Soziodigitalisierung und kulturelle Hyperstabilität

music cultures

1945-1983: Jeder kennt Rock ’n’ Roll… Die Mittelschicht wird allmählich vermögender (man beachte aber auch die lokale Depression vor Erfindung der Pille) und der Reihe nach erblühen musikalische Popkulturen, die zumindest dem Namen nach den meisten Menschen bis heute etwas sagen.
1984-heute: …aber was zum Teufel ist Dubstep? Die Mittelschicht verarmt rasch, während die von zahlenmäßig immer kleineren Bevölkerungskohorten (Generationen X, Y, und Z) getragenen musikalischen Popkulturen hypertrophieren und sich schlussendlich gegenseitig neutralisieren.
Quelle (Ausgangsgrafik vom Blogbetreiber stark bearbeitet)

1 Die Retro-Schleife
2 Zum Beispiel Post-Punk
3 Die Abschaffung der Langeweile
4 Musikalische Popkultur 2019
5 Kulturelle Hyperstabilität als Nebeneffekt der Soziodigitalisierung
6 Lob der Grille

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1 Die Retro-Schleife

Etwas stimmt nicht. Fast immer, wenn ich Omnibus fahre, hören die FahrerInnen Popsongs meiner Adoleszenz im Privatradio, das ja bekanntlich keinen Bildungsauftrag hat, sondern nur spielt, was die HörerInnen wirklich wollen. Sie wollen also Phil Collins, Wham!, Tina Turner. Ich wähne mich im falschen Film, gefangen in einer längst vergangenen Zeit inkl. der damit verbundenen Erinnerungen, Assoziationen, Gefühle etc. Aber außer mir scheint das niemand so zu empfinden. Frage ich nach, bekomme ich Antworten wie „Na ja, heute gibt es ja keine Musik mehr, oder?“, was mein Unbehagen ins nahezu Unerträgliche steigert, denn das ist ja ganz offenbar totaler Schwachsinn.

Seit 40 Jahren sind wir nun schon technologischen Innovationen ausgesetzt, die unseren Alltag komplett verändert haben. Die Antwort des Busfahrers darauf lautet Phil Collins. Sind also BusfahrerInnen kollektiv aus der Zeit gefallen? Wählen sie deshalb AfD bzw. wählen sie gar nicht mehr? Oder bin ich es, der nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist, weil er es sich in seiner blogosphärischen Generation X-Filterblase allzu bequem gemacht hat und kulturell entfremdet auf den Rest der Welt herabsieht?

Technologische Innovationen oder meinetwegen sogar Revolutionen waren immer, da sind sich die GelehrtInnen sogar einig, „Katalysator“ (H. Lehmann über den Zusammenhang von Digitalisierung und Konzeptmusik) ebensolcher Vorgänge auf soziokulturellem Gebiet. Selbst der erzkonservativste Historiker würde nicht bestreiten, dass die Musik der Klassischen Moderne ohne vorhergehenden Siegeszug von Web- und Dampfmaschine ganz anders klingen würde. Wieso also kann es sein, frage ich mich, dass die Antwort auf 40 Jahre technologische Innovation für viele Menschen Phil Collins lautet? Etwas stimmt ganz und gar nicht.

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2 Zum Beispiel Post-Punk

Ich wurde geprägt durch eine Zeit, in der Musik emanzipatorische Kraft entfaltete, die das Leben verändern konnte. Allein durch das Hören bestimmter Musik eröffneten sich mir emotionale, sinnliche und geistige Möglichkeitsräume, die ich anders nie hätte betreten können, denn die Kultur, in der ich aufgewachsen war, wusste nichts von ihnen.

Und tatsächlich hatte ich damals, in den Achtzigerjahren, den Eindruck, dass bsp.weise die Musik, die man heute Post-Punk nennt, dringend notwendige, aber durch allgemeine Trägheit bisher blockierte gesellschaftliche Veränderungen derart exakt adressierte, dass es zum Heulen war. Die besten Stücke demonstrierten drastisch und nicht selten sarkastisch, dass und warum es so nicht mehr weitergehen konnte.

Post-Punk war dabei nur das neueste Update einer ganzen Reihe musikalischer Popkulturen, über die man sich im 20. Jahrhundert als Jugendliche via Affirmation oder Ablehnung identifizieren konnte. So entstand ein soziokultureller Horizont, vor dem sich der Rest der Welt abspielte. Mit dem public intellectual Diedrich Diederichsen als Gewährsmann fasste auch ich „Punk“ als geradezu – bitte jetzt nicht lachen, wir waren jung und naiv – archimedischen kulturgeschichtlichen Punkt auf, der für historische Orientierung sorgte. „Punk“ war dabei eine Chiffre, die nicht viel mit der gleichnamigen musikalischen Popkultur zu tun haben musste, denn Punk als Musik habe ich praktisch nie gehört.

Hatte man dieses Narrativ erst einmal verinnerlicht, ließ sich auf einen Schlag eine Unmasse soziokultureller Einzelphänomene sortieren. In diesem Sinn fungierte Post-Punk wie eine Ideologie: Mithilfe einer neuen basalen Unterscheidung („vor Punk“ / „nach Punk“) eröffnete sich plötzliche eine neue Weltsicht aus der Nische. Wo vorher chaotisch-widersprüchliche Mannigfaltigkeiten das Hirn vernebelten, sortierten sich die Dinge nun quasi von selber. Vermutlich gefiel mir diese Operation auch wg. ihrer enormen intellektuellen Effizienz – die man mit Fug und Recht allerdings auch einfach Arroganz nennen könnte.

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3 Die Abschaffung der Langeweile

Heute befriedigen auf immer subtilere und diskretere Weise allgegenwärtige algorithmische Wunscherfüllungsmaschinen wie das Smartphone oder das Tablet ebenso virtuos wie variantenreich unsere weiterhin nicht stillzustellende Sehnsucht nach dem Neuen. Musste Punk noch wohl oder übel lokal ausgebrütet (W. Gibson) werden, um als Heilmittel gegen unerträgliche provinzielle Langeweile wirksam werden zu können, haben wir heute eher Mühe damit, uns daran zu erinnern, was das eigentlich mal war: Langeweile.

Intuitiv dürfte den meisten Menschen zwar weiterhin klar sein, dass die komplette Abwesenheit von Langeweile ebenso ungesund sein kann wie ihre ständige penetrante Vorherrschaft. Und doch gibt es heute kaum ein größeres Tabu 1 , als das Empfinden von oder auch nur die Sehnsucht nach Langeweile zur Sprache zu bringen.

Ich spreche hier weder von der Sehnsucht, einfach mal nichts zu tun, noch von der Sehnsucht, mal eine Weile „aus allem auszusteigen“, sondern von der Sehnsucht nach echtem Leerlauf, der einem sogar auf den Geist gehen mag. Wer aber so empfindet, ist einfach eine Verliererin, die es nicht gecheckt hat, dass man sich zeit seines Lebens auf den Hosenboden setzen und hart arbeiten (D. Trump) muss, um im „Ausscheidungskampf“ (N. Elias) des Lebens bestehen zu können.

Ohne quälend empfundene Leere aber keine diffuse Sehnsucht nach dem Unbekannten. Und ohne diffuse Sehnsucht nach dem Unbekannten kein kreatives Handeln, das sich nicht bereits in der Generierung von Wellnessempfindungen, der Optimierung von Arbeitsabläufen, „Hausfrauenkreativität“ (R. Schuster) oder gar, äh, „Selbstverwirklichung“ 2  erschöpft.

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4 Musikalische Popkultur 2019

Die feuilletonseitig einst gerne als Symptom von Bildungsferne und Oberflächlichkeit belächelte Option, das Werden und Vergehen von Popkulturen als historischen Horizont ernst zu nehmen, scheint, wie obenstehende Grafik zu zeigen versucht, spätestens seit Beginn des dritten Jahrtausends nicht mehr zu existieren. Dieser Horizont ist weggewischt. Es gibt heute zwar musikalische Popkulturen wie Sand am Meer, aber sie scheinen keine soziokulturelle Prägekraft mehr zu haben. Vor allem dienen musikalische Popkulturen längst nicht mehr der Solidarisierung, sondern der Abgrenzung. Popmusik wird gehört wie eh und je, aber dass ein Song oder gar eine Sammlung von Songs (einst „Album“ genannt) gesellschaftliche Desiderate artikulieren könnte, die über die Abfackelung individueller SorgenFreudenNöteEuphorienÄngste hinausgehen, dieser Gedanke mutet 2019 abwegig an.

Waren musikalische Popkulturen im 20. Jahrhundert stets agonal, d. h. für oder gegen etwas, mutet die heutige Situation eher wie ein „befriedeter Raum“ im Sinne von Norbert Elias an: Popmusik artikuliert zwar weiterhin soziale Missstände (vgl. HipHop) oder negative Emotionen, die sogar beliebig extrem sein können (vgl. diverse Spielarten von Metal), aber angesichts der Atomisierung der zugehörigen Szenen verpuffen diese ebenso legitimen wie zeitlosen postadoleszenten Aufschreie / Empörungen / Rebellionen zuverlässig in der Tiefe des granular segregierten soziokulturellen Raumes. Den Rest regelt bzw. erledigt die weiterhin neoliberal geprägte Ökonomie. Unterm Strich passiert – nichts.

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5 Kulturelle Hyperstabilität als Nebeneffekt der Soziodigitalisierung

Einen ersten Vorgeschmack davon, was kulturelle Hyperstabilität sein könnte, lieferten die französischen Intellektuellen Baudrillard und Virilio bereits in den frühen 1980er-Jahren mit heute zu Unrecht vergessenen Begriffen wie Hyperrealität bzw. Dromologie. Damals nannte man das putzigerweise „Postmoderne“ oder auch, vornehmer, weil französischer, Posthistoire. Die Digitalisierung, die damals erst in den Anfängen war, hatte man dabei noch nicht auf dem Atari-Schirm, es ging um die Rolle der guten alten Massenmedien. Tempi passati.

Die Digitalisierung, so meine These, hat den Wärmetod popmusikalischer Innovation (mach ruhig was du willst, es hat sowieso keine Bedeutung) nachhaltig beschleunigt. Dass die technologischen Innovationen der letzten 40 Jahre auf Kosten popmusikalischer Innovationen gehen würden, hatte jedoch vermutlich niemand im Silicon Valley jemals beabsichtigt. Es handelt sich also um einen klassischen Nebeneffekt.

Die KalifornierInnen haben gegen ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen gehandelt, denn mit was machte man mehr Kohle als mit popmusikalischer Innovation, die ja niemals isoliert daherkommt, sondern immer Teil bzw. Ausdruck eines spezifischen, d. h. so-noch-nie-dagewesenen-und-genau-so-niemals-wiederkehrenden, äh, Lebensgefühls sind, welches dann auch entsprechende Fernsehserien, ensprechende Kleidungsstile, entsprechende Computergames, entsprechende Drogen etc. hervorbringen muss? Weswegen sie auch in tiefer Verzweiflung ständig versuchen, diesen Motor mit der einzigen ihnen zur Verfügung stehenden Methode, dem Algorithmus bzw. der KI, wieder in Gang zu bringen. Allein, es gelingt nicht.

Was mir, ich gestehe es freimütig, ständigen Anlass zur Beruhigung gibt.

 

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6 Lob der Grille

Leider ist der an sich sehr adäquate Begriff Kreativität im Lauf der letzten 40 Jahre derart von neoliberalen Kräften usurpiert worden, das er schon fast als Synonym von Kohle machen durchgeht. Der Kreative ist demzufolge jemand, der Chancen bzw. Märkte erkennt oder erfindet, um Geld zu verdienen, Punkt.

Kreativität kann aber auch bedeuten, Dinge zu amalgamieren, die nicht zusammengehören, weil sie eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Die kognitive Instanz, die Derartiges bewerkstelligen kann, nennt man allgemein Intuition oder Fantasie. Man kann aber auch Laune, Spleen, Spielerei, Fimmel, Tick, kindischer Einfall, Schrulle, fixe Idee, Lust, Spinnerei, Marotte oder Grille (Jean Paul, E. T. A. Hoffmann) dazu sagen.

Die Grille hat kein Interesse an der Optimierung von Arbeitsabläufen, sie will einfach nur ein Geräusch machen. Daran erschöpft sich der Zweck ihrer Existenz. Dafür aber hat die Kreative im o. g. Sinn buchstäblich keinen Sinn bzw. keine Sinne. Es erscheint ihr als verschwendete Zeit, die man besser mit dringend notwendiger harter Arbeit (D. Trump) gefüllt hätte, um etwas aus sich zu machen.

Cecil Taylor, einer der grillenhaftesten Musiker der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, sah sich einmal mit der Feststellung konfrontiert, im Grund sei er ja ebenso diszipliniert wie ein klassischer Konzertpianist, er übe schließlich täglich mehrere Stunden. Taylor daraufhin: „Discipline? – No!“ Er habe lediglich das Bedürfnis, jeden Tag mehrere Stunden Klavier zu spielen.

Taylor hatte zweifellos ständig ganze Heerscharen von Grillen im Kopf, die nach Ausdruck drängten. Aber er wollte sie eben nur rauslassen, das war alles. Als er gefragt wurde, warum er sich nicht einmal die Aufnahmen seiner zahllosen Performances anhöre, sagte er: „I know what happened.“ Eine härtere Opposition zum Konzept harter Arbeit (D. Trump) erscheint kaum möglich.

Aber – gut, zugegeben – niemand von uns ist so irre wie Cecil Taylor, es waren die 1960er-Jahre etc. Normale Menschen wie ich und du werden ihre überschaubar vielen Grillen dann doch zumindest gelegentlich mit harter Arbeit (D. Trump) päppeln müssen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass uns nur die Grille vor dem Infinite Jest (DF Wallace) kultureller Hyperstabilisierung retten kann. Lauscht auf ihr Zirpen, und sei es auch noch so zart! Und wer mal wieder nichts oder fast nichts hört, möge sich einstweilen mit Jean Paul’scher Weisheit trösten:

Grillen sind indes schwerer zu vertreiben als Schmerzen; diese sterben an der Zeit, jene wachsen an ihr. [Quelle]

 


 

1 Mir fällt gerade nur ein noch größeres Tabu ein: Jemandem kategorisch das Recht abzusprechen, weiter Konsument sein zu dürfen. Das dürfte fast allen Menschen in entwickelten Ländern nicht nur die Zornesröte ins Gesicht treiben, sondern auch den Wunsch befördern, die Urheberin eines solchen Dekrets unverzüglich unschädlich zu machen.

 

2 Grund für die Unsterblichkeit oder, besser, Untotheit, dieses monströsen Begriffs ist, dass niemand jemals in der Lage war, ihn semantisch dingfest zu machen. Will sagen, weder ist es möglich, ohne weltanschauliche Prämissen zu beweisen, dass so etwas wie Selbstverwirklichung existiert, noch ist es möglich, ihre Nichtexistenz zu beweisen. Ein Ausweg aus dieser Sackgasse bietet m. E. einzig eine agnostische Haltung, die den Vorteil hat, dann sowohl Verfechterinnen (progressive Personen) wie Leugner (konservative Personen) der Selbstverwirklichung gegen sich aufbringen zu können.
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Ekstasen der Datenvisualisierung 1 von 2

Das Blog Epsilon Theory hat im Mai diesen Jahres mithilfe der Software Quid diese Visualisierung aktueller Themen der US-Wahl erstellt. Dabei wurde auch versucht, die narrativen Strukturen der Diskurse zu visualisieren. Unabhängig davon, ob das jetzt wissenschaftlich nutzbar ist oder nicht, finde ich die Darstellung ästhetisch reizvoll. Für bessere Lesbarkeit bitte auf das Bild klicken.

Marktfähige Verfügungsgewalt und die intangible bubble

Der Kulturwissenschaftler M. Seemann (*1977)
Kulturwissenschaftler Michael Seemann, der LeserIn der Weltsicht seit 6 Jahren ein Begriff, hat seine Gedanken zu den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung (kurz: Soziodigitalisierung) einen gehörigen Tick weiterentwickelt. Ging es bisher hauptsächlich um die Beschreibung und Analyse neuer globaler Spielregeln nach dem digitalen Kontrollverlust, rückt nun die Ökonomie ins Zentrum seines Interesses. In der Folge möchte ich die zentralen Gedanken seines Essays Fünf beunruhigende Fragen an den digitalen Kapitalismus, den er am 10. Juni auf seinem Blog publizierte, in eigenen Worten zusammenfassen und zuspitzen. Dabei haben sich vier Abschnitte ergeben:

1 Plattformen als Wächter des Eigentums
2 Software-Konzerne als Wächter des Wissens
3 Fortschritt ohne Wachstum
4 Der Hauptwiderspruch

Vor allem die Aussagen der Abschnitte drei und vier sind nur implizit in Seemanns Text enthalten. Es handelt sich bei diesem Artikel also nicht um eine neutrale Zusammenfassung seiner Gedanken, sondern um eine subjektiv akzentuierte Lektüre.

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1 Plattformen als Wächter des Eigentums

Seemann vertritt die These, dass Plattformen wie Facebook, iTunes, Google oder YouTube mehr und mehr Funktionen übernehmen, die bisher ausschließlich Staaten vorbehalten waren – nicht unbedingt, weil sie das wollen, sondern weil die Eigendynamik der Soziodigitalisierung sie dazu zwinge.

Ausgehend von Heinsohn/Steigers bekannter Wirtschaftstheorie, die Grundbedingung der Entstehung und Aufrechterhaltung von Kapitalismus sei die Garantie von Eigentum, konstatiert Seemann, mit der Soziodigitalisierung hätten mehr und mehr der o. g. Plattformen ebendiese Garantie vom Staat übernommen.

Bereits 1980 litt die damalige Phonowirtschaft unter heftigen Kontrollverlustängsten (historischer Hintergrund).

Sein Beispiel hierfür: Nach der ersten Welle der Digitalisierung vor ca. 20 Jahren hatten internetbasierte „wilde“ Musiktauschbörsen wie Napster dem traditionellen Geschäftsmodell der Musikindustrie mehr oder minder den Garaus gemacht. Das gute alte Urheberrecht war aufgrund eines neuen technologischen Bypasses schlicht nicht mehr so ohne Weiteres durchsetzbar. Die staatlichen Gegenmaßnahmen der folgenden Jahre wie etwa die Kriminalisierung der AkteurInnen als Raubkopierer oder der Erlass neuer Gesetze (Leistungsschutzrecht, Reform des Urheberrechts) konnten diesen epochalen Dammbruch nur teilweise reparieren.

Auftritt Steve Jobs als (weißer oder schwarzer, je nach Standpunkt) Ritter: Mit iTunes erschuf er ein Amalgam aus dem herkömmlichen Verkauf materieller Güter und dem neuartigen flow immaterieller Daten, das die grundstürzlerische Subersivität der verlustfreien digitalen Kopierbarkeit (Alles! Für alle! Überall! Jederzeit! Kostenlos! Legal! Für immer!) nachhaltig einhegen sollte.

Das Streaming-Modell und das damit eng zusammenhängende Digital Rights Management (DRM), auf dem heute bsp.weise Spotify, Netflix oder MagentaTV beruhen, ist lediglich eine Weiterentwicklung dieser Idee, die das dräuende Ende kapitalistischer Wertschöpfung tatsächlich erst mal verhindern konnte. Die Musikindustrie verdiente durch den kostenpflichtigen Download von mp3-Dateien wieder Geld, musste es aber nun mit den Plattformen teilen, die dadurch zu Globalen Playern aufstiegen.

Heute sind iTunes, Amazon, Netflix, etc., aber mittlerweile auch Firmen wie Uber oder Airbnb, die mit Musik nichts zu tun haben, nichts anderes als Dienstleister, die in der Lage sind, Eigentumsgarantien trotz Soziodigitalisierung global durchzusetzen. Dabei haben sie im Unterschied zu analogwirtschaftlichen Unternehmen unabhängig von ihren enormen Umsätzen eine Tendenz zur Immaterialität. Sie kommen, stellt Seemann fest, nicht nur mit erschreckend wenigen MitarbeiterInnen, sondern auch mit erschreckend wenig Anlagevermögen aus:

Uber, das größte Taxiunternehmen der Welt, besitzt keine Fahrzeuge. Alibaba, der wertvollste Einzelhändler der Welt, hat kein eigenes Inventar. Airbnb, der weltweit größte Übernachtungs-Dienstleister, besitzt keine Immobilien.

Der Staat ist zwar weiterhin die rechtliche Quelle von Eigentum, durchsetzen könnte er dessen Garantie in der digitalen Sphäre ohne Hilfe der weitgehend unsichtbaren Plattformen allerdings in weiten Teilen nicht mehr. 1  Denn die besitzen in diesem Zusammenhang das, was Seemann „marktfähige Verfügungsgewalt“ 2  nennt. Und das gilt selbst dann, wenn die Plattform gar nichts verkauft:

Facebook hat keinerlei Eigentumsrechte an unseren persönlichen Daten und dennoch basiert sein Geschäftsmodell auf der Ausübung einer marktfähigen Verfügungsgewalt über sie.

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2 Software-Konzerne als Wächter des Wissens

Ein weiterer erhellender Begriff in Seemanns Essay ist die intangible bubble. Damit ist die Tatsache gemeint, dass es globale Konzerne wie Microsoft oder Adobe immer noch schaffen, Software, die durch die unermüdlichen Anstrengungen der Open Source-Bewegung seit Jahr und Tag kostenlos zum Download zur Verfügung steht, zu marginalisieren, um stattdessen die eigenen Varianten für teuer Geld zu verhökern. Produkte und damit Know-how, das eigentlich allen gehören sollte, wird so privatisiert und ohne echte Not verteuert:

Ich glaube, Immaterialgüter sind massiv überbewertet … , weil sie künstlich am Spill-Over gehindert werden, der im Digitalen … der Naturzustand jeder Information ist. […] Ein wesentlicher Teil des digitalen Wachstums der letzten Jahre ist einzig und allein durch das Aufbauen von größeren und besseren Kontrollstrukturen erwirtschaftet worden.

Platzt die intangible bubble aber dann doch irgendwann mal und das geballte digitale Wissen schwappt über, dürfte es für die Software-Riesen zunehmend schwieriger werden, noch mit irgendwas Digitalem Geld zu verdienen. Alles wesentliche Know-how wäre dann ja in öffentlicher Hand bzw. gemeinfrei oder zumindest staatlicher Kontrolle unterstellt.

Seemann ist zwar optimistisch, dass die restriktiven Strategien dieser Konzerne demnächst an ihr Ende kommen und Microsoft dann bsp.weise Word und Excel kostenlos ins Netz stellt. Bis dahin aber gilt…

In der digitalen Ökonomie bedeutet Wachstum, dass … Menschen unnötigerweise mehr bezahlt haben, als sie unter normalen Marktbedingungen müssten.

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3 Fortschritt ohne Wachstum

Konservative ÖkonomInnen und die FDP lehren seit jeher „Wenn’s der Wirtschaft gut geht, geht’s allen gut!“ Anders gesagt, Transaktionswachstum gleich Wirtschaftswachstum, bzw. je mehr Transaktionen stattfinden, desto stärker wächst die Wirtschaft.

Der weltweite Aufstieg der Wikipedia lässt sich in einer solchen Metrik nur als ökonomisches Desaster ausdrücken, denn der papierbasierten Lexikon-Industrie dürfte damit global weitgehend der Garaus gemacht worden sein. Ich kann das jetzt nicht in Zahlen beweisen, bin mir aber sicher, dass noch nie so viele Menschen so einfachen Zugang zu lexikalisch organisiertem Wissen hatten. Nur dass der eben keine Transaktionen im Sinne der Ökonomie beinhaltet. Oder möchte jemand seinen 24-bändigen Brockhaus zum einmaligen Vorzugspreis von XXXX.- DM wiederhaben, in dem X% aller Artikel nach einem Jahr Makulatur sind?

Nun gilt die Wikipedia aber bei allen Menschen, die nicht in der papierbasierten Lexikon-Industrie gearbeitet haben, also ca. 99.98% der Weltbevölkerung, als bedeutender zivilisatorischer Fortschritt und nicht als volkswirtschaftlicher Flurschaden. Und, liebe FPD, stimmt das etwa nicht?

Oder kann es etwa sein, dass in diesem Fall globaler zivilisatorischer Fortschritt mit ökonomischem Minuswachstum einherging? Seemann fasst diese durchaus explosive Gemengelage lapidar so zusammen:

Digitale Innovation spart mehr Transaktionen ein, als sie zusätzlich erschafft …

Soziodigitalisierung und Kapitalismus gehören unterschiedlichen Galaxien an, die sich lediglich manchmal an den Rändern berührt haben. In ihrem Inneren aber kreisten sie stets und kreisen sie weiter um Zentren, die kaum etwas gemein haben. Richtig verstanden, kann Soziodigitalisierung Fortschritt ohne (ökonomisches) Wachstum bedeuten.

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4 Der Hauptwiderspruch

Der Kapitalismus entstand, um die natürliche Knappheit materieller Güter und Dienstleistungen in einer bestimmten Form zu organisieren (eine Alternative hierzu war der real exisierende Sozialismus). Der digitale Kapitalismus versucht nun mehr oder minder krampfhaft, diese Organisationsform auch angesichts der natürlichen Unerschöpflichkeit immaterieller Daten und Dienstleistungen beizubehalten. Und genau deswegen kommt er uns oft so komisch, so antiquiert und so unangemessen vor.

Es wäre missverständlich, zu sagen, dass die Soziodigitalisierung einen ökonomischen Paradigmawechsel herbeigeführt hat und die Einsichten von Marx, Keynes und Hayek nicht mehr gelten. Ist es nicht eher so, dass in einer Sphäre beliebig verfügbarer verlustfreier Kopien die Hauptursache, warum der Mensch überhaupt ökonomisch zu denken gezwungen war, entfällt: die Knappheit von Gütern?

Es gibt einen oftmals zugedeckten Hauptwiderspruch zwischen der Unerschöpflichkeit digitaler Daten und der Erschöpfbarkeit materieller Güter, der nur einhegbar, aber nicht auflösbar ist. Mit der Erfindung von iTunes haben Steve Jobs und seine ErbInnen im Geiste in den vergangenen zwanzig Jahren kaum etwas anderes getan, als zu versuchen, diese Zahnpasta zurück in die Tube zu drücken.

Es war ein Rückzugsgefecht gegen die Geister, die sie selbst gerufen hatten.


 

1 Das gilt nicht für die VR China, wo der Staat das Urheberrecht nur dort zu schützen scheint, wo es ihm in den Kram passt.

 

2 Verbesserungsvorschlag: Wie wäre es mit „marktförmige Verfügungsgewalt“?
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SD Kelly über komponierende Algorithmen

At the moment, a machine can only do something much less interesting than what a person can do. It can create music in the style of Bach, for instance—perhaps even music that some experts think is better than Bach’s own. But that is only because its music can be judged against a preexisting standard. What a machine cannot do is bring about changes in our standards for judging the quality of music or of understanding what music is or is not.

Sean Dorrance Kelly: A philosopher argues that an AI can’t be an artist | technologyreview.com 2019-02-21

Der digitale Kapitalismus verknappt künstlich, was eigentlich im Überfluss da ist

Der geschätzte Kulturwissenschaftler Seemann, LeserInnen der Weltsicht seit Jahren vertraut (für eine Übersicht einfach auf das Schlagwort unter dem Artikel klicken), fasst hier mal in 20 Minuten zusammen, wie es dem digitalen Kapitalismus gelang (& gelingt), eine Ur-Eigenschaft des Digitalen, nämlich die Möglichkeit, verlustfreie Kopien in beliebiger Größenordnung herzustellen, betriebswirtschaftlich so einzuhegen, dass bsp.weise mit Musikkonserven wieder Geld verdient werden kann (Spotify etc.):

Software der Woche | KW 9 | AIMP (Audioplayer)

Die Suche nach dem praktikabelsten Audioplayer geht weiter. Nach qmmp (2017) und XMPlay (2018) heißt mein aktueller Favorit nun AIMP, was im Wesentlichen drei Gründe hat:

1 Der AIMP-Skin „Pure White“ verbreitet – vor allem in der Mini-Ansicht– endlich jene zen-buddhistische Ruhe, die mein Auge benötigt, wenn ich Musik höre:

AIMP in der Mini-Ansicht des Skins „Pure White“.

2 AIMP „kann“ Podcasts, vor allem in Kombination mit dem Skin „Redly“. Wer braucht iTunes?

Der Podcast „Lage der Nation“ unter AIMP in der regulären Ansicht des Skins „Redly“.

3 AIMP hat eine Bookmark-Funktion, mit der sich Lese-, d.h. Hörzeichen in längliche Podcasts wie eben z. B. „Lage der Nation“ einlegen lassen, die man ja so gut wie nie am Stück hört:

Die Bookmark-Funktion (AIMP | Pure White | reguläre Ansicht)

Weiterhin bietet die Mini-Variante von „Redly“ die Funktion, den Player als anklickbares Quadrat inkl. Milchglas-Optik irgendwo auf dem Desktop zu positionieren. Definitiv nicht essentiell, aber ausgesprochen charmant:

James Tenney hinter Milchglas (AIMP | Redly | Mini-Ansicht). Das Icon allerdings habe ich selber gebastelt.
Veröffentlicht von Artem Izmaylov
Getestet unter Windows 7 Home Premium Service Pack 1 64-Bit
Download-URL http://www.aimp.ru/?do=download&os=windows
Nerdizität (0 – 10) 2
Preis kostenlos
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