Kleine Erinnerung zum Jahresende

Wäre die internationale Politik Schwarzer, Precht und Welzer gefolgt, wäre Selenskyj jetzt tot, die Ukraine ein von gelegentlich aufblitzenden Partisanenkämpfen durchfurchtes Massengrab, Deutschland stünde wg. Millionen ukrainischer Flüchtlinge am Rand sozialer Unruhen und die AfD wäre bundesweit die zweitstärkste Partei. Aber wir hätten superbilliges russisches Gas!

Ralf Schuster: „Monolog eines Fahrradfahrers für Niemanden im Nirgendwo“ (2022)

Schuster zeigt sich erneut als Meister der kleinen Form und bringt in gut 5 Minuten jede Menge aktueller Probleme (Verkehrswende, Kontrollgesellschaft, existenzielle Einsamkeit) in einem gewohnt kafkaesken Setting auf den Punkt, ohne auch nur im Mindesten didaktisch zu werden. Als Musik hat er Ausschnitte aus meiner Komposition „Lieberose“ verwendet.

Subjekte vs. Bürger*innen

Der ganze Kanal ist übrigens großartig und eine sozusagen anthropologische Fundgrube. Ich weiß nicht, wie der Kanalbetreiber Daniil Orain das macht, ohne im Gefängnis zu landen, aber irgendwie schafft er es bisher.

Was für mich bei den Interviewten vor allem rüberkommt, ist eine komplette und tiefe Indifferenz gegenüber der Regierung und ein tiefsitzender Unwille, sich als Bürger*in eines Gemeinwesens zu betrachten. Man ist Untertan, Subjekt. Man überlebt oder eben nicht. Die Regierung verhält sich dem Überleben ihrer Subjekte gegenüber komplett indifferent. Sie ist nicht für das Gemeinwohl verantwortlich, ja wird damit nicht einmal in Verbindung gebracht. Sie ist das große Andere, das nach opaken Regeln funktioniert.

Das erklärt, warum viele Russ*innen im Ausland immer tief verwundert darüber sind, wenn sie auf die Taten ihrer Regierung angesprochen oder gar verantwortlich gemacht werden: Aber das hat doch nichts mit mir zu tun, das war doch die Regierung und auf die haben wir doch keinerlei Einfluss. Bei uns wird der Staat kritisiert, in Russland ist man entweder mit allem zufrieden und arrangiert sich oder man ist gegen alles bzw. will eigentlich sowieso demnächst auswandern.

Der Unterschied zwischen Stadt und Land in Russland ist gigantisch, was die Lebensqualität betrifft. Ein besonders schauriges Beispiel hier:

Interessanterweise wirkt sich das aber nicht auf die Haltung gegenüber der Regierung aus, die Moskauer*innen sind lediglich auf kultiviertere Weise zynisch bzw. sie verlassen sich darauf, dass sie gute Beziehungen haben und es deshalb für sie schon nicht so schlimm kommen wird:

Der ganz große Unterschied zwischen West und Ost scheint zu sein, dass selbst die wüstesten Kritiker*innen hier oder in den USA oder in Frankreich ihre Kritik adressieren können. Der Staat ist für sie ein Gegenüber, das, so korrupt und dysfunktional es auch sein mag, weiterhin prinzipiell ansprechbar und damit veränderbar bleibt. In Russland existiert dieses Gegenüber nicht, Kritik findet keinen Adressaten, stattdessen starrt man auf die Mauern des Kreml.

Die gesamte Polemik der AfD zielt darauf ab, geneigten Teilen unserer Bevölkerung weiszumachen, sie seien Subjekte einer Regierung im oben definierten Sinn und nicht Bürger*innen eines (demokratischen) Staates. Wie präzise das an der Subjekt-Mentalität DDR-sozialisierter Menschen anzuknüpfen in der Lage ist, wurde mir nach dem Ansehen der „1420“-Videos von Orain klar.

Letzte Generation

Die disruptive Qualität der Aktionen der Letzten Generation ist bewundernswert.

Mich beeindrucken vor allem die Flughafenblockaden, speziell die auf einem Flughafen für Privatjets kürzlich in den Niederlanden. Die Kunst-Besudelungen waren / sind dagegen ein wenig unspezifisch. Dass derzeit alle Welt über die Form dieser Aktionen spricht, aber nicht über deren Auslöser, zeigt, wie stark die Verdrängung dieses Themas auch bei den „Wohlmeinenden“ ist. Manchmal kommt es mir fast so vor, als gäbe es Menschen, die Klimaschutz bisher ganz gut fanden, aber jetzt nicht mehr, weil sie die „Letzte Generation“ so scheiße finden. Das wäre dann eine besonders krasse Form von Wohlstandverwahrlosung: Geschmackssicherheit geht vor Existenzsicherung.

Junge Menschen lesen die Zukunftsprognose des Weltklimarates, stellen fest, dass viele Jahre Fridays for Future nichts gebracht haben und begehen anschließend öffentlichkeitswirksam ein paar geringfügige Sachbeschädigungen, um auf den Ernst der Lage, der von einer Mehrheit der Bevölkerung ja anerkannt wird, aufmerksam zu machen.

Sie handeln in dem Sinn undemokratisch, als auch die Prognose des Weltklimarates keine demokratische, sondern eben eine wissenschaftliche Grundlage hat. Wissenschaftliche Erkenntnisproduktion hat mit demokratischer Entscheidungsfindung nichts zu tun (vgl. auch den Begriff der „Corona-Diktatur“, wo es auch immer darum ging, dass es viele Menschen völlig zurecht undemokratisch fanden, dass nun plötzlich die Wissenschaft diktierte, wo’s langging).

Seit vielen Jahren wird hierzulande demokratisch entschieden, dass die Klima-Katastrophe kaum gravierende politische Konsequenzen haben darf. Sicherlich auch, weil wir in einer „Altenrepublik“ (S. Schulz) leben, in der sich viele Menschen für „Don’t Look Up“ entschieden haben. Die Letzte Generation weist auf diesen Missstand, den man etwas altmodisch auch Lebenslüge nennen darf, hin, nichts anderes. Die teilweise schrillen Reaktionen (siehe Andi Scheuer oben) beweisen, dass sie einen Nerv getroffen haben.

Sally Frishberg survived the Holocaust

Frishbergs (*1934) Geschichte zeigt vor allem, dass es eben doch auf das Verhalten des Einzelnen ankam und nicht alle Beteiligten immer & überall nur Rädchen im großen Getriebe & Geschiebe der Zeitläufte waren. Auch die bis heute von einigen aufrechterhaltene Lüge, nichtjüdische Deutsche hätten vom geplanten Holocaust nichts gewusst, wird, wenn auch nur anekdotisch, einmal mehr widerlegt.

Ihr Vater, so berichtet Frishberg, spielte kurz vor dem Abtransport ihrer Familie ins KZ regelmäßig Schach mit dem deutschen Offizier „Mister Arnold“, der im Haus ihrer Familie in der polnischen Provinz einquartiert worden war. Frishbergs Vater sprach Jiddisch und konnte sich so mit dem Wehrmachtsoffizier, der ein Lehrer aus München gewesen sei und kein Polnisch konnte, verständigen. Arnold warnte Frishbergs Vater eindringlich, seine Familie in Sicherheit zu bringen und der Nazi-Propaganda nicht zu glauben, die damals behauptete, man werde die polnischen Juden im Osten des Landes demnächst in „bessere Lebensumstände“ evakuieren.

Judy „Jewdy“ Gold ist eine US-amerikanische Comedienne, die bekannt ist für ihren drastischen Humor und ihre lautstarke Art. Normalerweise präsentiert sie auf ihrem Podcast andere Comedians, es handelt sich also eigentlich um ein Unterhaltungsformat, deshalb also nicht überrascht sein über die groteske Intro-Musik, Golds un-journalistische Art der Interviewführung etc.

347: Sally Frishberg Kill Me Now with Judy Gold

348: Sally Frishberg (Part II) Kill Me Now with Judy Gold