Coolness zweiter Ordnung

Bei der Lektüre eines Interviews mit der israelischen Soziologin Eva Illouz aus dem Jahr 2003 stach mir eine Passage ins Auge, die sehr gut die „Coolness zweiter Ordnung“ definiert, die mir für meine Alterskohorte, die Generation X (geb. 1963 – 1982), typisch zu sein scheint:

Einerseits wähnen sich die Leute über dem Klischee, weil sie so originell und kreativ sind, und zugleich wiederholen sie die Muster der Konsumkultur. […] Eben dann, wenn man das macht, was alle anderen tun, fühlt man sich besonders originell und kreativ. Diese Position ist nicht ohne Pathos.

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Coolness zweiter Ordnung

Das Web 1.0 lebt!

Kennt noch jemand das Web 1.0? Es bestand ausschließlich aus mehr oder minder handgestrickten Hypertext Markup Language (HTML)-Webseiten (für mich zumindest). Und für’s User-Feedback bot der Provider eine „Gästeseite“ an. Ja, richtig, eine Kommentarmöglichkeit für die ganze Homepage.

Als jüngst einmal ein Update meines Werkverzeichnisses anstand, das ich weiterhin auf meiner Web 1.0-mäßigen Homepage stefanhetzel.de führe, dachte ich mir: Ich muss den jungen Leuten jetzt doch mal zeigen, wie man Internetseiten gemacht hat, bevor es Content-Management-Systeme (CMS) wie WordPress, Typo3 oder Joomla! gab.

Im Prinzip geht das so:

SCREENSHOT 1 – Homepagebau im Web 1.0-Stil

Im Zentrum steht ein Text-Editor, hier PSPad (linke Bildschirmhälfte im Hintergrund), in den man seinen Content eingibt und lokal als HTML-Datei abspeichert. Der Editor ist via File Transfer Protocol mit dem Web-Server des Providers verbunden (Spalte ganz links). Ist man mit der Eingabe fertig, lädt man die HTML-Datei auf den Server und sie steht online, fertig. Will man später etwas ändern, lädt man eine lokale Kopie der Datei auf seine Festplatte runter, macht die gewünschten Änderungen und lädt die neue Version wieder hoch, dabei die alte überschreibend.

Der HTML-Quelltext meines Werkverzeichnisses beginnt so:

SCREENSHOT 2 – HTML-Quelltext unter PSPad

Ca. 80% dieses Ausschnitts besteht aus Anweisungen, die für den Internetnutzer unsichtbar bleiben. Die ersten zwei Zeilen bezeichnen den Dokumenttyp, die Deklarationen im Header-Bereich die verwendete Version von HTML Tidy (wird gleich erklärt), den Zeichensatz des Dokuments (hier: „Latin-1, westeuropäisch“), den Herausgeber der Seite und das eingebundene Style Sheet (wird auch gleich erklärt).

Auch wenn es hier nicht so aussieht: Im Grunde sind HTML-Quelltexte für Normalsterbliche gut lesbar. Im body-Bereich der Datei kann der Anteil unsichtbarer Text-Anteile schon mal auf unter 20% sinken.

Das für den Laien immer wieder Irritierende ist, dass es für „das Internet“ egal ist, ob ein Quelltext relativ human aussieht wie oben – oder z. B. so:

SCREENSHOT 3 – Dieselbe Datei wie oben, aber „komprimiert“, d. h. ohne menschenfreundliches Layout.

Für die Algorithmen, die den Quelltext online interpretieren, sind beide Darstellungsformen gleichwertig, denn sie haben keine Augen.

Es ist also entscheidend für die Lesbarkeit von HTML-Quelltext, wie er dargestellt wird. Dabei helfen die im Screenshot 2 gut erkennbaren diversen Absatz-Einrückungen. Kurz gesagt: Je tiefer die Einrückung, desto tiefer steht die entsprechende Zeile in der aktuelllen Text-Hierarchie. Haben zwei Zeilen die gleiche Einrückungstiefe, gehören sie auch derselben HIerarchiestufe an.

Ein Tool namens HTML Tidy hilft, bei all dem Kuddelmuddel nicht die Übersicht zu verlieren. Man kann den Quelltext „irgendwie“ eingeben, filtert ihn anschließend mit HTML Tidy und bekommt dann obenstehende Struktur. Macht man einen HTML-Fehler, wird der von Tidy ebenfalls erkannt und entweder automatisch korrigiert oder man wird zur manuellen Korrektur aufgefordert. Das gilt allerdings nicht für Rechtschreibfehler.

Auf Dauer ist das Seitenbauen mit einem Text-Editor dennoch recht ermüdend. Um dieser Malaise abzuhelfen, wurden WYSIWYG*-Editoren erfunden, die sich vor den Text-Editor blenden lassen. KompoZer ist ein solcher (siehe grün gerandetes Fenster im Screenshot 1) und hier werden alle für die spätere Nutzerin unsichtbaren Anweisungen ausgeblendet. Die Arbeit mit einem WYSIWYG-Editor kommt der mit einem CMS schon recht nahe. Man kann auch längere Texte wie in Word „einfach so“ eingeben und formatieren, ohne an irgendwelchen technischen Kram denken zu müssen. KompoZer übersetzt das dann automatisch in gültiges HTML.

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Mit HTML lassen sich zwar komplette Webseiten erstellen, aber gestalten lassen sie sich damit nur sehr beschränkt. Deswegen wurde ein weiteres Tool erfunden: die Cascading Style Sheets (CSS), die festlegen, wie Inhalte dargestellt werden. Dabei lassen sich beliebig viele HTML-Seiten mithilfe einer CSS-Datei einheitlich gestalten, man muss nur im Header korrekt auf sie verweisen. Im Screenshot 2 geschieht das durch die Zeile

 <link href="css/shcomp.css" type="text/css" rel="stylesheet">

Und so sieht shcomp.css aus (Ausschnitt):

SCREENSHOT 4 – Ein typisches Cascading Style Sheet (Ausschnitt)

Die ersten vier Zeilen sagen hier bsp.weise: Verwende für alle Elemente die Schriftart „Trebuchet MS“ bzw. eine serifenlose Schriftart und richte sie im Blocksatz aus. – CSS-Dateien sind wesentlich abstrakter als HTML-Dateien, auch mag es kontraintuitiv sein, grafische Gestaltungsanweisungen als Text zu formulieren. Und dennoch ist das Prinzip kein Hexenwerk. Am besten, man beschränkt sich auf die Basics und übernimmt komplexere Lösungen en bloc aus den entsprechenden Online-Tutorials. Mir hat SELFHTML immer weitergeholfen.

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Der Vorteil des Web 1.0 war seine komplette Unabhängigkeit von kommerziellen Plattformen (abgesehen natürlich vom Provider, der aber normalerweise keine Werbung schaltete). Sämtliche Software-Tools ließen sich kostenlos aus dem Netz beziehen, ebenso das Know-how. Man wusste exakt, was man tat und wie es umgesetzt wurde: schließlich hatte man das System selber aufgesetzt.

Der Nachteil war der geringere Vernetzungsgrad: Man wurde nicht so leicht gefunden, denn man betrieb ja sozusagen ein Standalone-Unternehmen. Aber ist das im Web 2.0, das um mehrere Größenordnungen gewaltiger ist als sein Vorgänger aus den Neunziger- und frühen Nullerjahren, wirklich besser?

Sei’s drum, für mich bleibt die handgestrickte, werbefreie Homepage der Inbegriff einer Form publizistischer Freiheit, wie sie das WorldWideWeb erstmalig ermöglichte.

Danke, Tim Berners-Lee!


* What You See Is What You Get
Das Web 1.0 lebt!

Der Veitstanz als ekklesiogene Massenhysterie

Dieser Ausschnitt des Kupferstichs „Wallfahrt nach Meulebeeck“ von Henrik Hondius aus dem Jahr 1564 zeigt zwei „unfreiwillig tanzende“ Frauen, zu deren Bändigung je zwei Männer kaum auszureichen scheinen. Ob es sich hier wirklich um die Darstellung eines Veitstanzes handelt, ist allerdings unklar.

Schöner Artikel von John Waller im Guardian über einen rave im Straßburg des frühen 16. Jahrhunderts:

… a lone woman stepped outside her house and jigged for several days on end. Within a week, dozens more had been seized by the same irresistible urge. […] By the time the authorities intervened, hundreds more were dancing in the same frenetic fashion. […] The dancing went on and on until … some of them collapsed and perished on the spot.

Als Ursache dieses traditionell als Veitstanz bekannten Phänomens vermutet Waller weder eine Vergiftung noch eine körperliche Erkrankung, sondern fehlgeleitete Religiosität:

One particular idea appears to have lodged in the cultural consciousness of the region: that St Vitus could punish sinners by making them dance.

Der rätselhafte Straßburger rave habe seine Ursache also in einer Art Selbstbestrafung für begangene Sünden: Der Sündige tanzt sich die Schuld, die er sich aufgeladen hat, buchstäblich vom Leib und unterwirft sich darin der Macht des hierfür „zuständigen“ Heiligen, in diesem Fall dem heiligen Veit. Das klingt schon weniger obskur, wenn man sich Bilder aus Versammlungen religiös verzückter evangelikaler ChristInnen etwa aus den U.S.A ins Gedächtnis ruft.

Und natürlich ist die rave-Bewegung der 1990er-Jahre nichts anderes als eine säkularisierte Renaissance des Veitstanzes. Nur dass der raver nicht mehr tanzt, um seine Bußfertigkeit unter Beweis zu stellen, auf dass er nach dem Tod nicht ewig in der Hölle brate, sondern um im Hier und Jetzt „Spaß zu haben“. Der rave kennt kein Jenseits, klar. Sein commander ist auch nicht mehr der heilige Veit, sondern bsp.weise DJ Marusha:

BefehlshaberInnen des verzückten Massentanzes einst und jetzt. Links: Veit, rechts: Marusha.

Ein weiterer Beleg für die ekklesiogene Natur der historischen Veitstänze ist die Tatsache, dass sie sich nur so lange ereigneten, wie sich der entsprechende Volksglaube hielt. Ab ca. Mitte des 16. Jahrhunderts verschwinden sie einfach auf Nimmerwiedersehen. Waller kommt zu folgender, weitreichender Schlussfolgerung:

In this way, the dancing mania underscores the power of cultural context to shape the way in which psychological suffering is expressed.

Allgemeiner formuliert hieße das: deine Weltsicht (im Sinne von belief system) determiniert die Form deines psychischen Elends. Würde schon mal erklären, warum „Naturvölker“ keine „Zivilisationskrankheiten“ haben. Oder warum die Formen „weiblicher Hysterie“, die Freud zu behandeln hatte, heute (nach meinem Kenntnisstand) nahezu unbekannt sind. Der Begriff „Hysterie“ ist aus der amtlichen Psychiatrie sogar mittlerweile komplett verbannt und wurde durch „Histrionische Persönlichkeitsstörung“ ersetzt.

Dass unsere Weltsicht unsere psychosomatische Befindlichkeit beeinflusst, ist an sich ja eine rechte banale Erkenntnis, auf der heutzutage ganze Industriezweige (Stichwort wellness) aufbauen. Aber interessant wäre es doch, zu wissen, wie genau die Korrelation zwischen belief system und Psychopathologie funktioniert.

Da muss ich jetzt erst mal eine ganze Weile drüber nachdenken. Und die/der geneigte Weltsicht-LeserIn ist herzlich willkommen, das auch zu tun, z. B. in einem Kommentar zu diesem Artikel.

Der Veitstanz als ekklesiogene Massenhysterie

Wie Sascha Lobo zu dem wurde, der der ist (Podcast)

Angenehmes, fast un-eitles Interview mit Deutschlands erstem Internet-Intellektuellen (kann man sagen, oder?) aus dem Oktober des vergangenen Jahres. Dauert auch nur eine Stunde vierzig Minuten:

 

Wer ein Inhaltsverzeichnis zu diesem Podcast möchte, geht hierher (Icon „Show chaptermarks“ anklicken).

Wie Sascha Lobo zu dem wurde, der der ist (Podcast)

Zum 11. September 2016

Als Beinahe-Augenzeuge und daher zufälliges Nicht-Opfer dieser namenlosen Barbarei, die sich heute zum 15. Mal jährt, habe ich diesem üblen Entrée ins 21. Jahrhundert schon vor Jahren eine Art Internet-Denkmal auf meiner Homepage gesetzt:

Our 9/11

Ralf Schuster (Bild) & ich (Musik) ich haben „unseren“ 11. September 2001 drei Jahre später in einem experimentellen Dokumentarfilm verarbeitet, an den heute einmal mehr erinnert sei. Wir hatten uns am 9. oder 10. September 2001 eine Weile am Fuß des World Trade Centers aufgehalten, dort entstanden auch die Filmaufnahmen mit der Stretchlimo, der Hochzeitsgesellschaft etc. Während der eigentlichen Katastrophe schliefen wir sicher in unseren Betten im Gershwin Hotel (das mittlerweile The Evelyn Hotel heißt). Ralfs Film in seiner komplett unpathetischen und auch unsentimentalen, aber nicht unempathischen Chaotik zeigt für mich exemplarisch, wie schwer es ist, einem Ereignis von derart elementarer Disruptivität künstlerisch beizukommen:

Ich kam mir nie in meinem Leben mikrobenhafter vor als am 11. September 2001 und den Tagen danach, denn es wurden mir zwei Dinge klar:

  1. Dass du jetzt lebst, verdankst du einem glücklichen Zufall.
  2. Wärst du unter den Opfern gewesen – die Welt hätte sich weitergedreht. Also nimm dich teufelnochmal nicht so wichtig.
Zum 11. September 2016

Der Jude Spock und die wahre Herkunft des Vulkanischen Grußes

Zu meiner Verblüffung erfuhr ich vor Kurzem, dass der jüngst verstorbene Schauspieler Leonard Nimoy aka Mr. Spock im richtigen Leben jiddische Wurzeln hatte. Seine Eltern waren aus Osteuropa in die USA, genauer, nach Boston, eingewandert, wo der junge Leonard offenbar recht geborgen in einer Art Schtetl light, dem Bostoner Westend nämlich, aufwuchs.

ShinDas Westend, so Nimoy, sei keineswegs ein jüdisches Ghetto gewesen, vielmehr hätten dort u. a. auch eine Menge Italiener gelebt. In einigen Häusern seien die zwei Ethnien sogar nach Stockwerken sortiert gewesen. Man konnte in einem solchen Haus, so Nimoy, damals mit geschlossenen Augen die Treppen hochsteigen und erkannte am Essensgeruch immer genau, ob man gerade in einem „italienischen“ oder einem „jiddischen“ Stockwerk war.

Hier ein kurzer Ausschnitt aus einem ausführlichen Interview, indem Nimoy sichtlich amüsiert darüber aufklärt, wie er während der Dreharbeiten zur Ur-Star Trek-Fernsehserie in den 1960ern dreist den Aaronitischen Segen zum „Vulkanischen Gruß“ umfunktionierte:

Und hier das sehr lohnende Gespräch in voller Länge. Speziell am Anfang spricht Nimoy auch einige Brocken Jiddisch …

… was mich auf die verwegene, aber reizvolle Idee einer Neusynchronisation von „Raumschiff Enterprise“ mit einem jiddelnden Mr. Spock brachte – mit, sagen wir, Maxim Biller als Mr. Spocks Synchronsprecher. Keine Ahnung, ob Biller des Jiddischen überhaupt mächtig ist. Wäre aber ganz sicher ein Knaller.

Der Jude Spock und die wahre Herkunft des Vulkanischen Grußes