Kleine Erinnerung zum Jahresende

Wäre die internationale Politik Schwarzer, Precht und Welzer gefolgt, wäre Selenskyj jetzt tot, die Ukraine ein von gelegentlich aufblitzenden Partisanenkämpfen durchfurchtes Massengrab, Deutschland stünde wg. Millionen ukrainischer Flüchtlinge am Rand sozialer Unruhen und die AfD wäre bundesweit die zweitstärkste Partei. Aber wir hätten superbilliges russisches Gas!

Masala zur Ukraine

Eine der klarsten Stimmen zum Thema Ukraine: „Es geht nicht darum, dass die Ukrainer unsere Freiheit verteidigen, aber sehr wohl darum, dass sie unsere Sicherheit verteidigen“ (sinngemäßes Zitat). Das Gespräch fand am 24. November 2022 in Heidelberg statt. Partnerin ist die Schriftstellerin Jagoda Marinić:

Sally Frishberg survived the Holocaust

Frishbergs (*1934) Geschichte zeigt vor allem, dass es eben doch auf das Verhalten des Einzelnen ankam und nicht alle Beteiligten immer & überall nur Rädchen im großen Getriebe & Geschiebe der Zeitläufte waren. Auch die bis heute von einigen aufrechterhaltene Lüge, nichtjüdische Deutsche hätten vom geplanten Holocaust nichts gewusst, wird, wenn auch nur anekdotisch, einmal mehr widerlegt.

Ihr Vater, so berichtet Frishberg, spielte kurz vor dem Abtransport ihrer Familie ins KZ regelmäßig Schach mit dem deutschen Offizier „Mister Arnold“, der im Haus ihrer Familie in der polnischen Provinz einquartiert worden war. Frishbergs Vater sprach Jiddisch und konnte sich so mit dem Wehrmachtsoffizier, der ein Lehrer aus München gewesen sei und kein Polnisch konnte, verständigen. Arnold warnte Frishbergs Vater eindringlich, seine Familie in Sicherheit zu bringen und der Nazi-Propaganda nicht zu glauben, die damals behauptete, man werde die polnischen Juden im Osten des Landes demnächst in „bessere Lebensumstände“ evakuieren.

Judy „Jewdy“ Gold ist eine US-amerikanische Comedienne, die bekannt ist für ihren drastischen Humor und ihre lautstarke Art. Normalerweise präsentiert sie auf ihrem Podcast andere Comedians, es handelt sich also eigentlich um ein Unterhaltungsformat, deshalb also nicht überrascht sein über die groteske Intro-Musik, Golds un-journalistische Art der Interviewführung etc.

347: Sally Frishberg Kill Me Now with Judy Gold

348: Sally Frishberg (Part II) Kill Me Now with Judy Gold

Der Fotograf Andreas Rost (*1966)

Das Geburtsjahr habe ich eigens erwähnt, weil es auch das meine ist, allerdings nicht der Ort: Weimar. Und damit ergibt sich auch schon die Differenz. Das folgende Podcast-Porträt (ja, es gibt tatsächlich einen Podcast über Fotografie und er funktioniert sehr gut!) von Andreas Rost wurde am 28. März diesen Jahres publiziert:

#089 »Mich interessiert der poetische Umgang mit der Wahrheit.« Fotografie Neu Denken. Der Podcast.

Es folgen drei, wie ich finde, ikonische Bilder von Rost aus dem Jahr 1990. Die Bildtitel sind von mir.

Junger Mann: „Also der wär‘ noch zu haben! Sie müssen sich allerdings schnell entscheiden.“ – Mittelalter Mann (produziert stumm sehr viel Speichel).
The New Cool (Marlboro)
Wegelagerer vor dem Palast (DSU)

Die Arbeiten stammen von der Homepage des Künstlers und spiegeln exakt meine ambivalenten Gefühle angesichts der Wiedervereinigung damals wieder. Die unverhohlene Gier vieler Ossis war mir alles andere als sympathisch, aber gleichzeitig fühlte ich mich schuldig für diese Abneigung, denn wer war ich, diesen nicht nur konsumtechnisch ausgehungerten Menschen neue Erfahrungen zu mißgönnen? – Nun, ich kann nicht sagen, dass sich an dieser Ambivalenz nach all den Jahren etwas geändert hat. Und das ist doch einigermaßen bemerkenswert.

WarPic 01, 2022

So, jetzt hat der Russisch-Ukrainische Krieg (komisch, so wird er in den Medien nur recht selten genannt) auch die Weltsicht erreicht und ich paraphrasiere in der Folge – allerdings immer wieder unterbrochen von „normalen“ Arbeiten – unter dem Rubrum WarPics Fotografien professioneller Pressefotografen in der mir eigenen Art. Die Web-Fundstücke werden frei beschnitten, gefiltert und manchmal deformiert, um etwas in ihnen bereits Angelegtes herauszuarbeiten. Der Fotograf und seine Agentur werden, soweit bekannt, jeweils in der Bildbeschreibung benannt.

FotografIn: unbekannt, Bildgestaltung: Blogbetreiber

Ein Bild, wie es nur der Zufall erschaffen kann: Es ist noch früh im Krieg, es ist noch nicht alles Wüste & Apokalypse, ganz hinten links scheint jemand das beschädigte Hochhaus zu fotografieren, also hat diese Art von Zerstörung noch Neuigkeitswert. Die Plakattafel oben links wirbt noch ganz unschuldig mit viel Feuer- und Explosionsgedöns für irgendein Motocross(?)-Spektakel aus der Friedenszeit. Hat ganz rechts unterhalb der Mitte gerade eben eine weitere Granate das Hochhaus getroffen? Die Staubwolke hinter dem Baum und die instinktiv geduckte Haltung des Mannes scheinen darauf hinzudeuten.

Albrecht von Lucke zur politischen Lage der Nation (2018)

Endlich ein public intellectual, mit dem ich nicht nur was anfangen, sondern auch in weiten Teilen seiner gesellschaftlichen Analyse (und hier passt das Wort wirklich) zustimmen kann:


Zudem ist er nur ein Jahr jünger als ich und damit Teil der deutschen Generation X (=Geb.jahr 1965 – 1980), aus der Florian Illies so gerne die apolitische, konsumfixierte Generation Golf gemacht hätte. Leider hat Illies aber insofern ins Schwarze getroffen, als ich den Löwenanteil meiner Generation durchaus als apolitisch und konsumfixiert erlebt habe und erlebe.

Das Schöne an von Lucke ist sein „reines“ Intellektuellentum, d. h. er beschränkt sich auf Analyse und Deutung der politischen Verhältnisse, ohne eine Agenda im engeren Sinn zu verfolgen. Er macht ein leidenschaftlich vorgetragenes, vollkommen un-ironisches Deutungsangebot, das dabei aber stets falsifizierbar bleibt. Was ihn vor postmoderner Beliebigkeit bewahrt, sind seine linksliberalen Grundüberzeugungen, die er niemals in Frage zu stellen scheint. Auch „gehört“ er publizistisch niemandem (Springer, öffentlich-rechtliche Rundfunk- und Fernsehanstalten), denn die Blätter sind Teil des linken Urgesteins der Bonner Republik und haben wundersamerweise bis heute durchgehalten.

Als „rein“ im Sinne von sachorientiert und uneigennützig emfinde ich von Luckes Stil auch, weil er die seltene Eigenschaft hat, Meinungsfreude mit Toleranz zu verbinden. Zudem scheint er nicht sonderlich eitel zu sein –  und narzisstisch schon gar nicht. Ein verkappter Möchtergern-Wissenschaftler, der es „nur“ zum Journalisten geschafft hat, ist er auch nicht. Dass das weiland auch schon seine Politikwissenschafts-Profs erkannten, bekennt er erfrischend freimütig.

Eher nebenbei berichtet er, sein Grund, aus den Grünen auszutreten (er war mehr oder minder von Anfang an dabei), sei damals die Aufnahme seiner journalistischen Tätigkeit gewesen. Man könne schließlich, sagt er treuherzig, nicht über eine Partei journalistisch berichten, der man selber angehöre. Soviel Integrität macht mich dann schon ein bisschen fassungslos, denn ich kenne hauptsächlich Journalisten, die bei Aufnahme ihrer beruflichen Tätigkeit in eine Partei eintraten.

Kurzum, ein großer Gewinn für mein derzeit nicht allzu üppig gefülltes gesellschaftspolitisches Info-Portfolio, oder, um mit Karl Barth zu sprechen, als er die „Blätter“ lange vor von Luckes Ägide charakterisierte, „eine Insel der Vernunft in einem Meer von Unsinn“.

Zwei Opfer von Jeffrey Epstein

(SH) Elite (Epstein), 2020

Das Thema zieht natürlich reißerische Berichterstattung magisch an, aber diese ca. 40-minütige Podcastfolge ist weitgehend frei davon. Außerdem kommen beide betroffenen Frauen selbst zu Wort. Eine von ihnen sieht sich bis heute ganz und gar nicht als Opfer, sondern als Verführte.

Es handelt sich hier um die 4. Episode des frei im Netz stehenden Podcasts Broken, hinter dem u. a. US-Filmregisseur Adam McKay („Vice – Der zweite Mann“) steht. – Aber Vorsicht, die Reportage geht, wie beim Thema sexueller Missbrauch zu erwarten, so richtig an die Nieren!

Die professionellen Sprecher sprechen gut verständliches amerikanisches Englisch in nicht allzu hoher Geschwindigkeit.


Quelle: megaphone.fm

Trotzdem schönen Sonntag noch wünscht

der Blogbetreiber

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