Feinbergiana 00

Der hier durchaus gequält und melancholisch dreinblickende Herr ist der Pianist und Komponist Samuil Jewgenjewitsch Feinberg (wenn ihr den Namen noch nie gehört habt, keine Angst, der Mann ist geradezu skandalös unbekannt), der von 1890 bis 1962 vor allem in Moskau lebte und am dortigen Konservatorium als Klavierprofessor wirkte, d. h., Zeit seines Erwachsenenlebens hauptsächlich mit der Sowjetunion Josef Wissarionowitsch Stalins Umgang zu pflegen sich genötigt sah.

Nun, wer weiß, wie ich dreinblicken würde, wäre ich in derart missgünstige Zeitläufte hineingeboren? Feinberg jedenfalls ließ sich – zumindest als Komponist von Klaviersonaten – den Schneid nicht abkaufen und verfertigte im Lauf seines Lebens deren 12 (also Klaviersonaten jetzt), die ich an den kommenden Montagen allesamt hier in der Weltsicht dem geneigten Publikum präsentieren möchte (=“Feinbergiana 01 – 12″).

Zum Eingang („Feinbergiana 00“) heute jedoch Feinbergs überaus emotionale Interpretation der 9 Mazurken op. 25 Alexander Nikolajewitsch Skrjabins, die um 1899 entstanden. Es handelt sich hierbei um eine wunderschöne, exakt halbstündige Mono-Aufnahme aus den 1950er-Jahren (Und bevor sich jemand über die schlechte Tonqualität des Videos beschwert: mir liegt das Kauf-mp3 vor, das genauso scheppert. Ich bitte vielmehr das Ohrenmerk auf die ganz erstaunliche Dynamik des Mitschnitts zu richten, an den „Honkytonk-Sound“ des Klaviers gewöhnt man sich mit der Weile, besonders gut ist auch Samuil Jewgenjewitschs scharfes Atemholen festgehalten.), d. h., Feinberg war zum Zeitpunkt der Einspielung mindestens 60 Jahre alt.

Mich rührt diese scheinbar „unsentimentale“ und mitunter fremdartig gehetzt wirkende Interpretation von Skrjabins (pseudo-)volkstümlicher Musik auf schwer zu definierende Weise, denn Feinbergs Spielweise haftet etwas Paradoxes an: Einerseits „reißt“ er gerade die „schönen“, d. h. zum Schwelgen einladenden, Stellen geradezu mitleidlos bzw. beiläufig „herunter“, andererseits richtet er die Aufmerksamkeit des Hörers durch eigentümliche Verlangsamungen auf Stellen, denen, wenn ich mich nicht irre, sonst eher weniger Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Ich habe hier den Eindruck eines durch und durch „skrupulösen“ Spiels am Rande des Manierierten, d. h. der Pianist ist derartig „verliebt“ in die Komposition, dass er sie eigentlich kaum zu „berühren“ vermag. Nun, eine derartige Herangehensweise mag viele, vielleicht sogar die meisten Hörer befremden (bzw. sie vermögen sie gar nicht „herauszuhören“ und meine Interpretation für spekulativ halten – und letztlich ist sie das natürlich auch), mich jedenfalls entzückt sie – also die Herangehensweise jetzt – über alle Maßen, denn der Komponist Feinberg spielt hier Skrjabin, einen seiner erklärten Lieblingskomponisten, quasi in Anführungszeichen, ohne dabei aber irgendwelche emotionalen Abstriche zu machen – und das grenzt ästhetisch an die, pardon, Quadratur des Kreises.

Dabei stand es mit Feinbergs pianistischer Technik nicht zum Besten, vermutlich hätte er heutzutage als Konzertpianist keine Chance mehr, zu schlampig, undeutlich und fehlerhaft erscheint sein Spiel, was aber der emotionalen Notwendigkeit jeder seiner Phrasierungen keinerlei Abbruch tut – wäre er Jazzpianist, würde man von soulfulness sprechen.

Was wollen wir: Interpretationsroboter (dafür gibt’s doch MIDI!) oder Interpreten, die etwas riskieren und sich damit oft am Rand ihrer Möglichkeiten bewegen? – Im Licht dieser rhetorischen Frage erscheinen mir Feinbergs halsbrecherische interpretatorische Freiheiten aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts überaus zeitgemäß (wenn auch in keinster Weise im Einklang mit dem Zeitgeist, d. h., Lang Lang und sowas).

Anspieltipp: die ganz besonders herzzerreißende Mazurka #2 von 2:45 bis 6:08, die klingt, wie ein Original von Bill Evans … Unsinn, andersrum wird ein Schuh draus: Evans‘ Originale verdanken ihre spezifische, intime Qualität offenbar zum Teil dem Einfluss Skrjabins – was jetzt aber nicht als Kritik an Evans zu verstehen ist.


Konzept und Inhaltsverzeichnis des Projekts „Feinbergiana“

Feinbergiana 00

«Sykorujabing» for microtonal piano (ePlayer-Realisierung)

Soundfont Deatons Steinway

Sample Player sforzando 1.848

Faltungshall Schellingwoude Kerk Amsterdam (Fokke van Saane), unter Verwendung des VST-Plugins Freeverb3 Impulser

Kompositionsnotiz (Selbstbeobachtung)

Skrjabins 5-teiliges Prélude op. 74 aus dem Jahr 1914 begegnete mir schon vor einiger Zeit hier als von einem gewissen Jof Lee sequenzierte Standard MIDI Files (Mittlerweile weiß ich, dass sich seine Sequenzierung rhythmisch vom Original an einigen Stellen unterscheidet, aber das spielt hier keine Rolle).

Ich war sofort fasziniert von der harmonischen Architektur der Miniaturen – sie wirken wie aus einem Guss, sozusagen „modal“ („beruhigend“), atmen aber den Geist „expressionistischer“ Sinnsuche („beunruhigend“) – und erinnerte mich dabei an einen anderen, harmonisch ebenfalls recht eigenständigen Komponisten: La Monte Young. Dessen in den 1960er Jahren für sein Werk „The Well-Tuned Piano“ entwickelte Temperierung applizierte ich kurzerhand auf das Prélude von Александр Николаевич – und staunte nicht schlecht, als dieses sich plötzlich in eine charmante Chinoiserie  verwandelte.

Die Abfolge der 5 Préludes habe ich aus dramaturgischen Gründen verändert, sie erklingen in der Reihenfolge 2, 5, 1, 3, 4. Der Kompositionstitel ist ein Anagramm aus den Worten „Skrjabin“ und „Young“.

[Nerd-Info: Hier Youngs Temperierung als Quelltext für die Software intun

NAME La Monte Young's Well-Tuned Piano (ca. 1960)
DEGREES 12
PITCH 311.127
CENTRE 63
1 j567/512
2 j9/8
3 j147/128
4 j21/16
5 j1323/1024
6 j189/128
7 j3/2
8 j49/32
9 j7/4
10 j441/256
11 j63/32
12 j2/1
END

…und ein Artikel des Musikologen Kyle Gann über Youngs Temperierung für „The Well-Tuned Piano“.]

«Sykorujabing» for microtonal piano (ePlayer-Realisierung)

«Hommage à Scriabine» pour piano (ePlayer-Realisierung)

Soundfont Deatons Steinway
Sample Player sforzando 1.848
Faltungshall Schellingwoude Kerk Amsterdam (Fokke van Saane), unter Verwendung des VST-Plugins Freeverb3 Impulser

Kompositionsnotiz

Eine Huldigung des russischen Meisters war schon lang fällig. Die Komposition klingt zwar eher nach Claude (Debussy) als nach Alexander Nikolajewitsch, aber was soll’s? Es ist für mich „gefühlter Skrjabin“, der aus einer MIDI-Piano-Impro, die irgendwann während der letzten 12 Monate entstand, erwirtschaftet wurde.

«Hommage à Scriabine» pour piano (ePlayer-Realisierung)