Lektüretagebuch 2019

2019-01-19 „The Corrections“ von Jonathan Franzen: große Freude!

2019-05-17 „The Spinoza Problem“ von Irvin D. Yalom: Fantastisches Buch! Und noch fantastischeres Sujet: Eine „Parallelbiografie“ von Baruch Spinoza und Alfred Rosenberg. Wie kann man nur auf eine solche Idee kommen? Nun, der amerikanisch-jüdische Psychoanalytiker Yalom konnte das 2012. Und er imaginiert sich gar als fiktiver Therapeut des übelsten (Pseudo-)Intellektuellen, den der Nationalsozialismus hervorgebracht hat! Bzw. umgekehrt, er imaginiert den (Pseudo-)Intellektuellen des Nationalsozialismus auf der Couch. Das kann eigentlich nur in die Hose gehen und gräßlichen intellektuellen Kitsch hervorbringen! Das ist aber keineswegs der Fall, denn Yalom erfindet/fantasiert eigentlich gar nicht so viel, sondern collagiert lediglich Originaltexte seiner beiden kontradiktorischen Protagonisten. – Was für mich das Unangenehme an der Lektüre des Buches ist: Immer, wenn von Spinoza die Rede ist, denke in an meine Träume und Ideale (Unabhängigkeit in spiritueller, intellektueller und lebenstechnischer Hinsicht; ein kontemplatives Leben auf der Suche nach Wissen und Weisheit; endlose Neugier auf die Welt, die Dinge und, wenn auch weniger, die Menschen), und immer, wenn Yalom das Leben, Treiben und Fühlen Rosenbergs schildert (die Suche nach väterlicher Autorität; eine nicht stillzustellende Gier nach Anerkennung bei gleichzeitiger Verweigerung, sich ihnen wirklich zu offenbaren bzw. überhaupt etwas dafür zu tun; Pseudo-Intellektualismus; Fanatismus; Obesssivität; Impulsivität; die Unfähigkeit, sich wirklich auf andere MenschInnen einzulassen; Solipsismus; Arroganz), vergleiche ich das mit meinem eigenen Leben, Treiben und Fühlen und erkenne erschreckende Parallelen. Also ein in mehrfacher – trauriger wie erhellender – Hinsicht subversives Buch!

2019-05-22 So, jetzt habe ich den Yalom durch & muss leider sagen, dass der Autor „tiefer gedacht hat, als er ausführte“. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das ganze Unternehmen nicht doch für einen – wenn auch unbeabsichtigten – geschmacklosen Scherz des literarisierenden existentiellen Psychotherapeuten halten soll. Denn am Ende gibt es nicht wirklich irgend eine erkenntnisfördernde Brücke zwischen Baruch/Bento (de) Spinoza und Alfred „Adolf“ Rosenberg. Die ja tatsächlich existiert habende Obsession des Reichsleiters mit Werk & Person des sephardischen Philosophen erweist sich am Ende als zu dünn, um als ausreichend tragende Grundlage einer intellektuellen Doppelbiografie dienen zu können. Außerdem stellte sich bei mir das – vom Autor sicherlich ebenfalls unbeabsichtigte – Gefühl ein, am Ende sei Spinoza mindestens ebenso verrückt gewesen wie der Nazi-Mythosoph, nur eben mit weitaus weniger destruktiven Folgen… – Außerdem hätte mich interessiert, was die existentielle Psychotherapie zur Genese von Rosenbergs idée fixe zu sagen hat. Aber darüber erfährt man im Buch leider auch nichts: Rosenberg tritt dort als bereits im zarten Jünglingsalter in der Wolle gefärbter Judenhasser auf.

2019-05-28 Der Brandt liest sich wirklich beängstigend süffig & ist das exakte ostfriesische Pendant zu Niemanns oberbayerischen Heimatromanen. Ja: Heimatromanen, denn so müssen Heimatromane meiner Meinung nach heutzutage geschrieben sein, um diesen Namen zu verdienen: kritisch, aber nicht „dekonstruktiv“, klischeefrei (sowieso), ganz nahe an und empathisch mit den Figuren, die aber dennoch niemals allzu stark zur Identifikation einladen sollten (dafür sind sie zu stark von brennenden Widersprüchen durchzogen). Der/die HeimatschriftstellerIn in diesem Sinn liebt zwar im Grunde die lokale Beschränktheit seines Sujets und evtl. auch die eigene stabilitas loci, aber er verklärt sie nicht zur Universaltugend bzw. -weisheit. Stilistisch möchte ich Brandt wie Niemann als post-experimentell bezeichnen, Brandt „kann“ Joyce und setzt ihn gehaltsästhetisch ein (z. B. bei der Schilderung von psychischen Sonderzuständen seiner Figuren, herausragend vor allem bei „Stefans“ Schizophrenie!) so wie Niemann seinen Döblin „kann“. – Brandt wie Niemann sind nach-postmoderne Autoren, die flächendeckend-„dekonstruktivistischer“ Ironie zwar fähig sind, ihr aber keinen überragenden Erkenntnisgewinn mehr zuordnen. Sie sind aber auch keine naiven Neo-Realisten, dafür sind sie zu stark imprägniert von der Weltsicht der klassischen Moderne (siehe oben). – „Gegen die Welt“ bezeichnet die Gegenwelt, die die (männlichen) Jungfriesen in den 1990erjahren (man geht zu Konzerten von Tocotronic und Cpt. Kirk &.) intuitiv gegen die Lebensweise ihrer Altvorderen entwickeln. Für die – ihr Aufkommen, ihr Scheitern, ihre Binnenlogik, ihre Vergeblichkeit, ihre Tragik, ihre Psychopathologie und ihre Unreife – interessiert sich Brandt. Das klingt ein wenig düster und ist es auch: An Suiziden, Wohlstandsverwahrlosung, innerer Vereinsamung und geistiger Umnachtung ist kein Mangel in Brandts ostfriesischer Seelenlandschaft. Dass „Gegen die Welt“ dennoch nicht allzu traurig stimmt, liegt am stilgetreu karg wiedergegebenen ostfriesischen Alltagshumor, der vor allem in den üppig eingestreuten Dialogen zur Geltung kommt.

2019-05-29 So, & schon hab ich den Brandt durch, den ganzen umfangreichen Roman, fast hätte ich gewohnheitsmäßig „Schwarte“ gesagt – aber das wäre ein vollständig unpassender Begriff für dieses schöne, intelligent konstruierte und in keinster Weise redundante oder gar aufgeblasene Buch (Ich wünschte, „Unendlicher Spaß“ hätte sich ähnlich flüssig lesen lassen!). Brandt bringt das Kunststück fertig, die Spannung bis zum letzten, Fragment bleibenden Satz aufrechtzuerhalten. Das muss man – bei fast 1.000 Seiten – erst mal hinbekommen. Und der abschließende vierte Teil lässt die Leserin darüber hinaus alles bisher Geschehene in einem neuen Licht erscheinen, ohne dem Erzählten Gewalt anzutun: Ein fantastischer Kunstgriff! Jan Brandt: Schriftsteller und Künstler.

2019-06-03 Henry James – meine erste Begegnung mit ihm. Vorgenommen, ihn zu lesen, habe ich mir seit ca. 25 Jahren. Manche Dinge brauchen eben. Auch hätte ich ihn 1994 höchstwahrscheinlich auf deutsch gelesen. Heute – mit meinen v. a. in den letzten ca. 15 Jahren systematisch verbesserten Englischkenntnissen – traue ich mir auch den Originaltext zu. Nun also „The Portrait of a Lady“, sein wichtigster Roman der ersten Schaffensphase aus dem Jahre des Herrn 1881. Solchen Sätzen begegne ich dort:

She had resented so strongly, after discovering them, her mere errors of feeling (the discovery always made her tremble as if she had escaped from a trap which might have caught her and smothered her) that the chance of inflicting a sensible injury upon another person, presented only as a contingency, caused her at moments to hold her breath. [p. 52]

Da hat also eine weibliche Person entdeckt, dass ihr Eindrücke unterlaufen, die sich als schlichter Irrtum herausstellen. Jedesmal, wenn sie das bemerkt, kommt in ihr ein derart starkes Gefühl der Ablehnung gegenüber diesen falschen Eindrücken auf, dass es ihr in diesen Augenblicken den Atem verschlägt. Sie hat nämlich Angst davor, eine andere, lediglich zufällig anwesende Person, spürbar zu verletzen. Die Entdeckung dieser falschen Eindrücke ruft in ihr jedesmal ein Zittern hervor, als wäre sie gerade einer Falle entronnen, in die sie vielleicht hätte stürzen können und die sie unter sich begraben hätte. – Kurz gesagt, James lesen ist eine Herausforderung, die allerdings weniger mit Sprache als mit Logik zu tun hat. Es ist bewundernswert, welches Geflecht an Bezugnahmen und Abhängigkeiten der Autor in so einem mittellangen Satz unterbringt. Und dabei geht es auch noch ausschließlich um mentale Vorgänge (zu James‘ Zeiten hätte man das evtl. „Psychologie“ genannt), in diesem Fall speziell um die psychosomatischen Folgen (Zittern, Atemstockung) der moralisch wertenden Selbstbeobachtung in einem lebendigen Geist.

2019-07-31 „Portrait of a Lady“ ist definitiv das spannendste Buch, in dem nichts passiert, das ich je gelesen habe. Wenn je ein Roman das Epitheton „psychologisch“ verdient hat, dann dieser. Außenräume, immerhin Städte wie Rom oder Florenz, werden geradezu gemeingefährlich oberflächlich mit Bleistift skizziert, dafür aber auch die minutiöseste emotional-kognitive Regung der ProtagonistInnen mit kräftigem Pinselauftrag verewigt. Dabei gelingen prägnante Metaphern wie:

A dissatisfied mind, whatever else it may miss, is rarely in want of reasons; they bloom as thick as buttercups in June. [p. 392]

James‘ Humor ist überaus versteckt, aber es gibt ihn. Hier ein besonders schönes Beispiel:

She had always observed that she got on better with clever women than with silly ones like herself; the silly ones could never understand her wisdom, whereas the clever ones – the really clever ones – always understood her silliness. [p. 433]

2019-08-02 Gleich weiter zu Mary Robinette Kowals SF-Roman „The Calculating Stars“ aus dem vergangenen Jahr, der von der US-amerikanischen Fachkritk hoch gelobt wurde. – Zurecht, wie mir bisher scheint: Extrem spannend, gute Sexszenen (schwierig!), glasklare Sprache, klassischer Plot wie in einem Emmerich-Film (nur bisher ohne die Überfülle an special effects, ist ja auch ein Buch und kein Film) und auch das unbedingt notwendige Quäntchen psychologischen Feingefühls für das Innenleben der Protagonistin fehlt nicht: Danke, so kann es weitergehen.

2019-08-03 Selten eine/n AutorIn mit einer derartigen Sensibilität für Körperempfindungen erlebt: Ständig sondert jemand heißen oder kalten Schweiß ab, es wird sich des Öfteren übergeben, es bewegen sich diverse Muskeln unter der Haut, es wandern Hände auf Oberschenkel, es drücken Mägen, es bilden sich Augenfältchen (und verschwinden wieder), es werden Nacken gestreichelt bzw. auf unangenehme Art und Weise betatscht, es wird sich nervös durchs Haar gestrichen, kleine und größere Hautabschürfungen werden mehr oder minder kompetent versorgt, etc. etc. pp. All das steht in reizvollem Kontrast zum Beruf der Protagonistin, der körperferner nicht sein könnte: Sie ist ein computer, wie die meist weiblichen Rechenkräfte der NASA in den 1950er-Jahren tatsächlich und ohne jede Diskriminierungsabsicht genannt wurden. Computer im heutigen Sinn gab es ja erst sehr vereinzelt und jeweils nur in Hausgröße. Die Aussage „She is a computer.“ war damals also keine Beleidigung, sondern eine nüchterne job description. – Eine Weile störte mich jedoch der ausgeprägte Konservatismus der Protagonistin: Ehe ist TOLL, Religion ist TOLL, die army ist TOLL, Familie ist TOLL usw. Kowal differenziert diese biederen Grundüberzeugungen ihrer Computerin allerdings jeweils beträchtlich aus, so dass innerhalb dieser konservativen Weltsicht dann doch wieder ein buntes und lebendiges Bild entsteht. Der Eindruck schablonenhafter Figurenzeichnung ist so rasch wieder verschwunden und ich bin weiter dabei. Später fällt mir ein, dass Kowal ihre Protagonistin wahrscheinlich ganz bewusst so spießig gestaltet hat, um sie als Figur der frühen Nachkriegszeit („Keine Experimente!“, K. Adenauer) überzeugender zu machen.

2019-08-21 Jetzt bin ich bei „The Turn of the Screw“ („Der Dreh der Schraube“?), der Erzählung (Novelle?) von Henry James & ich muss sagen, diese Sprache fordert doch wesentlich mehr heraus als die der „Young Lady“. Der Autor hat offenbar versucht, der hochsensiblen, erschütterbaren Natur seiner Protagonistin eine ebenso schüttere Sprache beizugesellen, und – sollte dies sein Begehr gewesen sein – so ist’s ihm wahrhaft trefflich geglückt. Kaum ein Satz lässt sich einfach so runterlesen, die Periodizität – der Rhyhtmus – der Sätze, die Stellung der Worte, ist – für englische Verhältnisse – überaus unübersichtlich. Nicht –  gar nicht – im Sinne von wirr, aber im Sinn einer permanenten Selbstverbesserung / Selbstkorrektur der Ich-Erzählerin, die sich sozusagen selber nicht ausreden lässt bzw. die einer eh schon differenzierten Schilderung der Dinge stets noch einen Einschub hinzufügen muss, sei es zwischendrin, sei es im Anschluss. Das hat mich zwischendurch derartig ermüden lassen, dass ich bereits erwog, die Lektüre einzustellen, but: not an option. Jetzt, wo ich mich vermutlich bereits im letzten Drittel oder gar letzten Viertel der Erzählung bewege, ist aber etwas – etwas – umgeschlagen. In meinem Kopf, nicht im Text: Mir wurde plötztlich klar, dass James das allmähliche „Verrücktwerden“ seiner Protagonisten sprachlich nachahmt. Sie wird vor den Augen der Leserin verrückt, im Verhältnis 1:1, tagebuchmäßig. Und so bekommen die ganzen Manierismen einen Gehalt. Also lese ich sie jetzt mit anderen Augen und aus Pflichtgefühl und Mühe wird so etwas wie Genuss.

2019-08-30
Franz Kafka Die Aeroplane in Brescia (1909) xxxx
Henry James The Bench of Desolation (1909) xxx
Franz Kafka In der Strafkolonie (1914) xxx
Henry James A Landscape Painter (1866) xxx

2019-09-03
Henry James Osborne’s Revenge xxx
Henry James A Tragedy of Error xxx

2019-11-17
Henry James: „A Passionate Pilgrim“ xxxx
Henry James: „Madame de Mauves“ xxx
Henry James: „Daisy Miller“ xxxx
Henry James: „The Aspern Papers“ xxxxx
Henry James: „The Lesson of the Master“ xxxx

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