six Pieces“. „Cadence (2005)“ wiederum entstand mit Hilfe von Laurie Spiegels Kompositionsprogramm „Music Mouse“.

„Remix“ bedeutet hier den Einsatz horizontaler und vertikaler Materialspiegelungen mit Music Mirror sowie Tempo-Skalierungen und Multitracking unter Cubase SE. „Frei“ war dieser Remix-Prozess, weil er intuitiv nach Gehör ablief und keinen algorithmischen Regeln folgte.

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«Player Piano Sonata 2018» (ePlayer realisation)

Random Repeat. Eine Selbstbeobachtung.

Ich höre zwar – wie Steven Brown – permanent Musik in meinem Kopf, aber nie die eigene. Ich kann mich auch nicht erinnern, jemals eine Melodie vor meinem inneren Ohr imaginiert zu haben, die ich dann niederschreiben wollte. Die Musik fällt mir beim Machen (d. h. beim Improvisieren, aber auch während der Arbeit mit Software) ein und ist anschließend sofort wieder vergessen. Ich habe keinerlei Gedächtnis für meine eigene Musik. Auch bereits bestehende eigene Kompositionen fallen mir nur sehr selten einfach wieder ein.

Mir wäre das nie aufgefallen, weil ich es ja gar nicht anders kenne. Erst jetzt, wo ich mehr und mehr davon mitbekomme, wie andere KomponistInnen arbeiten, erscheint mir all dies atypisch. Es ist fast wie eine Art Blindheit, wie das Fehlen eines wichtigen Organs. Mein gut entwickelter operativer Einfallsreichtum mag eine Art Ersatz dafür darstellen. Aber ohne Echtzeit-Aufzeichnungsmedium (Audio oder – viel besser – MIDI) wäre ich verloren, soviel ist klar.

Immer wieder begegnen mir KomponistInnen-Figuren – aktuell der Protagonist von Richard Powers‘ Roman Orfeo aus dem Jahr 2014 oder auch die beiden Komponistenfiguren in Cloud Atlas – die ihre Musik mit dem inneren Ohr hören, bevor sie sie aufschreiben. Aber ich kann dieses Phänomen bei mir schlicht nicht vorfinden. Es findet nicht statt.

Es ist eher so, dass ich mich gegen einen pausenlosen inneren Strom fremder Musik (Saxofon-Soli im Brötzmann-Stil, harmonische Wendungen aus dem Great American Songbook, Funk-Rhythmen, brachiale E-Gitarren-Soli) in meinem Kopf wehren muss. Ich habe ihm etwas entgegenzusetzen, um, pathetisch gesprochen, zu überleben. Jetzt gerade zum Beispiel ist es Jerome Kerns „All the Things You Are“ von der letzten Jam Session, welches mich vermutlich noch den ganzen lieben langen Tag und eventuell auch noch die kommenden Tage begleiten wird – markanterweise stets verlässlich zerhackt, er erscheinen immer nur sekundenlange prägnante Fragmente der Melodie, gesungen von der Sängerin des Abends, die gerade lang genug sind, damit eine andere kognitive Instanz in mir den Tune erkennen kann. Dann zerbricht etwas, das musikalische Kontinuum endet und ein anderes Fragment aus dem selben Song schiebt sich in den Arbeitsspeicher – oder aber auch nicht selten vollkommen andere Musik.

Dieser inner-aurale cut up ist mir derart selbstverständlich und vertraut, dass ich mich nicht erinnern kann, dass es jemals anders gewesen wäre. Vielleicht ist er ja der tiefere Grund meiner atypischen Art des Komponierens: Die „innere (göttliche) Stimme“ / das „innere Diktat“ existieren bei mir nicht, aber es ist auch nicht stumm und tot in mir. Stattdessen wütet ein „A-morphismus“ unermüdlich –  und vermutlich, bis ich sterbe – alles, was ich jemals an Merk-würdigem gehört habe, durcheinander. Und ich habe nicht wirklich Einfluss auf die Reihenfolge der Fragmente oder ihre jeweilige Länge. Random repeat.

Jetzt gerade höre ich zum Beispiel eine harmonische Wendung aus dem dritten Abschnitt von „All the Things You Are“, die ich sehr gerne mag. Ich stelle mir dabei vor, wie ich sie auf dem Klavier greife, aber auch sie ist de-kontextualisiert, d. h. sie wiederholt sich vielfach und nahezu quälend oft, ohne das dies analytischen Wert hätte. Es ereignet sich einfach, es läuft ab.

Ist die Steve Reich’sche „Repetitionismus“ mein natürliches Antidot gegen dieses Phänomen? Jedenfalls hatte die Kompositionstechnik, die Dan Warburton einmal als block additive process und der Komponist selber als „replacing rests by beats“ bezeichnet hat, eine beschwichtigende Wirkung auf mich. Kleinteiliges wird dort so lange wiederholt wird, bis man nicht mehr kann, dann kommt ein bisschen was Neues hinzu, aber das Alte bleibt präsent.

Normalhörer, so vermute ich, empfinden diese Art von Repetitivität als entspannend, d. h. von der Realität ablenkend, meditativ. Bei mir ist das Gegenteil der Fall: Der block additive process wirkt wie Ritalin, also fokussierend, konzentrierend, er wirft mich stärker in die Realität hinein, statt mich von ihr zu befreien. Das würde auch erklären, warum ich Reich immer abschalten muss, sobald sich diese Wirkung eingestellt hat, während der geneigte Normalhörer viel länger und wohl auch tiefer in diese Minimal music zu versinken vermag.

Reichs „Music for 18 Musicians“ ist – in diesem spezifischen Kontext – eigentlich noch zu ausführlich, „Drumming“ ist nahezu unmöglich ausführlich, richtig gut wirken aber „Music for a Large Ensemble“, „Sextet“ und „Mallet Quartet“:

Sie haben den „richtigen“ Grad an Ausführlichkeit, ihr Repetitivitätsgrad scheint ziemlich genau der Geschwindigkeit meines inneren Vergessensprozesses zu entsprechen – und das ist es, was mir an dieser Musik so gut tut.

Dass all meine begrifflich artikulierenden, also z. B. ästhetischen Wertschätzungen von Reichs Musik entscheidend von diesem bis heute nur halbbewusst ablaufenden Prozess beeinflusst wurden, liegt auf der Hand.

Random Repeat. Eine Selbstbeobachtung.

«Alisa 1377» (Soundscape 25)

Basismaterial MIDI-Daten aus der Klanginstallation Fluctin 02 (Moabit)
Soundfont Alice-1377 (SyncerSoft)
Audio-Editor DarkAudacity
Effect
Fader (David R. Sky 2004)
Faltungshall Amsterdam Factory (F. van Saane)

Der monophone Analogsynthesizer „Alisa 1377“ wurde in den 1980er-Jahren in der Nähe von Moskau produziert (Quelle).

Kompositionsnotiz

Es gibt Stücke, für die braucht man Wochen/Monate/Jahre und ist dann doch nicht zufrieden. Und es gibt welche, die an einem Tag entstehen – so wie „Alisa 1377“, meine Soundscape #25, die ich am 10. April fabrizierte. Danke an SyncerSoft, der die Klänge dieses Instruments aus einem untergegangenen Land, die an die Soundtracks von Science Fiction-Filmen der frühen Nachkriegszeit erinnern, virtuell nachbaute. Ich habe ausschließlich SyncerSofts Presets verwendet.

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«Alisa 1377» (Soundscape 25)

Update WeltsichtWebShop

Klick auf den Screenshot führt zum WeltsichtWebShop (ohne Kaffeeflecken)

Habe alle 5 Artikel des WebShops ausgewechselt. Ab sofort sind dort meine drei neuen Kompositionen für Selbstspielklavier, also die dynamische „Player Piano Sonata 2018“, das mikrotonale „some variations“  und das meditative (und ebenfalls mikrotonale) „Lobberort“ verfügbar, sowie erstmalig meine knapp einstündige „Jahreszahlensinfonie“ (€ 30,50), die im Wesentlichen in den Nullerjahren entstand. BesitzerInnen eines kleinen Geldbeutels können z. B. für € 5.– meine „Improvisation für Streichorchester“ aus dem Jahr 2009 herunterladen.

Statusmitteilung

Mendelayev der Woche 1 von 3: „Awakening“ (2010)

Mendelayev
Schon vor einigen Jahren entdeckte ich in meiner stets wieder neu aufflammenden Begeisterung für das kurzlebige 1990er-Jahre Electronica-Subgenre Drum and Bass den russischen Musiker Mendelayev, der in seinen besten Arbeiten ganz heterogene Sensibilitäten („Zärtlichkeit“, „Härte“) zu einer sehr eigenwilligen Mischung amalgamiert.

Also die kommenden drei Montage 3 exemplarische Beispiele seines Schaffens (die Visuals sind nicht von ihm, die YouTube-Uploads auch nicht):

Mendelayev der Woche 1 von 3: „Awakening“ (2010)