Software der Woche | KW 04 | Vivaldi (Browser)

Wer im Jahr 2020 immer noch nach dem besten Internet-Browser für Desktop-Rechner sucht, muss eine Vollmeise haben, oder? Es gibt doch Chrome! Tja. Und es gibt Vivaldi, der auf Chrome aufsetzt 1 . Und Vivaldi ist eine ganze Ecke flexibler als Chrome. Was allerdings nur die tangieren mag, die sich wirklich viel im Internet herumtreibt, also meinereiner z. B.

Hier nun die Vivaldi-Optionen, die ich zu schätzen gelernt habe. Sie mögen wenig wichtig wirken, haben im Surf-Alltag aber dann doch spürbare Auswirkungen, wie ich feststellen musste:

  1. Die Funktion „Reopen Closed Tab“ Wer, wie ich, öfter mal schneller klickt, als denkt, wird das kennen: Man merkt, dass der zuletzt hurtig geschlossene Tab dann doch das enthielt, was man eigentlich suchte. Bei allen Browsern, die ich bisher kannte, habe ich keine Möglichkeit gefunden, einen soeben (versehentlich) geschlossenen Tab gleich noch mal zu öffnen, was ungefähr der bekannten „Rückgängig“-Funktion bsp.weise in Textverarbeitungsprogrammen entspräche. Vivaldi kann sowas. Danke.
  2. Das GUI ist wirklich komplett anpassbar Ich kenne keinen Browser, bei dem man wirklich alle Oberflächensymbole ausblenden kann, die man nicht braucht, der sich also tatsächlich der Nutzerin anpasst, ohne dass man dazu Informatik studieren müsste. Außer Vivaldi.
Das Portal dieses Blogs unter Vivaldi. Das Menü dieses Browsers ist über das V oben links erreichbar. In der Adresszeile werden alle laufenden Erweiterungen (hier: der Werbeblocker uBlock Origin, der RSS-Feed-Detektor Get RSS Feed, Google Translate und der Video DownloadHelper) angezeigt. Bookmarks lassen sich sowohl als Icons anzeigen wie auch in Ordnern gruppieren. Über die Spalte links erreicht man weitere Bookmarks, die Download-History sowie den Browser-Verlauf. Über die Fußzeile lässt sich diese Spalte ein- und ausblenden (Symbol links unten), es lassen sich grafische Filter auf die aktuelle Website aufsetzen (<>-Symbol, eher eine Spielerei, aber eine nette) und die relative Schriftgröße lässt sich stufenlos regeln. Mehr brauche ich nicht. Ist ja auch schon genug.

Und noch eine Kleinigkeit: Wenn man das will, liest Vivaldi aus jeder aktuell angezeigten Website die „Hauptfarbe“ heraus und färbt sich entsprechend, solange man sich dort aufhält. Noch eine Kleinigkeit, aber eine intelligente und dann doch zumindest unterschwellig bzw. auf subtile Weise der Orientierung dienende.

Veröffentlicht von Vivaldi Technologies AS.
Getestet unter Windows 7 Home Premium Service Pack 1 64-Bit
Download-URL https://vivaldi.com/
Nerdizität (0 – 10) 5
Preis kostenlos

 

1 Diese Software-Empfehlung löst meine Empfehlung des Browsers Brave von vor ca. einem Jahr ab. Brave setzt ebenfalls auf Chrome auf und ist Vivaldi nahezu ebenbürtig, lässt sich aber derzeit aus unklaren Gründen auf meinem Rechner nicht (mehr) aktualisieren.
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Software der Woche | KW 03 | Google Drive für Bookmarks nutzen

Wer das Internet nicht nur zum Quatschen nutzt, sondern als Wissensquelle, braucht Bookmarks. Und schon geht der Ärger los. Vier Sachen, die ich schon erlebt habe:

  1. Ich wechsle den Browser und meine über Monate, wenn nicht Jahre eifrig angehäuften und systematisch strukturierten dort gespeicherten Bookmarks gehen bei der überraschend nicht-trivialen Migration von Browser A nach Browser B verloren.
  2. Ich war gezwungen, einen neuen Rechner zu kaufen und meine über Monate … (siehe Punkt 1)
  3. Ich finde endlich den einen Link, den schon ewig suche, aber leider sitze ich gerade am Rechner einer Freundin oder sonstwo, also kritzle ich die komplexe URL in mein Notizbuch – aber leider unterläuft mir dabei ein winziger Schreibfehler, so dass der Link später partout nicht mehr auffindbar ist.
  4. Ich möchte einem Freund nicht nur einen, sondern einen ganzen Komplex von Links zukommen lassen und zu jedem Link auch etwas mitteilen. Außerdem interessiert mich, was der Freund zu den Links zu sagen hat.

Die Lösung all dieser Probleme heißt Google Drive, und jede, die bsp.weise einen YouTube-Account hat, kann diesen Service kostenlos nutzen. Google Drive ist natürlich zuallererst mal eine Cloud für jedermann, also eine schlichte Dateiabladekippe „im Netz“.

Mit der App „Google Docs“ gibt es dort aber auch die Möglichkeit, Textdokumente wie in MS Word zu verfassen. Mit dem subtilen Unterschied, dass dieses Dokument dann eben „in der Cloud“ steht, ich also bsp.weise den endlich gefundenen Mega-Link gleich dort an der richtigen Stelle reinkopieren kann, was – vorausgesetzt, ich habe meine Google-Zugangsdaten parat – obenstehendes Problem 3 für alle Zeiten löst. Und die restlichen drei auch.

Snapshot meiner Bookmark-Sammlung auf Google Drive in Form eines Google Doc-Dokuments. Die Struktur ist selbsterklärend, oder?

Ich nutze Google Drive bereits seit mehreren Jahren auf diese Art und Weise ohne Probleme. Einzig die Ladezeit beim erstmaligen Aufruf des Google Doc-Dokuments kann sich ein wenig ziehen und manchmal aktualisiert das Dokument auch nicht schnell genug, wenn man was sehr schnell reintippt, aber das hält sich in Grenzen und hat natürlich auch mit der Bandbreite des jeweiligen Internet-Zugangs zu tun.

Leider habe den Link nicht mehr, der mich damals auf die Idee brachte, meine Bookmarks in der Cloud zu speichern, denn er ist mit irgendeinem Browser vergangener Tage verlorengegangen 😉

Veröffentlicht von Google
Getestet unter Windows 7, Windows 8.1 with Bing 32-Bit
Download-URL entfällt, da es nichts downzuloaden gibt. Einfach „Google Drive“ in eine Suchmaschine eingeben und den Anweisungen folgen. Voraussetzung ist ein Google-Account.
Nerdizität (0 – 10) 3
Preis kostenlos
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Software der Woche | KW 02 | Digital Clock 4 (Desktop-Uhr)

Meine unaufhörliche Suche nach der Optimierung von Allerwelts-Software, die jedeR bzw. vermutlich sehr viele, braucht/brauchen, für die es aber keine allgemeine Empfehlung gibt, hat einen neuen Höhepunkt erreicht: Letztens fragte ich mich, warum Windows 8.1 eigentlich keine vernünftige Uhr liefert, die ohne Extra-Mausklicks einfach auf dem Desktop zu sehen ist?

RANT START Also nicht so eine hirnrissig-dysfunktionale Uhr-als-Bildschirmschoner bzw. so ein beknackter Bildschirmschoner-als-Uhr, wie sie bis heute die Desktops dieser Welt verschandeln! Denn wann brauche ich eigentlich eine Uhr am Rechner? Nun, z. B. wenn ich arbeite, aber die 20 Uhr-Tagesschau nicht verpassen will. Wenn ich nicht am Rechner arbeite, habe ich eine Uhr bei mir. Und da nützt mir eine Bildschirmschoneruhr bzw. ein Uhrzeitbildschirmschoner rein gar nichts! END RANT

Als Propagandist Freier Software sollte es natürlich eine solche sein. SourceForge-Nutzer nick-korotysh aus der weißrussischen Hauptstadt Minsk lieferte mir nach mittelkurzer Suche schließlich das gewünschte Stück Code. Seine Digital Clock 4, an der er seit 2013 (!) 1  arbeitet, sieht aktuell in der rechten oberen Ecke meines Mini-Laptops so aus:

Design und Funktionalität entsprechen meinen Wünschen, Korotysh schreibt hier gar nichts vor – außer dem Anzeigen der Uhrzeit natürlich. Die zweite Zeile zeigt die aktuelle W-LAN- oder Mobil-IP, damit man z. B. weiß, ob das Internet geht, die dritte das aktuelle Datum in lesefreundlichem Format sowie die aktuelle Kalenderwoche (die ich nie auswendig weiß, aber doch gelegentlich brauche).

Digital Clock 4 muss nicht installiert werden, es genügt, die komprimierten Dateien irgendwo auf der Festplatte zu entpacken, wo sie dann aber doch stolze 50 MB Platz verbrauchen 😦 Die Funktionalität ist modular organisiert, will sagen, wer zusätzlich eine sprechende Uhr (amüsant, vor allem, weil die alles sagt, was man will, nicht nur die Uhrzeit) will oder die IP-Anzeige nicht will oder ein anderes Datumsformat in anderer Farbe bevorzugt, kann das an-, ab- und umwählen.

Die Uhr aktualisiert sich nur jede halbe Sekunde, was auffällt, wenn sie 12:59 anzeigt und das Radio schon die stündlichen Nachrichten bringt. Korotysh hat zwar die Möglichkeit integriert, das Update-Intervall beliebig zu minimieren, doch dies würde, sagt er, die CPU unverhältnismäßig belasten. Der Mann denkt halt mit. Case closed.

Veröffentlicht von Nick Korotysh
Getestet unter Windows 8.1 with Bing 32-Bit
Download-URL https://sourceforge.net/projects/digitalclock4/files/4.7.5/digital_clock_4-win_portable.zip/download
Nerdizität (0 – 10) 1
Preis kostenlos

 

1 Die Tatsache, dass jemand seit 6 Jahren an einer App arbeitet, die lediglich die aktuelle Uhrzeit aus dem Rechner ausliest, nötigt mir aus psychologisch unklaren Gründen Respekt ab.
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Sherburne on Music Streaming

As a culture, we have largely made the shift away from music ownership toward streaming’s rental model: Once a song or album disappears from DSPs 1 , it effectively ceases to exist for anyone who doesn’t have a file saved to their hard drive (or a copy of the vinyl stored on the shelf).

Philip Sherburne: How Streaming Is About to Reshape DJ Culture as We Know It | pitchfork.com 2019-07-17


 

1 Digital Service Providers, also in diesem Fall Spotify, iTunes etc.

Neue Weltsicht-Seite: Empfehlenswerte Software

Der Unkundigen erscheinen Logik wie Handhabung von Software mitunter als Alptraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Völlig zurecht, wie ich als Halbkundiger erfahren musste.

Seit 2017 blogge ich über meine Erfahrungen mit freier Software für mehr oder minder allgemeine Zwecke. Manchmal war da natürlich auch Müll dabei. Manchmal aber auch wahre Perlen. Letztere habe ich jetzt zwecks praktischerem Zugriff hier auf einer neuen Seite zusammengefasst. Die Seite findet sich ab sofort auch unter „Service“ im Hauptmenü oben und wird von Zeit zu Zeit aktualisiert.

Mit der stillen Hoffnung, die Welt damit ein bißchen (B. Meinunger) verbessert zu haben verbleibe ich als euer

Blogbetreiber

Toby Shorin über Künstliche Intelligenz und das Bedürfnis nach Magie

This view of full automation helps explain … the popular revival of magic. […] The assumption therein is that magic will help people gain control over the world. But this “control” is, in most cases, an abdication of control, a subordination of human control to a higher cosmic logic.

Toby Shorin: The Desire for Full Automation | subpixel.space 2019-07-09

Soziodigitalisierung und kulturelle Hyperstabilität

music cultures

1945-1983: Jeder kennt Rock ’n’ Roll… Die Mittelschicht wird allmählich vermögender (man beachte aber auch die lokale Depression vor Erfindung der Pille) und der Reihe nach erblühen musikalische Popkulturen, die zumindest dem Namen nach den meisten Menschen bis heute etwas sagen.
1984-heute: …aber was zum Teufel ist Dubstep? Die Mittelschicht verarmt rasch, während die von zahlenmäßig immer kleineren Bevölkerungskohorten (Generationen X, Y, und Z) getragenen musikalischen Popkulturen hypertrophieren und sich schlussendlich gegenseitig neutralisieren.
Quelle (Ausgangsgrafik vom Blogbetreiber stark bearbeitet)

1 Die Retro-Schleife
2 Zum Beispiel Post-Punk
3 Die Abschaffung der Langeweile
4 Musikalische Popkultur 2019
5 Kulturelle Hyperstabilität als Nebeneffekt der Soziodigitalisierung
6 Lob der Grille

*

1 Die Retro-Schleife

Etwas stimmt nicht. Fast immer, wenn ich Omnibus fahre, hören die FahrerInnen Popsongs meiner Adoleszenz im Privatradio, das ja bekanntlich keinen Bildungsauftrag hat, sondern nur spielt, was die HörerInnen wirklich wollen. Sie wollen also Phil Collins, Wham!, Tina Turner. Ich wähne mich im falschen Film, gefangen in einer längst vergangenen Zeit inkl. der damit verbundenen Erinnerungen, Assoziationen, Gefühle etc. Aber außer mir scheint das niemand so zu empfinden. Frage ich nach, bekomme ich Antworten wie „Na ja, heute gibt es ja keine Musik mehr, oder?“, was mein Unbehagen ins nahezu Unerträgliche steigert, denn das ist ja ganz offenbar totaler Schwachsinn.

Seit 40 Jahren sind wir nun schon technologischen Innovationen ausgesetzt, die unseren Alltag komplett verändert haben. Die Antwort des Busfahrers darauf lautet Phil Collins. Sind also BusfahrerInnen kollektiv aus der Zeit gefallen? Wählen sie deshalb AfD bzw. wählen sie gar nicht mehr? Oder bin ich es, der nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist, weil er es sich in seiner blogosphärischen Generation X-Filterblase allzu bequem gemacht hat und kulturell entfremdet auf den Rest der Welt herabsieht?

Technologische Innovationen oder meinetwegen sogar Revolutionen waren immer, da sind sich die GelehrtInnen sogar einig, „Katalysator“ (H. Lehmann über den Zusammenhang von Digitalisierung und Konzeptmusik) ebensolcher Vorgänge auf soziokulturellem Gebiet. Selbst der erzkonservativste Historiker würde nicht bestreiten, dass die Musik der Klassischen Moderne ohne vorhergehenden Siegeszug von Web- und Dampfmaschine ganz anders klingen würde. Wieso also kann es sein, frage ich mich, dass die Antwort auf 40 Jahre technologische Innovation für viele Menschen Phil Collins lautet? Etwas stimmt ganz und gar nicht.

*

2 Zum Beispiel Post-Punk

Ich wurde geprägt durch eine Zeit, in der Musik emanzipatorische Kraft entfaltete, die das Leben verändern konnte. Allein durch das Hören bestimmter Musik eröffneten sich mir emotionale, sinnliche und geistige Möglichkeitsräume, die ich anders nie hätte betreten können, denn die Kultur, in der ich aufgewachsen war, wusste nichts von ihnen.

Und tatsächlich hatte ich damals, in den Achtzigerjahren, den Eindruck, dass bsp.weise die Musik, die man heute Post-Punk nennt, dringend notwendige, aber durch allgemeine Trägheit bisher blockierte gesellschaftliche Veränderungen derart exakt adressierte, dass es zum Heulen war. Die besten Stücke demonstrierten drastisch und nicht selten sarkastisch, dass und warum es so nicht mehr weitergehen konnte.

Post-Punk war dabei nur das neueste Update einer ganzen Reihe musikalischer Popkulturen, über die man sich im 20. Jahrhundert als Jugendliche via Affirmation oder Ablehnung identifizieren konnte. So entstand ein soziokultureller Horizont, vor dem sich der Rest der Welt abspielte. Mit dem public intellectual Diedrich Diederichsen als Gewährsmann fasste auch ich „Punk“ als geradezu – bitte jetzt nicht lachen, wir waren jung und naiv – archimedischen kulturgeschichtlichen Punkt auf, der für historische Orientierung sorgte. „Punk“ war dabei eine Chiffre, die nicht viel mit der gleichnamigen musikalischen Popkultur zu tun haben musste, denn Punk als Musik habe ich praktisch nie gehört.

Hatte man dieses Narrativ erst einmal verinnerlicht, ließ sich auf einen Schlag eine Unmasse soziokultureller Einzelphänomene sortieren. In diesem Sinn fungierte Post-Punk wie eine Ideologie: Mithilfe einer neuen basalen Unterscheidung („vor Punk“ / „nach Punk“) eröffnete sich plötzliche eine neue Weltsicht aus der Nische. Wo vorher chaotisch-widersprüchliche Mannigfaltigkeiten das Hirn vernebelten, sortierten sich die Dinge nun quasi von selber. Vermutlich gefiel mir diese Operation auch wg. ihrer enormen intellektuellen Effizienz – die man mit Fug und Recht allerdings auch einfach Arroganz nennen könnte.

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3 Die Abschaffung der Langeweile

Heute befriedigen auf immer subtilere und diskretere Weise allgegenwärtige algorithmische Wunscherfüllungsmaschinen wie das Smartphone oder das Tablet ebenso virtuos wie variantenreich unsere weiterhin nicht stillzustellende Sehnsucht nach dem Neuen. Musste Punk noch wohl oder übel lokal ausgebrütet (W. Gibson) werden, um als Heilmittel gegen unerträgliche provinzielle Langeweile wirksam werden zu können, haben wir heute eher Mühe damit, uns daran zu erinnern, was das eigentlich mal war: Langeweile.

Intuitiv dürfte den meisten Menschen zwar weiterhin klar sein, dass die komplette Abwesenheit von Langeweile ebenso ungesund sein kann wie ihre ständige penetrante Vorherrschaft. Und doch gibt es heute kaum ein größeres Tabu 1 , als das Empfinden von oder auch nur die Sehnsucht nach Langeweile zur Sprache zu bringen.

Ich spreche hier weder von der Sehnsucht, einfach mal nichts zu tun, noch von der Sehnsucht, mal eine Weile „aus allem auszusteigen“, sondern von der Sehnsucht nach echtem Leerlauf, der einem sogar auf den Geist gehen mag. Wer aber so empfindet, ist einfach eine Verliererin, die es nicht gecheckt hat, dass man sich zeit seines Lebens auf den Hosenboden setzen und hart arbeiten (D. Trump) muss, um im „Ausscheidungskampf“ (N. Elias) des Lebens bestehen zu können.

Ohne quälend empfundene Leere aber keine diffuse Sehnsucht nach dem Unbekannten. Und ohne diffuse Sehnsucht nach dem Unbekannten kein kreatives Handeln, das sich nicht bereits in der Generierung von Wellnessempfindungen, der Optimierung von Arbeitsabläufen, „Hausfrauenkreativität“ (R. Schuster) oder gar, äh, „Selbstverwirklichung“ 2  erschöpft.

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4 Musikalische Popkultur 2019

Die feuilletonseitig einst gerne als Symptom von Bildungsferne und Oberflächlichkeit belächelte Option, das Werden und Vergehen von Popkulturen als historischen Horizont ernst zu nehmen, scheint, wie obenstehende Grafik zu zeigen versucht, spätestens seit Beginn des dritten Jahrtausends nicht mehr zu existieren. Dieser Horizont ist weggewischt. Es gibt heute zwar musikalische Popkulturen wie Sand am Meer, aber sie scheinen keine soziokulturelle Prägekraft mehr zu haben. Vor allem dienen musikalische Popkulturen längst nicht mehr der Solidarisierung, sondern der Abgrenzung. Popmusik wird gehört wie eh und je, aber dass ein Song oder gar eine Sammlung von Songs (einst „Album“ genannt) gesellschaftliche Desiderate artikulieren könnte, die über die Abfackelung individueller SorgenFreudenNöteEuphorienÄngste hinausgehen, dieser Gedanke mutet 2019 abwegig an.

Waren musikalische Popkulturen im 20. Jahrhundert stets agonal, d. h. für oder gegen etwas, mutet die heutige Situation eher wie ein „befriedeter Raum“ im Sinne von Norbert Elias an: Popmusik artikuliert zwar weiterhin soziale Missstände (vgl. HipHop) oder negative Emotionen, die sogar beliebig extrem sein können (vgl. diverse Spielarten von Metal), aber angesichts der Atomisierung der zugehörigen Szenen verpuffen diese ebenso legitimen wie zeitlosen postadoleszenten Aufschreie / Empörungen / Rebellionen zuverlässig in der Tiefe des granular segregierten soziokulturellen Raumes. Den Rest regelt bzw. erledigt die weiterhin neoliberal geprägte Ökonomie. Unterm Strich passiert – nichts.

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5 Kulturelle Hyperstabilität als Nebeneffekt der Soziodigitalisierung

Einen ersten Vorgeschmack davon, was kulturelle Hyperstabilität sein könnte, lieferten die französischen Intellektuellen Baudrillard und Virilio bereits in den frühen 1980er-Jahren mit heute zu Unrecht vergessenen Begriffen wie Hyperrealität bzw. Dromologie. Damals nannte man das putzigerweise „Postmoderne“ oder auch, vornehmer, weil französischer, Posthistoire. Die Digitalisierung, die damals erst in den Anfängen war, hatte man dabei noch nicht auf dem Atari-Schirm, es ging um die Rolle der guten alten Massenmedien. Tempi passati.

Die Digitalisierung, so meine These, hat den Wärmetod popmusikalischer Innovation (mach ruhig was du willst, es hat sowieso keine Bedeutung) nachhaltig beschleunigt. Dass die technologischen Innovationen der letzten 40 Jahre auf Kosten popmusikalischer Innovationen gehen würden, hatte jedoch vermutlich niemand im Silicon Valley jemals beabsichtigt. Es handelt sich also um einen klassischen Nebeneffekt.

Die KalifornierInnen haben gegen ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen gehandelt, denn mit was machte man mehr Kohle als mit popmusikalischer Innovation, die ja niemals isoliert daherkommt, sondern immer Teil bzw. Ausdruck eines spezifischen, d. h. so-noch-nie-dagewesenen-und-genau-so-niemals-wiederkehrenden, äh, Lebensgefühls sind, welches dann auch entsprechende Fernsehserien, ensprechende Kleidungsstile, entsprechende Computergames, entsprechende Drogen etc. hervorbringen muss? Weswegen sie auch in tiefer Verzweiflung ständig versuchen, diesen Motor mit der einzigen ihnen zur Verfügung stehenden Methode, dem Algorithmus bzw. der KI, wieder in Gang zu bringen. Allein, es gelingt nicht.

Was mir, ich gestehe es freimütig, ständigen Anlass zur Beruhigung gibt.

 

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6 Lob der Grille

Leider ist der an sich sehr adäquate Begriff Kreativität im Lauf der letzten 40 Jahre derart von neoliberalen Kräften usurpiert worden, das er schon fast als Synonym von Kohle machen durchgeht. Der Kreative ist demzufolge jemand, der Chancen bzw. Märkte erkennt oder erfindet, um Geld zu verdienen, Punkt.

Kreativität kann aber auch bedeuten, Dinge zu amalgamieren, die nicht zusammengehören, weil sie eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Die kognitive Instanz, die Derartiges bewerkstelligen kann, nennt man allgemein Intuition oder Fantasie. Man kann aber auch Laune, Spleen, Spielerei, Fimmel, Tick, kindischer Einfall, Schrulle, fixe Idee, Lust, Spinnerei, Marotte oder Grille (Jean Paul, E. T. A. Hoffmann) dazu sagen.

Die Grille hat kein Interesse an der Optimierung von Arbeitsabläufen, sie will einfach nur ein Geräusch machen. Daran erschöpft sich der Zweck ihrer Existenz. Dafür aber hat die Kreative im o. g. Sinn buchstäblich keinen Sinn bzw. keine Sinne. Es erscheint ihr als verschwendete Zeit, die man besser mit dringend notwendiger harter Arbeit (D. Trump) gefüllt hätte, um etwas aus sich zu machen.

Cecil Taylor, einer der grillenhaftesten Musiker der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, sah sich einmal mit der Feststellung konfrontiert, im Grund sei er ja ebenso diszipliniert wie ein klassischer Konzertpianist, er übe schließlich täglich mehrere Stunden. Taylor daraufhin: „Discipline? – No!“ Er habe lediglich das Bedürfnis, jeden Tag mehrere Stunden Klavier zu spielen.

Taylor hatte zweifellos ständig ganze Heerscharen von Grillen im Kopf, die nach Ausdruck drängten. Aber er wollte sie eben nur rauslassen, das war alles. Als er gefragt wurde, warum er sich nicht einmal die Aufnahmen seiner zahllosen Performances anhöre, sagte er: „I know what happened.“ Eine härtere Opposition zum Konzept harter Arbeit (D. Trump) erscheint kaum möglich.

Aber – gut, zugegeben – niemand von uns ist so irre wie Cecil Taylor, es waren die 1960er-Jahre etc. Normale Menschen wie ich und du werden ihre überschaubar vielen Grillen dann doch zumindest gelegentlich mit harter Arbeit (D. Trump) päppeln müssen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass uns nur die Grille vor dem Infinite Jest (DF Wallace) kultureller Hyperstabilisierung retten kann. Lauscht auf ihr Zirpen, und sei es auch noch so zart! Und wer mal wieder nichts oder fast nichts hört, möge sich einstweilen mit Jean Paul’scher Weisheit trösten:

Grillen sind indes schwerer zu vertreiben als Schmerzen; diese sterben an der Zeit, jene wachsen an ihr. [Quelle]

 


 

1 Mir fällt gerade nur ein noch größeres Tabu ein: Jemandem kategorisch das Recht abzusprechen, weiter Konsument sein zu dürfen. Das dürfte fast allen Menschen in entwickelten Ländern nicht nur die Zornesröte ins Gesicht treiben, sondern auch den Wunsch befördern, die Urheberin eines solchen Dekrets unverzüglich unschädlich zu machen.

 

2 Grund für die Unsterblichkeit oder, besser, Untotheit, dieses monströsen Begriffs ist, dass niemand jemals in der Lage war, ihn semantisch dingfest zu machen. Will sagen, weder ist es möglich, ohne weltanschauliche Prämissen zu beweisen, dass so etwas wie Selbstverwirklichung existiert, noch ist es möglich, ihre Nichtexistenz zu beweisen. Ein Ausweg aus dieser Sackgasse bietet m. E. einzig eine agnostische Haltung, die den Vorteil hat, dann sowohl Verfechterinnen (progressive Personen) wie Leugner (konservative Personen) der Selbstverwirklichung gegen sich aufbringen zu können.