Garfinkle über Lesekompetenz und Zivilisation

We know that a significant decline in a society’s deep literacy 1  can matter because it has happened before. Thanks in part to the revolutionary impact of the codex, male literacy rates in the Roman Republic and then Empire were probably in the 30% to 40% range, at least in urban areas. […] After the collapse of the Western Roman Empire in 476, literacy rates quickly dropped below 5%, and did not regain their previous levels until the 16th century at the earliest. Until they did, the advent of liberalism as we understand the term could not happen.

Adam Garfinkle: The Erosion of Deep Literacy | www.nationalaffairs.com aufgerufen 2020-05-27


 

1 Garfinkle definiert Deep Literacy im selben Text wie folgt: „Deep literacy is what happens when a reader engages with an extended piece of writing in such a way as to anticipate an author’s direction and meaning, and engages what one already knows in a dialectical process with the text. The result, with any luck, is a fusion of writer and reader, with the potential to bear original insight. […] Deep reading alone creates the possibility of a private internal dialogue with an author not physically present.“

Rosenthal über das Dresdner Bürgertum

S. Rosenthal: „Rorschach oliv rot goldgelb“ (2019)

Ok, Dresden ist eine provinzielle Beamtenstadt – und wer hier als Künstler existieren (von „leben“ rede ich gar nicht) möchte, der spielt irgendwann auch Beamtenmikado, ist zu allen scheißnett und wird mal hier, mal dort von irgendeinem genauso rückgratlosen Provinzgroßkunstsammler zum Kaffeekränzchen in seine klimatisierte Altbauwohnung eingeladen – und darf dann in seinem Büro, im Stadtmuseum oder in irgendeinem zweitklassigen Schickeriarestaurant ausstellen. „Das ist ja dann auch gute Werbung für dich!“ Alles gaaanz toll… Nur eines darf man niemals tun: widersprechen, eigene Meinungen vertreten! Man soll sich still und nett beugen und diesen Leuten für jedes Almosen ihr Ego auf Hochglanz polieren! Und man lernt solches Verhalten ja schon an der Kunstakademie. Was meinen Sie, wie man ausgegrenzt wird, wenn man seinem Professor widerspricht oder einem seiner Lieblingsstudenten? Da lernt man, was Freiheit wirklich bedeutet! Insofern ist die Dresdner Kunstszene sicher Vorreiter jener neuen Bürgerlichkeit, von der ich bereits sprach. Sie wird sich nicht wehren, wenn die AfD sie zu Eierschecke püriert.

Wolfgang Ullrich / Simon Rosenthal: Pandemie des Nichts. Simon Rosenthal im Gespräch mit Wolfgang Ullrich. | atelier-simon-rosenthal.de 2020-05-06

Simon ROSENthal (nicht Wiesenthal!) ist gebürtiger Saarbrücker und 36 Jahre alt. Das o.g. Interview, in dem es beileibe nicht nur um Dresden, ja nicht einmal nur um Kunst geht, umfasst gedanklich dichte 42 Druckseiten inklusiver guter Reproduktionen aller im Text angesprochenen Arbeiten des Künstlers und sei hiermit der geneigten Weltsicht-LeserIn ausdrücklich zur Sonntagslektüre anempfohlen.

Rückseiten der Digitalisierung II

… in order to carry out almost anything online we must subject ourselves to a hypercommodified hellscape of targeted advertising and algorithmic sorting … .

Adrian Chen: The Confidence Game | www.thenation.com 2019-10-14

Immerhin gibt es Werbeblocker. (Ja, dieser Artikel ist bereits 8 Jahre alt, aber an der Großwetterlage hat sich erstaunlicherweise nichts geändert.)

Dem Walser sein Verlag

Die minimalistische Umschlaggestaltung der Reihe suhrkamp taschenbuch von Fleckhaus/Staudt gehört zu meinen Allzeit-Favoriten, vor allem in dieser die Eiseskälte Bernhard’scher Prosa angemessen widerspiegelnden Variante.

Vier Bemerkungen und zwei Fragen zu Siegfried Ressels Doku „Mythos Suhrkamp“ (2019)

Bemerkungen

  1. Martin Walser ist noch geltungsbedürftiger und büffelhafter, als ich bisher annahm.
  2. Bernhard, Frisch und Johnson würden sich heute für free speech einsetzen und wären Parteigänger des „klassischen Liberalen“ Jordan Peterson.
  3. Dass Thomas Bernhard in den 1970er-Jahren als linker Autor galt, muss faszinieren.
  4. Durs Grünbeins Bemerkung (sinngemäß) „Ich wollte nicht in den Westen, ich wollte dahin, wo es Suhrkamp gab.“, ist ebenso entwaffnend wie ernüchternd.

Fragen

  1. Siegfried Unseld demütigte Walser in Gesellschaft vor laufender Kamera im Schach und reckte danach offen die Faust zum Sieg. Während Walsers Blick unverwandt finster auf das Spielbrett gerichtet blieb, erhob sich Unseld betont lässig, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Wird man eines Tages einen unveröffentlichten Roman „Tod eines Verlegers“ in Walsers Nachlass finden?
  2. Helmut Schmidt, dessen Deutsch dem seiner NachfolgerInnen erschreckend überlegen war, holte sich einst Martin Walser, Max Frisch und Siegfried Lenz zu einem Gespräch ins Kanzleramt, um die Denke der RAF besser zu verstehen. Welche renommierten deutschsprachigen GegenwartsautorInnen sollte sich Angela Merkel ins Kanzleramt holen, um die Denke des NSU besser zu verstehen?