Private Raumfahrt, 2019

Das (noch) unbemannte private Raumschiff „Crew Dragon“ nähert sich der ISS am 3. März diesen Jahres. (Quelle)
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Weltsichten

Der smarte Herr Limberg

Peter Limberg, ein US-amerikanischer Freigeist, der einen Podcast namens Intellectual Explorers Club betreibt, in dem u. a. schon Massimo Pigliucci und David Brin gastierten, publizierte zusammen mit dem Instagram-Lyriker Conor Barnes am 14. September 2018 eine ganz erstaunliche Excel-Tabelle aktueller US-amerikanischer Weltsichten, die der intellektuell stets neugierigen Weltsicht-Leserin hiermit präsentiert sei1:

Memetic Tribes (PDF-Version, lokal hinterlegt in diesem Blog)

Um diese Tabelle herum haben Limberg & Barnes einen streckenweise unangenehm reißerischen, streckenweise aber auch angenehm intelligenten Artikel namens The Memetic Tribes Of Culture War 2.0 verfasst, der hiermit ausdrücklich empfohlen sei, weil er – trotz der ermüdend alarmistischen Wortwahl – ein philosophisch informiertes2 Licht auf die unübersichtliche aktuelle geistige Landschaft vor allem, aber nicht nur in den Vereinigten Staaten wirft.

Nach der Lektüre von Limbergs Essay fühlte ich mich bemüßigt, meine schematische Gegenüberstellung von Modernisierung und Digitalisierung der Gesellschaft aus meinem Artikel vom 23. September 2018 zu aktualisieren. Hier das Ergebnis meiner Bemühung:

Modernisierung Primat der Ökonomie, Frage nach der richtigen Gesellschaftsform
vorherrschende Alltagserfahrung Das Mannigfaltige (Kant)
modus operandi logisch => semantischer Realismus (Russell, Davidson), Falsifikationismus (Popper), Logischer Atomismus (Wittgenstein I) „Ein Satz ist entweder wahr oder falsch.“
=> Prozesse funktionale Ausdifferenzierung (Parsons, Luhmann) auf der Basis einer gemeinsamen großen Erzählung (Lyotard), z. B. einer Ideologie oder einer organisierten Religion
=> Organisationsformen politische Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Lobbys, Verbände, Vereine
=> Gesellschaftsformen Soziale Marktwirtschaft, real existierender Sozialismus, liberale Marktwirtschaft

Digitalisierung Primat der Kultur, Frage nach der korrekten Identität
vorherrschende Alltagserfahrung Binärität
modus operandi intuitiv => semantischer Anti-Realismus (Dummett), Verifikationismus (Wittgenstein II), Inferentialismus (Hegel, Brandom) „Es hängt vom Kontext ab, ob ein Satz wahr oder falsch ist.“
=> Prozesse Granularisierung (Kucklick) auf der Basis konkurrierender Memplexe (Dawkins) bzw. Satz-Regelsysteme (Lyotard)
=> Organisationsformen memetic tribes (Limberg), digitaler Tribalismus (Seemann)
=> Gesellschaftsformen Neoliberalismus, Fundamentalismen (religiös, rassisch), Neo-Rationalismen, Populismus


1 Dank an Michael Seemann, durch den ich auf diesen Artikel aufmerksam wurde.
2 Das meint vor allem die Auseinandersetzung mit Jean-François Lyotards Hauptwerk „Der Widerstreit“ aus dem Jahr 1983, in dem die Probleme einer sich immer weiter atomisierenden modernen Industriegesellschaft bereits ausführlich beschrieben wurden.

Die nächste Gesellschaft*

Perhaps Reddit’s greatest collective achievement was “Place”. … it was … a 1,000-by-1,000-pixel canvas. “Individually you can create something. Together you can create something more”, Reddit explained. Users could “paint”, one pixel at a time, but … communities quickly mobilized: r/TheBlueCorner marshalled huge amounts of manpower and organization to turn . . . a corner blue. Meanwhile, “The Darth Plagueis Project” filled a huge red square with dialogue from Star Wars: Episode III, r/MonaLisaClan did a fair job of reproducing the “Mona Lisa”, and national flags duelled with each other for space. Seventy-two hours later, over a million people had laid 16.5 million coloured tiles, creating a mesmerizing patchwork of online identity.

Carl Miller: Reddit, run | the-tls.co.uk 2019-01-23


* Eine Anspielung auf die „16 Thesen zur nächsten Gesellschaft“ des Soziologen Dirk Baecker aus dem Jahr 2013.

Nietzsche reloaded

Lou Andreas-Salomé, Paul Rée und Friedrich Nietzsche vor alpenländischer Kulisse züchtigend (Foto von 1882)

Ein neues Buch über den notorischen Philosophen korrigiert sowohl Nietzsches Todesursache (Gehirntumor, nicht Syphilis), als auch die Umstände seines Turiner Zusammenbruchs: Das legendäre Pferd, das er währenddessen weinend umarmt haben soll, hat vermutlich nie existiert.

Dass er misgyn war, aber durchaus reichlichen Umgang mit (bevorzugt intellektuellen) Frauen pflegte, wusste ich schon. Und dass die Art dieses Umgangs von einer gewissen Ambivalenz, aber nicht ohne Humor war, braucht angesichts der obigen Fotografie wohl nicht extra betont werden. Beachtenswert der zufriedene Gesichtsausdruck der gepeinigten Herren, während sich Mme Andreas-Salomé eher einer notwendigen, aber lästigen Pflicht zu unterziehen scheint. Wozu das Instrument in ihrer linken Hand dienen mag, möchte man lieber nicht wissen.

Hommage to Hardy Fox, Composer of „The Residents“

Das wohl bekannteste Foto der „Residents“ zeigt die vier Bandmitglieder in einschlägiger Kostümierung vor der Golden Gate Bridge San Franciscos.

Die Trash- und Mashup-Werke, mit der Trond Ø Reinholdtsen und auch Moritz Muzak Eggert derzeit die spießige, ästhetisch hinterwäldlerische, aber intellektuell extrem hochfahrende Welt der „Neuen Musik“ schocken bzw. verärgern, haben ihre geistigen Wurzeln zweifellos auch in den Arbeiten des soeben verstorbenen Hardy Fox, der Zeit seines Lebens in selbstgewählter Anonymität als principal composer der Pop-Formation The Residents fungierte, wie sich angesichts seines bedauerlichen Krebstods nun definitiv herausgestellt hat.* Aus diesem Anlass wies das empfehlenswerte Blog „Second Inversion“ dankenswerterweise auf „Pollex Christi“ (Der Daumen Christi), eines der „Hauptwerke“ Foxens aus dem Jahr 1997, hin.

Das durchgehend gute Laune verströmende und gute Laune machende Œuvre, welches aber gerne auch als Anhäufung postmoderner Zynismen verstanden werden kann, sei der geneigten Weltsicht-Hörerin nicht vorenthalten (Abfolge von 5 YouTube-Videos, Gesamtlänge ca. 20 Minuten):

Welchen Einfluss The Residents auf das Schaffen meines Co-Bloggers R. Schuster hatten, kann man hier lesen.


* Dabei ist es unerheblich, ob Reinholdtsen bzw. Eggert „The Residents“ (oder deren deutsches Gegenstück „Die Tödliche Doris“) kennen oder nicht – die künstlerischen Arbeitsweisen sind objektiv verwandt, und nur darauf kommt es mir hier an. Natürlich wäre in diesem Zusammenhang auch Frank Zappa zu nennen, aber über den ist m. E. bereits alles gesagt worden.

Hitler als Schmerzensmann

LINKS Mittelalterliche Darstellung von Christus als Schmerzensmann (Meister Francke, 14. Jhdht.) RECHTS Hitler als Emo, anonym eingestellt auf hotnhumidhistory.wikia.com, gefunden 2018-10-26 COLLAGE Blogbetreiber

Tiefenpsychologie, speziell die C. G. Jung’scher Provenienz, is ja was ganz Feines: Man kann eigentlich alles mit ihr erklären, da tatsächlich sämtliche Ausformungen menschlicher Kulturanstrengung letztlich – will sagen ganz letztlich – religiöse bzw. mythologische Wurzeln aufweisen. Und die Tiefenpsychologin wird praktisch niemals müde, zu diesen Wurzeln vorzudringen bzw. diese „freizulegen“, wie auch gerne gesagt wird. Nur leider ist damit nach meiner Erfahrung nur selten Substanzielles gewonnen.

Einer der kommerziell erfolgreichsten Geistesarbeiter, der sich dieser Methode bedient, ist derzeit der kanadische Psychologe Jordan B. Peterson. Aber um den geht es hier nicht, sondern um ein historisches Kuriosum der 1930er-Jahre, als mehrere JungianerInnen im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes OSS ein Persönlichkeitsprofil von – Adolf Hitler erstellen durften, mit dem Ziel, dessen vermeintliche oder tatsächliche Schwächen gezielt zu seiner Bekämpfung zu nutzen.

Eine von ihnen war niemand Geringeres als Katharine Briggs, deren zusammen mit ihrer Tochter Isabel Myers 1944 erstmals publizierter „Typenindikator“ – häufig als „MBTI-Test“ abgekürzt – bis heute der feuchte Traum so mancher Personalchefin zu sein scheint, wenn es um die Kategorisierung von Menschen geht. Der andere war der klinische Psychologe Henry Murray, auf den die folgende, durchaus verblüffende Hitler-Analyse zurückgeht:

The body [of Hitler, S.H.] that Germans saw on display at dozens of rallies and speeches—the flabby muscles, the hollow chest, the ladylike walk—stood in not only for the nation’s public preferences but for its people’s private lives: their feelings of impotence, their discriminatory states of mind, the stories they had invented to explain the injustice of their place in the world.

M. Emre: „Hitler ENTJ“, publiziert 2018-09-24@thebaffler.com

Jetzt wissen wir also endlich, warum der Braunauer damals so durchschlagenden Erfolg speziell bei den depressiven deutschsprechenden Männern Mitteleuropas hatte: Er repräsentierte exakt den abgeschlafften, effeminierten, sexuell depravierten Loser, als den sie sich selbst sahen! Auf der anderen Seite brachte er es aber fertig, trotz all seiner offenkundigen Handicaps der Welt seinen Willen aufzuzwingen und sie nach seinem Wunsche umzugestalten!! Dabei bediente er sich, so Murray, einer Projektionsmethode: „In his subconscious, … Hitler believed that the only way to excise his psychological demons was to give them human form. Only then could they be vanquished – annihilated from the face of the earth.“

Nun, ob Hitler wirklich unbewusst war, dass sein fanatischer Antisemitismus externalisiertem Selbsthass entsprang, wage ich zu bezweifeln. Doch hierüber kann letztlich niemand eine seriöse Aussage treffen. Offensichtlich jedoch ist und bleibt, dass er mit den realen Jüdinnen und Juden letztlich „den Juden in sich“ auslöschen wollte, und der stand für all jene Charaktereigenschaften, mit denen er, behutsam ausgedrückt, nich so dolle klarkam.

Aber – und damit kehre ich zum Ausgangspunkt dieses Artikels zurück – ist mit dieser wahrhaft deepen tiefenpsychologischen Erkenntnis irgendetwas gewonnen?

Zumindest nicht in der physikalischen Welt. Aber immerhin: Der böhmische Gefreite als selbstmitleidiger Emo-Christus, das hat schon einen gewissen, wenn auch dubiosen, Unterhaltungswert.

Und wer weiß, vielleicht macht ja der Oskar Roehler da irgendwann mal was Spannendes draus („Selbstverhitlerung“). Jonathan Meese dürfte es sowieso „geil“ finden.