Lektüretagebuch 2020

2020-01-23 Vernor Vinge: „The Collected Stories“ xx Ein letztlich doch reichlich technokratischer, durchaus militaristischer und gelegentlich libertärem Gedankengut zugeneigter Autor. Dennoch einige Perlen, z. B. die Kurzgeschichte „Bookworm, Run!“ aus meinem Geburtsjahr 1966 mit einem an „Planet der Affen“ erinnernden Plot. Vinges Roman-Trilogie „Zones of Thought“ (1992 – 2011) bleibt dennoch hochgradig empfehlenswert und bewegt sich auf anderem Niveau.

2020-02-04 Dietmar Dath: „Neptunation“ xxxxx Hat mich wirklich restlos euphorisiert. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, warum.

März 2020 James Tiptree Jr.: „Her Smoke Rose Up Forever“ (1981) xxxxx Herausragende Sammlung von Science Fiction-Erzählungen der unter Pseudonym publiziert habenden Alice Sheldon (1915 – 1987). Ich folgte einer Empfehlung aus Daths „Niegeschichte“, vielen Dank!

2020-05-12 B. Sriduangkaew: „And Shall Machines Surrender“ (2019) xx Auch ein Tipp aus Daths SF-Führer „Niegeschichte“ (siehe Notiz vom 28. März), diese Autorin (nicht das Werk, ein Kurzroman übrigens. Konnte keine andere Arbeit der Autorin als eBook auftreiben, vielleicht gibt Besseres?). Sriduangkaew schreibt ganz ausgezeichnet, aber beide Hauptfiguren sind gefühlskalte Sadistinnen, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben und als Profi-Folterkräfte in einer interplanetaren Söldnertruppe arbeiten. Sie verlieben sich ineinander und ihr Liebesspiel ist, wer hätt’s gedacht, entsprechend „riskant“. Wer mag, kann das „provokant“ finden oder sich schlicht dran aufgeilen, ich fand’s irgendwann nur noch armselig.

2020-05-21 Anja Kümmel: „Träume digitaler Schläfer“ (2012) xxx Zwiespältiger Eindruck: Einerseits kann Kümmel schreiben, dass es weh tut, andererseits verliert sich der Plot dieses ebenso neo-klassischen (Orwell, Wells) wie cyber-modischen (Gibson, Geschwister Wachowski) dystopischen Romans nach der Hälfte des Buches, wo die Hälfte der ProtagonistInnen ums Leben kommen. Gelegentlich lässt die Autorin lyrisches Können aufblitzen, was mich dann doch ein wenig entzückte ab und zu:

Sein Verstand war ein Split Screen, die Mittellinie ein übereifriger Scheibenwischer. Völliges Chaos im Platzkampf mit Momenten kristalliner Klarheit.

Träume digitaler Schläfer, S. 127

Oder so:

Im Morgengrauen ragten die erloschenen Wachtürme aus dem Küstennebel wie Zahnstümpfe aus dem Dunkel einer verrotteten Mundhöhle.

Träume digitaler Schläfer, S. 131

Dann wieder wird’s unfrewillig komisch…

Die Audio-Datei warf zarte Schatten.

Träume digitaler Schläfer, S. 326

…aber das geht, speziell wenn es um Audio-Dateien-Metaphorik geht, die „für uns alle Neuland ist“ (A. Merkel) dann eigentlich doch auch irgendwie in Ordnung. Kümmel verdiente jedenfalls, erfolgreicher, bekannter und anerkannter zu sein, in gleichem Maße, wie bsp.weise Frank Schätzing (dessen „Der Schwarm“ ich vor Jahren sehr gern las) ruhig mal ein bisschen weniger gehyped werden könnte.

2020-05-21 Nachbrenner zu Tiptree Jr.: Einer der illusionlosesten Sätze, die jemals über das Verhältnis von Männern und Frauen geschrieben wurden:

We know the men do better with a female along, not only for physiological needs but for a low-status noncompetitive servant and rudimentary mother figure.

2020-07-23 tʃɪmɑːˈmɑːndə əŋˈɡoʊzi əˈdiːtʃeɪ: „Americanah“ (2013) xxxx Ein überaus frischer Roman einer überaus frischen Frau aus dem fernen Nigeria, das uns allerdings so fern gar nicht mehr ist bzw. sein sollte, füllen sich unsere Straßen wie Lehranstalten doch bereits seit einiger Zeit auch mit Menschen aus diesem Land. Adichie ist der nigerianische Jonathan Franzen, sie beobachtet ihre Mittelschicht ebenfalls mit hochnotpeinlichster Genauigkeit, was meistens amüsant, immer interessant und selten unangenehm moralisierend daherkommt. Mich erinneren ihre Impressionen aus dem konsumbesoffenen, neureich-materialistischen, von evangelikaler Schwärmerei wie Korruption gleichermaßen geplagten westafrikanischen Land an das Westdeutschland der 1950er-Jahre (abgesehen von der Korruption, die es ja bekanntlich damals „bei uns“ nicht gab Zwinkersmiley). Ungefähr in der Mitte des Romans ist ein wenig die Luft raus, aber dann fängt sich der Text wieder, um zielsicher auf ein klassisches Happy End zuzurasen, welches ich der klugen, reflektierten Autorin aber nicht wirklich als kitschig anzukreiden imstande bin. Für mich besonders erhellend Adichies Ausführungen zu afrikanischem (Frauen-)Haar. So wusste ich bsp.weise nicht, das es relaxer genannte Tinkturen gibt, die die Naturkrause aus afrikanischem Haar derart nachhaltig tilgen, dass man es anschließend fast wie nicht-afrikanisches frisieren kann. Ich war immer davon ausgegangen, Afrikanerinnen mit glatten Haaren trügen Perücken (was es natürlich auch gibt, die Unterschiede sind wohl mitunter schwer auszumachen). Adichies Protagonistin hat eine relaxer-Allergie, was sie zum Afro-Look quasi zwingt. Einer von mehreren Gründen, sich mit ihrer Afrikanizität auseinanderzusetzen. Als fängt sie an, über „Rasse“ zu bloggen. Aus diesem Blog wird immer mal wieder zitiert, aber keine Angst, es ist kein identitätspolitisches bzw. intersektionales Traktat, sondern sensibel protokollierte Miniaturen zum alltäglichen Verkehr zwischen Menschen, die „unterschiedlich aussehen“ und in dem dieses unterschiedliche Aussehen gewollt oder ungewollt zum Thema bzw. (meistens) zum elephant in the room wird.

2020-12-25 Nicht, dass ihr glaubt, ich lese keine Romane mehr. Im Gegenteil: Seit Monaten quäle ich mich mit den Gebrüdern Karamasow von Dostojewski herum. Der mit Abstand chaotischste seiner Romane, dem ich bisher begegnete (und außer dem „Jüngling“ und dem „Spieler“ habe ich sie jetzt alle hinter mir). Kaum eine Figur, die nicht als hysterisch oder zumindest überspannt bezeichnet werden könnte. Ich bin mir aber noch nicht ganz sicher, wie ich das eigentlich finde. Jedenfalls entwickelt der Text genügend Spannung, um mich zum Dranbleiben zu bewegen und wir werden sehen. Fortsetzung

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