Norbert Elias 2 von 2: Prozesssoziologie für das 21. Jahrhundert

Wie angekündigt nun also einige Anwendungen Elias’scher Erklärungsmodelle auf Phänomene der Jetztzeit. Das wird unangenehm – Triggerwarnung: verwilderte Tischsitten, Sexismus, Rassismus –, aber da müssen wir jetzt durch, FreundInnen der Weltsicht:

1 Auslachfernsehen
2 Maskulismus
3 Rechtsintellektualismus

Wenn euch weitere Beispiele einfallen, nur zu, genau dafür besitzen Blogartikel die Möglichkeit, zu kommentieren.

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1 Auslachfernsehen

Sich öffentlich entzivilisierende Frauen im privaten deutschsprachigen Auslachfernsehen

Bei Elias‘ Thematisierung von Scham- und Peinlichkeitsschwellen muss ich stets an das Phänomen „Dschungelcamp“ denken sowie die Tatsache, dass es mir höchst unangenehm ist, derartige Dinge anzusehen, während sich andere offenbar ohne Reue daran ergötzen können. Das hat einen ganz einfachen Grund: Ich bin kaum in der Lage, Schadenfreude zu empfinden, wenn ich anderen Menschen beim Blamieren bzw. Scheitern bzw. beim Sich-Überwinden zusehen muss. Ich kann mir gut vorstellen, was Schadenfreude ist, aber bei mir stehen bei Beobachtung solcher Situationen stets andere Emotionen wie Entsetzen, Mitleid, Ekel, Furcht oder häufig auch Wut („Was für eine Idiotin, sich ohne Not in diese Lage zu bringen!“) im Vordergrund. Ich sage das nicht, um virtue signalling zu betreiben und es macht mich in keinster Weise schon zu einem besseren Menschen, nur weil ich praktisch keine Schadenfreude empfinden kann. Auch habe ich von dieser Unfähigkeit keine gesellschaftlichen Vorteile, im Gegenteil, sie schließt mich von sehr vielen kollektiven Vergnügungen (Besuch von Boxkämpfen, Wrestling-Veranstaltungen etc.) aus, was ich lange Jahre als persönliches Defizit empfunden habe, heute allerdings nicht mehr.

In Elias‘ Terminologie formuliert, erschafft das „Dschungelcamp“ eine Gesellschaft mit extrem verkürzten Interdependenzketten und einem entsprechend geringeren Erfordernis von Selbstkontrolle. Scham- und Peinlichkeitsschwelle sinken beträchtlich ab, während die Impulsivität der Beteiligten von der Kette gelassen wird. Die Tischsitten vergröbern sich, Sexualität und Gewalt werden weniger verborgen ausgelebt als gemeinhin üblich, die Tabuisierung des Abjekten lockert sich. Dennoch, zu behaupten, dies sei doch viel ehrlicher und deshalb besser als die sonst übliche Verlogenheit in der Gesellschaft wird nur, wer noch nie ernsthaft köperlich misshandelt oder gar vergewaltigt wurde. Aber genau das trifft ja heutzutage im Durchschnitt für mehr Menschen zu, als dies vermutlich jemals der Fall war. Und so erklärt sich die Popularität des Zivilisationslabors Dschungelcamp vor allem bei Menschen mittleren und jüngeren Alters ohne (unfreiwillige) Gewalterfahrung. Die inszenierte Umkehrung der Richtung des Prozesses der Zivilisation – wer die Selbstkontrolle aufrechterhält, unterliegt im Ausscheidungskampf – wird von ihnen als unterhaltsam empfunden, weil sie ihnen in der Realität niemals begegnet ist. Das Dschungelcamp simuliert einen die eingezwängte Einzelne entlastenden Entzivilisierungsschub, wie ihn während der Nachkriegszeit vermutlich nur Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater, die Schlammbäder von Woodstock oder das Oktoberfest leisten konnten.

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2 Maskulismus

Psychologisierung? Rationalisierung? Befriedete Räume? Bushido ist komplett gestresst von der Länge heutiger Interdependenzketten

„Befriedete Räume“ (Elias) haben sich sehr stark ausgeweitet. So werden bsp.weise früher ignorierte Mikroaggressionen nun thematisiert oder bisher als geringfügig geltende sexuelle Belästigungen strikt geahndet. Die allgemeine Einübung der Menschen in „beständiges und genau geregeltes An-sich-halten“ (Elias) scheint vor allem seit den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts deutlich an Fahrt aufgenommen zu haben.

Die aus biologischer Notwendigkeit heraus aggressiveren Männer haben das je nach individueller Veranlagung als mehr oder minder beeinträchtigende Zunahme von Zwang und Unfreiheit wahrgenommen. Der diffuse, aber globale und chronische Trend zu maskulistischen Verhaltensweisen ist eine zwar primitive und durch und durch reaktionäre, aber nicht zu ignorierende, weil auf globalem Level erlebbare, Antwort auf diese Ausweitung.

Dazu zähle ich bsp.weise die nicht selten absurd übersteigerte Brutalität vieler vor allem von Jungs bevorzugter populärer Computerspiele, Gangsta-Rap, Pickup artists oder auch den flächendeckenden Zynismus der ebenfalls extrem jungslastigen globalen Nerd-Kultur, von bereits älteren, aber andauernden Phänomenen wie Risikosport, dem Action-Film oder frauenfeindlicher Pornografie ganz zu schweigen. Weiterhin fällt die gar nicht so seltene freiwillige Unterwerfung komplett westlich sozialisierter Männer unter autoritäre archaische Religionen (islamischer Fundamentalismus, evangelikales Christentum) oder futuristische Sekten (Scientology, Raelismus) ins Auge.

Maskulismus kann demzufolge prozesssoziologisch ebenfalls als vor allem den Einzelnen entlastendes Entzivilisierungsphänomen beschrieben werden. In einer immer granularer verwaltbareren Welt inkl. political correctness und emanzipierten Frauen werden traditionelle männliche Fähigkeiten und Bedürfnisse wie etwa aggressive Revierverteidigung, das leidenschaftliche Jagen und Töten von Beutetieren und Feinden der eigenen Familie, Herrschen durch Muskelkraft und Promiskuität nicht nur nicht mehr gebraucht, sie stellen ein Problem dar. Dabei ist der Hauptgegner des Maskulisten gar nicht so sehr die emanzipierte Frau, sondern die Allgegenwart granular befriedeter Räume, die unablässig zum An-sich-halten gemahnen. Denn jede Verletzung dieser Räume macht den Maskulisten unweigerlich zum Verlierer im Ausscheidungskampf und das kann ein Mann bekanntlich am wenigsten ertragen.

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3 Rechtsintellektualismus

Im virtuellen Dialog: Die Rechtsintellektuellen Jünger (li) und Kubitschek (re) [Bildmontage SH]
Was den Rechtsintellektuellen mit dem Maskulisten verbindet, ist sein Hass auf befriedete Räume, aber im Gegensatz zum Maskulisten macht er sich nicht gerne die Hände schmutzig. Maskulistische Grobmotoriker, die der feinsinnige Rechtsintellektuelle im Grunde seines Herzens verachtet – wie etwa Teile der späteren NS-Elite die SA verachtete und deren homosexuellen Gründer Ernst Röhm folgerichtig ermorden ließen –, dürfen ihm aber durchaus gerne als nützliche Idioten bzw. willige Vollstrecker seines Masterplans dienen.

Rechtsintellektualismus ist eine contradictio in adjecto, also ein in sich widersprüchlicher Ausdruck wie „rötliches Grün“, denn der Rechte betrachtet sich eigentlich als natürlichen Feind jeglichen kritischen Denkens, welches ihm stets Symptom von Anomie ist. Gesellschaftskritiker stehen bei ihm im Generalverdacht, lediglich Kritikaster, also substanzlose und eitle Nörgler, zu sein. Es müssen also schon besondere Verhältnisse vorliegen, wenn sich Rechte dezidiert als public intellectuals und damit als Gesellschaftskritker von rechts inszenieren – und zudem damit Erfolg haben.

Ob vor 1900 auch schon rechtsintellektuelle Bewegungen reüssierten, habe ich nicht recherchiert, aber im 20. Jahrhundert gab es definitiv die Konservative Revolution, deren bis heute prominentester Vertreter der Schriftsteller und selbsternannte Anarch Ernst Jünger gewesen sein dürfte. Sein Analogon in der Gegenwart ist der Verleger Götz Kubitschek mit seinem Antaios Verlag. 1 

Ein Topos des Action-Films der „Rambo“-Tradition ist die Unfähigkeit von Apparatschiks, angesichts einer Notlage sofort die für jedermann offensichtlich erforderlichen Gegenmaßnahmen einzuleiten. Dabei, so das Narrativ, können die BürokratInnen nicht etwa nicht handeln, weil sie nicht wollen, sondern weil das verrottete System sie daran hindert. Also sieht sich der Anarch, der seinen gesunden Menschenverstand noch nicht verloren hat, seinerseits gezwungen, zu handeln – was ihn vom Anarchisten, der einfach nur Chaos um des Chaos‘ Willen will, unterscheidet. Der Anarch sieht sich in der Verantwortung, seine Motivation ist eine intrinsische. Letztlich will er die Dinge wieder ins Gleichgewicht bringen. Er meint es nur gut. Er ist kein Revoluzzer, sondern ein rötlich-grüner Revolutionär wider Willen.

Folgt man der Logik von Elias, liegen die zivilisatorischen Ursachen des Rechtsintellektualismus klar auf der Hand: Sowohl das frühe wie das späte 20. Jahrhundert waren von substanziellen Zivilisierungsschüben geprägt, die jeweils ein rapides Ansteigen gesellschaftlicher Scham- und Peinlichkeitsschwellen zur Folge hatten. Insbesondere politisch wie kulturell konservative und traditionsgebundene Individuen fühlen deshalb zunehmendes Unbehagen in der Kultur und suchen immer verzweifelter nach einer Gegenwelt, die von den neuartigen gesellschaftlichen Zwängen und der verhassten Notwendigkeit des permanenten An-Sich-Haltens mehr oder minder frei ist. Bei Jünger, Soldat im Ersten Weltkrieg, wie Kubitschek, Soldat im Jugoslawienkrieg, ist dies die Welt des Krieges, der so quasi zum Dschungelcamp des Rechtintellektualismus avanciert.

Das klingt lustiger, als es gemeint ist. Denn in Krieg wie Dschungelcamp hat sich die Richtung des Zivilisierungsprozesses umgekehrt (siehe Abschnitt 1), zur Rück- und Umsicht gemahnende Interdependenzketten erscheinen verkürzt oder unterbrochen, es herrschen Plötzlichkeit (KH Bohrer) und allgemeiner Vertrauensverlust, so dass Formen deliberativ legitimierter Gewaltausübung tendenziell zu umständlich, zu langwierig und der Dringlichkeit der Lage nicht angemessen erscheinen.

Anti-deliberatives NS-Hassplakat, fotografiert 2014 im Museum Peenemünde (MeckPomm) vom Blogbetreiber

Folglich sieht es der Rechtsintellektuelle als eine seiner Hauptaufgaben an, die aktuelle soziale Situation als akute Notlage zu beschreiben. Er ist der geborene Alarmist. Denn wie jeder weiß, erfordern außergewöhnliche Situationen ansonsten verbotene Gegenmaßnahmen, was natürlich vor allem die Anwendung von Gewalt meint.

Bei Jünger, Kubitschek sowie den Philosophen Carl Schmitt und auch Martin Heidegger 2  kommt diese krude Hintergrunderzählung allerdings oft derartig verklausuliert und verschleiert daher, dass man, von der intellektuellen Brillianz dieser Autoren geblendet, nicht wirklich mitbekommt, auf was das ganze Argumentieren eigentlich herausläuft. Aber ganz am Ende – so meine Erfahrung – steht immer die gleiche Mär: Wir fühlen uns von der Dekadenz einer Zuvielisation in vollkommen unerträglicher Art und Weise gedemütigt, geknechtet und moralisch beschmutzt, also lasst uns lustvoll ins reinigende Stahlgewitter (Jünger) des Krieges eintauchen, der bekanntlich Vater aller Dinge (der Vorsokratiker Heraklit) ist und so neue Kraft gewinnen. Wir sind alles andere als Apokalyptiker und Gewaltverherrlicher, wir tun lediglich das historisch Notwendige. Lasst uns zerstören, um aufzubauen!

Oder, mit Elias formuliert, lasst uns subtile Innenzwänge durch grobe Außenzwänge ersetzen, damit wir uns ohne schlechtes Gewissen jeglicher Scham und Peinlichkeit entledigen können. Mit anderen Worten, lasst uns eigentümlich frei werden.


 

1 Es geht hier um eine figurative Analogie, nicht um einen literarischen Vergleich.

 

2 Heideggers Existenzialontologie enthält bei aller Apotheose vorsokratischer bzw. quasi-buddhistischer Beschaulichkeit deutliche, wenn auch sorgfältig kaschierte Züge von Zivilisationsekel bzw. -überdruss. Es ist aber nach meinem Kenntnisstand keine Philosophie, aus der eine Rechtfertigung entzivilisierender Gewalt direkt ableitbar wäre.

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Norbert Elias 1 von 2: Ent/Zivilisierung als Prozess

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Norbert Elias 1 von 2: Ent/Zivilisierung als Prozess

Systemtheoretisch inspirierte Soziologie à la manière de Luhmann kenne ich ad nauseam, aber von Prozesssoziologie hatte ich nie gehört. Dabei wurde ihr Erfinder und bekanntester Verfechter Norbert Elias zeit seines langes Lebens nicht müde, um sie zu werben, sie zu verteidigen und immer weiter zu verfeinern.

Vielleicht liegt es daran, dass „Über den Prozess der Zivilisation“, das Hauptwerk des Breslauer Juden,  ausgerechnet 1939 erschien. Ungünstiger Zeitpunkt irgendwie. Hat sich im Nachhinein evtl. nachteilig auf die Rezeption ausgewirkt. Kann sein. Wirklich.

Ein kurzer Ab-, Auf- und Umriss von Elias‘ Denken kann da nicht schaden. Ich habe mich dabei am entsprechenden Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia orientiert. Mein Text gliedert sich in fünf Abschnitte, vier referierende und einen reflektierenden:

1 Zwang
2 Selbstkontrolle
3 Die Zivilisierung und ihre Umkehrung
4 Figurationen
5 Plädoyer für Prozesssoziologie

Kommenden Sonntag werde ich dann Elias‘ Gedanken auf einige Phänomene der Gegenwart anwenden.

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1 Zwang

Zivilisatorische Dynamik entsteht durch den Wandel von Gesellschafts- wie Persönlichkeitsstrukturen. Ersteres nennt Elias Soziogenese, zweiteres Psychogenese. Was die Soziogenese betrifft, hat er sich an Marx (und meiner Meinung nach auch ein wenig an Darwin) angelehnt, was die Psychogenese betrifft, an Freud. Die Soziogenese ist der Psychogenese vorgelagert (Hier musste ich sofort an Marxens „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ denken.).

Unter Soziogenese versteht Elias die Summe aller Integrations- und Differenzierungsprozesse auf demografischer, politischer, sozialer und ökonomischer Ebene, also den Prozess der Staatenbildung im weitesten Sinn. Soziogenetische Faktoren sind bsp.weise technischer Fortschritt, gesellschaftliche Differenzierung sowie der „Ausscheidungskampf“ (Elias) zwischen Menschen und Menschengruppen, die – neben manch Anderem – die Einrichtung des staatlichen Steuermonopols sowie die Entstehung der Geldwirtschaft notwendig machten.

Dabei kommt es bei zunehmender Zivilisierung zu einer Macht-Enteignung des Einzelnen bei gleichzeitig zunehmender Monopolisierung der Macht in den Händen weniger. Diese führt letztlich zur Entstehung befriedeter Räume, die zwar Planungssicherheit für Staat und Wirtschaft bieten, von ihnen geht aber auch ein ständiger Anpassungsdruck aus, der „den Einzelnen von klein auf an ein beständiges und genau geregeltes An-sich-halten gewöhnt …“ (Bd. II, S. 320)

Ein Beispiel für einen soziogenetischen Prozess wäre etwa die Ablösung der feudalen Machtstrukturen des Mittelalters durch die zunehmende Monopolisierung von Machtmitteln in der Neuzeit, was schließlich zur Vergesellschaftung von Machtmonopolen in kommunistischen bzw., wenn auch in geringerem Maße, sozialdemokratischen Gesellschaften führen sollte.

Unter Psychogenese versteht Elias die Veränderung von menschlichem Verhalten sowie menschlichen Affekten und Empfindungen als Teil des Zivilisationsprozesses. Es stellt sich für ihn stets die eine Frage: Wie werden Individuen den Anforderungen, die die Gesellschaft an sie stellt, gerecht?

Im Rahmen der Zivilisierung werden Außenzwänge (Fremdkontrolle) in Innenzwänge (Selbstkontrolle) transformiert. Im Verlauf der abendländischen Geschichte kam es zu einer „Veränderung des Verhaltens im Sinne einer immer differenzierteren Regelung der gesamten psychischen Apparatur.“ (Bd. II, S. 322) Diese Regelung erschien dem Einzelnen aber „als Selbstzwang, dessen er sich nicht erwehren kann, selbst wenn er es in seinem Bewusstein will.“ (ebda.), denn soziogenetische Innovationen haben die Tendenz, sich in der Psychogenese des Einzelnen zu reproduzieren:

Die eigentümliche Stabilität der psychischen Selbstzwang-Apparatur, …, steht mit der Ausbildung von Monopolinstitutionen der körperlichen Gewalt und mit der wachsenden Stabilität der gesellschaftlichen Zentralorgane in engstem Zusammenhang. (ebda.)

Der Wandel von Umgangsformen bsp.weise ist Teil der Psychogenese. Während im Mittelalter courtoisie (Ritterlichkeit) die Dinge regelte, wurde dies im bürgerlichen Zeitalter von der civilité (Gesittung) geleistet, die wiederum seit der Moderne von der civilisation (Zivilisiertheit) abgelöst wurde. Hinter diesen abstrakt anmutenden Begriffen standen bzw. stehen jeweils sehr konkrete Vorstellungen, wie man sich „richtig“ zu verhalten habe.

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2 Selbstkontrolle

Psycho- und Soziogenese sind durch Interdependenzketten, d. h. die Tatsache gegenseitiger Abhängigkeit der Menschen, miteinander verbunden. Je länger die Interdependenzkette, in die Menschen eingebunden sind, desto wichtiger wird ihre Fähigkeit zur Selbstkontrolle, worunter Elias das Vermögen versteht, den Einfluss spontaner emotionaler Impulse auf das Handeln aufgrund eines vorhergehenden Überdenkens ihrer Wirkungen und Rückwirkungen zurückzuhalten.

Wer sich nicht selbst in zeitgemäßer Art und Weise kontrollieren kann, unterliegt im Ausscheidungskampf. Die relative Stärke oder Schwäche des gesellschaftlichen Über-Ichs spiegelt sich in dessen mehr oder weniger dominierender Rolle in der individuellen Persönlichkeit. Nimmt die Selbstkontrolle zu, hat das gravierende kognitive Konsequenzen für das Individuum:

  • Erhöhung der Schamschwelle Immer mehr eigene Handlungen sind angstbesetzt.
  • Erhöhung der Peinlichkeitsschwelle (heute eher als „Fremdschämen“ geläufig) Immer mehr Handlungen anderer sind angstbesetzt.
  • Psychologisierung Die Fähigkeit, Vorgänge innerhalb anderer Menschen zu verstehen, steigert sich.
  • Rationalisierung Die Fähigkeit, die Folgen der eigenen Handlung langfristig vorauszuberechnen, steigert sich.

Ein solcherart selbstkontrolliertes Individuum verändert sein Verhalten:

  • Die Gewaltbereitschaft gegenüber Mitgliedern der eigenen Gruppe/Gesellschaft nimmt ab.
  • Sexualität wird zunehmend tabuisiert.
  • Die Tischsitten verfeinern sich.
  • Menschliche Ausscheidungen (Kot, Urin) werden zunehmend tabuisiert.

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3 Die Zivilisierung und ihre Umkehrung

Der Prozess der Zivilisation ist für Elias weder unidirektional noch irreversibel. Entzivilisierungsschübe sind immer möglich. Sie stellen nicht den Prozess der Zivilisation und seine Figurationen in Frage, aber sie kehren seine Richtung um: Innenzwänge (Selbstkontrolle) werden durch Außenzwänge (Fremdkontrolle) ersetzt.

So erklärt sich bsp.weise das mich immer wieder tief verstörende Phänomen, dass die Errichtung eines gewaltbasierten Zwangssystems von nicht wenigen Menschen als Befreiung beschrieben und erlebt wird, denn Psychologisierung und Rationalisierung im Elias’schen Sinn (siehe Abschnitt 2) werden in diesem Fall zu wenig erstrebenswerten, wenn nicht gar verzichtbaren Tugenden, während Scham- und Peinlichkeitsschwelle ins Bodenlose herabsinken. Die/der bisher zivilisatorisch eingezwängte Einzelne – vorausgesetzt freilich, sie/er gehört nicht zu den Feinden des Volkes – entlastet und entspannt sich in der Entzivilisierung und kann endlich wieder genießen, z. B. indem er schadenfroh dem Untergang der Feinde des Volkes zuschaut. Einige Beispiele hierfür kommenden Sonntag.

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4 Figurationen

Der Prozess der Zivilisation hat zwar immer eine Richtung, folgt aber keinem Masterplan. Was es jedoch sehr wohl gibt, so Elias, sind Figurationen, worunter er eine fundamentale dynamische Verflechtungsordnung versteht, die den Gang des geschichtlichen Wandels bestimmt. Die operative Basis jeglicher Figuration ist simpel:

Pläne und Handlungen, emotionale und rationale Regungen der einzelnen Menschen greifen beständig freundlich oder feindlich ineinander. (Bd. II, S. 312)

Die Figuration ist also weder zufällig bzw. chaotisch oder irrational, noch ist sie geplant oder vorherbestimmt:

„Zivilisation“ [ist] ebenso wenig wie die „Rationalisierung“ ein Produkt der menschlichen „Ratio“ und Resultat einer auf weite Sicht hin berechneten Planung. (Bd. II, S. 312)

Nichts und niemand hienieden, nicht einmal die Prozesssoziologie, ist also in der Lage, die Eigengesetzlichkeit der Figuration zu erkennen:

[Der Prozess der Zivilisation] wird blind in Gang gesetzt und in Gang gehalten durch die Eigendynamik eines Beziehungsgeflechts, … (Bd. II, S. 317)

Und das klingt m. E. eher nach Darwin als nach Marx, der der Evolution ja auch keinen Autor zuordnen konnte. Shit happens.

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5 Plädoyer für Prozesssoziologie

Vieles, was ich bisher dem Genius von Foucault (Sexualität!) und Luhmann (Komplexität!) zuschrieb, wusste Elias im Prinzip auch schon, wird mir klar. Er hatte vermutlich nur nicht das king size ego der Vorhergehenden und zudem, um ein bekanntes Diktum Helmut Kohls zu variieren, die „Ungnade früher Geburt“.

Faszinierend an seinem Theoriemodell erscheint mir vor allem dessen politische Uneindeutigkeit. Linken dürfte der materialistische und bis zu einem gewissen Grad klassenbewusste Einschlag gefallen, während Libertäre und Hemingway-Fans bei der These „Zivilisierung bedeutet Zwang und die Entmachtung des Einzelnen“ ins Schwärmen geraten dürften. Das Subversive an Elias‘ Modell ist, dass mit seiner Hilfe Auschwitz, Woodstock und das Dschungelcamp gleichermaßen als Entzivilisierungsschübe betrachtet werden können, ohne dabei ideologisch in trübe Gewässer geraten zu müssen. Die Linke betrachtet bsp.weise Woodstock, also „1968“, als emanzipatorisches Ereignis, die Rechte als Dekadenzphänomen. Prozesssoziologisch stellt Woodstock aber – so würde ich das im Sinne von Elias interpretieren – einen notwendigen Entzivilisierungsschub innerhalb einer übergreifend emanzipatorischen Figuration dar. Dass sich Linke und Rechte jemals auf eine solche Interpretation werden einigen können, glaube ich allerdings nicht.

Ein weiterer Vorteil der Prozesssoziologie ist ihre robuste Konstruktion bzw. Antifragilität, denn im Gegensatz zu Marxismus und Psychoanalyse lässt sie sich m. E. nicht zur monokausalen Verschwörungstheorie umfälschen. Während „radikale“ MarxistInnen wie „radikale“ AnhängerInnen der Psychoanalyse im Zweifel, d. h., wenn sie nicht mehr weiter wissen, immer die Möglichkeit haben, ihren Sündenbock zu finden – bei MarxistInnen ist es das Kapital, bei AnhängerInnen psychoanalytischer Welterklärungen das Begehren –, lassen Interdependenzketten und Figurationen eine solche Option per se nicht zu.

Elias‘ kühne Behauptung, die „Rationalisierung sei kein Produkt der menschlichen Ratio“ (siehe Abschnitt 3), hätten vermutlich weder Marx noch Freud akzeptiert, sie hätten sie vermutlich nicht einmal angemessen verstanden. Freilich will ich nicht behaupten, Marx und Freud seien schlichte Gemüter gewesen, aber bei beiden gibt es trotz aller hochentwickelten und -durchdachten Binnenkomplexität ihrer Weltsichten irgendwann dann doch, wenn auch manchmal gut versteckt, eine Letztbegründung, die nicht angerührt werden darf. Das sehe ich bei Elias‘ Ansatz nicht, ihm ist die „Eigendynamik von Beziehungsgeflechten“, also etwas, was am Ende marxistischer oder psychoanalytischer Gesellschaftsanalysen herauskommt, erst der Anfang der Theoriebildung. Das macht Norbert Elias zu einem intellektuellen Vorläufer systemtheoretisch inspirierter bzw. konstruktivistischer Soziologie.

Mit Hilfe seiner Figurationen versucht Elias zwar, seine Theorie so erklärungsmächtig wie möglich zu machen, aber ihm ist klar, dass seine Analyse niemals komplett sein kann. Nicht, weil das prinzipiell nicht möglich wäre, sondern aus Mangel an Ressourcen. Durch dieses an Spinozas klassischen Szientismus angelehnte Theoriedesign nimmt Elias erkenntnistheoretisch eine Position zwischen coolen postmodernen Skeptikern – Theoriebildung ist angesichts der Komplexität der Dinge grundsätzlich ein fragwürdiges Unterfangen geworden und das wird sich auch nie mehr ändern – und technokratisch konstruktivistischen Alleswissern wie etwa Bruno Latour – nur mit Hilfe von Theorie kann überhaupt gewusst werden, also ist alles, auch und gerad sog. „Fakten“, theory-laden – ein.

Aber ist Elias‘ Weigerung, einmal identifizierte Prozesse und Figurationen entweder systemisch zu integrieren (Luhmann) oder aber dem Schwarzen Loch des Begehrens zu übergeben (Foucault) seinem Forschungsgegenstand – immerhin der menschlichen Zivilisation – nicht sogar angemessener als der totalisierende Theoriestil seiner Nachfolger? Jedenfalls bewahrt sich seine Theorie auf diese Weise ihre offenen Fragen, ohne aber beliebig zu werden. Sie watet, um Thomas Bernhard zu variieren, „mit klarem Denken durch den Morast“. Eine Metapher übrigens, die angesichts der prominenten Rolle menschlicher Exkremente in der Prozesssoziologie oft gar keine ist.

Prozesssoziologie bietet eine Meta-Erzählung gesellschaftlicher Bewegungen an, die ein humanistisches 1  Zentrum behält. Denn hier haben weder das Begehren noch Systeme das letzte Wort, sondern Menschen. Auch, wenn die meist – trotz bester Informiertheit – nicht recht wissen, warum ihnen was wie geschieht. Und ist exakt das, also die Gleichzeitigkeit von bester Informiertheit und Blindheit in ein und demselben Individuum, etwa nicht die conditio humana unserer Zeit?


 

1 Alle coolen Theorie-Nerds bekommen angesichts des Begriffs „Humanismus“ jetzt bitte ihr „zuständiges Jaulen“ (DF Wallace). – – – Danke. Weitermachen.

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Norbert Elias 2 von 2: Prozesssoziologie für das 21. Jahrhundert

Was ADHS eigentlich ist

Die kluge Miri Mogilevsky
Vor mittlerweile über 10 Jahren hat ein Neurologe eine ADH-Störung bei mir festgestellt, seitdem nehme ich ununterbrochen Ritalin und meine Lebensqualität hat sich auf ca. einer Million Ebenen verbessert. Natürlich habe ich mich auf alle möglichen Internet-Informationsquellen zum Thema gestürzt und glaube, mich mittlerweile ein wenig auszukennen. Dennoch bleibt diese Störung – vor allem in ihrer erst spät erkannten Form („Erwachsenen-ADHS“) – auch für mich weiterhin ein wenig nebulös und sogar dubios.  Um so mehr freute ich mich, als Bloggerin und Psychotherapeutin Miri Mogilevsky im April des vergangenen Jahres einen kurzen, knackigen Artikel zum Thema publizierte, der die gängigsten Missverständnisse zum Thema anspricht und ausräumt. Der Link ist hier.

Für Eilige und des Englischen nicht wirklich so richtig mächtige hier eine Zusammenfassung der vier wichtigsten Aussagen des Textes:

  1. ADHS ist keine psychische Erkrankung, sondern eine Behinderung, die Folge einer Entwicklungsstörung während der Kindheit ist. Wie bei fast allen Behinderungen lassen sich die Folgen lindern, aber nicht wieder zum Verschwinden bringen. Sichtbar wird diese Störung entweder während der Kindheit selbst oder aber erst in späteren Jahren. Es handelt sich aber immer um dieselbe Störung. Es ist nicht möglich, als Erwachsener „plötzlich ADHS zu bekommen“, genausowenig, wie man plötzlich das Down-Syndrom haben kann. „Erwachsenen-ADHS“ ist also eine irreführende Bezeichnung für das Phänomen, dass Menschen, die seit ihrer frühen Kindheit mit den nicht immer dramatischen, aber immer chronischen Folgen dieser Behinderung zu kämpfen haben, erst in höherem Alter endlich ordentlich diagnostiziert werden.
  2. ADHS ist heutzutage gesellschaftlich sowohl über-, wie unterdiagnostiziert. Als Faustregel kann gelten: Je älter der Mensch, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer undiagnostizierten ADH-Störung und umgekehrt. Das liegt schlicht daran, dass sich die entsprechende Diagnostik erst in den letzten Jahrzehnten vereinheitlicht und standardisiert hat. Deshalb kann es durchaus sein, dass heutzutage – Stichwort „Modediagnose ADHS“ – bei ein paar Kindern zuviel ADHS diagnostiziert wird. Andererseits hätte das Leben vieler älterer Betroffener viel besser verlaufen können, hätte man sie früher diagnostiziert.
  3. Einerseits muss nicht jeder, der diagnostiziert ist, Ritalin nehmen, um seine Symptome zu lindern, andererseits ist die Wirkungslosigkeit von Ritalin bei einer Diagnostizierten kein Beweis dafür, dass keine ADH-Störung vorliegt. Das ist – zugegeben – verwirrend, aber gibt es bsp.weise nicht auch Formen der Diabetes, bei denen man kein Insulin nehmen muss?
  4. Eine ADH-Störung ist Folge einer permanenten Beeinträchtigung Exekutiver Funktionen im Gehirn des Betroffenen (für eine ausführliche Definition dieses neuropsychologischen Fachbegriffs bitte dem Link folgen). Phänomene wie Hyperaktivität, Vergesslichkeit, die Neiung, andere zu unterbrechen oder das ständige „Verschlampen“ und „Verschwitzen“ wichtiger Dinge etc. können Folgen derart beeinträchtigter Exekutivfunktionen sein. Man kann aber auch ADHS haben, ohne unter exakt diesen Dingen zu leiden. Andererseits gilt, wessen Exekutive Funktionen gut funktionieren, der hat definitiv kein ADHS.

Fazit: An einer kompetenten und seriösen Diagnose geht kein Weg vorbei, sie kann in keinster Weise durch Selbstbeobachtung ersetzt (wohl aber ausgelöst) werden.

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Und wer’s noch genauer wissen, will, kann sich diesen gut zehnminütigen und rhetorisch ganz ausgezeichneten Vortrag des gestrengen US-amerikanischen Psychiaters und ADHS-Gurus R. Barkley zum Thema „ADHS und Exekutive Funktionen“ aus dem Jahr 2009 reinziehen. Der Mann wirkt zwar durch und durch konservativ und durchaus autoritär, eröffnet seinen Vortrag aber gleich mit einer These, die allen gestandenen Konservativen die Haare zu Berge stehen lassen dürfte: „Self-control is not learned.“ Potztausend!

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Marktfähige Verfügungsgewalt und die intangible bubble

Der Kulturwissenschaftler M. Seemann (*1977)
Kulturwissenschaftler Michael Seemann, der LeserIn der Weltsicht seit 6 Jahren ein Begriff, hat seine Gedanken zu den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung (kurz: Soziodigitalisierung) einen gehörigen Tick weiterentwickelt. Ging es bisher hauptsächlich um die Beschreibung und Analyse neuer globaler Spielregeln nach dem digitalen Kontrollverlust, rückt nun die Ökonomie ins Zentrum seines Interesses. In der Folge möchte ich die zentralen Gedanken seines Essays Fünf beunruhigende Fragen an den digitalen Kapitalismus, den er am 10. Juni auf seinem Blog publizierte, in eigenen Worten zusammenfassen und zuspitzen. Dabei haben sich vier Abschnitte ergeben:

1 Plattformen als Wächter des Eigentums
2 Software-Konzerne als Wächter des Wissens
3 Fortschritt ohne Wachstum
4 Der Hauptwiderspruch

Vor allem die Aussagen der Abschnitte drei und vier sind nur implizit in Seemanns Text enthalten. Es handelt sich bei diesem Artikel also nicht um eine neutrale Zusammenfassung seiner Gedanken, sondern um eine subjektiv akzentuierte Lektüre.

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1 Plattformen als Wächter des Eigentums

Seemann vertritt die These, dass Plattformen wie Facebook, iTunes, Google oder YouTube mehr und mehr Funktionen übernehmen, die bisher ausschließlich Staaten vorbehalten waren – nicht unbedingt, weil sie das wollen, sondern weil die Eigendynamik der Soziodigitalisierung sie dazu zwinge.

Ausgehend von Heinsohn/Steigers bekannter Wirtschaftstheorie, die Grundbedingung der Entstehung und Aufrechterhaltung von Kapitalismus sei die Garantie von Eigentum, konstatiert Seemann, mit der Soziodigitalisierung hätten mehr und mehr der o. g. Plattformen ebendiese Garantie vom Staat übernommen.

Bereits 1980 litt die damalige Phonowirtschaft unter heftigen Kontrollverlustängsten (historischer Hintergrund).

Sein Beispiel hierfür: Nach der ersten Welle der Digitalisierung vor ca. 20 Jahren hatten internetbasierte „wilde“ Musiktauschbörsen wie Napster dem traditionellen Geschäftsmodell der Musikindustrie mehr oder minder den Garaus gemacht. Das gute alte Urheberrecht war aufgrund eines neuen technologischen Bypasses schlicht nicht mehr so ohne Weiteres durchsetzbar. Die staatlichen Gegenmaßnahmen der folgenden Jahre wie etwa die Kriminalisierung der AkteurInnen als Raubkopierer oder der Erlass neuer Gesetze (Leistungsschutzrecht, Reform des Urheberrechts) konnten diesen epochalen Dammbruch nur teilweise reparieren.

Auftritt Steve Jobs als (weißer oder schwarzer, je nach Standpunkt) Ritter: Mit iTunes erschuf er ein Amalgam aus dem herkömmlichen Verkauf materieller Güter und dem neuartigen flow immaterieller Daten, das die grundstürzlerische Subersivität der verlustfreien digitalen Kopierbarkeit (Alles! Für alle! Überall! Jederzeit! Kostenlos! Legal! Für immer!) nachhaltig einhegen sollte.

Das Streaming-Modell und das damit eng zusammenhängende Digital Rights Management (DRM), auf dem heute bsp.weise Spotify, Netflix oder MagentaTV beruhen, ist lediglich eine Weiterentwicklung dieser Idee, die das dräuende Ende kapitalistischer Wertschöpfung tatsächlich erst mal verhindern konnte. Die Musikindustrie verdiente durch den kostenpflichtigen Download von mp3-Dateien wieder Geld, musste es aber nun mit den Plattformen teilen, die dadurch zu Globalen Playern aufstiegen.

Heute sind iTunes, Amazon, Netflix, etc., aber mittlerweile auch Firmen wie Uber oder Airbnb, die mit Musik nichts zu tun haben, nichts anderes als Dienstleister, die in der Lage sind, Eigentumsgarantien trotz Soziodigitalisierung global durchzusetzen. Dabei haben sie im Unterschied zu analogwirtschaftlichen Unternehmen unabhängig von ihren enormen Umsätzen eine Tendenz zur Immaterialität. Sie kommen, stellt Seemann fest, nicht nur mit erschreckend wenigen MitarbeiterInnen, sondern auch mit erschreckend wenig Anlagevermögen aus:

Uber, das größte Taxiunternehmen der Welt, besitzt keine Fahrzeuge. Alibaba, der wertvollste Einzelhändler der Welt, hat kein eigenes Inventar. Airbnb, der weltweit größte Übernachtungs-Dienstleister, besitzt keine Immobilien.

Der Staat ist zwar weiterhin die rechtliche Quelle von Eigentum, durchsetzen könnte er dessen Garantie in der digitalen Sphäre ohne Hilfe der weitgehend unsichtbaren Plattformen allerdings in weiten Teilen nicht mehr. 1  Denn die besitzen in diesem Zusammenhang das, was Seemann „marktfähige Verfügungsgewalt“ 2  nennt. Und das gilt selbst dann, wenn die Plattform gar nichts verkauft:

Facebook hat keinerlei Eigentumsrechte an unseren persönlichen Daten und dennoch basiert sein Geschäftsmodell auf der Ausübung einer marktfähigen Verfügungsgewalt über sie.

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2 Software-Konzerne als Wächter des Wissens

Ein weiterer erhellender Begriff in Seemanns Essay ist die intangible bubble. Damit ist die Tatsache gemeint, dass es globale Konzerne wie Microsoft oder Adobe immer noch schaffen, Software, die durch die unermüdlichen Anstrengungen der Open Source-Bewegung seit Jahr und Tag kostenlos zum Download zur Verfügung steht, zu marginalisieren, um stattdessen die eigenen Varianten für teuer Geld zu verhökern. Produkte und damit Know-how, das eigentlich allen gehören sollte, wird so privatisiert und ohne echte Not verteuert:

Ich glaube, Immaterialgüter sind massiv überbewertet … , weil sie künstlich am Spill-Over gehindert werden, der im Digitalen … der Naturzustand jeder Information ist. […] Ein wesentlicher Teil des digitalen Wachstums der letzten Jahre ist einzig und allein durch das Aufbauen von größeren und besseren Kontrollstrukturen erwirtschaftet worden.

Platzt die intangible bubble aber dann doch irgendwann mal und das geballte digitale Wissen schwappt über, dürfte es für die Software-Riesen zunehmend schwieriger werden, noch mit irgendwas Digitalem Geld zu verdienen. Alles wesentliche Know-how wäre dann ja in öffentlicher Hand bzw. gemeinfrei oder zumindest staatlicher Kontrolle unterstellt.

Seemann ist zwar optimistisch, dass die restriktiven Strategien dieser Konzerne demnächst an ihr Ende kommen und Microsoft dann bsp.weise Word und Excel kostenlos ins Netz stellt. Bis dahin aber gilt…

In der digitalen Ökonomie bedeutet Wachstum, dass … Menschen unnötigerweise mehr bezahlt haben, als sie unter normalen Marktbedingungen müssten.

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3 Fortschritt ohne Wachstum

Konservative ÖkonomInnen und die FDP lehren seit jeher „Wenn’s der Wirtschaft gut geht, geht’s allen gut!“ Anders gesagt, Transaktionswachstum gleich Wirtschaftswachstum, bzw. je mehr Transaktionen stattfinden, desto stärker wächst die Wirtschaft.

Der weltweite Aufstieg der Wikipedia lässt sich in einer solchen Metrik nur als ökonomisches Desaster ausdrücken, denn der papierbasierten Lexikon-Industrie dürfte damit global weitgehend der Garaus gemacht worden sein. Ich kann das jetzt nicht in Zahlen beweisen, bin mir aber sicher, dass noch nie so viele Menschen so einfachen Zugang zu lexikalisch organisiertem Wissen hatten. Nur dass der eben keine Transaktionen im Sinne der Ökonomie beinhaltet. Oder möchte jemand seinen 24-bändigen Brockhaus zum einmaligen Vorzugspreis von XXXX.- DM wiederhaben, in dem X% aller Artikel nach einem Jahr Makulatur sind?

Nun gilt die Wikipedia aber bei allen Menschen, die nicht in der papierbasierten Lexikon-Industrie gearbeitet haben, also ca. 99.98% der Weltbevölkerung, als bedeutender zivilisatorischer Fortschritt und nicht als volkswirtschaftlicher Flurschaden. Und, liebe FPD, stimmt das etwa nicht?

Oder kann es etwa sein, dass in diesem Fall globaler zivilisatorischer Fortschritt mit ökonomischem Minuswachstum einherging? Seemann fasst diese durchaus explosive Gemengelage lapidar so zusammen:

Digitale Innovation spart mehr Transaktionen ein, als sie zusätzlich erschafft …

Soziodigitalisierung und Kapitalismus gehören unterschiedlichen Galaxien an, die sich lediglich manchmal an den Rändern berührt haben. In ihrem Inneren aber kreisten sie stets und kreisen sie weiter um Zentren, die kaum etwas gemein haben. Richtig verstanden, kann Soziodigitalisierung Fortschritt ohne (ökonomisches) Wachstum bedeuten.

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4 Der Hauptwiderspruch

Der Kapitalismus entstand, um die natürliche Knappheit materieller Güter und Dienstleistungen in einer bestimmten Form zu organisieren (eine Alternative hierzu war der real exisierende Sozialismus). Der digitale Kapitalismus versucht nun mehr oder minder krampfhaft, diese Organisationsform auch angesichts der natürlichen Unerschöpflichkeit immaterieller Daten und Dienstleistungen beizubehalten. Und genau deswegen kommt er uns oft so komisch, so antiquiert und so unangemessen vor.

Es wäre missverständlich, zu sagen, dass die Soziodigitalisierung einen ökonomischen Paradigmawechsel herbeigeführt hat und die Einsichten von Marx, Keynes und Hayek nicht mehr gelten. Ist es nicht eher so, dass in einer Sphäre beliebig verfügbarer verlustfreier Kopien die Hauptursache, warum der Mensch überhaupt ökonomisch zu denken gezwungen war, entfällt: die Knappheit von Gütern?

Es gibt einen oftmals zugedeckten Hauptwiderspruch zwischen der Unerschöpflichkeit digitaler Daten und der Erschöpfbarkeit materieller Güter, der nur einhegbar, aber nicht auflösbar ist. Mit der Erfindung von iTunes haben Steve Jobs und seine ErbInnen im Geiste in den vergangenen zwanzig Jahren kaum etwas anderes getan, als zu versuchen, diese Zahnpasta zurück in die Tube zu drücken.

Es war ein Rückzugsgefecht gegen die Geister, die sie selbst gerufen hatten.


 

1 Das gilt nicht für die VR China, wo der Staat das Urheberrecht nur dort zu schützen scheint, wo es ihm in den Kram passt.

 

2 Verbesserungsvorschlag: Wie wäre es mit „marktförmige Verfügungsgewalt“?
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Eine alternative Spieltheorie frei nach Wittgenstein

Peter Limbergs Podcast „Intellectual Explorers Club“ habe ich hier ja bereits Mitte März empfohlen, nun hat mich die Ausgabe vom 3. Juni besonders fasziniert, in der der kundige und aufmerksame Host den emeritierten New Yorker Philosophen und Religionswissenschaftler James P. Carse zu Gast hatte. Letzterer hat offensichtlich bereits Mitte der 1980er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein relativ populäres Buch namens Finite and Infinite Games verfasst, das – wie der greise Autor nicht ohne Stolz bemerkt – mittlerweile sogar ins Vietnamesische übersetzt wurde. Mir war es bisher leider noch nicht begegnet.

Der junge Wittgenstein im nassen Regenmantel

Interessanterweise ist der Ausgangspunkt von Carses Buch die wohlbekannte Ansicht des späten Wittgenstein, Sprache als Ganzes sei ein Spiel, dessen Regeln sich aber erst allmählich während ihres Gebrauchs, also beim Sprechen, herausbilden. Doch kaum sind die Regeln festgelegt, kommt sogleich eine neue Sprecherin herbei und modifiziert, verbietet, fügt an, stellt um, erweitert, deutet um etc. Darauf müssen die anderen, ob sie das wollen oder nicht, reagieren. Eine schöne englische Formulierung, die diesen Feedback-Prozess bündig zusammenfasst, ist making the rules as we go along – wir beginnen irgendwo und enden irgendwo anders, je nachdem, was die Lage erfordert. Mit Zufälligkeit oder Nach-Lust-und-Laune-Spielen hat das nur gelegentlich zu tun. Die Grammatik einer Sprache im Wittgenstein’schen Sinn ist im permanenten Werden und Vergehen begriffen – und das endet erst, wenn der letzte Sprecher den Löffel abgegeben hat.

James P. Carse (*1932)

Dieser Wandel der Sprache in ihrem Gebrauch, so Carse, sei ein gutes Modell eines unendlichen Spiels (infinite game), dem er das weitaus bekanntere Modell des begrenzten bzw. endlichen Spiels (finite game) gegenüberstellt, um das es in John Nashs Spieltheorie – populär geworden durch das Biopic „A Beautiful Mind“ (2001) mit Russell Crowe als John Nash – geht.

Carse interessiert sich – berufsbedingt – vor allem für Religion als angeblich paradigmatisches infinite game 1 , mir fiel aber sofort etwas anderes ein: das kapitalistische Wirtschaftssystem, besonders in seiner neoliberalen Ausprägung, denn letztlich besteht dieses doch nur aus einer unüberschaubaren Vielfalt von endlichen Spielen, also solchen, die nur Gewinner und Verlierer kennen. 2  Jeder player will der master player werden, nachdem er auch den letzten Konkurrenten eliminiert hat.

Aber genau dann (spätestens) endet ja jegliche Möglichkeit, überhaupt zu spielen! Komisch, jeder ernsthafte player in einem endlichen Spiel scheint permanent darauf hinzuarbeiten, nicht mehr spielen zu können bzw. müssen. Vielleicht liebt er am Ende gar nicht das Spielen, sondern nur das Gewinnen? Für den aktuellen US-Präsidenten trifft das ganz sicher zu.

Bessere Beispiele für unendliche Spiele scheinen mir Kreativität und/oder Erotik zu sein. Auch hier kommt man natürlich nicht ohne Ziele (Werke bzw. Lustempfinden) aus, aber wer sich allzu stark auf diese fixiert, verkrampft bzw. erstarrt. Es entstehen dann Phänomene wie der Kunstmarkt oder Pornografie 3 .

Für Nicht-MusikerInnen ist es immer wieder irritierend, dass es improvisierende MusikerInnen, wie auf diesem Plattencover besonders schön zu sehen, vermeiden, sich während der Arbeit anzusehen. Der Grund ist ganz einfach: Die interpersonale musikalische Koordination in einem solchen Setting soll ausschließlich über das Ohr erfolgen. Mit „Autismus“ hat das also nichts zu tun.

Ich habe den enormen Makro-Prozess des „Sprachspielens“ hier schon des Öfteren mit den Mikro-Prozessen innerhalb einer non-idiomatischen musikalischen Gruppenimprovisation verglichen, in der alle MusikerInnen über eine Mehrzahl finiter musikalischer Idiome (Jazz-Improvisation, freie Improvisation, Reproduktion klassischer Kompositionen, Live-Elektronik, Arbeit mit Samples, DJing) verfügen, während des Improvisierens aber in der Lage sind, diese Idiome an die jeweils aktuellen musikalischen Erfordernisse anzupassen. (Das klingt esoterischer als es gemeint ist, denn im Alltag verfügt der moderne Mensch ja auch wie selbstverständlich über eine Mehrzahl finiter Idiome. Mit einem Polizisten spreche ich anders als mit meinem besten Freund, in einem persönlichen E-Mail schreibe ich anders als im Blog etc. LinguistInnen nennen das Code switching.) Von Außen hört man dann im Idealfall einem infinite game beim Werden und Vergehen zu, das erst endet, wenn auch die letzte Musikerin erschöpft vom Schemel kippt.

Kreative Kräfte um den charismatischen Gitarristen Derek Bailey bemühten sich seit den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts um non-idiomatische Improvisation, was später manchmal Free Jazz genannt wurde. Improvised Music oder auch (siehe Bild) Spontaneous Music trifft es aber viel besser, denn Free Jazz suggeriert unglücklicherweise Regellosigkeit bzw. Anomie. Das Gegenteil aber ist der Fall, wie ich soeben zu zeigen versuchte.

Natürlich hatten sowohl der eigentliche, also meist afro-amerikanische, Free Jazz, als auch die, meist weiße mitteleuropäische, Improvised Music, Aspekte des Anomischen, die in den anti-autoritären Zeitgeist dieser Epoche „passten“ – aber das ist nicht das, was mich im Jahr 2019 an diesen Arbeiten fasziniert. Denn hört man genauer hin und folgt der Logik des nur oberfläch chaotischen musikalischen Geschehens, wird rasch klar, dass niemand stärker einem komplexen Satz impliziter und expliziter musikalischer und gelegentlich auch außermusikalischer (z. B. konzeptueller) Regeln folgt als „frei“ improvisierende MusikerInnen. Let’s make the rules as we go along, it’s all in the game!


 

1 Ein etwas unglückliches Beispiel, wie ich finde, haben Religionen doch die Tendenz, sich gegenseitig zu finalisieren.

 

2 Natürlich ist auch Schach ein typisches finite game. Gruß an k&g an dieser Stelle!

 

3 Beide haben ihren Sinn und Zweck, sind aber nicht in der Lage, aus eigener Kraft das hervorzubringen, von dem sie permanent zehren. Ohne das unendliche Spiel der Kreativität kein Kunstmarkt und ohne das unendliche Spiel der Erotik keine Pornografie. Kunstmarkt wie Pornografie führen in diesem Sinn eine lupenrein parasitäre Existenz.
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Warum Naturphilosophie?

Isaac Newton – eigentlich Naturphilosoph – wird heute vorwiegend als Naturwissenschaftler betrachtet. Dazu hat er selbst beigetragen, indem er spekulative Elemente aus späteren Ausgaben seiner Werke tilgte.*

The proper task of philosophy … is to keep alive rational – that is, imaginative and critical – thinking about … our most fundamental problem of all … : How can our human world, the world as it appears to us, the world we live in and see, touch, hear and smell, the world of living things, people, consciousness, free will, meaning and value … exist and best flourish embedded as it is in the physical Universe?

Nicholas Maxwell: Natural Philosophy redux | aeon.co 2019-05-13


* Wer’s genauer wissen will, für den schreibt Nicholas Maxwell in o. g. Artikel:

… the first edition of Newton’s Principia was quite explicitly a … work of natural philosophy. There are … nine propositions all clearly labelled as hypotheses, some quite clearly of a metaphysical character. By the third edition, the first two of these hypotheses had become the first two rules of reasoning, and the last five hypotheses, which concern the solar system, had become the phenomena of later editions. One hypothesis disappears altogether, and one other, not required for the main argument, was tucked away among theorems.

In the third edition there are two further rules of reasoning, both inductive in character. In connection with the second of these, Newton comments:

This rule we must follow, that the argument for induction may not be evaded by hypotheses.

And he adds the following remarks concerning induction and hypotheses:

… whatever is not deduced from the phenomena is to be called an hypothesis; and hypotheses, whether metaphysical or physical … have no place in experimental philosophy. In this philosophy, particular propositions are inferred from the phenomena, and afterwards rendered general by induction. Thus it was that … the laws of motion and of gravitation were discovered.

In these and other ways, Newton sought to transform his … work in natural philosophy into a work of inductive science.

Weltsichten

Der smarte Herr Limberg
Peter Limberg, ein US-amerikanischer Freigeist, der einen Podcast namens Intellectual Explorers Club betreibt, in dem u. a. schon Massimo Pigliucci und David Brin gastierten, publizierte zusammen mit dem Instagram-Lyriker Conor Barnes am 14. September 2018 eine ganz erstaunliche Excel-Tabelle aktueller US-amerikanischer Weltsichten, die der intellektuell stets neugierigen Weltsicht-Leserin hiermit präsentiert sei1:

Memetic Tribes (PDF-Version, lokal hinterlegt in diesem Blog)

Um diese Tabelle herum haben Limberg & Barnes einen streckenweise unangenehm reißerischen, streckenweise aber auch angenehm intelligenten Artikel namens The Memetic Tribes Of Culture War 2.0 verfasst, der hiermit ausdrücklich empfohlen sei, weil er – trotz der ermüdend alarmistischen Wortwahl – ein philosophisch informiertes2 Licht auf die unübersichtliche aktuelle geistige Landschaft vor allem, aber nicht nur in den Vereinigten Staaten wirft.

Nach der Lektüre von Limbergs Essay fühlte ich mich bemüßigt, meine schematische Gegenüberstellung von Modernisierung und Digitalisierung der Gesellschaft aus meinem Artikel vom 23. September 2018 zu aktualisieren. Hier das Ergebnis meiner Bemühung:

Modernisierung Primat der Ökonomie, Frage nach der richtigen Gesellschaftsform
vorherrschende Alltagserfahrung Das Mannigfaltige (Kant)
modus operandi logisch => semantischer Realismus (Russell, Davidson), Falsifikationismus (Popper), Logischer Atomismus (Wittgenstein I) „Ein Satz ist entweder wahr oder falsch.“
=> Prozesse funktionale Ausdifferenzierung (Parsons, Luhmann) auf der Basis einer gemeinsamen großen Erzählung (Lyotard), z. B. einer Ideologie oder einer organisierten Religion
=> Organisationsformen politische Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Lobbys, Verbände, Vereine
=> Gesellschaftsformen Soziale Marktwirtschaft, real existierender Sozialismus, liberale Marktwirtschaft

Digitalisierung Primat der Kultur, Frage nach der korrekten Identität
vorherrschende Alltagserfahrung Binärität
modus operandi intuitiv => semantischer Anti-Realismus (Dummett), Verifikationismus (Wittgenstein II), Inferentialismus (Hegel, Brandom) „Es hängt vom Kontext ab, ob ein Satz wahr oder falsch ist.“
=> Prozesse Granularisierung (Kucklick) auf der Basis konkurrierender Memplexe (Dawkins) bzw. Satz-Regelsysteme (Lyotard)
=> Organisationsformen memetic tribes (Limberg), digitaler Tribalismus (Seemann)
=> Gesellschaftsformen Neoliberalismus, Fundamentalismen (religiös, rassisch), Neo-Rationalismen, Populismus


1 Dank an Michael Seemann, durch den ich auf diesen Artikel aufmerksam wurde.
2 Das meint vor allem die Auseinandersetzung mit Jean-François Lyotards Hauptwerk „Der Widerstreit“ aus dem Jahr 1983, in dem die Probleme einer sich immer weiter atomisierenden modernen Industriegesellschaft bereits ausführlich beschrieben wurden.