„Je ne suis pas Charlie“ – Ein Dokumentarfilm

 

Durch einen Hinweis in Glenn Greenwalds Blog „The Intercept“ vom 17. November wurde ich auf diesen knapp einstündigen, durchaus tendenziösen Dokumentarfilm aus dem Sommer aufmerksam, der sich mit der komplexen politischen Gemengelage in Frankreich nach den Anschlägen auf die Zeitschrift „Charlie Hebdo“ beschäftigt.

Nachdem ich mich kritisch zur Arbeit des ermordeten jüdischen Charlie Hebdo-Karikaturisten Georges Wolinski geäußert hatte (auf der Basis einer schon etwas älteren arte-Doku über den Künstler), ging es ja in den Weltsicht-Kommentaren eine Weile verhältnismäßig hoch her. Meiner ästhetischen wie politischen Ablehnung des simplistischen Holzhammer-Humors des Zeichners („Freie Liebe statt Burka!“) wurde zumindest schlechtes Timing bescheinigt – nicht ganz zu Unrecht, wie ich im Nachhinein eingestehe.

Der Film „Je ne suis pas Charlie“ lässt Menschen zu Wort kommen, die es nicht ganz so oft in die Massenmedien schaffen. Es handelt sich um eine Aneinanderreihung von Interviews mit vorwiegend linken und oft ziemlich jungen politischen Aktivisten in Frankreich (Christen / Juden / Atheisten / Muslime), die – bei aller Diversität – eines eint: das Unbehagen an der wachsenden gesellschaftlichen Intoleranz der französischen Mehrheitsbevölkerung gegenüber irgendwie „Andersartigen“. Das sind natürlich in allererster Linie „die“ Muslime, in zweiter Linie aber auch, und das überrascht dann doch ein wenig, „die“ Juden (d. h. jüdische Franzosen ohne jeden Migrationshintergrund).

Wer an dieser Entwicklung die Schuld trägt (die anti-, bzw. philosemitischen französischen Eliten, die Attentäter von Charlie Hebdo bzw. Bataclan, der Staat Israel, der IS – choose your favourite), darüber hat dann jede der Interviewten natürlich mal wieder ihre eigene (Verschwörungs-)Theorie. Und das zeigt der Film ganz gut (ob mit Absicht, sei dahingestellt):  Jeder kocht sein eigenes tribalistisches Süppchen, jeder hat ein bisschen Recht und ein bisschen Unrecht, jeder kann eloquent und überzeugend argumentieren – doch alle haben sie Angst. Voreinander. Vor dem Staat. Vor dem anonymen, zufällig zuschlagenden Terror. Und alle sind sie lediglich Opfer. Niemand will was Böses, aber jede Partei sieht sich genötigt, ihre legitimen Rechte zu verteidigen („Wir haben ja keine Wahl!“). Und unter dem Strich heizt sich alles auf. Schon merkwürdig, aber so scheint es zu funktionieren.

Eigentlich gibt es im gesamten Film nur eine Person, die richtig gut drauf ist und das ist Marine Le Pen, die es tatsächlich geschafft hat, einer ganzen Nation (zumindest derzeit) ihr rassistisches Narrativ anzudrehen. Und das geht so ungefähr: Frankreich ist eine große, stolze Nation. Frankreich hat zweifellos viele Probleme: Hohe Staatsverschuldung, wirtschaftlicher Niedergang, allgemeiner politischer Bedeutungsverlust. Doch all diese Probleme haben nur eine Ursache und die heißt Islam. „Die intellektuelle Leistung Marine Le Pens besteht darin, aus Frankreichs arabischstämmiger Bevölkerung ‚Muslime‘ gemacht zu haben“, heißt es irgendwo mal im Film.

(Frauke Petry versucht gerade, das für Deutschland zu kopieren.)

P.S.: Max Blumenthal, einer der Autoren des Films, ist ein hochumstrittener, obsessiv israelkritischer US-amerikanischer Journalist und entstammt dem linksliberalen jüdisch-amerikanischen Polit-Establishment (sein Vater Sidney war ein Berater Bill Clintons). Er liebt ganz offenbar die Provokation, sowohl Volker Beck als auch das ehrwürdige Simon Wiesenthal Center bezeichneten ihn bereits als Anti-Semiten – und er war auch just einer der Journalisten, denen Norbert Lammert 2014 Hausverbot auf Lebenszeit für den Deutschen Bundestag erteilte, dieweil sie damals unser aller Gregor Gysi bis auf die Toilette verfolgten, um ihn (vergeblich) zu einem Statement zur Palästina-Politik des Staates Israel zu bewegen (Der Vorfall ging mittlerweile als „Toilettenaffäre“ in die Annalen der Weltpolitk ein). Es wäre mir lieber, jemand weniger Polarisierendes hätte diesen Film gemacht, aber man kann wohl nicht alles haben 😦

Advertisements
„Je ne suis pas Charlie“ – Ein Dokumentarfilm

Je ne suis pas Charlie

GEORGES-WOLINSKI_EDITED
Die terroristische Barbarei von Paris ist durch nichts zu rechtfertigen – aber die sich anschließende sog. Solidaritätskampagne unter dem Rubrum / Logo / Hashtag „Je suis Charlie“ hatte die Inhaltlichkeit einer Icebucket-Challenge, nämlich keine.

Ich habe mir kurz nach den Gesinnungsmorden eine von arte dankbarerweise gesendete Dokumentation aus dem Jahr 2011 über einen der ermordeten Karikaturisten (Wolinski) angesehen – und meine durchaus vorhandene Empörungsbereitschaft kühlte sich unmittelbar merklich ab: Wolinskis Arbeit „schlicht“ zu nennen, wäre fast schon geschmeichelt. „Freizügige“ Zeichnungen dieser Art und Qualität habe ich hierzulande zuletzt im „Stern“ der frühen 1980er Jahre gesehen. Vielleicht gehören sie auch eher in die „Praline“ oder die „St. Pauli-Nachrichten“.

Bemerkenswert an der arte-Doku war, dass Wolinski (der übrigens in der jüdischen Community eines maghrebinischen Landes aufwuchs, den Islam also von Kindesbeinen an kennt) offenbar damals schon innerfamliär unter Beschuss gekommen war. Seine deutlich jüngere Frau, die sich als „feministisch“ bezeichnet, wirft seinen Arbeiten „Sexismus“ und „Phallokratie“ vor. Der Konflikt wird – unter Mediation der Schriftstellerin Benoîte Groult – in der Dokumentation selbst ausgetragen, allerdings ohne Ergebnis. Wolinski zieht sich auf ein trotziges „Ich kann halt nicht anders!“ zurück, seine Frau befürchtet, er werde sich immer stärker von den Zeitläuften isolieren. Zwischen den Zeilen hört man deutlich: „Ich denke, er hat den Anschluss verpasst und wird den Rest des Lebens seinen 68er-Ideen ‚Freier Liebe‘ nachhängen. Diese hatten zu ihrer Zeit zweifellos emanzipatorisches Potential, aber spätestens seit den 1980er Jahren wurden sie von der Geschichte überholt.“

Nun gut. Was soll’s? Ein bekennender 68er-Macho kritzelt bis an sein Lebensende Strichmännchen mit  überdimensionalen Ständern, deren archaischer Faszination letztlich kein Strichweibchen widerstehen kann. Gähn. Interessant wird’s aber da, wo sich Wolinski mit dem Islam, hm, „auseinandersetzt“. In einem seiner Bücher beschreibt er, wie eine Burka tragende Frau eine seiner Ausstellungen besucht und sich über deren pornografischen Inhalt empört. Wolinski kommt mit ihr (im Buch wohlgemerkt) ins Gespräch, Argumente werden ausgetauscht. Nach einigen Verwicklungen wirft die Frau schließlich die Burka ab, schminkt sich, kleidet sich westlich. Ende der Geschichte. (Ob die Protagonistin schließlich einwilligt, mit der Wolinski-Figur „freie Liebe“ zu machen, weiß ich nicht.)

Ich sagte es bereits, diese Art Weltsicht ist sehr schlicht und geht etwa so: „Was für mich als heterosexuellen jüdischen Mann, der in den 1950er Jahren erwachsen wurde, befreiend war, kann doch für eine in den 1980er Jahren geborene muslimische Frau nicht verkehrt sein, oder?“

Kann es doch, wage ich mal in aller Bescheidenheit anzumerken (unabhängig davon, dass Sibel Kekilli in gewisser Weise das Gegenteil bewies).

Nein, mit einem derartigen Gebrauch der Meinungsfreiheit – so sehr ich diese als solche für wichtig halte – mag ich mich nicht solidarisieren.

Je ne suis pas Charlie.

Und George Wolinski und seine Kollegen: Sie mögen in Frieden ruhen.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

Je ne suis pas Charlie