Eggerts Anti-Borstlap, kommentiert

Der Komponist Moritz Eggert (*1965) weist in seiner aktuellen Online-Lektüre des offenbar recht reaktionären Buches „The Classical Revolution“ seines 15 Jahre älteren niederländischen Kollegen John Borstlap dessen These von der Unausweichlichkeit einer Art „tonaler Revolution“ in der Kunstmusik entschieden zurück. Allerdings glaubt er genausowenig an eine Überlegenheit des, äh, „Atonalen“. Vielmehr hält er, wie ich, den ganzen Debatten-Ansatz des Autors für reichlich anachronistisch:

That doesn’t mean that 12-tone music is there to stay (and it has of course already long died yet another death) – I am sure many more deaths of tonality are around the corner, and I welcome them with open arms. Because every death of tonality grants it eternal life – but if nothing dies in tonality, if its “Golden Rules” are never questioned, it becomes death embodied.

Eggerts Geschichtsbild scheint mir, im Gegensatz zu Borstlaps Manichäismen (tonal = gut, atonal = böse), ein tatsächlich dialektisches zu sein:

I am actually glad about all the most radical and most shocking and most often discussed statements by Stockhausen and Boulez and others. Because they – in their totalitarian efforts – laid the seeds for an anti-totalitarian reaction.

Er spricht vermutlich für viele eKomponisten seiner Generation, wenn er bündig zusammenfasst:

The fact that there has been … something that resembled a dictatorship of atonality in a limited cultural environment … didn’t create enough suffering in me to long greatly for a new dictatorship of tonality […].

Borstlap, den die über hundert Jahre alten Innovationen der klassischen Moderne offenbar bis heute als eine Art frevelhafte Weltverletzung peinigen, was er in seiner Sentenz „Blowing up the bridge of tonality is a deed of cultural terrorism.“ auf den Punkt bringt, hält Eggert – ebenso schlicht wie cool – entgegen:

Trying out new things is never an act of terrorism, it is an act of curiosity.

Genau. Neugier und, ja: – Spieltrieb sind und bleiben die äh, anthropologische Basis ästhetischer Offenheit und, daraus folgend, ästhetischer Toleranz.

Nebenbemerkung: Ästhetische Toleranz heißt weder, alles gut finden zu müssen, noch, keine Meinung haben zu dürfen. Sie führt, korrekt praktiziert, weder in Unentschiedenheit, noch in Schlaffheit oder Beliebigkeit. Vielmehr geht es darum, seine eigenen Geschmackspräferenzen im Zaum zu halten (freilich ohne sie jemals zu leugnen) und sich niemals anzumaßen, die, den oder das Andere vollständig verstanden zu haben und damit rückhaltlos abqualifizieren (bzw. anbeten, das soll’s ja auch geben) zu können.

Neugier und Spieltrieb sind, zugegeben, keine moralischen Impulse, aber auch keine amoralischen. Sie sind vielmehr immoralisch, d. h., sie segeln unter dem Radar moralischer Kategorien hinweg.

Ebendieser immoralische, mitunter polymorph-pervers anmutende Segelflug der bzw. des Kreativen wird den Borstlaps dieser Welt aber zweifellos immer und zu allen Zeiten ein Dorn im Auge sein. Kriegen sie es doch nicht unter einen Hut mit ihrem Streben nach „Reinheit“, „Klarheit“, „Zeitlosigkeit“, kurz: Klassizismus.

In Wahrheit scheint mir der eigentlich kreative Akt eher ein Saustall aus Halbverdautem, Wiedergekäutem und völlig willkürlich Gesetztem zu sein, dem dann verblüffenderweise – manchmal, aber leider recht selten – eine Perle entspringt.

Und die kann dann ruhig von klassischer Schönheit sein.

Aber meinetwegen auch barock.

Oder sogar, äh, atonal.

Wurscht.

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Eggerts Anti-Borstlap, kommentiert