Tufekci über Netz & Nachhaltigkeit

The internet … allows networked movements to grow dramatically and rapidly, but without prior building of formal or informal organizational and other collective capacities that could prepare them for the inevitable challenges they will face and give them the ability to respond to what comes next.

Zeynep Tufekci: „Twitter and Tear Gas“, 2017 (zitiert nach dieser Quelle)

Tufekci über Netz & Nachhaltigkeit

Bernd Stegemanns Polemik gegen die postmoderne Linke

Das Buch Das Gespenst des Populismus des Berliner Intellektuellen Bernd Stegemann enthält neben Vielem, dem ich nicht zustimme – z. B. halte ich es für irreführend, Angela Merkel als, wenn auch subtile, Populistin abzuqualifizieren, sie ist und bleibt eine Exponentin politischen Pragmatismus‘ – auch ein paar heftige Spitzen gegen ein intellektuelles Milieu, das ich hier behelfsweise mal postmoderne Linke nennen möchte und mit dem ich – vor allem durch Lektüre der Texte Diedrich Diederichsens – seit Mitte der 1980er-Jahre intellektuell aufgewachsen bin.

Behelfsweise deshalb, weil Postmoderne für mich eine Epoche (ca. 1975 – ca. 2008), aber kein kulturpessimistischer Kampfbegriff ist. Genaugenommen müsste ich also statt von der postmodernen Linken von einer „bestimmten linken Haltung sprechen, die sich während der Epoche der Postmoderne etabliert hat“. Diese vor allem im kulturellen Sektor hierzulande jahrzehntelang tonangebende Haltung zeichnete sich durch eine charateristische Legierung aus Moralismus und Hedonismus aus, an deren slickness schon manche Kritik abrutschte wie ein stumpfer Eispickel an der Eiger-Nordwand.

Nicht so jedoch Stegemann. Im Gegensatz zu vielen anderen Postmoderne-Kritikern leugnet er die soziokulturelle Relevanz dieser Epoche in keinster Weise, aber:

Die Schwierigkeit liegt … darin, die Postmoderne zu verstehen, ohne auf sie hereinzufallen. [4.3*]

Mit der Dekonstruktion des tragischen Lebensentwurfs der klassischen Linken hatte die postmoderne Linke auch dem existenziellen Heroismus, der mit einer solchen Haltung einhergeht, den Garaus bereitet. Nichts war bzw. ist der postmodernen Linken fremder als Tragik. Kein Wunder, dass dies dem Dramaturgen Stegemann so die Nase hoch geht, kennt eine komplett untragische Welt nun mal kein authentisches, sondern nur ein kontingentes Subjekt:

Aus der leidvollen Entfremdung ist das konsequenzlose Spiel der Ambivalenzen geworden, und die Schizophrenie, die an den Widersprüchen irre wird, hat sich ins dezentrierte Subjekt verwandelt. [1.3]

Man bezeichnete sich weiterhin als links, d. h. man war für die Gleichberechtigung und -behandlung der Geschlechter, Ethnien und Kulturen in der Tradition der Aufklärung. Dabei tat man allerdings so, als wäre diese Weltsicht alternativlos und hätte ihren zeitlosen Widerpart, die reaktionäre Weltsicht (die nicht mit Konservatismus zu verwechseln ist), bereits ein- für allemal überwunden. Wie sich aber dann die Existenz von neuen Nationalismen und Rechtspopulismen während der zweiten Häflte der postmodernen Epoche erklären, die sich partout nicht dekonstruieren lassen wollen?

Letztendlich, so Stegemann, hatte und hat die postmoderne Linke dem aufkeimenden politischen und religiösen Neo-Fundamentalismus außer ihrer arroganten sophistication bzw. elitären coolness nichts entgegenzusetzen. Aber damit nicht genug:

Das postmoderne Denken, das sich seit den 1970er Jahren an den Universitäten der westlichen Welt verbreitete, kann in seiner ideologischen Funktion bei der Durchsetzung des Neoliberalismus nicht hoch genug bewertet werden. Seine Hauptwirkung besteht einerseits darin, dass es die Begriffe des kritischen Denkens, mit dem die materiellen Lebensbedingungen und Eigentumsverhältnisse analysiert werden können, vollständig mit dem Mittel der Dekonstruktion zerstört hat. [3.1]

Schlimm. Aber noch schlimmer:

Die Irrealisierung der Realität, die einst das Kennzeichen der Kunst war, wird zum bestimmenden Lebensgefühl, mit der das eigene Privileg vor jeder realen Konsequenz bewahrt wird. Das postmoderne Denken hat die Welt zu einem Chaos von postfaktischen Behauptungen gemacht, deren Konsequenzen nun vor allem der liberalen Vernunft größte Probleme bereiten. Die Ironie besteht darin, dass das postfaktische Zeitalter nicht mehr allein der liberalen Hegemonie dient, sondern in einer unerwarteten Wendung immer mehr dem rechten Populismus zuarbeitet. [3.3]

Diese Diagnose beschreibt zweifellos die entfesselte, stets und prinzipiell am Rande der Unverständlichkeit operierende und eher selbstbesessene als selbstreferentielle Rhetorik sowohl der Musikkritik Diedrich Diederichsens (Spex) und der Kunstkritik Isabelle Graws (Texte zur Kunst) , als auch die Strategien der postmodernen Linken zuzurechnender Künstler wie bsp.weise Albert Oehlen, Sibylle Berg, Rolf Dieter Brinkmann, Martin Kippenberger, Elfriede Jelinek, Wolfgang Müller oder Rainald Goetz. Im Bereich der philosophischen Ästhetik wäre Christoph Menkes** Buch „Die Souveränität der Kunst“ von 1991 zu nennen, dessen fragwürdige, von Paul de Man inspirierte Argumentation Harry Lehmann in seiner aktuellen Publikation Ästhetische Erfahrung ebenso haarklein wie vernichtend analysiert.

Doch die postmoderne Linke erschöpfte sich nicht in der subversiven Dekonstruktion bisheriger soziokultureller Gewissheiten. Ihr zweites Schlachtfeld ist und bleibt die Identitätspolitik, also intellektuelle Schützenhilfe zur Verfertigung eines Wir-Gefühls für bisher marginalisierte Menschengruppen (Die Arbeit der Philosophin Judith Butler war und ist für diese Strömung grundlegend). Wogegen nichts zu sagen ist. Die Sache, so Stegemann, hat nur einen Schönheitsfehler: „Über Arbeiter [ergänze: Büroangestellte, Beamte, Polizisten, Handwerker, …; S. H.] kann gefahrlos gelacht werden.“ [5.1] Die postmoderne Linke hat sozusagen vor lauter (komplett ehrenhaftem!) Engagement für unterdrückte Minderheiten unversehens die Mehrheit marginalisiert – zumindest soziokulturell.

Alltägliches Kampfmittel zur Durchsetzung derartiger identitätspolitischer Vorstellungen ist eine Haltung, die man politisch korrekt zu nennen sich angewöhnt hat. Die deutschsprachige Wikipedia definiert diese folgendermaßen: „In der ursprünglichen Bedeutung bezeichnet der englische Begriff politically correct die Zustimmung zur Idee, dass Ausdrücke und Handlungen vermieden werden sollten, die Gruppen von Menschen kränken oder beleidigen können (etwa bezogen auf Geschlecht oder Rasse).“ Wogegen ja kein zivilisierter Mensch etwas haben sollte, weswegen Politische Korrektheit (PC) leider zu gut funktioniert. Stegemann beschreibt denn auch ihren Missbrauch durch die postmoderne Linke folgendermaßen:

Der PC-geschulte Zeitgenosse verfügt damit über eine gut funktionierende Paradoxie, mit der er seine eigene Identität immer so darstellen kann, wie es seinen Interessen dient, und zugleich kann er die Identität der anderen so festlegen, wie es ihnen am meisten schadet. Man selbst bleibt Herr seiner Individualität, während die anderen zu Gruppenidentitäten vereinigt werden können. [5.2]

Das dekonstruktivistische / identitätspolitische Projekt der postmodernen Linken, so aufklärerisch und emanzipatorisch es auch einstmals begann, taugt also – und hier stimme ich Stegemann aus vollem Herzen zu – nicht mehr für die heutige Zeit und hat längst bei den Apartheid-Propagandisten der Identitären Bewegung eine neue, fatale Heimstatt gefunden.

Es sollte – und dies steht jetzt nicht mehr bei Stegemann – durch eine die flächendeckende postmoderne Ironie überwindende reflektierte Bürgerlichkeit abgelöst werden, deren Grundriss David Foster Wallace bereits 2003 folgendermaßen skizzierte:

The idea of being a citizen would be to understand your country’s history and the things about it that are good and not so good and how the system works and taking the trouble to learn about candidates for political office […]***

Wallaces Statement erscheint mir deshalb besonders einschlägig, weil er jahrelang selber ein großer Fan (und Nachahmer) der postmodernen Belletristik etwa Thomas Pynchons, Don DeLillos oder auch Paul Austers war. Wallaces post-postmoderne „Wende“ hatte freilich neben politischen und ästhetischen auch handfeste persönliche Gründe. Als alkoholkrankem und von rezidivierenden, psychotherapeutisch nicht behandelbaren Depressionen geplagtem Individuum erschien ihm eine ironische Haltung zu den Dingen des Lebens letztlich wohl einfach nicht wirklich zielführend. Seinen Suizid hat diese Einsicht leider nicht verhindert – aber das ist eine andere Geschichte.


* Ich habe Stegemanns Text als eBook ohne Seitenangaben gelesen, weswegen ich hier nur auf die entsprechenden Kapitel und Unterkapitel verweisen kann, in denen die zitierten Passagen stehen.
** All diese Namen werden von Stegemann nicht explizit genannt, diese personale Zuordnung seiner Thesen ist demnach allein von mir zu verantworten.
*** Dieses Zitat ist auch seit Jahren Teil der Permanently Unasked Questions dieses Blogs.
Bernd Stegemanns Polemik gegen die postmoderne Linke

My re:publica 2017 2 von 3: Konrad Lischka und Christian Stöcker „Etwas Empirie“

Die klassischen Massenmedien, so Lischka & Stöcker (L&S), sind für die Meinungsbildung in Deutschland immer noch wichtiger als „das Internet“. Aber die Art & Weise, wie Information in Sozialen Netzwerken präsentiert wird, erregt die Impulsivität der Nutzerin stärker als bsp.weise das Zeitunglesen, weswegen „das Internet“ als stärker meinungsbildend wahrgenommen wird als dies eigentlich der Fall ist.

Wie genau politische Meinungsbildung im Netz funktioniert, wissen L&S auch (noch) nicht, aber sie konnten schon mal ein paar wechselwirkende Komponenten identifizieren:

Agenten politischer Meinungsbildung im und durch das Internet: PowerPoint-Folie zum Vortrag von Lischka & Stöcker auf der re:publica 2017.

Den Begriff „Captology“ musste ich nachschauen und wurde in der englischsprachigen Wikipedia fündig. In der deutschsprachigen Wikipedia wird der Begriff unter dem Eintrag Persuasive Computing mitbetreut, worunter die Beeinflussung menschlichen Verhaltens durch Computertechnologie verstanden wird. Steve Jobs bsp.weise war in dem Sinne Anhänger des Persuasive Computing, als er davon überzeugt war, dass das Interface-„Sein“  seiner Produkte das Weltsicht-„Bewusstsein“ der UserInnen beeinflusst. Die Microsoft-Ideologie („Scheißegal wie’s aussieht, solange wir das Monopol haben, muss es sowieso jeder kaufen.“) war – in diesem speziellen Sinn – weniger „persuasiv“, worüber ich vor vielen Jahren schon mal was geschrieben habe.

My re:publica 2017 2 von 3: Konrad Lischka und Christian Stöcker „Etwas Empirie“

Vorankündigung: My re:publica 2017

Das in meinen Ohren etwas nach Evangelischem Kirchentag klingende Motto der diesjährigen Veranstaltung. Na ja, es heißt ja auch „Netzgemeinde“.

Das ehemals bescheiden als „Bloggertreff“ apostrophierte alljährliche Berliner Netzkultur-Meeting re:publica ist mittlerweile zur documenta der Internet-Konferenzen geworden, will sagen: definitiv von globaler Wichtigkeit, aber auch definitiv gigantisch unübersichtlich und extrem ungeeignet zum „Einfach-Mal-Reinschnuppern“.* Kurz: Wenn man vorher nicht festlegt, was man von einem solchen Eventcluster will, wird er einen zwangsläufig enttäuschen.

Das muss nicht so sein.

Die Weltsicht hilft!

Deshalb die kommenden drei Samstage die für mich (=S.H., Blogbetreiber) relevantesten Vorträge…

    • 3: „Diskutieren lernen“ (Christoph Kappes)
    • 2: „Etwas Empirie“ (Konrad Lischka und Christian Stöcker)
    • 1: „Die Algorithmen, die wir brauchen“ (Felix Stalder)

…samt jeweils kurzer Kommentierung.

Ich war nicht selber in Berlin, sondern habe mich über den YouTube-Kanal der re:publica informiert und zumindest die Überschriften aller dort präsentierten Clips gelesen. Angeblich gab es aber auch Veranstaltungen, die nicht auf Video dokumentiert wurden. Also: Sowieso kein Anspruch auf Vollständigkeit.


* Damit ist diese Konferenz über das Netz endgültig selber netzförmig geworden. Auch dies eine Parallele zur documenta.
Vorankündigung: My re:publica 2017