Norbert Niemanns „Die Einzigen“ – ein Gesellschaftsroman, der die Bezeichnung verdient

Niemann 2013

Nach einigen Jahren der Stille hat der von mir von Anfang an geschätzte und immer mal wieder brillante Romancier (altmodischer Begriff, hier aber zutreffend) Norbert Niemann gottseidank wieder zugeschlagen und mit „Die Einzigen“ einen Gesellschaftsroman geschrieben, der diese Bezeichnung verdient. Warum?

Weil „Die Einzigen“ wirklich ein Gesellschaftsroman ist und nicht nur so tut, wie etwa Krachts „Imperium“ von 2011 oder Kraussers „Thanatos“ von 1996. Was bei Kracht eher bildungsüberzuckert daherkommt und bei Krausser (leider!) oft narzisstisch verzerrt, kann sich unter Niemanns nüchternem Blick prächtig entfalten: die Milieustudie (auch dies ein schrecklich altmodischer Begriff, der aber nach meinem Dafürhalten weiterhin funktioniert).

Niemann hat sich für „Die Einzigen“ im Wesentlichen das Soziotop „Neue Musik“ (gut, ein wenig auch das Post-Punk-Milieu der 1980er Jahre) ausgesucht – und ist damit schon mal der erste überhaupt, der einen Roman verfasst hat (oder hab ich da was verpasst? Falls ja – bitte melden, danke :-)), in dem diese soziokulturelle Enklave (also die Neue Musik jetzt) eine tragende, d. h. die Hauptfigur antreibende, Rolle spielt.

Und Niemann weiß ganz offenbar, wovon er schreibt, er beschränkt sich nicht auf strategisches Namedropping („Ja ja, Luigi Nono [seufz]“, „Mein Gott, das erinnert ja fast an Steve Reich!“, „Er war nun mal kein Conlon Nancarrow!“ etc.), sondern lässt seine Hauptfigur Harry tatsächlich Erfahrungen mit Neuer Musik machen, die – und ich greife hier nicht zu hoch – dessen Leben verändern.

Ja potztausend, dachte ich da kurz während der Lektüre, jetzt wird doch nicht ein 1961 in Landau an der Isar geborener Schriftsteller ernsthaft plötzlich die nierentischförmige Nachkriegsutopie einer Transformation der Gesellschaft durch abstrakte Kunst aufköcheln wollen?

Aber nein – Niemann behält bei aller Begeisterung für sein Sujet stets den Überblick: Er schildert, wie die Erfahrung Neuer Musik ein – entsprechend geneigtes – Individuum durchaus bis heute (2014) erschüttern und „verwandeln“ kann, ist sich aber im Klaren darüber, dass die Art und Weise dieser Erschütterung und Verwandlung dramatisch unterbestimmt bleibt (Im Falle seiner Figur „Harry“ – und jetzt kommt ein kleiner Spoiler – dient sie bsp.weise letztlich betriebswirtschaftlicher Innovation, was jetzt – wieder bsp.weise – Conlon Nancarrow vermutlich zumindest verblüfft hätte).

Und da wären wir auch schon bei einer zentralen Funktion des Gesellschaftsromans, die Niemanns Bücher (ja: – alle!) mustergültig erfüllen: Spiegelung. „Die Einzigen“ erfindet realistische Kunstfiguren (ein Widerspruch in sich), mit denen sich die Leserin identifizieren kann (und sei es im Sinne von „Aber so bin ich ja ganz bestimmt nicht!“) und die ihr hilft, ihren Standort im komplexen Geschiebe des Jetzt zu bestimmen. Auch sehr gute Fernsehfilme schaffen das mitunter, ganz selten sogar Fernsehkrimis.

Was Niemann besser kann als alle mir bekannten deutschsprachigen Belletristen seiner Alterskohorte (die Katharina Hacker der „Habenichtse“ ausdrücklich ausgenommen), ist die einfühlende, aber dennoch analytische Beschreibung der Innenwelten seiner Figuren. Er nimmt, wie das Belletristen ja wohl tun sollen, den Leser an der Hand und führt ihn ein in die Subjektivität seiner Figur (hier: „Harry“, alle anderen Figuren werden von außen beschrieben) – und zwar so, dass man mitgehen muss, dass es einen packt, dass man das Papier eben nicht rascheln hört. Gleichzeitig bleibt immer klar, dass es sich hier um ein Artefakt handelt.

Dennoch weigert sich Niemann beharrlich, seine Figuren – so inkonsistent und mitunter verachtenswert sie sich auch gelegentlich verhalten mögen – zu verraten (Ein weiterer Unterschied zu Kracht und Krausser: Krachts Hauptfigur in „Imperium“ bleibt für mich ein – wenn auch ideengeschichtlich interessanter – Papiertiger, Kraussers Protagonisten sind eigentlich immer Soziopathen, d. h. Figuren, mit denen mitzufühlen uns der Autor geradezu verbietet).

Ich verstehe alle Leserinnen von Niemann-Romanen, die dessen Figuren kalt lassen, weil sie nun mal nicht deren Alterskohorte angehören – ihr Leben wurde und wird von anderen Faktoren geprägt. Sie wissen bsp.weise nicht, was „Post-Punk“ heißen soll (dieser Sammelbegriff ist selbst innerhalb der Generation X nicht durchgehend bekannt, bzw. wird teilweise abgelehnt etc.), haben sich niemals mit Neuer Musik auseinandergesetzt etc. Das ist aber nicht Norbert Niemann anzulasten, der das einzige tut, was ein Romancier tun sollte, nämlich über das schreiben, was er kennt und persönlich erfahren hat. Gelungen ist ein Roman dann, wenn der Text die Zeitgebundenheit der geschilderten Ereignisse vergessen macht. Die Zeitgeschichte ist das Medium des Romans, nicht sein Inhalt (Kafka und Musil werden ja auch nicht deswegen heute noch gelesen, weil wir uns so brennend für das Prag bzw. das Wien des frühen 20. Jahrhunderts interessieren würden).

Was Niemann nicht so gut kann, ist Dramaturgie. Bei den „Einzigen“ kommt er jedoch deren Ziel, einen erzählerischen Bogen zu schlagen, recht nahe. Für meine Begriffe versauen diesmal lediglich die letzten Sätze (hier werde ich jetzt nicht spoilern) dieses Unterfangen – dafür aber gründlich. Angesichts der Fülle an treffenden Beobachtungen und scharfsichtigen Alltagsanalysen, die vorhergehen, fällt das dann aber nicht mehr ganz so schwer ins Gewicht.

Postskript 2015-08-10: Auf der Homepage seines Verlags hat Niemann hier eine „kommentierte Playlist“ zum Roman publiziert.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

Hat Ihnen dieser Text gefallen? Dann schicken Sie mir doch auch etwas zu lesen.
Am besten von meiner öffentlichen Wunschliste.
Norbert Niemanns „Die Einzigen“ – ein Gesellschaftsroman, der die Bezeichnung verdient

„Ein Makake schrie elendig.“

Christian Kracht (*1966)
Christian Kracht (*1966)

Christian Kracht hat ein schönes Buch geschrieben. Punkt. Alles, was Georg Diez differenziert und ausführlich in seinem SPIEGEL-Artikel über den Autor ausgebreitet hat, den er für einen „Türsteher der rechten Gedanken“ hält, der „antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken“ in den „Mainstream“ tragen wolle, klang für mich plausibel – bis, ja bis ich dann eben Krachts Buch las. „Imperium“ ist nicht mehr und nicht weniger als ein zwar etwas arg knapp ausgefallener, aber in sich wohl ausgewogener postmoderner Abenteuerroman. Doch in jedem Kapitel von (beispielsweise) Thomas Pynchons „V“ findet sich mehr an antimodernem, demokratiefeindlichem, totalitärem Denken als auf allen 242 Seiten dieses schwungvollen, geistreichen, witzigen, ironischen Textes! Nur, dass meines Wissens bisher niemand auf die Idee kam, Pynchon deshalb als „rechts“ zu bezeichnen. Es bleibt also im Dunkeln, was Diez ritt, Autor und Roman derart zu verunglimpfen. Es muss wohl an Krachts E-Mail-Verkehr mit diesem merkwürdigen Freak David Woodard liegen, der bei Diez das Nazometer so heftig ausschlagen ließ…

Aber bleiben wir beim Roman. Seine Sprache ahmt ohne viel Verrenkungen den Tonfall der Literatursprache des frühen 20. Jahrhunderts nach (Hermann Hesse? Franz Kafka? – Die/der GermanistIn mag forschen.). Kracht möbliert seine Sprache mit sorgsam er-lesenen Fundstücken der gewählten Epoche, ohne eine schlichte Retro-Strategie zu fahren: wir bleiben als Leser dann doch immer im 21. Jahrhundert, das mit einem Maximum an Empathie auf den Beginn des 20. zurückschaut. Gelegentlich werden dabei Vokabeln wie „Analepse“ oder „somnifer“ eingeflochten, vor denen selbst mein Fremdwörter-Duden streikt. Doch was ich in solch einem Fall einem Daniel Kehlmann als snobistisch ankreiden würde, stört mich bei dem Schweizer Autor in keinster Weise, so leicht und vor allem geschmackvoll setzt er seine Akzente.

Der Blick des immer etwas onkelhaften, altmodisch allwissenden Erzählers auf die Zeitläufte ist dabei alles andere als „totalitär“. Hitler, so der Erzähler, wäre „vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben“, der Antisemitismus wird als irrationale Projektion von Modernisierungsverlierern beschrieben, „in der Existenz der Juden eine probate Ursache für jegliches erlittene Unbill zu sehen.“ Soweit alles politically correct, oder? Kracht hätte ja durchaus die Freiheit gehabt, seinen Erzähler „rechts“, sprich: antimodern, demokratiefeindlich, totalitär daherschwadronieren zu lassen, die Konstruktion des Buchs hätte das durchaus hergegeben – aber er verzichtet darauf, präsentiert stattdessen einen illusionslosen Konservativen, der uns Leser durchaus verantwortungsvoll, wenn auch ironisch, an die Hand nimmt.

Das eigentliche Thema von „Imperium“ scheint mir aber die „Freiheit“ zu sein – und das durchaus im emphatischen, Gauckschen Sinn. Der neurasthenische Protagonist Engelhardt sucht, nach einer mystisch-intellektuellen Phase (Swedenborg wird gelesen, der unvermeidliche deutsche Philosoph, der mit „N“ beginnt, natürlich sowieso, aber auch der Jude Henri Bergson), sein Seelenheil in Askese und einem „einfachen Leben“ inmitten möglichst europaferner Natur. Sein eher unfreiwillig komischer als antimoderner „Kokovorismus“ scheitert aber am introvertierten und unentschiedenen Wesen Engelhardts: einerseits langweilt er sich unsäglich in seiner selbstgewählten splendid isolation, andererseits weist er fast alle JüngerInnen ab, die sich ihm sinnsuchend aufdrängen wollen. Er taugt einfach nicht zum Bhagwan, ist wohl eher der Typus einzelgängerischer Schwarmgeist ohne großes Charisma. Nur der ebenfalls zivilisationsüberdrüssige Musiker Lützow hält es eine Weile mit dem Exzentriker aus, kehrt aber nach einer Weile dem schrägen Ritter der Kokosnuss wieder den Rücken,

… ihm hat, so bemerkt er, ganz klar und offensichtlich das Mondäne gefehlt, das Zivilisationsritual, die Kristallgläser, die weißen Hosen mit der Bügelfalte, … es war ein Experiment, ja, ein Geglücktes, er kann es fast ein Jahr aushalten in der Askese, seine diversen Krankheiten sind geheilt, nun aber zurück nach Europa, … dessen komplexe Befindlichkeiten ja durchaus dienlich sind, sich selbst innerhalb einer Struktur zu verorten, in die man hineingeboren wurde – was nützt einem der Ausbruch, wenn man nicht zurückkehrt, um das Erlernte, das Erlebte anzuwenden?

Lützow bleibt, solange ihn der Autor leben lässt, die einzige glückliche Figur in „Imperium“.

Vielleicht überspanne ich hier der interpretatorischen Bogen, aber obigem Zitat zufolge hat das Buch ja sogar eine Botschaft (und das ist dann plötzlich angenehm post-postmodern): Wir haben selbstverständlich die Freiheit, uns beliebig weit von jeglichen weißen Hosen mit Bügelfalte zu entfernen, wir können natürlich Nudisten und Sonnenanbeter werden, können ohne Frage nach Belieben von rassistischen Arierkulten träumen, ja, wir können uns sogar zum, horribile dictu, Vegetarismus oder, alternativ, zur Anthropophagie als einzig authentischer Existenzform des Humanen bekennen – anything goes – aber irgendwann macht es dann doch wieder Spaß, „sich selbst innerhalb einer Struktur zu verorten, in die man hineingeboren wurde“.

Die Freiheit haben wir. In der Kunst. Im Leben wird es immer einen Diez geben, der übelnimmt. Aber das ist dann ja vielleicht gar nicht so verkehrt.

Hat dir dieser Text gefallen? Dann gib mir doch auch etwas zu lesen.
Am besten von meinem Wunschzettel.
„Ein Makake schrie elendig.“