Der Fotograf Andreas Rost (*1966)

Das Geburtsjahr habe ich eigens erwähnt, weil es auch das meine ist, allerdings nicht der Ort: Weimar. Und damit ergibt sich auch schon die Differenz. Das folgende Podcast-Porträt (ja, es gibt tatsächlich einen Podcast über Fotografie und er funktioniert sehr gut!) von Andreas Rost wurde am 28. März diesen Jahres publiziert:

#089 »Mich interessiert der poetische Umgang mit der Wahrheit.« Fotografie Neu Denken. Der Podcast.

Es folgen drei, wie ich finde, ikonische Bilder von Rost aus dem Jahr 1990. Die Bildtitel sind von mir.

Junger Mann: „Also der wär‘ noch zu haben! Sie müssen sich allerdings schnell entscheiden.“ – Mittelalter Mann (produziert stumm sehr viel Speichel).
The New Cool (Marlboro)
Wegelagerer vor dem Palast (DSU)

Die Arbeiten stammen von der Homepage des Künstlers und spiegeln exakt meine ambivalenten Gefühle angesichts der Wiedervereinigung damals wieder. Die unverhohlene Gier vieler Ossis war mir alles andere als sympathisch, aber gleichzeitig fühlte ich mich schuldig für diese Abneigung, denn wer war ich, diesen nicht nur konsumtechnisch ausgehungerten Menschen neue Erfahrungen zu mißgönnen? – Nun, ich kann nicht sagen, dass sich an dieser Ambivalenz nach all den Jahren etwas geändert hat. Und das ist doch einigermaßen bemerkenswert.

WarPic 01, 2022

So, jetzt hat der Russisch-Ukrainische Krieg (komisch, so wird er in den Medien nur recht selten genannt) auch die Weltsicht erreicht und ich paraphrasiere in der Folge – allerdings immer wieder unterbrochen von „normalen“ Arbeiten – unter dem Rubrum WarPics Fotografien professioneller Pressefotografen in der mir eigenen Art. Die Web-Fundstücke werden frei beschnitten, gefiltert und manchmal deformiert, um etwas in ihnen bereits Angelegtes herauszuarbeiten. Der Fotograf und seine Agentur werden, soweit bekannt, jeweils in der Bildbeschreibung benannt.

FotografIn: unbekannt, Bildgestaltung: Blogbetreiber

Ein Bild, wie es nur der Zufall erschaffen kann: Es ist noch früh im Krieg, es ist noch nicht alles Wüste & Apokalypse, ganz hinten links scheint jemand das beschädigte Hochhaus zu fotografieren, also hat diese Art von Zerstörung noch Neuigkeitswert. Die Plakattafel oben links wirbt noch ganz unschuldig mit viel Feuer- und Explosionsgedöns für irgendein Motocross(?)-Spektakel aus der Friedenszeit. Hat ganz rechts unterhalb der Mitte gerade eben eine weitere Granate das Hochhaus getroffen? Die Staubwolke hinter dem Baum und die instinktiv geduckte Haltung des Mannes scheinen darauf hinzudeuten.

Albrecht von Lucke zur politischen Lage der Nation (2018)

Endlich ein public intellectual, mit dem ich nicht nur was anfangen, sondern auch in weiten Teilen seiner gesellschaftlichen Analyse (und hier passt das Wort wirklich) zustimmen kann:


Zudem ist er nur ein Jahr jünger als ich und damit Teil der deutschen Generation X (=Geb.jahr 1965 – 1980), aus der Florian Illies so gerne die apolitische, konsumfixierte Generation Golf gemacht hätte. Leider hat Illies aber insofern ins Schwarze getroffen, als ich den Löwenanteil meiner Generation durchaus als apolitisch und konsumfixiert erlebt habe und erlebe.

Das Schöne an von Lucke ist sein „reines“ Intellektuellentum, d. h. er beschränkt sich auf Analyse und Deutung der politischen Verhältnisse, ohne eine Agenda im engeren Sinn zu verfolgen. Er macht ein leidenschaftlich vorgetragenes, vollkommen un-ironisches Deutungsangebot, das dabei aber stets falsifizierbar bleibt. Was ihn vor postmoderner Beliebigkeit bewahrt, sind seine linksliberalen Grundüberzeugungen, die er niemals in Frage zu stellen scheint. Auch „gehört“ er publizistisch niemandem (Springer, öffentlich-rechtliche Rundfunk- und Fernsehanstalten), denn die Blätter sind Teil des linken Urgesteins der Bonner Republik und haben wundersamerweise bis heute durchgehalten.

Als „rein“ im Sinne von sachorientiert und uneigennützig emfinde ich von Luckes Stil auch, weil er die seltene Eigenschaft hat, Meinungsfreude mit Toleranz zu verbinden. Zudem scheint er nicht sonderlich eitel zu sein –  und narzisstisch schon gar nicht. Ein verkappter Möchtergern-Wissenschaftler, der es „nur“ zum Journalisten geschafft hat, ist er auch nicht. Dass das weiland auch schon seine Politikwissenschafts-Profs erkannten, bekennt er erfrischend freimütig.

Eher nebenbei berichtet er, sein Grund, aus den Grünen auszutreten (er war mehr oder minder von Anfang an dabei), sei damals die Aufnahme seiner journalistischen Tätigkeit gewesen. Man könne schließlich, sagt er treuherzig, nicht über eine Partei journalistisch berichten, der man selber angehöre. Soviel Integrität macht mich dann schon ein bisschen fassungslos, denn ich kenne hauptsächlich Journalisten, die bei Aufnahme ihrer beruflichen Tätigkeit in eine Partei eintraten.

Kurzum, ein großer Gewinn für mein derzeit nicht allzu üppig gefülltes gesellschaftspolitisches Info-Portfolio, oder, um mit Karl Barth zu sprechen, als er die „Blätter“ lange vor von Luckes Ägide charakterisierte, „eine Insel der Vernunft in einem Meer von Unsinn“.

Zwei Opfer von Jeffrey Epstein

(SH) Elite (Epstein), 2020

Das Thema zieht natürlich reißerische Berichterstattung magisch an, aber diese ca. 40-minütige Podcastfolge ist weitgehend frei davon. Außerdem kommen beide betroffenen Frauen selbst zu Wort. Eine von ihnen sieht sich bis heute ganz und gar nicht als Opfer, sondern als Verführte.

Es handelt sich hier um die 4. Episode des frei im Netz stehenden Podcasts Broken, hinter dem u. a. US-Filmregisseur Adam McKay („Vice – Der zweite Mann“) steht. – Aber Vorsicht, die Reportage geht, wie beim Thema sexueller Missbrauch zu erwarten, so richtig an die Nieren!

Die professionellen Sprecher sprechen gut verständliches amerikanisches Englisch in nicht allzu hoher Geschwindigkeit.


Quelle: megaphone.fm

Trotzdem schönen Sonntag noch wünscht

der Blogbetreiber

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Garfinkle über Lesekompetenz und Zivilisation

We know that a significant decline in a society’s deep literacy 1  can matter because it has happened before. Thanks in part to the revolutionary impact of the codex, male literacy rates in the Roman Republic and then Empire were probably in the 30% to 40% range, at least in urban areas. […] After the collapse of the Western Roman Empire in 476, literacy rates quickly dropped below 5%, and did not regain their previous levels until the 16th century at the earliest. Until they did, the advent of liberalism as we understand the term could not happen.

Adam Garfinkle: The Erosion of Deep Literacy | www.nationalaffairs.com aufgerufen 2020-05-27


 

1 Garfinkle definiert Deep Literacy im selben Text wie folgt: „Deep literacy is what happens when a reader engages with an extended piece of writing in such a way as to anticipate an author’s direction and meaning, and engages what one already knows in a dialectical process with the text. The result, with any luck, is a fusion of writer and reader, with the potential to bear original insight. […] Deep reading alone creates the possibility of a private internal dialogue with an author not physically present.“

Rosenthal über das Dresdner Bürgertum

S. Rosenthal: „Rorschach oliv rot goldgelb“ (2019)

Ok, Dresden ist eine provinzielle Beamtenstadt – und wer hier als Künstler existieren (von „leben“ rede ich gar nicht) möchte, der spielt irgendwann auch Beamtenmikado, ist zu allen scheißnett und wird mal hier, mal dort von irgendeinem genauso rückgratlosen Provinzgroßkunstsammler zum Kaffeekränzchen in seine klimatisierte Altbauwohnung eingeladen – und darf dann in seinem Büro, im Stadtmuseum oder in irgendeinem zweitklassigen Schickeriarestaurant ausstellen. „Das ist ja dann auch gute Werbung für dich!“ Alles gaaanz toll… Nur eines darf man niemals tun: widersprechen, eigene Meinungen vertreten! Man soll sich still und nett beugen und diesen Leuten für jedes Almosen ihr Ego auf Hochglanz polieren! Und man lernt solches Verhalten ja schon an der Kunstakademie. Was meinen Sie, wie man ausgegrenzt wird, wenn man seinem Professor widerspricht oder einem seiner Lieblingsstudenten? Da lernt man, was Freiheit wirklich bedeutet! Insofern ist die Dresdner Kunstszene sicher Vorreiter jener neuen Bürgerlichkeit, von der ich bereits sprach. Sie wird sich nicht wehren, wenn die AfD sie zu Eierschecke püriert.

Wolfgang Ullrich / Simon Rosenthal: Pandemie des Nichts. Simon Rosenthal im Gespräch mit Wolfgang Ullrich. | atelier-simon-rosenthal.de 2020-05-06

Simon ROSENthal (nicht Wiesenthal!) ist gebürtiger Saarbrücker und 36 Jahre alt. Das o.g. Interview, in dem es beileibe nicht nur um Dresden, ja nicht einmal nur um Kunst geht, umfasst gedanklich dichte 42 Druckseiten inklusiver guter Reproduktionen aller im Text angesprochenen Arbeiten des Künstlers und sei hiermit der geneigten Weltsicht-LeserIn ausdrücklich zur Sonntagslektüre anempfohlen.

Rückseiten der Digitalisierung II

… in order to carry out almost anything online we must subject ourselves to a hypercommodified hellscape of targeted advertising and algorithmic sorting … .

Adrian Chen: The Confidence Game | www.thenation.com 2019-10-14

Immerhin gibt es Werbeblocker. (Ja, dieser Artikel ist bereits 8 Jahre alt, aber an der Großwetterlage hat sich erstaunlicherweise nichts geändert.)