Hommage to Hardy Fox, Composer of „The Residents“

Das wohl bekannteste Foto der „Residents“ zeigt die vier Bandmitglieder in einschlägiger Kostümierung vor der Golden Gate Bridge San Franciscos.

Die Trash- und Mashup-Werke, mit der Trond Ø Reinholdtsen und auch Moritz Muzak Eggert derzeit die spießige, ästhetisch hinterwäldlerische, aber intellektuell extrem hochfahrende Welt der „Neuen Musik“ schocken bzw. verärgern, haben ihre geistigen Wurzeln zweifellos auch in den Arbeiten des soeben verstorbenen Hardy Fox, der Zeit seines Lebens in selbstgewählter Anonymität als principal composer der Pop-Formation The Residents fungierte, wie sich angesichts seines bedauerlichen Krebstods nun definitiv herausgestellt hat.* Aus diesem Anlass wies das empfehlenswerte Blog „Second Inversion“ dankenswerterweise auf „Pollex Christi“ (Der Daumen Christi), eines der „Hauptwerke“ Foxens aus dem Jahr 1997, hin.

Das durchgehend gute Laune verströmende und gute Laune machende Œuvre, welches aber gerne auch als Anhäufung postmoderner Zynismen verstanden werden kann, sei der geneigten Weltsicht-Hörerin nicht vorenthalten (Abfolge von 5 YouTube-Videos, Gesamtlänge ca. 20 Minuten):

Welchen Einfluss The Residents auf das Schaffen meines Co-Bloggers R. Schuster hatten, kann man hier lesen.


* Dabei ist es unerheblich, ob Reinholdtsen bzw. Eggert „The Residents“ (oder deren deutsches Gegenstück „Die Tödliche Doris“) kennen oder nicht – die künstlerischen Arbeitsweisen sind objektiv verwandt, und nur darauf kommt es mir hier an. Natürlich wäre in diesem Zusammenhang auch Frank Zappa zu nennen, aber über den ist m. E. bereits alles gesagt worden.
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Hommage to Hardy Fox, Composer of „The Residents“

Hitler als Schmerzensmann

LINKS Mittelalterliche Darstellung von Christus als Schmerzensmann (Meister Francke, 14. Jhdht.) RECHTS Hitler als Emo, anonym eingestellt auf hotnhumidhistory.wikia.com, gefunden 2018-10-26 COLLAGE Blogbetreiber

Tiefenpsychologie, speziell die C. G. Jung’scher Provenienz, is ja was ganz Feines: Man kann eigentlich alles mit ihr erklären, da tatsächlich sämtliche Ausformungen menschlicher Kulturanstrengung letztlich – will sagen ganz letztlich – religiöse bzw. mythologische Wurzeln aufweisen. Und die Tiefenpsychologin wird praktisch niemals müde, zu diesen Wurzeln vorzudringen bzw. diese „freizulegen“, wie auch gerne gesagt wird. Nur leider ist damit nach meiner Erfahrung nur selten Substanzielles gewonnen.

Einer der kommerziell erfolgreichsten Geistesarbeiter, der sich dieser Methode bedient, ist derzeit der kanadische Psychologe Jordan B. Peterson. Aber um den geht es hier nicht, sondern um ein historisches Kuriosum der 1930er-Jahre, als mehrere JungianerInnen im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes OSS ein Persönlichkeitsprofil von – Adolf Hitler erstellen durften, mit dem Ziel, dessen vermeintliche oder tatsächliche Schwächen gezielt zu seiner Bekämpfung zu nutzen.

Eine von ihnen war niemand Geringeres als Katharine Briggs, deren zusammen mit ihrer Tochter Isabel Myers 1944 erstmals publizierter „Typenindikator“ – häufig als „MBTI-Test“ abgekürzt – bis heute der feuchte Traum so mancher Personalchefin zu sein scheint, wenn es um die Kategorisierung von Menschen geht. Der andere war der klinische Psychologe Henry Murray, auf den die folgende, durchaus verblüffende Hitler-Analyse zurückgeht:

The body [of Hitler, S.H.] that Germans saw on display at dozens of rallies and speeches—the flabby muscles, the hollow chest, the ladylike walk—stood in not only for the nation’s public preferences but for its people’s private lives: their feelings of impotence, their discriminatory states of mind, the stories they had invented to explain the injustice of their place in the world.

M. Emre: „Hitler ENTJ“, publiziert 2018-09-24@thebaffler.com

Jetzt wissen wir also endlich, warum der Braunauer damals so durchschlagenden Erfolg speziell bei den depressiven deutschsprechenden Männern Mitteleuropas hatte: Er repräsentierte exakt den abgeschlafften, effeminierten, sexuell depravierten Loser, als den sie sich selbst sahen! Auf der anderen Seite brachte er es aber fertig, trotz all seiner offenkundigen Handicaps der Welt seinen Willen aufzuzwingen und sie nach seinem Wunsche umzugestalten!! Dabei bediente er sich, so Murray, einer Projektionsmethode: „In his subconscious, … Hitler believed that the only way to excise his psychological demons was to give them human form. Only then could they be vanquished – annihilated from the face of the earth.“

Nun, ob Hitler wirklich unbewusst war, dass sein fanatischer Antisemitismus externalisiertem Selbsthass entsprang, wage ich zu bezweifeln. Doch hierüber kann letztlich niemand eine seriöse Aussage treffen. Offensichtlich jedoch ist und bleibt, dass er mit den realen Jüdinnen und Juden letztlich „den Juden in sich“ auslöschen wollte, und der stand für all jene Charaktereigenschaften, mit denen er, behutsam ausgedrückt, nich so dolle klarkam.

Aber – und damit kehre ich zum Ausgangspunkt dieses Artikels zurück – ist mit dieser wahrhaft deepen tiefenpsychologischen Erkenntnis irgendetwas gewonnen?

Zumindest nicht in der physikalischen Welt. Aber immerhin: Der böhmische Gefreite als selbstmitleidiger Emo-Christus, das hat schon einen gewissen, wenn auch dubiosen, Unterhaltungswert.

Und wer weiß, vielleicht macht ja der Oskar Roehler da irgendwann mal was Spannendes draus („Selbstverhitlerung“). Jonathan Meese dürfte es sowieso „geil“ finden.

Hitler als Schmerzensmann

Coolness zweiter Ordnung

Bei der Lektüre eines Interviews mit der israelischen Soziologin Eva Illouz aus dem Jahr 2003 stach mir eine Passage ins Auge, die sehr gut die „Coolness zweiter Ordnung“ definiert, die mir für meine Alterskohorte, die Generation X (geb. 1963 – 1982), typisch zu sein scheint:

Einerseits wähnen sich die Leute über dem Klischee, weil sie so originell und kreativ sind, und zugleich wiederholen sie die Muster der Konsumkultur. […] Eben dann, wenn man das macht, was alle anderen tun, fühlt man sich besonders originell und kreativ. Diese Position ist nicht ohne Pathos.

Coolness zweiter Ordnung

Das Web 1.0 lebt!

Kennt noch jemand das Web 1.0? Es bestand ausschließlich aus mehr oder minder handgestrickten Hypertext Markup Language (HTML)-Webseiten (für mich zumindest). Und für’s User-Feedback bot der Provider eine „Gästeseite“ an. Ja, richtig, eine Kommentarmöglichkeit für die ganze Homepage.

Als jüngst einmal ein Update meines Werkverzeichnisses anstand, das ich weiterhin auf meiner Web 1.0-mäßigen Homepage stefanhetzel.de führe, dachte ich mir: Ich muss den jungen Leuten jetzt doch mal zeigen, wie man Internetseiten gemacht hat, bevor es Content-Management-Systeme (CMS) wie WordPress, Typo3 oder Joomla! gab.

Im Prinzip geht das so:

SCREENSHOT 1 – Homepagebau im Web 1.0-Stil

Im Zentrum steht ein Text-Editor, hier PSPad (linke Bildschirmhälfte im Hintergrund), in den man seinen Content eingibt und lokal als HTML-Datei abspeichert. Der Editor ist via File Transfer Protocol mit dem Web-Server des Providers verbunden (Spalte ganz links). Ist man mit der Eingabe fertig, lädt man die HTML-Datei auf den Server und sie steht online, fertig. Will man später etwas ändern, lädt man eine lokale Kopie der Datei auf seine Festplatte runter, macht die gewünschten Änderungen und lädt die neue Version wieder hoch, dabei die alte überschreibend.

Der HTML-Quelltext meines Werkverzeichnisses beginnt so:

SCREENSHOT 2 – HTML-Quelltext unter PSPad

Ca. 80% dieses Ausschnitts besteht aus Anweisungen, die für den Internetnutzer unsichtbar bleiben. Die ersten zwei Zeilen bezeichnen den Dokumenttyp, die Deklarationen im Header-Bereich die verwendete Version von HTML Tidy (wird gleich erklärt), den Zeichensatz des Dokuments (hier: „Latin-1, westeuropäisch“), den Herausgeber der Seite und das eingebundene Style Sheet (wird auch gleich erklärt).

Auch wenn es hier nicht so aussieht: Im Grunde sind HTML-Quelltexte für Normalsterbliche gut lesbar. Im body-Bereich der Datei kann der Anteil unsichtbarer Text-Anteile schon mal auf unter 20% sinken.

Das für den Laien immer wieder Irritierende ist, dass es für „das Internet“ egal ist, ob ein Quelltext relativ human aussieht wie oben – oder z. B. so:

SCREENSHOT 3 – Dieselbe Datei wie oben, aber „komprimiert“, d. h. ohne menschenfreundliches Layout.

Für die Algorithmen, die den Quelltext online interpretieren, sind beide Darstellungsformen gleichwertig, denn sie haben keine Augen.

Es ist also entscheidend für die Lesbarkeit von HTML-Quelltext, wie er dargestellt wird. Dabei helfen die im Screenshot 2 gut erkennbaren diversen Absatz-Einrückungen. Kurz gesagt: Je tiefer die Einrückung, desto tiefer steht die entsprechende Zeile in der aktuelllen Text-Hierarchie. Haben zwei Zeilen die gleiche Einrückungstiefe, gehören sie auch derselben HIerarchiestufe an.

Ein Tool namens HTML Tidy hilft, bei all dem Kuddelmuddel nicht die Übersicht zu verlieren. Man kann den Quelltext „irgendwie“ eingeben, filtert ihn anschließend mit HTML Tidy und bekommt dann obenstehende Struktur. Macht man einen HTML-Fehler, wird der von Tidy ebenfalls erkannt und entweder automatisch korrigiert oder man wird zur manuellen Korrektur aufgefordert. Das gilt allerdings nicht für Rechtschreibfehler.

Auf Dauer ist das Seitenbauen mit einem Text-Editor dennoch recht ermüdend. Um dieser Malaise abzuhelfen, wurden WYSIWYG*-Editoren erfunden, die sich vor den Text-Editor blenden lassen. KompoZer ist ein solcher (siehe grün gerandetes Fenster im Screenshot 1) und hier werden alle für die spätere Nutzerin unsichtbaren Anweisungen ausgeblendet. Die Arbeit mit einem WYSIWYG-Editor kommt der mit einem CMS schon recht nahe. Man kann auch längere Texte wie in Word „einfach so“ eingeben und formatieren, ohne an irgendwelchen technischen Kram denken zu müssen. KompoZer übersetzt das dann automatisch in gültiges HTML.

*

Mit HTML lassen sich zwar komplette Webseiten erstellen, aber gestalten lassen sie sich damit nur sehr beschränkt. Deswegen wurde ein weiteres Tool erfunden: die Cascading Style Sheets (CSS), die festlegen, wie Inhalte dargestellt werden. Dabei lassen sich beliebig viele HTML-Seiten mithilfe einer CSS-Datei einheitlich gestalten, man muss nur im Header korrekt auf sie verweisen. Im Screenshot 2 geschieht das durch die Zeile

 <link href="css/shcomp.css" type="text/css" rel="stylesheet">

Und so sieht shcomp.css aus (Ausschnitt):

SCREENSHOT 4 – Ein typisches Cascading Style Sheet (Ausschnitt)

Die ersten vier Zeilen sagen hier bsp.weise: Verwende für alle Elemente die Schriftart „Trebuchet MS“ bzw. eine serifenlose Schriftart und richte sie im Blocksatz aus. – CSS-Dateien sind wesentlich abstrakter als HTML-Dateien, auch mag es kontraintuitiv sein, grafische Gestaltungsanweisungen als Text zu formulieren. Und dennoch ist das Prinzip kein Hexenwerk. Am besten, man beschränkt sich auf die Basics und übernimmt komplexere Lösungen en bloc aus den entsprechenden Online-Tutorials. Mir hat SELFHTML immer weitergeholfen.

*

Der Vorteil des Web 1.0 war seine komplette Unabhängigkeit von kommerziellen Plattformen (abgesehen natürlich vom Provider, der aber normalerweise keine Werbung schaltete). Sämtliche Software-Tools ließen sich kostenlos aus dem Netz beziehen, ebenso das Know-how. Man wusste exakt, was man tat und wie es umgesetzt wurde: schließlich hatte man das System selber aufgesetzt.

Der Nachteil war der geringere Vernetzungsgrad: Man wurde nicht so leicht gefunden, denn man betrieb ja sozusagen ein Standalone-Unternehmen. Aber ist das im Web 2.0, das um mehrere Größenordnungen gewaltiger ist als sein Vorgänger aus den Neunziger- und frühen Nullerjahren, wirklich besser?

Sei’s drum, für mich bleibt die handgestrickte, werbefreie Homepage der Inbegriff einer Form publizistischer Freiheit, wie sie das WorldWideWeb erstmalig ermöglichte.

Danke, Tim Berners-Lee!


* What You See Is What You Get
Das Web 1.0 lebt!

Der Veitstanz als ekklesiogene Massenhysterie

Dieser Ausschnitt des Kupferstichs „Wallfahrt nach Meulebeeck“ von Henrik Hondius aus dem Jahr 1564 zeigt zwei „unfreiwillig tanzende“ Frauen, zu deren Bändigung je zwei Männer kaum auszureichen scheinen. Ob es sich hier wirklich um die Darstellung eines Veitstanzes handelt, ist allerdings unklar.

Schöner Artikel von John Waller im Guardian über einen rave im Straßburg des frühen 16. Jahrhunderts:

… a lone woman stepped outside her house and jigged for several days on end. Within a week, dozens more had been seized by the same irresistible urge. […] By the time the authorities intervened, hundreds more were dancing in the same frenetic fashion. […] The dancing went on and on until … some of them collapsed and perished on the spot.

Als Ursache dieses traditionell als Veitstanz bekannten Phänomens vermutet Waller weder eine Vergiftung noch eine körperliche Erkrankung, sondern fehlgeleitete Religiosität:

One particular idea appears to have lodged in the cultural consciousness of the region: that St Vitus could punish sinners by making them dance.

Der rätselhafte Straßburger rave habe seine Ursache also in einer Art Selbstbestrafung für begangene Sünden: Der Sündige tanzt sich die Schuld, die er sich aufgeladen hat, buchstäblich vom Leib und unterwirft sich darin der Macht des hierfür „zuständigen“ Heiligen, in diesem Fall dem heiligen Veit. Das klingt schon weniger obskur, wenn man sich Bilder aus Versammlungen religiös verzückter evangelikaler ChristInnen etwa aus den U.S.A ins Gedächtnis ruft.

Und natürlich ist die rave-Bewegung der 1990er-Jahre nichts anderes als eine säkularisierte Renaissance des Veitstanzes. Nur dass der raver nicht mehr tanzt, um seine Bußfertigkeit unter Beweis zu stellen, auf dass er nach dem Tod nicht ewig in der Hölle brate, sondern um im Hier und Jetzt „Spaß zu haben“. Der rave kennt kein Jenseits, klar. Sein commander ist auch nicht mehr der heilige Veit, sondern bsp.weise DJ Marusha:

BefehlshaberInnen des verzückten Massentanzes einst und jetzt. Links: Veit, rechts: Marusha.

Ein weiterer Beleg für die ekklesiogene Natur der historischen Veitstänze ist die Tatsache, dass sie sich nur so lange ereigneten, wie sich der entsprechende Volksglaube hielt. Ab ca. Mitte des 16. Jahrhunderts verschwinden sie einfach auf Nimmerwiedersehen. Waller kommt zu folgender, weitreichender Schlussfolgerung:

In this way, the dancing mania underscores the power of cultural context to shape the way in which psychological suffering is expressed.

Allgemeiner formuliert hieße das: deine Weltsicht (im Sinne von belief system) determiniert die Form deines psychischen Elends. Würde schon mal erklären, warum „Naturvölker“ keine „Zivilisationskrankheiten“ haben. Oder warum die Formen „weiblicher Hysterie“, die Freud zu behandeln hatte, heute (nach meinem Kenntnisstand) nahezu unbekannt sind. Der Begriff „Hysterie“ ist aus der amtlichen Psychiatrie sogar mittlerweile komplett verbannt und wurde durch „Histrionische Persönlichkeitsstörung“ ersetzt.

Dass unsere Weltsicht unsere psychosomatische Befindlichkeit beeinflusst, ist an sich ja eine rechte banale Erkenntnis, auf der heutzutage ganze Industriezweige (Stichwort wellness) aufbauen. Aber interessant wäre es doch, zu wissen, wie genau die Korrelation zwischen belief system und Psychopathologie funktioniert.

Da muss ich jetzt erst mal eine ganze Weile drüber nachdenken. Und die/der geneigte Weltsicht-LeserIn ist herzlich willkommen, das auch zu tun, z. B. in einem Kommentar zu diesem Artikel.

Der Veitstanz als ekklesiogene Massenhysterie

Wie Sascha Lobo zu dem wurde, der der ist (Podcast)

Angenehmes, fast un-eitles Interview mit Deutschlands erstem Internet-Intellektuellen (kann man sagen, oder?) aus dem Oktober des vergangenen Jahres. Dauert auch nur eine Stunde vierzig Minuten:

 

Wer ein Inhaltsverzeichnis zu diesem Podcast möchte, geht hierher (Icon „Show chaptermarks“ anklicken).

Wie Sascha Lobo zu dem wurde, der der ist (Podcast)