«Sonate 2006» für mikrotonales Klavier (ePlayer-Realisierung)

  1. Satz: „Improvisation“
  2. Satz: „Melodie“
  3. Satz : „Algorithmus
MIDI-Editoren MidiEditor (M. Schwenk), MIDIPLEX (Stas’M), Sekaiju (kuzu), Cubase
Temperierung arabisch d (siehe Kompositionsnotiz)
Microtonal MIDI Software Harmonic, PianoTuner (F. Nachbaur)
Sample-Bibliothek Yamaha CF III-Konzertflügel (Mats Helgesson)
Sample-Renderer SynthFont2 (K. Rundt)
Faltungshall [Software] Saitenresonanz eines Klaviers, ORTF-Studiohall (Urheber jeweils unbek.) [FreeverbVST3_Impulser2]
Audio-Editor Dark Audacity

Kompositionsnotiz

Das Ausgangsmaterial für diese Sonate1 stammt aus dem PianoLog 2006-04-26, einer viertelstündigen Improvisation auf einem 88-tastigen-MIDI-Keyboard. Große Teile dieses über 10 Jahre alten Stücks erschienen mir auch jetzt noch ausgesprochen gelungen. Aber die repetitiven Passagen am Stückanfang betrachtete ich nun als redundant: also weg damit! Auf der anderen Seite entdeckte ich bei diesem Wiederhören eine eher ruhige Passage, an die ich mich in keinster Weise mehr erinnerte – die Repetitionen am Stückanfang hatte ich dagegen noch ganz gut im Ohr – und die mir nun ganz ausgezeichnet gefiel. Darum schnitt ich sie aus, um sie mit der algorithmischen Kompositionssoftware Style Morpher weiterzuverarbeiten.

Den 2. Satz wollte ich ruhig haben und der PianoLog vom 26. April 2004 bot auch hierfür Ausgangsmaterial. Nachdem ich eine geeignete Passage herauspräpariert hatte, fiel mir deren quasi-arabische Melodik auf. Diese Mäander auf stabilem Grundton, das ist eine ästhetische Qualität, die der europäischen Musik seit der Renaissance abgeht. Warum, fragte ich mich, den gesamten Satz nicht mal in einer authentisch arabischen, d. h. mikrotonalen Skala neu temperieren? Nach einigem, zugegeben langatmigem und nicht immer spannendem Ausprobieren mit verschiedenen Skalen-Optionen entschied ich mich für eine Stimmung, die ich bei meiner Erforschung arabischer MIDI-Dateien vor ebenfalls ca. 10 Jahren aus mehreren Popsongs extrahiert hatte. Hierbei werden die große Sekund, die große Terz und die Sext in jeder Oktave exakt um 62,5 Cent nach unten gestimmt. Da die originale PianoLog-Passage, die für den 2. Satz vorgesehen war, auf dem Grundton d stand, wurde d nun auch zum Grundton meiner neuen Temperierung.

Lage und Größe der mikrotonalen Intervalle entsprechen dem 8-stufigen Maqam „Sikah Baladi“ . Für die Tuning-Software intun ergibt sich somit folgender Quelltext:

NAME Pitch -62.5 Cent für e, f# und h, Grundton ist d.
DEGREES 12
PITCH 261.626
CENTRE 60
1 c100.00
2 c200.00
3 c300.00
4 c337.50
5 c500.00
6 c537.50
7 c700.00
8 c800.00
9 c900.00
10 c1000.00
11 c1037.50
12 r2
END

Die abendländische Default-Temperierung sieht in dieser Schreibweise so aus:

NAME 12 Gleichschwebende Stimmung
DEGREES 12
PITCH 261.626
CENTRE 60
1 c100.00
2 c200.00
3 c300.00
4 c400.00
5 c500.00
6 c600.00
7 c700.00
8 c800.00
9 c900.00
10 c1000.00
11 c1100.00
12 r2
END

… und Arabische Musik im Maqam Sikah Baladi hört sich so an (auf der Buzuq brilliert Matar Muhammad):


Quelle

Der 2. Satz, dem ich den schlichten Titel „Melodie“ geben wollte, hörte sich nun wirklich fremdartig an. Arabische Musik ist es dennoch natürlich nicht.

Nach weiterem längerem Zögern und Herumprobieren habe ich schließlich auch die Sätze 1 und 3 arabisiert.

Selbstbeobachtung

Die eigene Musik plötzlich einer anderen Temperierung zu hören ist eine bewusstseinserweiternde Erfahrung.

Dabei ging es mir zunächst gar nicht gut, denn diese Sätze sind eben grade keine auf einem Bordun reitenden mäandernden Melodien, sondern verwenden die herkömmliche mitteleuropäische Harmonik in der in der Kunstmusik gebräuchlichen freien, d. h. nicht tonartgebundenen oder gar funktionsharmonisch interpretierbaren Variante.

Auch diese Sätze im Maqam Sikah Baladi auf der Basis d neu zu temperieren, ist also ein Akt künstlerischer Willkür. Die arabisierte Variante hörte sich zunächst recht hart an, vor allem natürlich die harsch aufeinanderprallenden mikrotonalen Akkorde, die in der vorwiegend monophonen arabischen Musik nach meinem Kenntnisstand so nicht vorkommen. Hatte ich durch meine Experimentierfreude meine Komposition zerstört?

Ich legte alles einige Tage beiseite, um mich mit völlig anderen Dingen zu beschäftigen.

Anschließend ging’s wieder ans Werk. Bemerkenswerterweise hörte sich die mikrotonale Variante der Sätze 1 und 3 nun schon viel weniger harsch an – und diese Empfindung verstärkte sich sogar noch beim wiederholten Hören.

In diesem Zusammenhang fiel mir ein, dass ich die relative Verstimmtheit eines Klaviers nie so stark empfinde wie bei der ersten Begegnung. Habe ich erst einmal eine Weile darauf improvisiert, beginnt mein Falschheitsempfinden abzuschmelzen, auch wenn das Instrument ein komplett schräger Otto ist. Irgendwann danach fange ich an, besonders prägnant verstimmte Töne bewusst einzusetzen.

Ähnlich ging es mir offenbar nun beim wiederholten Hören meiner nachträglich arabisierten Musik: aus klarem Falschheitsempfinden wurde allmählich eine eher neutrale Empfindung und schließlich ganz allmählich ein Richtigkeitsempfinden!

Ich erkläre mir das mit der zunehmenden Antizipationsfähigkeit beim wiederholten Hören eines Musikstücks („Aha, und jetzt kommt gleich wieder dieser Akkord / diese Melodie / dieser Kontrapunkt / dieser Triller etc. und ich weiß genau, dass sie so und nicht anders klingen werden … [Stelle kommt] … ja, genau so haben sie geklungen!“). Das wiederholte Hören der „verstimmten“ Variante brachte – bei mir – das „Falschheitsempfinden“ allmählich zum Verschwinden, es wurde zu guter Letzt durch ein (neuartiges, vorbildloses, d. h. soziokulturell nicht vorstrukturiertes) „Richtigkeitsempfinden“ ersetzt. Ich habe mir also meine eigene Musik buchstäblich „zurechtgehört“ – soviel zur Behauptung, „Hören“ sei etwas Passives.

Das ist umso erstaunlicher, als ich nach der erstmaligen Implementation der mikrotonalen Skala relativ sicher war, mit meinem Experiment gescheitert zu sein. Ich dachte mir zu diesem Zeitpunkt (also vor der o. a. mehrwöchigen Unterbrechung): „Na gut, dann eben nicht, war halt ne Kopfgeburt, diese nachträgliche Mikrotonalisierung, das Stück ist eben nun mal in der gleichschwebenden Stimmung entstanden, also muss es auch so gespielt werden.“ Dies war ganz offenbar ein Irrtum.


1 An die klassizistische Sonatensatzform halte ich mich nicht. Es geht um Dramaturgie: ein schnelles Stück, ein langsames Stück, ein schnelles Stück.
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