Cabaret Voltaire „Landslide“ (1981)

Die British Post-Punk Week (BPPW) in der Weltsicht setzt sich fort mit gut zwei Minuten Musik, die man ästhetiktheoretisch ganz gut als Inversion des Konzepts Easy Listening bezeichnen könnte: Uneasy Listening. Wie sein positives Gegenstück erzeugt Uneasy Listening mit rein instrumentalen Mitteln auf mehr oder minder subtile Weise Atmosphäre, ohne allzu konkrete Inhalte vorzugeben.

cabaretvoltaireDem physiognomisch den frühen Beatles nicht unähnlich sehenden Trio Kirk / Mallinder / Watson ging es – so meine Interpretation – damals um eine Erweiterung von Pop Art im Sinne einer Inklusion von extrem belastenden, psychiatrie-affinen menschlichen Zuständen wie Entfremdung, klinischer Depressivität und psychotischem Wahn in die Formensprache des Popsongs, der bisher nicht oder kaum mit diesen Aspekten des menschlichen Daseins in Verbindung gebracht wurde.

Mission accomplished. – Dass da dann ein irritierender Klangbastard herauskam, der zwar formal auf den Standardinstrumenten Gitarre, Keyboard, Bass und Schlagzeug eingespielt wurde, durch mehrfaches Post-Processing* aber in etwas kaum noch zu identifizierendes Anderes verwandelt wurde, auf das man  Julia Kristevas Begriff des „Abjekten“ anwenden mag, dürfte kaum überraschen.

Leider konnte ich nicht herausfinden, wer für die sehr gelungene Visualisierung von „Landslide“ (ich vermute, es handelt sich um mit der Super-8-Kamera abgefilmte Fernsehbilder) zuständig war, sie könnte aber durchaus von Kirk selber stammen, der in „Synth Britannia“ ja des öfteren mit gezückter Super-8-Kamera zu sehen ist.

Es dürfte nun ganz klar werden, wo bsp.weise eine Arbeit wie „New York, September 2001“ (2004) von Schuster (Bild) und mir (Ton) ihre stilistischen Wurzeln hat:


* Wer sich für die elaborierten, teilweise „hausgemachten“ Verfremdungstechniken von Cabaret Voltaire und vergleichbaren Bands wie Throbbing Gristle aus technischer Sicht interessiert, wird in Whalleys Doku vom Montag bedient.
Cabaret Voltaire „Landslide“ (1981)

Video der Woche : KW 26 : „Synth Britannia“ (BBC-Doku 2009)

Der Titel der Doku klingt aufgrund seines nationalen Pathos‘ in meinen Ohren leider eher abstoßend (und auch nicht wenig irreführend), der Film selber weiß aber sehr wohl zu überzeugen: Es handelt sich um nichts anderes als eine Geschichte des britischen Post-Punk von 1975 bis 1985 (ungefähre Angaben!), die sich an den verwendeten elektronischen Musikinstrumenten entlanghangelt.

Autor ist der den Weltsicht-Besuchern bereits durch seine exzellente Krautrock-Doku aus dem selben Jahr bekannte Ben Whalley, dem es hier vielleicht noch einen Tick besser gelingt, ästhetische, technologische und soziokulturelle Aspekte eines zeitgeschichtlich noch recht nahen, aber definitiv bereits historischen Pop-Stils ohne jede belehrende Geste verständlich zu machen.

Für mich macht Whalleys Arbeit implizit klar, dass es sich beim Post-Punk um eine pop-ästhetische Epoche handelte, deren Entwicklung strukturelle Parallelen zu der der klassischen Avantgarden, vor allem des Surrealismus, aufwies:

  1. Zunächst erscheinen unabhängig voneinander kreative Köpfe, deren Output von der (zunächst winzigen) Öffentlichkeit sofort als „zusammengehörig“ identifiziert wird, die sich aber untereinander gar nicht kennen, geschweige denn sympathisch oder anziehend finden.
  2. Die Einzelköpfe „erkennen“ einander widerwillig – und beginnen gleichzeitig sofort, heftig um die „richtige“ Auffassung ihrer verbindenden Idee (die niemand „bündig“ zu formulieren weiß) zu streiten.
  3. Der Streit eskaliert, es kommt zu einer nicht endenden Abfolge von Ein- und Ausschlüssen (vgl. Throbbing-Gristle-Mitglieder im Film: „Wir waren NIEMALS Punks!“).
  4. Die „Bewegung“ zerfällt wieder, ohne sich jemals auf ein echtes „Programm“ geeinigt zu haben, was speziell im Fall des Post-Punk zu dem Gerücht führte, es habe ihn im Grunde „nie gegeben“. Whalleys Doku beweist aber das glatte Gegenteil.

Wieder lässt Whalley vor allem die ProtagonistInnen der Epoche sprechen – und er hat ihnen ganz offenbar die richtigen Fragen gestellt, denn Gary Numan, Cosey Fanni Tutti, Midge Ure oder Richard H. Kirk zeigen sich wach, auskunftsfreudig und vor allem – und das hat mich angesichts des in den Post-Punk fest implementierten „Depressionismus“ besonders überrascht – bester Laune 😉

Ich wünschte nur, ich würde das Englisch der EngländerInnen (so sympathisch es meist rüberkommt) besser verstehen…

Außer dem Foto-Dienstag gehört diese Weltsicht-Woche dann natürlich ebenfalls dem britischen Post-Punk 🙂 Im Einzelnen:

Video der Woche : KW 26 : „Synth Britannia“ (BBC-Doku 2009)