Heiliger Abend (Symbolbild)

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Heiliger Abend (Symbolbild)

«Drone for Meredith» for plucked Player Piano, 2017 (ePlayer realisation)


Soundfont Plucked Choiseul Upright Piano von beskhu
Sample Player Kontakt
Faltungshall keiner

Kompositionsnotiz

Freesound-User beskhu kam auf Idee, für jede Taste seines Choiseul-Klaviers eine entsprechende Saite anzuzupfen (Hinweis: Die meisten Tasten eines Klaviers schlagen zwei oder drei Saiten an) und diese „Zupfer“ dann sorgfältig einzeln aufzunehmen. Die so fabrizierte Sample-Bibliothek hat Joe „Big Cat“ Stevens irgendwann auf Freesound entdeckt und entzückt zu einem virtuellen Instrument arrangiert. Und ich habe schließlich die Daten meines Standard MIDI Files Blues for Meredith ein wenig um-arrangiert, um beskhus virtuelles gezupftes Klavier damit zu füttern.

Theoretisch lässt sich ein Roboter denken, der sowas real ausführt (Gruß an KFG an dieser Stelle). Es handelt sich hier konzeptuell also nicht um Elektronische oder Elektroakustische Musik (obwohl sie sich für manche so anhören mag).

«Drone for Meredith» for plucked Player Piano, 2017 (ePlayer realisation)

„Invisible Man“, ein Roman von Ralph Ellison aus dem Jahr 1952

Leidgeprüft, aber unbeugsam: der junge Ellison

Das Buch – im habe es im englischen Original als E-Book gelesen – ist im Laufe der Lektüre immer stärker geworden, was nicht allzu häufig passiert. Mittlerweile erstarre ich in Ehrfurcht vor dem Talent des Autors, was auch nicht allzu häufig passiert.

Der Roman ist von einer derartigen Hellsichtigkeit, was das Thema Rassismus betrifft – und hier speziell natürlich den Post-Sklaverei-Rassismus in den Vereinigten Staaten von Amerika -, dass einem schwindelig wird. Rassismus ist ein Verhängnis: so lässt sich Ellisons Erkenntnis zusammenfassen. Ein Verhängnis zudem, das auf einem Irrtum beruht, der sich wiederum von einer derart soliden anthropologischen Grundlage (Menschen trauen instinktiv eher Menschen, die so aussehen wie sie selber) nährt, dass man die Gattung Homo sapiens schon komplett ummodeln müsste, um hier so etwas wie objektiven* Fortschritt zu erreichen.

Ellisons ebenso grandios wie absurd an sich selbst und der Gesellschaft scheiternder Protagonist ist ein sehr junger, sehr unerfahrener und sehr hochbegabter Afroamerikaner, der sich im Lauf der Geschichte vom Naiven zum Idealisten, dann zum Realisten und Sarkasten und schließlich zum Fatalisten und Zyniker wandelt. Unsichtbar (invisible) fühlt er sich dabei in allen Phasen, selbst als er kurzfristig zum afroamerikanischen Maskottchen einer philanthropischen weißen Bruderschaft (die evtl. für die Kommunistische Partei der USA steht, das wird nicht ganz klar) aufsteigt, das mit seinem intuitiven Redetalent die schwarzen Massen Harlems für deren Sache gewinnen soll. Sogar einen neuen Namen bekommt er von der Bruderschaft, was er sich gefallen lässt, solange es nur der progressiven Sache (soziale Gerechtigkeit im weitesten Sinn, das genaue, offenbar weltanschaulich recht anspruchsvolle Programm der Bruderschaft bleibt im Nebel) dienen mag.

Durchaus etabliert, aber weiter unbequem: Ellison im mittleren Alter.

Warum und wie genau der tragische Held sich von den weißen MenschenfreundInnen schließlich doch verraten und verkauft fühlt, muss die Leserin von „Invisible Man“ – und ich wünsche diesem Buch noch viele Leser! – selbst herausfinden. Nur soviel sei verraten: die Dinge verhalten sich komplex.

Ralph Ellison (1913 – 1994) ist neben James Baldwin einer der wichtigen afroamerikanischen Schriftsteller der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hierzulande ist er bis heute so gut wie unbekannt. Ein Skandal.

Obwohl „Invisible Man“ bereits 2 Jahre nach seinem Erscheinen als „Unsichtbar“ von Georg Goyert übersetzt wurde, ist der Roman aktuell nur in antiquarischen Print-Ausgaben auf Deutsch erhältlich.**

Und bitte nicht mit dem Science-Fiction-Klassiker „The Invisible Man“ von H. G. Wells aus dem Jahr 1897 verwechseln.


* d. h. nicht nur situativ bedingten
** Ergebnis meiner Recherche auf eBook.de und Amazon 2017-12-20.
„Invisible Man“, ein Roman von Ralph Ellison aus dem Jahr 1952

Gumbrecht zur Evolution ästhetischer Erfahrung

Solange die Verschaltung von Rationalität und historischem Weltbild … als Rahmen der westlichen Kulturen stabil blieb, war ästhetische Erfahrung eine marginale, aber konkrete Realität des Lebens, an der sich nicht rütteln ließ. Alle Versuche der Avantgarden im frühen zwanzigsten Jahrhundert, ihre Marginalität … aufzuheben, mussten daran … scheitern. Dass genau dies heute … in der Öffnung des Alltags ihr gegenüber so mühelos „gelingt“, … macht die Annahme wahrscheinlich, dass sich … das grundlegende menschliche Selbstbild und mithin sein Verhältnis zur Welt der Dinge verändert haben muss. Daneben gibt es auch vielfältige Gründe … für die These, dass wir heute … nicht mehr primär im Rahmen des „historischen Weltbilds“ denken und handeln. Vor allem aber ist unser traditionell bewusstseinsdominiertes Selbstbild durch zahlreiche Bewegungen des Wiedereinschlusses von Körper und Sinnlichkeit anders … geworden. Genau diese letzte Veränderung erklärt … , warum wir in sovielen – oft unerwarteten und anscheinend „neuen“ – Kontexten heute ästhetische Erfahrungen zu vollziehen glauben, … die nicht – wie Theatergebäude oder Museen – von der Prämisse der ästhetischen Autonomie geformt sind. […] Vielleicht erleben wir ja ein „Ende der Kunst“, das … durchaus verschieden ist von Hegels Prognose … unter diesem Begriff. Zugleich könnte unser „eigenes“ Ende der Kunst die Zeit des Übergangs hin zu einer Form des Alltagslebens sein, die wir uns noch kaum vorstellen können, weil in ihr eine neue Intensität der Sinne mit einer noch ungeahnten, technologisch ermöglichten Unabhängigkeit von den Körpern konvergieren wird.

Hans Ulrich Gumbrecht: Ästhetische Erfahrung heute: Allgegenwart und Ende? (faz.net 2017-08-12)

Das Problem an Gumbrechts stets mit gigantischer, um nicht zu sagen gigantomaner Eloquenz vorgetragenen Gedanken (hätte ich nicht so viele Auslassungen gesetzt, wäre das Zitat nahezu doppelt so lang, ohne dass wirklich ein substantiell andersartiger Gedanke hinzukäme) ist, dass man ihnen nur zustimmen kann. Eigentlich. Vor derartig stupender und profunder Gelehrtheit und Gelehrsamkeit kann man nur ehrfürchtig in die Knie gehen (also intellektuell jetzt). Aber sobald man den Kopf wieder heben und klar denken kann, fragt man sich doch, ob man das im Grunde nicht vielleicht doch schon irgendwie wusste, was hier so überaus hypotaktisch gedrechselt abgesondert wurde.

Dennoch finde derartige geisteswissenschaftliche Texte nicht wirklich überflüssig, aber vielleicht übergriffig in dem Sinn, dass sie einen wahren und wahrhaftigen Aussagenkern in derart prächtige Gewänder kleiden, dass man manchmal nicht mehr weiß, ob es nicht doch eher um die eitle Zurschaustellung rhetorischen Könnens geht als um Wissensvermittlung (gilt auch für Texte von Diedrich Diederichsen z. B.).

Gumbrecht zur Evolution ästhetischer Erfahrung