Seemann und von Webel über linke und rechte Esoterik

Was eint ReichsbürgerInnen, EsoterikerInnen, evangelikale ChristInnen, FaschistInnen und ImpfgegnerInnen? Die Weltsicht, dass Glaube wichtiger ist als Wissen. Und dass „in der Welt da draußen“1 etwas Böses ist, das uns2 töten, zumindest aber mental versklaven, will.

Zu den Podcastern: Michael „Michi“ Seemann (brummige Bass-Stimme) ist ein BRD-geborener freiberulich arbeitender Kulturwissenschaftler, Max von Webel (hohe Stimme, bricht gelegentlich in sehr hohes Lachen aus) ein DDR-geborener Programmierer, der bis vor ca. 1, 2 Jahren für Facebook in Kalifornien arbeitete und nun (wieder) in Berlin lebt (und arbeitet). Beide standen zeitweise der Piratenpartei nahe (Seemann stärker als von Webel), ohne jedoch, nach meinem Kenntnisstand, jemals Parteimitglieder gewesen zu sein. Seemann ist ledig und kinderlos, von Webel ist verheiratet und hat ein Kind.


Quelle: wir.muessenreden.de


  1. Wo immer das ist. 
  2. Also „die Menschheit“, in erster Linie aber die Anhänger der jeweiligen Gruppe. 

Kubitschek definiert völkisches Denken

Mal wieder das Thema Rechtsintellektualismus (der die geistige Grundlage für den Rechtspopulismus der AfD liefert). Im erweiterten Freundes- und Bekanntenkreis kommen immer mal wieder Zweifel daran auf, dass es sich bei Götz Kubitschek und seinem intellektuellen Umfeld (Höcke und Kalbitz z. B.) wirklich um völkische Nationalisten und nicht etwa „nur“ um Nationalkonservative handelt.

Der Unterschied zwischen diesen politischen Weltsichten wirkt, so formuliert, marginal, aber es ist einer „ums Ganze“, um eine Formulierung des deutschen Philosophen Adorno zu benutzen. Denn Nationalkonservative sind immer noch, wenn auch nur knapp, verfassungskompatible DemokratInnen, völkische NationalistInnen allerdings fallen unter das verfassungsinkompatible Rubrum rechtsextrem bzw. rassistisch.

Der Soziologe-mit-Migrationshintergrund Armin Nassehi hat vor 5 Jahren einen Briefwechsel mit Kubitschek geführt und ihn im Anhang seines Buches im Einverständnis mit seinem Briefpartner publiziert. Es gibt dort eine Stelle, an der sich Kubitschek klar als völkischer Nationalist verrät. Es handelt sich dabei um drei aufeinanderfolgende Absätze, von denen ich hier den mittleren auslasse, weil er keine neuen Argumente bringt. Ansonsten zitiere ich in der Folge ohne die sonst in der Weltsicht üblichen Auslassungszeichen, um mich nicht dem Vorwurf der Bedeutungsmanipulation durch gezielte Kürzung auszusetzen:

Ich komme zu den anderen Fragestellungen Ihres Briefs, sie hängen damit zusammen: Sehr wohl sehe ich, sehen wir das Desintegrative in unserer Gesellschaft, und es ist fast billig zu sagen, dass auch uns manches gut erzogene Migrantenkind sympathischer ist und näher steht als jene anmaßenden, deutschen Rotzlöffel, denen noch nie eine äußere oder innere Not Beine machte. Dennoch sind diese Rotzlöffel Teil unseres Volkes, und wenn der seit Jahrzehnten abwesende Ernstfall im Großen oder im Kleinen den sozialen, staatlich finanzierten Reparaturbetrieb zum Erliegen bringt, wird sich jeder sofort daran erinnern, wer »Wir« ist und wer »Nicht-Wir«. Die Fremdheit, die daraus resultiert, ist in der Tat ziemlich stabil, die Anverwandlung des Fremden in das Eigene ein langsamer Prozess. Und: Die Abgrenzung des Ichs und des Wirs von etwas Fremdem ist schlicht eine Konstante. Ist es nicht so, dass nirgends die Ausgrenzungsmechanismen gnadenloser arbeiten als aus Gruppen heraus, die Gruppenexistenzen leugnen? Liegt dies nicht an ihrer grundsätzlichen Instabilität? […] Von diesem Punkt aus kann ich nun Ihre Frage beantworten, ob es zwischen uns Differenzen gäbe, wenn dieses Land keine oder nur ganz wenige Migranten hätte. Wir hätten keine, wenn Sie mir zustimmten, dass das deutsche Volk ein sehr besonderes Volk sei und dass es das Ziel unserer Bemühungen sein müsse, diese Besonderheiten zum Blühen zu bringen, immer wieder aufs Neue. Anders ausgedrückt: Dass die Deutschen in mancher Hinsicht auch ein Volk wie jedes andere seien, ist so banal, dass man es gar nicht erwähnen muss. Darüber hinaus sind die Deutschen jedoch auf eine seltsame Art begabt und waren im Bereich der Musik, der Philosophie, der Wissenschaft, der Dichtung eine intellektuelle, in der Volksbildung, dem Handwerk und den sozialen Errungenschaften eine praktische Großmacht (nicht meine Worte, sondern die von Peter Watson, der vor einigen Jahren den »deutschen Genius« in einem Buch feierte). Daraus abzuleiten, dass es von diesen besonderen Begabungen und Eigenarten absehen sollte, um politisch nicht aus dem Ruder zu laufen, ist dumm und bösartig.

Götz Kubitschek im Briefwechsel mit Armin Nassehi. In: Armin Nassehi: „Die letzte Stunde der Wahrheit“, 2015 (calibre eReader Pos. 617.3)

„Ernstfall“ steht im rechtsintellektuellen Jargon immer für „Krieg“. Und nach meinem Kenntnisstand glauben ja Kubitschek und die seinen, dass wir uns innerhalb Deutschlands bereits im Krieg befinden, wenn auch in keinem militärischen, sondern einem durch Überfremdung ausgelösten Kultur- und Rassenkrieg. Der „Ernstfall“, den Kubitschek in seinem Brief nur hypothetisch setzt, ist also eigentlich bereits eingetreten. Dass sich dann „jeder sofort daran erinnert, wer ‚Wir‘ [ist] und und wer ‚Nicht-Wir'“ (Kubitschek), ist eine, sagen wir mal, zumindest steile These, die im Übrigen Kaiser Wilhelms des Zweiten bekanntes Diktum „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“ zu Beginn des 1. Weltkriegs exakt reformuliert. Denn folgt man Kubitscheks These, dürfte es keineN einzigeN BundeswehrsoldatIn mit Migrationshintergrund geben, die/der die „Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland … auch am Hindukusch verteidigt“ (P. Struck). Die Realität sieht aber anders aus und Kubitschek weiß das als Jugoslawienkrieg-erfahrener Bundeswehr-Veteran natürlich. Also unterstellt er hier (indirekt) jeder/m BundeswehrsoldatIn mit Migrationshintergrund einen Mangel an Loyalität zur Bundesrepublik Deutschland bzw., in Kubitscheks Logik ausgedrückt, ist diesem Personenkreis aufgrund seiner völkischen Zugehörigkeit prinzipiell keine Loyalität zu Deutschland möglich.

Dass Gruppen, die ihre Gruppenexistenz leugnen, aufgrund ihrer daraus resultierenden Zerbrechlichkeit weitaus exkludierender agieren als solche, die das nicht tun, widerspricht jeglicher Alltagserfahrung. Abgesehen davon, dass mir eine derartige Gruppe sowieso eine rechtsintellektuelle Kopfgeburt zu sein scheint. Kubitschek referiert hier vermutlich eher auf die Angst vor Identitätsverlust angesichts respektloser Türkenjungs, die die Leute aus Spaß auf der Straße anspucken, weil sie wissen, dass der durchschnittliche Deutsche nicht genügend „Ehre“ hat, darauf mit einem Faustschlag zu antworten. Aber selbst dann trifft sein Argument nicht, denn der jugendliche Delinquent weiß ja ganz genau, zu welcher (unterpriviligierten) Gruppe er gehört und welche (priviligierte) Gruppe er mit seinem Akt der Verachtung demütigen will.

Warum nennt Kubitschek die Begabtheit der Deutschen „seltsam“? Würde man mich nach herausragenden Beiträgen von Deutschen zur Weltkultur fragen, würde ich zwar mehr oder minder exakt die selben Bereiche aufzählen wie Kubitschek, also Musik, Philosophie, Wissenschaft, Dichtung, Volksbildung, Handwerk und soziale Errungenschaften – aber ich käme im Leben nicht auf die Idee, diese Leistungen als „seltsam“ zu werten. Als seltsam werden üblicherweise rätselhafte, unerklärliche Phänomene bezeichnet, die sich mit herkömmlichen Modellen nicht erklären lassen. Übliche Regeln und Übereinkünfte scheinen hier ausgehebelt. Folgt man dieser Semantik, gilt dies – aufgrund ihrer „Seltsamkeit“ – dann wohl auch für die Deutschen. Sie stehen demzufolge jenseits bzw. über allen anderen Völkern und haben jedes Recht, mit letzteren zu verfahren, wie es ihnen beliebt. Und schon sind wir wieder beim deutschen Wesen, an dem die Welt genesen soll.

Empfindsame Ultrarechte

Wenn zwei komplett voneinander unabhängige Quellen zur gleichen Zeit das nämliche soziokulturelle Phänomen entdecken und beschreiben, werde ich immer hellhörig.

Sowohl eine linke US-amerikanische Internetplattform (Beleg 1) als auch ein deutscher Kulturwissenschaftler (Beleg 2) haben festgestellt, dass das vielbelächelte, angeblich total linke Desiderat nach einem Safe Space, also einem geschützten Raum für marginalisierte Menschengruppen, durchaus auch von total rechten Meinungsmachern vehement vorgebracht wird.

Beleg 1 Ben Shapiro kann seine heißgeliebte Sport-Illu nicht mehr ertragen, seit sie Bilder von transsexuellen AthletInnen gezeigt hat, was right wing media hatewatcher Sam Seder mehrfach „What a baby!“ ausrufen lässt 1 :

Beleg 2 Die Selbstdarstellung der Identitären Bewegung in den Sozialen Medien nüchtern ikonografisch analysierend, kommt Wolfgang Ullrich zu folgendem Schluss:

[Man] könnte … auch davon sprechen, dass das einzige Ziel der extremen Rechten in der Verwirklichung eines Safe Space, eines geschützten Raumes besteht. Üblicherweise fordern Minderheiten diesen Raum, um nicht länger Opfer von … Diskriminierung zu sein. Doch die Bildwelten der Rechten verraten, dass sie von viel mehr getriggert, gestört, verunsichert sind als irgendjemand sonst.

Wolfang Ullrich: „Symmetriezwang und Differenzangst“, in: Fotogeschichte 154/2019, S. 46. Steht auch als PDF auf Ullrichs Homepage.


 

1 Hintergrundinfo: Shapiro ist Jude. Seder auch.

Harry Lehmann modelliert das Kippen des politischen Raums

Die westlichen Demokratien befinden sich insgesamt in einem metastabilen Systemzustand, weil nicht nur der Klimawandel und Pandemien, sondern auch neue Technologien wie Künstliche Intelligenz, Biotechnologien oder Kryptowährungen eine Disruptionskraft besitzen, die zur Implosion liberaler Demokratien führen kann – und zwar gleichermaßen, wenn man zu viel wie wenn man zu wenig auf diese Techniken setzt.

Sehr lesenswerter Essay des Berliner Philosophen, der in gewohnt furchtloser und kreativer Art und Weise das, was man gemeinhin als „Verwerfung“ des politischen Raums in den vergangenen 10 Jahren apostrophiert, als Kippmodell rekonstruiert.

Dem Walser sein Verlag

Die minimalistische Umschlaggestaltung der Reihe suhrkamp taschenbuch von Fleckhaus/Staudt gehört zu meinen Allzeit-Favoriten, vor allem in dieser die Eiseskälte Bernhard’scher Prosa angemessen widerspiegelnden Variante.

Vier Bemerkungen und zwei Fragen zu Siegfried Ressels Doku „Mythos Suhrkamp“ (2019)

Bemerkungen

  1. Martin Walser ist noch geltungsbedürftiger und büffelhafter, als ich bisher annahm.
  2. Bernhard, Frisch und Johnson würden sich heute für free speech einsetzen und wären Parteigänger des „klassischen Liberalen“ Jordan Peterson.
  3. Dass Thomas Bernhard in den 1970er-Jahren als linker Autor galt, muss faszinieren.
  4. Durs Grünbeins Bemerkung (sinngemäß) „Ich wollte nicht in den Westen, ich wollte dahin, wo es Suhrkamp gab.“, ist ebenso entwaffnend wie ernüchternd.

Fragen

  1. Siegfried Unseld demütigte Walser in Gesellschaft vor laufender Kamera im Schach und reckte danach offen die Faust zum Sieg. Während Walsers Blick unverwandt finster auf das Spielbrett gerichtet blieb, erhob sich Unseld betont lässig, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Wird man eines Tages einen unveröffentlichten Roman „Tod eines Verlegers“ in Walsers Nachlass finden?
  2. Helmut Schmidt, dessen Deutsch dem seiner NachfolgerInnen erschreckend überlegen war, holte sich einst Martin Walser, Max Frisch und Siegfried Lenz zu einem Gespräch ins Kanzleramt, um die Denke der RAF besser zu verstehen. Welche renommierten deutschsprachigen GegenwartsautorInnen sollte sich Angela Merkel ins Kanzleramt holen, um die Denke des NSU besser zu verstehen?

Marktfähige Verfügungsgewalt und die intangible bubble

Der Kulturwissenschaftler M. Seemann (*1977)
Kulturwissenschaftler Michael Seemann, der LeserIn der Weltsicht seit 6 Jahren ein Begriff, hat seine Gedanken zu den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung (kurz: Soziodigitalisierung) einen gehörigen Tick weiterentwickelt. Ging es bisher hauptsächlich um die Beschreibung und Analyse neuer globaler Spielregeln nach dem digitalen Kontrollverlust, rückt nun die Ökonomie ins Zentrum seines Interesses. In der Folge möchte ich die zentralen Gedanken seines Essays Fünf beunruhigende Fragen an den digitalen Kapitalismus, den er am 10. Juni auf seinem Blog publizierte, in eigenen Worten zusammenfassen und zuspitzen. Dabei haben sich vier Abschnitte ergeben:

1 Plattformen als Wächter des Eigentums
2 Software-Konzerne als Wächter des Wissens
3 Fortschritt ohne Wachstum
4 Der Hauptwiderspruch

Vor allem die Aussagen der Abschnitte drei und vier sind nur implizit in Seemanns Text enthalten. Es handelt sich bei diesem Artikel also nicht um eine neutrale Zusammenfassung seiner Gedanken, sondern um eine subjektiv akzentuierte Lektüre.

*

1 Plattformen als Wächter des Eigentums

Seemann vertritt die These, dass Plattformen wie Facebook, iTunes, Google oder YouTube mehr und mehr Funktionen übernehmen, die bisher ausschließlich Staaten vorbehalten waren – nicht unbedingt, weil sie das wollen, sondern weil die Eigendynamik der Soziodigitalisierung sie dazu zwinge.

Ausgehend von Heinsohn/Steigers bekannter Wirtschaftstheorie, die Grundbedingung der Entstehung und Aufrechterhaltung von Kapitalismus sei die Garantie von Eigentum, konstatiert Seemann, mit der Soziodigitalisierung hätten mehr und mehr der o. g. Plattformen ebendiese Garantie vom Staat übernommen.

Bereits 1980 litt die damalige Phonowirtschaft unter heftigen Kontrollverlustängsten (historischer Hintergrund).

Sein Beispiel hierfür: Nach der ersten Welle der Digitalisierung vor ca. 20 Jahren hatten internetbasierte „wilde“ Musiktauschbörsen wie Napster dem traditionellen Geschäftsmodell der Musikindustrie mehr oder minder den Garaus gemacht. Das gute alte Urheberrecht war aufgrund eines neuen technologischen Bypasses schlicht nicht mehr so ohne Weiteres durchsetzbar. Die staatlichen Gegenmaßnahmen der folgenden Jahre wie etwa die Kriminalisierung der AkteurInnen als Raubkopierer oder der Erlass neuer Gesetze (Leistungsschutzrecht, Reform des Urheberrechts) konnten diesen epochalen Dammbruch nur teilweise reparieren.

Auftritt Steve Jobs als (weißer oder schwarzer, je nach Standpunkt) Ritter: Mit iTunes erschuf er ein Amalgam aus dem herkömmlichen Verkauf materieller Güter und dem neuartigen flow immaterieller Daten, das die grundstürzlerische Subersivität der verlustfreien digitalen Kopierbarkeit (Alles! Für alle! Überall! Jederzeit! Kostenlos! Legal! Für immer!) nachhaltig einhegen sollte.

Das Streaming-Modell und das damit eng zusammenhängende Digital Rights Management (DRM), auf dem heute bsp.weise Spotify, Netflix oder MagentaTV beruhen, ist lediglich eine Weiterentwicklung dieser Idee, die das dräuende Ende kapitalistischer Wertschöpfung tatsächlich erst mal verhindern konnte. Die Musikindustrie verdiente durch den kostenpflichtigen Download von mp3-Dateien wieder Geld, musste es aber nun mit den Plattformen teilen, die dadurch zu Globalen Playern aufstiegen.

Heute sind iTunes, Amazon, Netflix, etc., aber mittlerweile auch Firmen wie Uber oder Airbnb, die mit Musik nichts zu tun haben, nichts anderes als Dienstleister, die in der Lage sind, Eigentumsgarantien trotz Soziodigitalisierung global durchzusetzen. Dabei haben sie im Unterschied zu analogwirtschaftlichen Unternehmen unabhängig von ihren enormen Umsätzen eine Tendenz zur Immaterialität. Sie kommen, stellt Seemann fest, nicht nur mit erschreckend wenigen MitarbeiterInnen, sondern auch mit erschreckend wenig Anlagevermögen aus:

Uber, das größte Taxiunternehmen der Welt, besitzt keine Fahrzeuge. Alibaba, der wertvollste Einzelhändler der Welt, hat kein eigenes Inventar. Airbnb, der weltweit größte Übernachtungs-Dienstleister, besitzt keine Immobilien.

Der Staat ist zwar weiterhin die rechtliche Quelle von Eigentum, durchsetzen könnte er dessen Garantie in der digitalen Sphäre ohne Hilfe der weitgehend unsichtbaren Plattformen allerdings in weiten Teilen nicht mehr. 1  Denn die besitzen in diesem Zusammenhang das, was Seemann „marktfähige Verfügungsgewalt“ 2  nennt. Und das gilt selbst dann, wenn die Plattform gar nichts verkauft:

Facebook hat keinerlei Eigentumsrechte an unseren persönlichen Daten und dennoch basiert sein Geschäftsmodell auf der Ausübung einer marktfähigen Verfügungsgewalt über sie.

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2 Software-Konzerne als Wächter des Wissens

Ein weiterer erhellender Begriff in Seemanns Essay ist die intangible bubble. Damit ist die Tatsache gemeint, dass es globale Konzerne wie Microsoft oder Adobe immer noch schaffen, Software, die durch die unermüdlichen Anstrengungen der Open Source-Bewegung seit Jahr und Tag kostenlos zum Download zur Verfügung steht, zu marginalisieren, um stattdessen die eigenen Varianten für teuer Geld zu verhökern. Produkte und damit Know-how, das eigentlich allen gehören sollte, wird so privatisiert und ohne echte Not verteuert:

Ich glaube, Immaterialgüter sind massiv überbewertet … , weil sie künstlich am Spill-Over gehindert werden, der im Digitalen … der Naturzustand jeder Information ist. […] Ein wesentlicher Teil des digitalen Wachstums der letzten Jahre ist einzig und allein durch das Aufbauen von größeren und besseren Kontrollstrukturen erwirtschaftet worden.

Platzt die intangible bubble aber dann doch irgendwann mal und das geballte digitale Wissen schwappt über, dürfte es für die Software-Riesen zunehmend schwieriger werden, noch mit irgendwas Digitalem Geld zu verdienen. Alles wesentliche Know-how wäre dann ja in öffentlicher Hand bzw. gemeinfrei oder zumindest staatlicher Kontrolle unterstellt.

Seemann ist zwar optimistisch, dass die restriktiven Strategien dieser Konzerne demnächst an ihr Ende kommen und Microsoft dann bsp.weise Word und Excel kostenlos ins Netz stellt. Bis dahin aber gilt…

In der digitalen Ökonomie bedeutet Wachstum, dass … Menschen unnötigerweise mehr bezahlt haben, als sie unter normalen Marktbedingungen müssten.

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3 Fortschritt ohne Wachstum

Konservative ÖkonomInnen und die FDP lehren seit jeher „Wenn’s der Wirtschaft gut geht, geht’s allen gut!“ Anders gesagt, Transaktionswachstum gleich Wirtschaftswachstum, bzw. je mehr Transaktionen stattfinden, desto stärker wächst die Wirtschaft.

Der weltweite Aufstieg der Wikipedia lässt sich in einer solchen Metrik nur als ökonomisches Desaster ausdrücken, denn der papierbasierten Lexikon-Industrie dürfte damit global weitgehend der Garaus gemacht worden sein. Ich kann das jetzt nicht in Zahlen beweisen, bin mir aber sicher, dass noch nie so viele Menschen so einfachen Zugang zu lexikalisch organisiertem Wissen hatten. Nur dass der eben keine Transaktionen im Sinne der Ökonomie beinhaltet. Oder möchte jemand seinen 24-bändigen Brockhaus zum einmaligen Vorzugspreis von XXXX.- DM wiederhaben, in dem X% aller Artikel nach einem Jahr Makulatur sind?

Nun gilt die Wikipedia aber bei allen Menschen, die nicht in der papierbasierten Lexikon-Industrie gearbeitet haben, also ca. 99.98% der Weltbevölkerung, als bedeutender zivilisatorischer Fortschritt und nicht als volkswirtschaftlicher Flurschaden. Und, liebe FPD, stimmt das etwa nicht?

Oder kann es etwa sein, dass in diesem Fall globaler zivilisatorischer Fortschritt mit ökonomischem Minuswachstum einherging? Seemann fasst diese durchaus explosive Gemengelage lapidar so zusammen:

Digitale Innovation spart mehr Transaktionen ein, als sie zusätzlich erschafft …

Soziodigitalisierung und Kapitalismus gehören unterschiedlichen Galaxien an, die sich lediglich manchmal an den Rändern berührt haben. In ihrem Inneren aber kreisten sie stets und kreisen sie weiter um Zentren, die kaum etwas gemein haben. Richtig verstanden, kann Soziodigitalisierung Fortschritt ohne (ökonomisches) Wachstum bedeuten.

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4 Der Hauptwiderspruch

Der Kapitalismus entstand, um die natürliche Knappheit materieller Güter und Dienstleistungen in einer bestimmten Form zu organisieren (eine Alternative hierzu war der real exisierende Sozialismus). Der digitale Kapitalismus versucht nun mehr oder minder krampfhaft, diese Organisationsform auch angesichts der natürlichen Unerschöpflichkeit immaterieller Daten und Dienstleistungen beizubehalten. Und genau deswegen kommt er uns oft so komisch, so antiquiert und so unangemessen vor.

Es wäre missverständlich, zu sagen, dass die Soziodigitalisierung einen ökonomischen Paradigmawechsel herbeigeführt hat und die Einsichten von Marx, Keynes und Hayek nicht mehr gelten. Ist es nicht eher so, dass in einer Sphäre beliebig verfügbarer verlustfreier Kopien die Hauptursache, warum der Mensch überhaupt ökonomisch zu denken gezwungen war, entfällt: die Knappheit von Gütern?

Es gibt einen oftmals zugedeckten Hauptwiderspruch zwischen der Unerschöpflichkeit digitaler Daten und der Erschöpfbarkeit materieller Güter, der nur einhegbar, aber nicht auflösbar ist. Mit der Erfindung von iTunes haben Steve Jobs und seine ErbInnen im Geiste in den vergangenen zwanzig Jahren kaum etwas anderes getan, als zu versuchen, diese Zahnpasta zurück in die Tube zu drücken.

Es war ein Rückzugsgefecht gegen die Geister, die sie selbst gerufen hatten.


 

1 Das gilt nicht für die VR China, wo der Staat das Urheberrecht nur dort zu schützen scheint, wo es ihm in den Kram passt.

 

2 Verbesserungsvorschlag: Wie wäre es mit „marktförmige Verfügungsgewalt“?
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