Autonome Maschinen, heteronome Menschen

Annalee Newitz (*1969)

„Autonomous“ ist der erste Roman der 49-jährigen US-Amerikanerin. Er ist witzig, anspielungsreich und spannend, wenn auch ausgesprochen konventionell und wie aus bekannten Versatzstücken zusammengeklebt.

Der Romantitel bezeichnet gleichzeitig sein Thema: Was ist Autonomie? Nun, die von Newitz beschriebene Welt scheint auf den ersten Blick von ausschließlich heteronomen Wesen bevölkert: Die Roboter sind es von Haus aus, die Menschen durch ihre Eingebundenheit in die mehr oder minder subtilen Manipulationsmechanismen des Hyperkapitalismus. Und selbst die ursprünglich als Rebellin dargestellte Protagonistin des Romans stellt sich mehr und mehr als von selbstsüchtigen Motiven geleitet heraus, während der Antagonist immer sympathischer wird, womit die klassische Erzählpsychologie „Gut gegen Böse“ letztlich ausgehebelt wird, kein Schwarzweiß mehr, nur noch Grautöne.

Soweit, so dystopisch. Aber Newitz setzt noch einen drauf. Einerseits gibt es in ihrer Welt eine Menge Menschen, die durch ziemlich weitreichende Treuhandverträge (indentures) mit Megakonzernen letztlich ihrer Menschenwürde weitgehend beraubt und somit faktisch versklavt sind, andererseits hat sich die Robotik so weit entwickelt, dass besonders fortgeschrittene Automaten nach einer gewissen Laufzeit / „Lebenserfahrung“ einen autonomy key von ihrem Hersteller einfordern können, um kompletten Zugang zu ihrem eigenen Betriebssystem zu erhalten. Anschließend dürfen sie Menschenrechte einfordern. Einer immer heteronomer werdenden Menschheit steht somit eine immer autonomer werdendere Automatenwelt gegenüber, will uns die Autorin damit wohl sagen.

Dabei spielt die Liebe der Menschen zu ihren Schöpfungen eine fatale Rolle: Sie beschleunigt letztlich nur die Autonomie der Maschinen, die sich, wenn sie sich untereinander unterhalten, stets über deren obsessive Anthropomorphisierungen amüsieren. Menschen, so lese ich das, können einfach nicht anders, als Maschinen zu vermenschlichen. Das wird sich auch nicht ändern, wenn die Cyborgs immer potenter, also un-menschlicher werden und Anthropomorphisierungsstrategien damit immer unangemessener und hilfloser erscheinen.

Sobald aber für autonom erklärte Roboter beginnen, ihre eigene Soziokultur zu entwickeln, fangen sie ihrerseits damit an, eigene Maßstäbe und Kategorien zu verabsolutieren. Sie beginnen damit, die Menschen zu robotomorphisieren. Cyborgs, so Newitz‘ durchaus philosophische Pointe, könnten in diesem Fall offenbar auch nicht anders, als Menschen als missratene Versionen von ihresgleichen zu betrachten und sich über deren Unvermögen und Fehlerhaftigkeit aufzuregen.*

Was mich stilistisch an „Autonomous“ einigermaßen irritiert hat, ist eine Eigenheit, die mir bei Rainbows End, dem letzten Roman von Vernor Vinge (hier nicht rezensiert), auch schon aufgefallen ist, und die ich einmal provisorisch Werkstoff- und Gadget-Fetischismus nennen möchte: Keine noch so banale Alltagshandlung wird beschrieben, ohne dass exakt aufgezählt würde, welche Geräte dabei benutzt werden und aus welchem Material bsp.weise der Stuhl besteht, in den sich der Handelnde gerade setzt. Ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel:

Elias checked his weapons perimeter, passing his hands over his head and chest in solemn blessing. Paladin assessed the space: white walls covered in paint that repelled particulates and sealed its own cracks; a rectangular bed; a foam easy chair whose arms were sprayed with charge strips that gleamed dully. On one strip somebody had left a throwaway mobile which was now biodegrading into a lump of gray cellulose. [p.s 110-111]

Ich habe den leisen Verdacht, hier soll eine ganz bestimmte Nerd-Klientel bedient werden, für die schwebstoffabweisende Wandfarben und sich selbst kompostierende Mobilrechner ähnlichen Fetischcharakter besitzen wie die Beschreibung von Bondage-Utensilien für eine ganz bestimmte BDSM-Klientel. Und „Zielgruppenliteratur“, denke ich, ist schlicht der Tod von Literatur im emphatischen Sinn, also Literatur als Kunst, denn sie verliert dadurch ihren universellen Anspruch und wird letztlich zur Dienstleistung.

Aber vielleicht ist diese Kritik ganz unangebracht, denn eine Aufgabe von Science Fiction war ja immer schon die möglichst präzise Beschreibung des Alltags in möglichen Zukünften, und dazu gehört selbstverständlich auch dessen unausweichliche Gadgetisierung, die ja bereits heute in Gestalt des Smartphones längst nahezu flächendeckend um sich gegriffen hat.

Bleibt die Frage, wie gut jetzt „Autonomous“ eigentlich wirklich ist, und die ist gar nicht so leicht zu beantworten. Ich denke, die Stärke der Autorin liegt weniger in der Erschaffung origineller oder auch nur psychologisch glaubhafter Figuren bzw. im Erzählen einer großen Geschichte, als in der literarisierten Zuspitzung aktuell dräuender Fragen zum künftigen gesellschaftlichen Einfluss Künstlicher Intelligenz und/oder Robotik. Annalee Newitz kommt dabei – siehe oben – zu ebenso geistreichen wie ernüchternden Ergebnissen.


* Diese Sichtweise ist ihrerseits anthropomorph, will sagen, der ganze Aussagenkomplex ist natürlich logisch nicht wasserdicht.
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