«Zwangsgedanke» für Selbstspielklavier

Kompositions-Software Cubase | midiLooper (siehe Kompositionsnotiz)
MIDI-Editoren Cubase, MidiEditor (M. Schwenk), MIDIPLEX (Stas’M), Sekaiju (kuzu)
Temperierung nach Adriaan Fokker (siehe Kompositionsnotiz)
Sample-Bibliothek Yamaha Disklavier Pro-Konzertflügel (Zenph Studios)
Faltungshall ORTF-Studio (Urheber unbek.)

Kompositionsnotiz

Dies ist eine mikrotonale Variante meiner ePlayer-Komposition Zwangsgedanke aus dem Jahr 2016. Das virtuelle Selbstspielklavier erklingt hier in einer Temperierung, die von dem niederländischen Physiker Adriaan Fokker entwickelt wurde:

Fokker's 12-tone 31-tet mode, has 3 4:5:6:7 tetrads + 3 inv.

 0:        1/1        0.000000
 1:  116.129 cents  116.129030
 2:  193.548 cents  193.548390
 3:  270.968 cents  270.967740
 4:  387.097 cents  387.096770
 5:  503.226 cents  503.225810
 6:  580.645 cents  580.645160
 7:  696.774 cents  696.774190
 8:  812.903 cents  812.903230
 9:  890.323 cents  890.322580
10:  967.742 cents  967.741940
11: 1083.871 cents 1083.870970
12:        2/1     1200.000000

Der Grund für die Publikation dieser Variante ist ein praktischer: Eine Live-Realisierung für ein Selbstspielklavier ist billiger als eine solche mit deren fünf. Außerdem hat sich Fokkers Skala als sehr geeignet herausgestellt, um den beklemmenden, klaustrophoben und panischen Charakter der Musik zu unterstützen.

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«some variations» for player piano

variation 1 „andante“
variation 2 „lento“ (ab 6’7″)
variation 3 „allegro“ (ab 13’26“)

Kompositions-Software Cubase | Music Mirror
MIDI-Editoren Cubase, MidiEditor (M. Schwenk), MIDIPLEX (Stas’M), Sekaiju (kuzu)
Temperierung nach Adriaan Fokker, Ben Johnston und Harry Partch (siehe Kompositionsnotiz)
Microtonal MIDI Software Harmonic, PianoTuner (F. Nachbaur)
Sample-Bibliothek Yamaha Disklavier Pro-Konzertflügel (Zenph Studios)
Sample-Renderer SynthFont2 (K. Rundt)
Faltungshall [Software] ORTF-Studiohall (Urheber unbek.) [FreeverbVST3_Impulser2]

Kompositionsnotiz

Die Standard MIDI Files dreier meiner abstraktesten Klavierstücke aus dem Klavieralbum II („Piano Selfie“, „Expedition“, „Über spitze Steine“) wurden mit Music Mirror jeweils einer horizontalen und einer vertikalen Spiegelung unterworfen (betrifft Noten und Haltepedalstatus). Doppelte und überlappende Noten wurden unter Cubase bereinigt, anschließend wurden die Notenwerte unter Sekaiju in ein 32stel-Raster quantisiert. Dann wurden alle Haltepedalwerte gelöscht und die Haltepedalwerte aus den Ursprungsdateien wieder eingefügt. Schließlich habe ich die Abspielgeschwindigkeit des zweiten Satzes verlangsamt und die des dritten erhöht.

Jeder Satz wurde individuell temperiert, der erste mit einer von Adriaan Fokker entworfenen Skala, der zweite mit einer Skala von Ben Johnston und der dritte mit einer solchen von Harry Partch. Für größere Darstellung bitte auf die Bilder klicken:

Wie man sieht, weichen die Skalen von links nach rechts immer stärker von der gleichschwebenden Stimmung (rote Linie) ab. Partchs Skala hat darüber hinaus nur 9 statt 12 Stufen, da Stufe 2 = Stufe 1, Stufe 9 = 8 und Stufe 11 = 10. Weiterhin liegt die 5. Stufe unter der 4. und die 7. unterhalb der 6.

Wie schon in den Three Scale Studies verfolge ich hier die Strategie, improvisiertes Material in großem zeitlichem Abstand algorithmisch zu transformieren, ohne dass es dabei seinen ursprünglichen Charakter komplett einbüßt. Auch die nachträgliche mikrotonale Temperierung der Musik ist – in diesem Sinn – eine algorithmische Transformation.

Hintergrund: Nach vielen Jahren improvisatorischer Praxis „kennt man seine Pappenheimer“. Während des Spielens bleibt zwar alles aufregend, aber das Ergebnis mutet dann doch mehr und mehr strukturell bekannt an. Das ist vollkommen normal, denn niemand außer Gott – falls es ihn gibt, was wir nicht wissen können – verfügt über unbeschränktes schöpferisches Vermögen.

Damit sich wieder ein novelty feeling gegenüber der eigenen Kreativität einstellt, kommt es jetzt darauf an, das Material ausreichend genug zu transformieren, es auf der anderen Seite aber nicht so stark zu verändern, dass man nur noch den transformierenden Algorithmus heraushört. Letzteres geschieht allzu leicht.

Exkurs: Mikrotonalität und Ich-Gefühl

Mikrotonalität ist traditionell nerd country. Und exakt dieser abstrakt-formalistische Aspekt an diesem Thema interessiert mich gar nicht. Mir ist stattdessen an etwas gelegen, was sich traditionell „Wirkungsästhetik“ nennt, denn Musik ist nur so gut, wie sie wirkt, nicht, wie sie mathematische Strukturen, und seien sie auch noch so cool, abzubilden in der Lage ist.

Wie also wirkt Musik in bestimmten Temperierungen auf mich? Welche Skala löst welches Gefühl aus? Es hat sich sehr schnell herausgestellt, dass mikrotonale Skalen bei mir vor allem eine Modulation des Ich-Gefühls bewirken. Dabei haben sich bisher drei „Gefühlsklassen“ ergeben:

  1. Emotion: „Ich bin anders als die anderen, teile aber noch ein gutes Stück Terrain mit ihnen.“
    • Scale from „Incidental Music for Corneille’s Cinna“ (Lou Harrison 1956)
    • 12-tone 31-tet mode (Adriaan Fokker, siehe Tabelle oben links)
  2. Emotion: „Ich fühle mich anders als die anderen und forciere dieses Gefühl, ohne jedoch den Kontakt mit ihnen vollständig abzubrechen.“
    • Piano tuning from „Çoğluotobüsişletmesi“ (Klarenz Barlow 1980)
    • Combined otonal-utonal scale (Ben Johnston, siehe Tabelle oben Mitte)
  3. Emotion: „Ich bin ganz woanders“, Mischung aus Entfremdung und Realitätsverlust, dabei abwechselnd Gefühle von Ekstase und Angst
    • The well-tuned piano (La Monte Young, 1960er-Jahre)
    • Greek scale on black/white from „Two Studies on Ancient Greek Scales“ (Harry Partch, siehe Tabelle oben rechts)
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