Soziale Medien sind Humanmedien

zuckerbergDas Weblog ist kein Massenmedium, sagt, sinngemäß, der Unternehmer und Web-Philosoph Christoph Kappes in diesem lesenswerten Blog-Artikel aus dem Januar des vergangenen Jahres. Weblogs bzw. Soziale Medien dienten vielmehr „dem Austausch sozialer Normen im Publikum.“

Nun, prägnanter kann man es kaum auf den Punkt bringen, Herr Kappes – Gratulation! Vor allem die Formulierung „im Publikum“ begeistert mich, impliziert sie doch, dass die Blogosphäre (inkl. Facebook, Google+ etc.) eine Gemeinschaft von Beobachtern darstellt. Die was genau jetzt beobachtet? Nun, einerseits das Weltgeschehen da draußen, aber, und das ist das Neue, mindestens ebenso intensiv sich selbst. Ersteres machten die Menschen ja schon immer, in privaten Gesprächen, an Stammtischen, in Partei- oder Vereinsversammlungen etc. Nur hatten diese (mehr oder minder formellen) Institutionen eines nicht: „die Möglichkeit, … asynchron mit Abwesenden zu kommunizieren“.

Wieso, wird der eine oder andere einwenden, Briefeschreiben war doch auch asynchrone Kommunikation mit einem/r Abwesenden, oder? – Richtig, aber Kappes spricht von „Abwesenden“ im Plural. Jeder etwas umfangreichere Facebook- bzw. Blog-Kommentarthread führt plastisch vor Augen, was weder der Austausch von Briefen noch Telefonate oder SMS leisten können: Die Anzahl der DiskussionsteilnehmerInnen ist tatsächlich „flüssig“, sie schwillt abrupt an bzw. ab, ebenso das inhaltliche und sprachliche Niveau der Beiträge. Es besteht stets die Gefahr, dass „man“ sich verliert oder auch festfährt, dass der Faden buchstäblich verlorengeht, man komplett das Thema aus den Augen verliert etc. Dabei ist niemand, wie beim Telefonat, gezwungen, sofort (und evtl. unüberlegt) zu antworten, mitunter vergehen Stunden, bis sich ein Thread weiterspinnt. Möchte man die genuine Form Sozialer Medien in traditionellen Termini beschreiben, so wäre sie ein Hybrid aus Brief (Asynchronizität, Schriftlichkeit), Telefonat (Dialogform) und einer Straßendiskussion in Speakers‘-Corner-Manier (fließendes Publikum, fließende Anzahl von Diskussionsteilnehmern).

Demzufolge wären die Sozialen Medien gar kein Kommunikations-, sondern ein Humanmedium im Sinne Harry Lehmanns, also eher Kunst, Liebe, Religion und Philosophie zuzuordnen als den klassischen Kommunikationsmedien Wirtschaft, Wissenschaft, Recht und Politik. In diesem Sinn wohnen wir als Beobachter/Akteure Sozialer Medien tatsächlich permanent der (ich möchte hinzufügen: sehr) „geräuschvollen Koppelung von Bewusstsein und Kommunikation“ (Lehmann) bei, bei der die Beteiligten „ihre Gefühle, ihre Vorlieben, ihre Lebenserfahrungen, Traumata und Überzeugungen“ (Lehmann) stets mitkommunizieren.

Tja, und das macht dann die ganze Sache so anstrengend und, mitunter, überkomplex bis zur Paralyse (zumindest bei mir). Schreibe ich einen Wissenschaftstext, muss ich meine Gefühle, Vorlieben und Traumata idealerweise so weit wie möglich ausblenden. Schreibe ich einen Brief oder telefoniere ich, hat es wenig Sinn, mich auf die Aufzählung von Fakten zu beschränken – es geht hier, wieder idealerweise, ausschließlich um die Mitteilung von Lebenserfahrungen und Überzeugungen. Blogge ich aber oder möchte ich einen Facebook-Kommentar schreiben, der über „like“ hinausgeht, befinde ich mich in der oben skizzierten Zwischenlage: Ich kann weder „ganz offen“ sein wie im vertraulichen 4-Augen-Gespräch, noch „offiziös“ wie im Sachtext. Soziale Medien verlangen „Subjektivität“ von mir – dafür wurden sie gemacht. Andererseits sind sie „öffentlich“ (wenn auch nicht in Form eines Massenmediums wie etwa dem Fernsehen, das keinen gleichwertigen Rückkanal besitzt) – ich muss also „meine Zunge hüten“, wenn ich sie mir nicht verbrennen will.

Allein die Existenz Sozialer Medien, so Kappes etwas verblüffend, belegt, dass sie auch eine Funktion haben – und zwar unabhängig davon, ob deren Akteure bullshit fabrizieren oder nicht. Denn außer antisemitischen Verschwörungstheoretikern glaubt hoffentlich niemand, dass uns Herr Zuckerberg (bzw. die Weisen von Zion) Facebook „aufgezwungen“ hat (wer’s doch glaubt, bitte melden oder in Zukunft nur noch Süddeutsche lesen). Soziale Medien stellen also das erste Humanmedium dar, das zumindest die technologische Grundlage dafür bietet, sich permanent selbst reflektieren zu können (weil es, so Kappes, auf „soziotechnischen Einheiten“ basiert statt auf herkömmlicher massenmedialer bzw. individueller Kommunikation). Das macht es sämtlichen klassischen Humanmendien – also Kunst, Liebe, Religion und Philosophie – nicht nur überlegen, sondern wird diese zweifellos gravierend und irreversibel transformieren.

Natürlich werden Kunst, Liebe, Religion und Philosophie nicht einfach „algorithmisiert“, wie das publizistische Krisengewinnler wie Frank Schirrmacher oder Manfred Spitzer vielleicht ausdrücken würden, aber sie gehen doch komplett ihrer bisherigen Selbstverständlichkeiten verlustig: Dadurch, dass plötzlich (potentiell) jeder mit jedem nahezu aufwands- und kostenlos permanent asynchron in Abwesenheit kommunizieren kann, entsteht – ganz allmählich, aber zwangsläufig – ein neues individuelles wie kollektives Selbstbild der Akteure. In diesem Sinn stellen die Sozialen Medien tatsächlich eine mögliche Antwort auf die gestiegene „Komplexität der Gesellschaft und die Krise ihrer Institutionen“ dar, wie das Kappes ausdrückt.

Aber da macht natürlich nicht jeder mit. Eine soziale Spaltung in „Elois“ und „Morlocks“ fand bereits statt und vertieft sich täglich, was ich mal post-digitale Apartheid genannt habe. Besonders tragisch nehme ich das allerdings nicht, schließlich leben Elois sehr komfortabel, glücklich und, vor allem, gesund.

Bis die Morlocks mal wieder Hunger haben.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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Soziale Medien sind Humanmedien

Zeitungsabonnenten wollen Information, Blogabonnenten Emotion

SPD-Referentin T. M. Bücker gelangt in einem Artikel für die F.A.Z.-Community zu folgenden schönen, um nicht zu sagen schöngeistigen Formulierungen zum Wesen des Bloggens:

Als Leserin unterscheide ich zwischen journalistischen Texten und Blogs – völlig wertfrei. Denn ich begreife Blogs als ein anderes Genre: mit Blogs, wenn sie mir gefallen, gehe ich eine längerfristige Beziehung ein. Mit ihren Autorinnen und Autoren, mit Menschen, die zu Texten diskutieren. Ein Blog entwickelt seine Spannung in der Forterzählung, dem hingegen [? Es soll wohl heißen, „dem gegenüber“, Anm. SH] sind Beiträge in professionellen Medien meist abgeschlossene Stücke; selbst wenn ich mir die wiederkehrenden Namen der Schreibenden merke, die Person dahinter wird mir kaum zugänglich. Mit einem Blog schließe ich ein emotionales Abonnement. Denn ich lese sie, weil sie beispielsweise Nischenthemen behandeln, über die ich an anderen Orten nur selten lesen kann. Ich lese sie, weil sie mich intellektuell anregen, Begeisterung auslösen für Ideen, Gedanken, sie in politischen Diskussionen Menschen aufeinander treffen lassen.

Ok, hier geht aber für mich so einiges durcheinander. Die Formulierung „emotionales Abonnement“ löst bei mir sogar einen gewissen Ekel aus. Warum? Nun: „Ein Abonnement (Abkürzung: Abo) ist der regelmäßige Bezug einer Leistung, oftmals gegen ein Entgelt. Der Bezieher der Leistung ist der Abonnent.“ (Wikipedia). Ein „emotionales Abonnement“ wäre dann also so etwas wie der regelmäßige Bezug von Gefühlsleistungen. Die „Weltsicht“ als Gratis-Abo von Gefühlen – eine unbehagliche Vorstellung!

Okeh okeh, is gut, ich weiß – so hat das Frau Bücker natürlich nicht gemeint, sie möchte vermutlich einfach nur einen wichtigen Unterschied zwischen Bloggen und Journalismus betonen, der den Status des schreibenden Subjekts betrifft: Der Blogger ist ein autonomes Individuum, der Journalist eine graue Maus. Nach dieser vereinfachenden Definition wird ein Publizist natürlich umso unfreier, je mehr er sich dem Berufsbild des Journalisten annähert, und also gegen Bezahlung Artikel für ein Wirtschaftsunternehmen, auch „Zeitung“ genannt, verfasst. Dem Blogger (arm, aber sexy) hingegen winkt, im besten Fall, eine „längerfristige Beziehung“ mit Frau Bücker (und zahlreichen anderen, die „in politischen Diskussionen aufeinandertreffen“) – wenn er sie denn als „emotionale Abonnentin“ gewinnen kann.

Bleibt die Gefahr, dass der Blogger seinen Independent-Status zum bloßen Schwadronieren und „Faseln“ (wurde mir hier schon vorgeworfen) missbraucht (dies geschieht ja auch tausendfach) und sich damit als ernstzunehmendes Korrektiv zum zwar hoffnungslos abhängigen, aber dann letztlich doch irgendwie „seriösen“ Journalismus ohne Not selbst disqualifiziert.

Ich habe diesen Artikel in überarbeiteter Form etwas später in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

Zeitungsabonnenten wollen Information, Blogabonnenten Emotion