Software der Woche | KW 04 | Vivaldi (Browser)

Wer im Jahr 2020 immer noch nach dem besten Internet-Browser für Desktop-Rechner sucht, muss eine Vollmeise haben, oder? Es gibt doch Chrome! Tja. Und es gibt Vivaldi, der auf Chrome aufsetzt 1 . Und Vivaldi ist eine ganze Ecke flexibler als Chrome. Was allerdings nur die tangieren mag, die sich wirklich viel im Internet herumtreibt, also meinereiner z. B.

Hier nun die Vivaldi-Optionen, die ich zu schätzen gelernt habe. Sie mögen wenig wichtig wirken, haben im Surf-Alltag aber dann doch spürbare Auswirkungen, wie ich feststellen musste:

  1. Die Funktion „Reopen Closed Tab“ Wer, wie ich, öfter mal schneller klickt, als denkt, wird das kennen: Man merkt, dass der zuletzt hurtig geschlossene Tab dann doch das enthielt, was man eigentlich suchte. Bei allen Browsern, die ich bisher kannte, habe ich keine Möglichkeit gefunden, einen soeben (versehentlich) geschlossenen Tab gleich noch mal zu öffnen, was ungefähr der bekannten „Rückgängig“-Funktion bsp.weise in Textverarbeitungsprogrammen entspräche. Vivaldi kann sowas. Danke.
  2. Das GUI ist wirklich komplett anpassbar Ich kenne keinen Browser, bei dem man wirklich alle Oberflächensymbole ausblenden kann, die man nicht braucht, der sich also tatsächlich der Nutzerin anpasst, ohne dass man dazu Informatik studieren müsste. Außer Vivaldi.
Das Portal dieses Blogs unter Vivaldi. Das Menü dieses Browsers ist über das V oben links erreichbar. In der Adresszeile werden alle laufenden Erweiterungen (hier: der Werbeblocker uBlock Origin, der RSS-Feed-Detektor Get RSS Feed, Google Translate und der Video DownloadHelper) angezeigt. Bookmarks lassen sich sowohl als Icons anzeigen wie auch in Ordnern gruppieren. Über die Spalte links erreicht man weitere Bookmarks, die Download-History sowie den Browser-Verlauf. Über die Fußzeile lässt sich diese Spalte ein- und ausblenden (Symbol links unten), es lassen sich grafische Filter auf die aktuelle Website aufsetzen (<>-Symbol, eher eine Spielerei, aber eine nette) und die relative Schriftgröße lässt sich stufenlos regeln. Mehr brauche ich nicht. Ist ja auch schon genug.

Und noch eine Kleinigkeit: Wenn man das will, liest Vivaldi aus jeder aktuell angezeigten Website die „Hauptfarbe“ heraus und färbt sich entsprechend, solange man sich dort aufhält. Noch eine Kleinigkeit, aber eine intelligente und dann doch zumindest unterschwellig bzw. auf subtile Weise der Orientierung dienende.

Veröffentlicht von Vivaldi Technologies AS.
Getestet unter Windows 7 Home Premium Service Pack 1 64-Bit
Download-URL https://vivaldi.com/
Nerdizität (0 – 10) 5
Preis kostenlos

 

1 Diese Software-Empfehlung löst meine Empfehlung des Browsers Brave von vor ca. einem Jahr ab. Brave setzt ebenfalls auf Chrome auf und ist Vivaldi nahezu ebenbürtig, lässt sich aber derzeit aus unklaren Gründen auf meinem Rechner nicht (mehr) aktualisieren.
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Software der Woche | KW 03 | Google Drive für Bookmarks nutzen

Wer das Internet nicht nur zum Quatschen nutzt, sondern als Wissensquelle, braucht Bookmarks. Und schon geht der Ärger los. Vier Sachen, die ich schon erlebt habe:

  1. Ich wechsle den Browser und meine über Monate, wenn nicht Jahre eifrig angehäuften und systematisch strukturierten dort gespeicherten Bookmarks gehen bei der überraschend nicht-trivialen Migration von Browser A nach Browser B verloren.
  2. Ich war gezwungen, einen neuen Rechner zu kaufen und meine über Monate … (siehe Punkt 1)
  3. Ich finde endlich den einen Link, den schon ewig suche, aber leider sitze ich gerade am Rechner einer Freundin oder sonstwo, also kritzle ich die komplexe URL in mein Notizbuch – aber leider unterläuft mir dabei ein winziger Schreibfehler, so dass der Link später partout nicht mehr auffindbar ist.
  4. Ich möchte einem Freund nicht nur einen, sondern einen ganzen Komplex von Links zukommen lassen und zu jedem Link auch etwas mitteilen. Außerdem interessiert mich, was der Freund zu den Links zu sagen hat.

Die Lösung all dieser Probleme heißt Google Drive, und jede, die bsp.weise einen YouTube-Account hat, kann diesen Service kostenlos nutzen. Google Drive ist natürlich zuallererst mal eine Cloud für jedermann, also eine schlichte Dateiabladekippe „im Netz“.

Mit der App „Google Docs“ gibt es dort aber auch die Möglichkeit, Textdokumente wie in MS Word zu verfassen. Mit dem subtilen Unterschied, dass dieses Dokument dann eben „in der Cloud“ steht, ich also bsp.weise den endlich gefundenen Mega-Link gleich dort an der richtigen Stelle reinkopieren kann, was – vorausgesetzt, ich habe meine Google-Zugangsdaten parat – obenstehendes Problem 3 für alle Zeiten löst. Und die restlichen drei auch.

Snapshot meiner Bookmark-Sammlung auf Google Drive in Form eines Google Doc-Dokuments. Die Struktur ist selbsterklärend, oder?

Ich nutze Google Drive bereits seit mehreren Jahren auf diese Art und Weise ohne Probleme. Einzig die Ladezeit beim erstmaligen Aufruf des Google Doc-Dokuments kann sich ein wenig ziehen und manchmal aktualisiert das Dokument auch nicht schnell genug, wenn man was sehr schnell reintippt, aber das hält sich in Grenzen und hat natürlich auch mit der Bandbreite des jeweiligen Internet-Zugangs zu tun.

Leider habe den Link nicht mehr, der mich damals auf die Idee brachte, meine Bookmarks in der Cloud zu speichern, denn er ist mit irgendeinem Browser vergangener Tage verlorengegangen 😉

Veröffentlicht von Google
Getestet unter Windows 7, Windows 8.1 with Bing 32-Bit
Download-URL entfällt, da es nichts downzuloaden gibt. Einfach „Google Drive“ in eine Suchmaschine eingeben und den Anweisungen folgen. Voraussetzung ist ein Google-Account.
Nerdizität (0 – 10) 3
Preis kostenlos
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Software der Woche | KW 02 | Digital Clock 4 (Desktop-Uhr)

Meine unaufhörliche Suche nach der Optimierung von Allerwelts-Software, die jedeR bzw. vermutlich sehr viele, braucht/brauchen, für die es aber keine allgemeine Empfehlung gibt, hat einen neuen Höhepunkt erreicht: Letztens fragte ich mich, warum Windows 8.1 eigentlich keine vernünftige Uhr liefert, die ohne Extra-Mausklicks einfach auf dem Desktop zu sehen ist?

RANT START Also nicht so eine hirnrissig-dysfunktionale Uhr-als-Bildschirmschoner bzw. so ein beknackter Bildschirmschoner-als-Uhr, wie sie bis heute die Desktops dieser Welt verschandeln! Denn wann brauche ich eigentlich eine Uhr am Rechner? Nun, z. B. wenn ich arbeite, aber die 20 Uhr-Tagesschau nicht verpassen will. Wenn ich nicht am Rechner arbeite, habe ich eine Uhr bei mir. Und da nützt mir eine Bildschirmschoneruhr bzw. ein Uhrzeitbildschirmschoner rein gar nichts! END RANT

Als Propagandist Freier Software sollte es natürlich eine solche sein. SourceForge-Nutzer nick-korotysh aus der weißrussischen Hauptstadt Minsk lieferte mir nach mittelkurzer Suche schließlich das gewünschte Stück Code. Seine Digital Clock 4, an der er seit 2013 (!) 1  arbeitet, sieht aktuell in der rechten oberen Ecke meines Mini-Laptops so aus:

Design und Funktionalität entsprechen meinen Wünschen, Korotysh schreibt hier gar nichts vor – außer dem Anzeigen der Uhrzeit natürlich. Die zweite Zeile zeigt die aktuelle W-LAN- oder Mobil-IP, damit man z. B. weiß, ob das Internet geht, die dritte das aktuelle Datum in lesefreundlichem Format sowie die aktuelle Kalenderwoche (die ich nie auswendig weiß, aber doch gelegentlich brauche).

Digital Clock 4 muss nicht installiert werden, es genügt, die komprimierten Dateien irgendwo auf der Festplatte zu entpacken, wo sie dann aber doch stolze 50 MB Platz verbrauchen 😦 Die Funktionalität ist modular organisiert, will sagen, wer zusätzlich eine sprechende Uhr (amüsant, vor allem, weil die alles sagt, was man will, nicht nur die Uhrzeit) will oder die IP-Anzeige nicht will oder ein anderes Datumsformat in anderer Farbe bevorzugt, kann das an-, ab- und umwählen.

Die Uhr aktualisiert sich nur jede halbe Sekunde, was auffällt, wenn sie 12:59 anzeigt und das Radio schon die stündlichen Nachrichten bringt. Korotysh hat zwar die Möglichkeit integriert, das Update-Intervall beliebig zu minimieren, doch dies würde, sagt er, die CPU unverhältnismäßig belasten. Der Mann denkt halt mit. Case closed.

Veröffentlicht von Nick Korotysh
Getestet unter Windows 8.1 with Bing 32-Bit
Download-URL https://sourceforge.net/projects/digitalclock4/files/4.7.5/digital_clock_4-win_portable.zip/download
Nerdizität (0 – 10) 1
Preis kostenlos

 

1 Die Tatsache, dass jemand seit 6 Jahren an einer App arbeitet, die lediglich die aktuelle Uhrzeit aus dem Rechner ausliest, nötigt mir aus psychologisch unklaren Gründen Respekt ab.
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The Wisdom of William (James) 3 of 7

[The philosopher will recognize the rationality of a conception] as he recognizes everything else, by certain subjective marks with which it affects him. When he gets the marks, he may know that he has got the rationality. […] [These marks include a] strong feeling of ease, peace, rest [, and a] feeling of the sufficiency of the present moment, of its absoluteness.

William James: „The Will to Believe“, 1897 (pp. 57-58) Quelle

Diese Äußerung von James lässt sich leicht als naiv bzw. unterkomplex missverstehen, denn Gefühle von Erleichterung, Entspannung und innerem Frieden habe ich ja auch nach ergiebigem Stuhlgang. Aber ich denke, dass James hier vor allem betonen will, dass so etwas vermeintlich „zerebrales“ bzw. „kopflastiges“ wie plötzliche Einsicht in die Rationalität (m)einer Idee genauso heftige physiologische Reaktionen hervorrufen kann wie ein Verdauungsvorgang (everything else). Und dass das völlig in Ordnung ist. Denn es gibt keinen (menschlichen) Geist ohne (menschlichen) Körper. (vgl. auch Teil 2 dieser Reihe).

Scruton’s Nightmares 5 of 5: Straßenbauministerium

If you consider only utility, the things you build will soon be useless … nobody wants to be in it.

Roger Scruton Quelle


Ministerium für Straßenbau
Tiflis (Georgien)
Tschachawa + Dschalagonia
1975


Ich nehme jetzt einfach mal an, Sir Roger polemisiert hier gegen Louis Sullivans Slogan „Form follows function“, der im Zentrum zumindest der Bauhaus-Moderne steht. Utility (Nützlichkeit) ist jedoch ein viel schmalbandigerer Begriff ist als functionality (Funktionalität). Pferdefuhrwerke sind bis heute nützlich, man kann sie auch im Jahr 2020 dazu benutzen, schwere Lasten von A nach B zu transportieren. Aber als Verkehrsteilnehmer auf Autobahnen wären sie dysfunktional. Es wäre unlauter, zu behaupten, utility hätte beim modernen Bauen keine Rolle gespielt, aber ist nicht gerade Tschachawas + Dschalagonias Straßenbauministerium geradezu abenteuerlich unpraktisch?

Scruton’s Nightmares 4 of 5: Reformierte Kirche

Architecture, like dress, is an exercise in good manners, and good manners involve the habit of skillful insincerity – the habit of saying „good morning“ to those whose mornings you would rather blight, and of passing the butter to those you would rather starve.

Roger Scruton Quelle


Reformierte Kirche
Budapest
György Gárdos
1983


Gárdos‘ Bau hat in Sir Rogers Sinn miserable Manieren, denn er ignoriert seinen städtebaulichen Kontext brutalstmöglich. Dennoch ruft diese Verweigerungsgeste aus dem Jahr 1983 eher Erheiterung und Erstaunen als Abscheu hervor, denn dieses tatsächlich komplett „unerzogene“ bzw. „unpassend angezogene“ Gebäude schlägt in das stinklangweilige Umfeld ein wie ein havariertes Alien-Raumschiff – und das ist auch gut so.

Scruton’s Nightmares 3 of 5: Hotel Forum

Modernism in architecture went hand in hand with socialist and fascist projects to rid old Europe of its hierarchical past.

Roger Scruton: „A Political Philosophy. Arguments for Conservatism“, 2006 Quelle


Hotel Forum
Krakau
Janusz Ingarden
1988


Natürlich war die Bauhaus-Ästhetik gegen die bisherige Klassengesellschaft gerichtet, es sollte Architektur für alle sein, ohne Ansehen von Herkunft, Stand, Ethnizität oder Vermögen. Falls Sir Roger das als totalitäre Gleichmacherei ablehnt, muss er sich allerdings fragen lassen, was er denn dann von Ideen wie Chancengleichheit hält. Abgesehen davon: Weder Sozialismus noch Faschismus waren anti-hierarchisch, sie wollten lediglich die herrschenden Klassen austauschen.