Zero Moment of Truth: „Das Haus in Betonplattenfertigbauweise“

„Leider fehlt der Konsens, überall nur Rammstein-Fans.“ Geschichtsphilosophie & Zeitdiagnostik im pseudo-volkstümlichen Liedformat. Das muss dem Ralf halt auch erst mal einer nachmachen:

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Zero Moment of Truth: „Das Haus in Betonplattenfertigbauweise“

Wie Sascha Lobo zu dem wurde, der der ist (Podcast)

Angenehmes, fast un-eitles Interview mit Deutschlands erstem Internet-Intellektuellen (kann man sagen, oder?) aus dem Oktober des vergangenen Jahres. Dauert auch nur eine Stunde vierzig Minuten:

 

Wer ein Inhaltsverzeichnis zu diesem Podcast möchte, geht hierher (Icon „Show chaptermarks“ anklicken).

Wie Sascha Lobo zu dem wurde, der der ist (Podcast)

Zum 11. September 2016

Als Beinahe-Augenzeuge und daher zufälliges Nicht-Opfer dieser namenlosen Barbarei, die sich heute zum 15. Mal jährt, habe ich diesem üblen Entrée ins 21. Jahrhundert schon vor Jahren eine Art Internet-Denkmal auf meiner Homepage gesetzt:

Our 9/11

Ralf Schuster (Bild) & ich (Musik) ich haben „unseren“ 11. September 2001 drei Jahre später in einem experimentellen Dokumentarfilm verarbeitet, an den heute einmal mehr erinnert sei. Wir hatten uns am 9. oder 10. September 2001 eine Weile am Fuß des World Trade Centers aufgehalten, dort entstanden auch die Filmaufnahmen mit der Stretchlimo, der Hochzeitsgesellschaft etc. Während der eigentlichen Katastrophe schliefen wir sicher in unseren Betten im Gershwin Hotel (das mittlerweile The Evelyn Hotel heißt). Ralfs Film in seiner komplett unpathetischen und auch unsentimentalen, aber nicht unempathischen Chaotik zeigt für mich exemplarisch, wie schwer es ist, einem Ereignis von derart elementarer Disruptivität künstlerisch beizukommen:

Ich kam mir nie in meinem Leben mikrobenhafter vor als am 11. September 2001 und den Tagen danach, denn es wurden mir zwei Dinge klar:

  1. Dass du jetzt lebst, verdankst du einem glücklichen Zufall.
  2. Wärst du unter den Opfern gewesen – die Welt hätte sich weitergedreht. Also nimm dich teufelnochmal nicht so wichtig.
Zum 11. September 2016

Der Jude Spock und die wahre Herkunft des Vulkanischen Grußes

Zu meiner Verblüffung erfuhr ich vor Kurzem, dass der jüngst verstorbene Schauspieler Leonard Nimoy aka Mr. Spock im richtigen Leben jiddische Wurzeln hatte. Seine Eltern waren aus Osteuropa in die USA, genauer, nach Boston, eingewandert, wo der junge Leonard offenbar recht geborgen in einer Art Schtetl light, dem Bostoner Westend nämlich, aufwuchs.

ShinDas Westend, so Nimoy, sei keineswegs ein jüdisches Ghetto gewesen, vielmehr hätten dort u. a. auch eine Menge Italiener gelebt. In einigen Häusern seien die zwei Ethnien sogar nach Stockwerken sortiert gewesen. Man konnte in einem solchen Haus, so Nimoy, damals mit geschlossenen Augen die Treppen hochsteigen und erkannte am Essensgeruch immer genau, ob man gerade in einem „italienischen“ oder einem „jiddischen“ Stockwerk war.

Hier ein kurzer Ausschnitt aus einem ausführlichen Interview, indem Nimoy sichtlich amüsiert darüber aufklärt, wie er während der Dreharbeiten zur Ur-Star Trek-Fernsehserie in den 1960ern dreist den Aaronitischen Segen zum „Vulkanischen Gruß“ umfunktionierte:

Und hier das sehr lohnende Gespräch in voller Länge. Speziell am Anfang spricht Nimoy auch einige Brocken Jiddisch …

… was mich auf die verwegene, aber reizvolle Idee einer Neusynchronisation von „Raumschiff Enterprise“ mit einem jiddelnden Mr. Spock brachte – mit, sagen wir, Maxim Biller als Mr. Spocks Synchronsprecher. Keine Ahnung, ob Biller des Jiddischen überhaupt mächtig ist. Wäre aber ganz sicher ein Knaller.

Der Jude Spock und die wahre Herkunft des Vulkanischen Grußes

Dazugehörenwollen. Ein Film über die Entstehung des NSU

heuteistnichtalletageEinen besseren Film zum weiterhin äußerst schmerzhaften und heiklen Thema NSU kann ich mir kaum vorstellen. Regisseur Christian Schwochow hat vieles richtig gemacht – und vor allem drei naheliegende Fehler vermieden:

  • Psychologisierung: Obwohl die ungünstige soziokulturelle embeddedness von Uwe, Beate und Uwe (UBU) teilweise drastisch veranschaulicht wird, bleiben diese dennoch als Individuen, als selbstverantwortlich handelnde Subjekte erkennbar (vgl. auch als Gegenfigur Zschäpes Schulfreundin, die, obwohl mit ähnlichem sozialem Startkapital gesegnet, schließlich doch den kleinbürgerlichen Weg wählt). UBU sind nirgendwo hineingeraten, sie sind vielmehr begeistert, ja ekstatisch eingetaucht in eine phantasmatische Wunschwelt.
  • Dämonisierung: Es wird geradezu niederschmetternd klar, dass UBU nur ein klein wenig konsequenter waren als all die anderen jugendlichen deutschnationalen SchwärmerInnen, die sonst noch im Film auftauchen. Deutlich wird auch, dass nur das Zusammentreffen und – vor allem – sehr unwahrscheinliche Zusammenhalten dreier sich auf fatale Weise ergänzender Individuen die nachhaltige Destruktivität der späteren Terrorzelle möglich machte. UBU als Individuen dagegen erscheinen als – im Sinne Hannah Arendts – eher banale Figuren.
  • Moralisierung: Nirgendwo suggeriert die Handlung dem Zuschauer, wie er die ProtagonistInnen moralisch bewerten soll. „Heute ist nicht alle Tage“ ist weder Problemfilm, noch Lehrstück, noch Milieustudie, noch Sozialporno – er zeigt dem in seinem Urteilsvermögen ernstgenommenen Zuschauer einfach (einfach?) nur, wie die Dinge laufen können, wenn Stumpfheit, Abenteuerlust, Naivität, erotische Sehnsucht, Orientierungslosigkeit, „politische Romantik“, Aggressivität, jugendliches Unabhängigkeitsstreben, Frustration, Identifikationsbedürfnis, Perspektivlosigkeit, Unbildung, Provinzialität, kriminelle Energie, Alkoholismus, Gruppendruck sowie … (Liste bitte nach Belieben ergänzen) auf eine gesellschaftliche Umbruchsituation treffen, in der das Alte nicht mehr und das Neue noch nicht real ist (hier: „Wendezeit“).

In „Heute ist nicht alle Tage“ wird, ein weiteres Verdienst des Films, der stets gewitzt, lässig und pop-affin daherkommende neurechte Sprachgebrauch in all seiner Drastik und stilisierten Grobheit dokumentiert. Das am häufigsten gebrauchte Wort des Films dürfte „Jude“ sein: Eigennamen, aber auch Gefühle, Gedanken, Blicke, Kleidungsstile, Essgewohnheiten und Konsumverhalten, schließlich sogar die Kleidung, das Essen und das Konsumprodukt selbst (und am Ende gar Tiere, Pflanzen und Steine?) sind entweder „jüdisch“ oder eben nicht. Eine dritte Option gibt es nicht. Man kommt nicht umhin, hier von einer histrionischen Ordnungsfantasie, besser: einem Phantasma zu sprechen, welches offenbar auch völlig unabhängig von der realen Existenz oder gar Bekanntschaft mit Menschen jüdischen Glaubens ganz prima funktioniert. HIstrionisch-phantasmatisch steht hier nicht für harmlos, weil ja schließlich alle Beteiligten um die offensichtliche Absurdität ihres Szenesprechs, den man besser nicht mit „Humor“ verwechseln sollte, zu wissen scheinen. Das Gegenteil ist der Fall. Die sorgfältig gepflegte Wahnvorstellung von der lauernden Allgegenwart „des Jüdischen“ dient den SprecherInnen weniger zur Unterhaltung als zur fortschreitenden Immunisierung gegen die als feindlich empfundende Außenwelt. Und immer geht es auch um ein durchaus narzisstisches, in jedem Fall aber hedonistisches Spiel mit der eigenen Irrationalität, die die erwartbare Empörung des Durchschnittsbürgers bereits lässig eingepreist und so der Optimierung des eigenen Lustempfindens dienstbar gemacht hat.*

Das untergründige Thema von Schwochows Arbeit heißt darum auch nicht Wohlstandsverwahrlosung, sondern Identitätsverlust. Der Film erzählt nichts anderes als eine Identitätswiederbeschaffungsmaßnahme dreier orientierungsloser Jugendlicher, die vollkommen aus dem Ruder läuft. UBU tun buchstäblich alles, um dazuzugehören. Dabei spielen die weltanschaulichen Inhalte der ersehnten Gemeinschaft ganz erstaunlicherweise eine untergeordnete Rolle (so mutiert gleich zum Beginn des Films Mundlos grundlos von der Zecke zum Nazi, einfach so, von heute auf  morgen). Viel wichtiger sind die emotionalen und sozialen Belohnungen, die die jeweilige Gruppenzugehörigkeit bietet. Demzufolge inszeniert Schwochow die einschlägigen neurechten Sauf- , Konzert- und Spieleabende (Zschäpe kreiert eine Monopoly-Variante namens „Pogromoly“ und erntet Respekt) geradezu mitreißend ekstatisch (was mir tatsächlich leichten Brechreiz verursachte): UBU, die sich ja aus ganz unterschiedlichen Gründen marginalisiert fühlen, dürfen sich hier endlich – und wer weiß, vielleicht zum ersten Mal überhaupt in ihrem Leben! – als funktionierende, ja tragende Mitglieder einer community fühlen. Das macht sie ebenso glücklich wie dankbar und erhöht gut nachvollziehbar ihre Bereitschaft, der sinnstiftenden Idee – hier: die Errichtung eines Vierten Reiches – etwas zurückzugeben, sprich: sich aufzuopfern.

Mundlos, Sohn eines Informatik-Professors, liefert hierfür die pseudo-intellektuellen Grundlagen und ein gewisses Konzept, Böhnhardt, traumatisierter Kleinkrimineller mit sehr niedriger Frustrationstoleranz, dient sich dem verehrten Mundlos als Mann für’s Grobe an und Zschäpe, permanent gepeinigt vom sorgfältig gehüteten „Makel“ ihrer teilweise rumänischen Abstammung, sorgt dafür, dass es beide Penisträger zwar gut, aber nicht zu gut haben, indem sie beziehungsmäßig pausenlos virtuos zwischen U1 und U2 hin- und herlaviert. Ständig hat sie U1 „gerade“ verlassen und nähert sich (wieder) U2 an, bevor sie schließlich U2 verlässt, um sich – nach angemessener Schamfrist – erneut U1 anzunähern etc. Auf diese Weise bleibt sie stets für beide Männer attraktiv, weil nie ganz eroberbar. Gleichzeitig bewahrt sie sich so eine Art Autonomie zwischen den beiden testosteronsatten Hitzköpfen. Und so gelingt ihr das unwahrscheinliche Kunststück, die labile ménage à trois zusammenzuhalten.

Vieles an „Heute ist nicht alle Tage“ ist überdurchschnittlich, außergewöhnlich und herausragend: Das entschlossene Aufgreifen des Themas natürlich als erstes, zweitens die filmische Umsetzung, die ihrem schweren Stoff mehr als gerecht wird, das dramaturgische Konzept, das die Zuschauerin bis zur letzten Sekunde zu fesseln weiß drittens, sowie viertens, fünftens und sechstens die darstellerischen Leistungen (Anna Maria Mühe verkörpert Beate Zschäpe glaubhaft als auf unangenehme Weise „Erwachende“), die uneitel der Sache dienende Bildgestaltung (Kamera: Frank Lamm) und nicht zuletzt der kunstvoll mit abrupten Brüchen arbeitende Schnitt (Jens Klüber, Julia Karg).

Wenn das Sujet nicht so ernst und tragisch wäre, könnte man von großem Kino sprechen –  aber „souveränes Filmkunstwerk“ trifft es in dem Fall wohl besser.


* Die flächendeckende Postmodernisierung macht eben auch vor neurechten Ideologemen nicht halt. Sie ist hier sogar besonders effektiv, da die ganz unironische Behauptung einer white supremacy mit popkultureller Lässigkeit erst mal gar nicht zusammenzugehen scheint. Und schon entfaltet diese semantische Nebelgranate ihre Wirkung. Das popkulturelle Spiel mit Symbolen, Figuren, Emblemen und Phrasen etc. des Dritten Reiches kann denn auch bis auf Performancekünstler wie Boyd Rice und Konzeptbands wie Laibach und Deutsch Amerikanische Freundschaft zurückverfolgt werden – allerdings hatten diese überwiegend emanzipatorische bzw. „gesellschaftskritische“ Absichten, z. B. im Sinne einer „anti-sozialdemokratischen Ästhetik“. Davon kann im neurechten Kontext natürlich keine Rede mehr sein. Die Provokationsstrategien sind gleichwohl identisch.

 

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

 

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Dazugehörenwollen. Ein Film über die Entstehung des NSU

Der Post-Punk in Deutschland wurde musealisiert und schlägt sich wacker dabei

Aus der untenstehenden, etwas zähen, aber hoch informativen Diskussion zwischen drei Akteuren dieser Zeit um 1980 und einem ein wenig zur bewundernden Distanzlosigkeit tendierenden Moderator wird nicht recht klar, warum Wolfgang Müllers Konzept des „Genialen Dilletantismus“ (GD) – auf den Einfluss seines frühverstorbenen Würzburger Weggefährten Nikolaus Utermöhlen sei hiermit ausdrücklich verwiesen – bis heute seine ästhetische Attraktivität nicht ganz verloren hat.

Klar wurde jedenfalls mir nach dem Besuch der Ausstellung „Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland“ im Münchner Nazibau „Haus der Kunst“ (durchaus eine kon-geniale [sic!] Ausstellungsstätte für Bargeld und Delgado-López, weniger aber vermutlich für Hein und Fehlmann) am 19. September, dass die, äh, „Bewegung“ trotz aller vermeintlichen Apotheose des Hässlichen durchaus in der Regel aus überdurchschnittlich gut aussehenden, streng bis fantasievoll frisierten und ebenso streng bis fantasievoll gekleideten jungen Männern (und wenigen Frauen) mit signifikantem Sex-Appeal bestand. Die prägnante Ausnahme von der Regel bildeten (und bilden) lediglich der spiritus rector des Ganzen, also Duchamp-Fan Wolfgang Müller himself (ganz rechts) sowie der Publizist und äh, Soziosoph Diedrich Diederichsen (zweiter von links).

Die Ausstellung hat mir sehr gut gefallen, sie ist ansprechend aufgebaut, nicht zu umfangreich und kommt komplett ohne didaktische Exzesse aus, will sagen, sie liefert sinnfällig strukturiertes Quellmaterial, das man selber zu beurteilen hat. Das ausstellungstechnische Problem, eine zahlenmäßig winzige, aber dennoch einflussreiche soziokulturelle Bewegung (denn nichts anderes war der Post-Punk in Deutschland), deren Hauptmedium Musik war, in einem Haus für bildende Kunst zu präsentieren, wird im Großen und Ganzen zufriedenstellend gelöst. Man muss sich halt darauf einstellen, Kopfhörer aufzusetzen und auf Videomonitore und Beamerleinwände zu glotzen; die ebenfalls präsentierte zeitgleiche Malerei, etwa von den Gebrüdern Oehlen und Martin Kippenberger, wirkt da eher als Dreingabe – vollkommen zurecht!

Als durch die zusammen mit Ralf Schuster 1991 publizierte CompactCassette „Hypnotisierungsmusik“ spät und marginal am GD Beteiligter stelle ich befriedigt fest, dass mein musikalischer Favorit innerhalb des Genres bis heute die Deutsch Amerikanische Freundschaft geblieben ist: Delgado-López‘ und Görls beste Arbeiten haben nichts von ihrer musikalischen Frische und Durchschlagskraft eingebüßt und stehen damit – was mir aber erst jetzt so richtig klar wird – auf einem Level mit den längst kanonisierten Can, Neu und Kraftwerk. Dennoch, dass sie weltanschaulich und ästhetisch späteren Amalgamen von Pop und (krypto-)faschistischem Gedankengut (Rammstein, Neue Deutsche Härte) den Weg wiesen, liegt halt genauso auf der Hand (abgesehen davon, dass Delgado-López und Görl vieles waren, aber sicherlich keine „genialen Dilletanten“, ihr role model war ganz klar der Yuppie; dennoch war es eine kluge Entscheidung, sie in die Ausstellung aufzunehmen, und sei es als „post-dilletantische“ Kontrastfolie zu Müllers Tödlicher Doris).

Im Licht der aktuellen Debatte um die generelle Konzeptualität von Kunst und speziell Kunstmusik wird klar, dass Müller und Delgado-López diametrale Positionen innerhalb des deutschen Post-Punk einnahmen: Müller ist ein „echter“ Konzeptkünstler, dem im Zweifelsfall Ideen immer wichtiger sind als alles andere. Heraus kam Konzeptmusik im Sinne Harry Lehmanns (Anspieltipp: Der Track „Die Schuldstruktur“ der Tödlichen Doris von 1981). Delgado-López & Görl dagegen hatten ein dezidiertes, damals innovatives Musikkonzept, welches sie „ohne Rücksicht auf Verluste“ umsetzen und unter die Leute bringen wollten. Selbstreflexive oder gar intellektuelle Impulse waren ihnen fremd, politisch fragwürdige Appropriationen ihrer Arbeit (siehe die Bemerkung zur Neuen Deutschen Härte oben) wurden – vermutlich – in Kauf genommen, aber zumindest nicht verhindert (gut, wie hätte dies auch gehen sollen…).

Für mich war und ist es müßig, zu diskutieren, wer nun wichtiger war, Müller oder Delgado-López (wer war wichtiger, Duchamp oder Dalí?), Freunde des Konzeptuellen werden zweifellos immer Müller favorisieren, Freunde „gut hörbarer“ Musik zweifellos immer Delgado-López. 35 Jahre später liegt für mich jedenfalls klar auf der Hand, dass diese Antagonisten, wenn auch auf auf ziemlich indirekte Art und Weise, bis heute aufeinander angewiesen sind (man mag einwerfen, Müller sei auf Delgado-López in keinster Weise ästhetisch angewiesen gewesen, was korrekt ist, dabei vergisst man aber, dass wohl bis heute selbst alerteste Kunsthistoriker kaum von Müller Notiz genommen hätten, wäre da nicht die bis heute andauernde Populärität der Neuen Deutschen Welle gewesen, für die wiederum die Deutsch Amerikanische Freundschaft – neben vielen anderen – die Blaupause lieferte. So gesehen ist u. a. Delgado-López‘ Breitenerfolg ein Grund dafür, warum Müllers selbst innerhalb der sie tragenden Subkultur extrem marginale Arbeiten 2015 im Haus der Kunst und anderswo zurecht musealisiert werden).

Der von L. Emmerling und M. Weh herausgegebene, preislich moderate (EUR 24.-) Ausstellungskatalog ist empfehlenswert (bzw. für an der Zeit Interessierte obligatorisch) und enthält neben den erwartbaren Fotografien – Blixa Bargeld in Ekstase und so – natürlich einen Essay von Diederichsen (gut lesbar, um Verständlichkeit bemüht), in dem mir vor allem folgender Satz auf S. 22 in Erinnerung geblieben ist (Gruß an mr.boredom an dieser Stelle):

Diese Cassettenlabels veröffentlichten in großer Zahl die inspirierten und durchgeknallten Taten von überdrehten Teenagern in Kellern von Provinzreihenhäusern.

Eine weitere schöne Formulierung Diederichsens aus dem obenstehenden Video möchte ich der Leserin der Weltsicht nicht vorenthalten. Gefragt, was die „Generation Post-Punk“ von der unmittelbar vorausgehenden, vom us-amerikanischen Hippietum geprägten vor allem unterschied, sagt er bündig: „Das Annehmen der eigenen Provinzialität, verbunden mit einem gegenwartsdiagnostischen Furor.“ Jawoll. Is genehmigt.

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Der Post-Punk in Deutschland wurde musealisiert und schlägt sich wacker dabei

Anthony Braxton Quartet @ Jazzbühne Berlin (Friedrichstadtpalast), DDR 1985

Es ist immer wieder faszinierend, wie es Braxton versteht, durch seine erweiterten Spielanweisungen für improvisierende MusikerInnen („Compositions“) die Dinge im Fluss und spannungsreich zu halten, ohne dass man das Gefühl hätte, diese (also die MusikerInnen jetzt) seien dadurch irgendwie eingeengt.

Wenn es nicht so hässlich klingen würde, könnte man von einem Hybrid- bzw., äh, Bastardverfahren zwischen Improvisation und Komposition sprechen („Amalgam“ klänge ja ganz komisch nach Zahnarzt, „Komprovisation“ irgendwie obszön. „Gelenkte Improvisation“ wiederum hört sich an wie ein durchaus entbehrliches musikalisches Gegenstück zu Wladimir Putins „Gelenkter Demokratie“). Bleiben wir also bei der etwas monströsen Formulierung „erweiterte Spielanweisungen für improvisierende MusikerInnen“.

Anthony Braxton Quartet @ Jazzbühne Berlin (Friedrichstadtpalast), DDR 1985