Dazugehörenwollen. Ein Film über die Entstehung des NSU

heuteistnichtalletageEinen besseren Film zum weiterhin äußerst schmerzhaften und heiklen Thema NSU kann ich mir kaum vorstellen. Regisseur Christian Schwochow hat vieles richtig gemacht – und vor allem drei naheliegende Fehler vermieden:

  • Psychologisierung: Obwohl die ungünstige soziokulturelle embeddedness von Uwe, Beate und Uwe (UBU) teilweise drastisch veranschaulicht wird, bleiben diese dennoch als Individuen, als selbstverantwortlich handelnde Subjekte erkennbar (vgl. auch als Gegenfigur Zschäpes Schulfreundin, die, obwohl mit ähnlichem sozialem Startkapital gesegnet, schließlich doch den kleinbürgerlichen Weg wählt). UBU sind nirgendwo hineingeraten, sie sind vielmehr begeistert, ja ekstatisch eingetaucht in eine phantasmatische Wunschwelt.
  • Dämonisierung: Es wird geradezu niederschmetternd klar, dass UBU nur ein klein wenig konsequenter waren als all die anderen jugendlichen deutschnationalen SchwärmerInnen, die sonst noch im Film auftauchen. Deutlich wird auch, dass nur das Zusammentreffen und – vor allem – sehr unwahrscheinliche Zusammenhalten dreier sich auf fatale Weise ergänzender Individuen die nachhaltige Destruktivität der späteren Terrorzelle möglich machte. UBU als Individuen dagegen erscheinen als – im Sinne Hannah Arendts – eher banale Figuren.
  • Moralisierung: Nirgendwo suggeriert die Handlung dem Zuschauer, wie er die ProtagonistInnen moralisch bewerten soll. „Heute ist nicht alle Tage“ ist weder Problemfilm, noch Lehrstück, noch Milieustudie, noch Sozialporno – er zeigt dem in seinem Urteilsvermögen ernstgenommenen Zuschauer einfach (einfach?) nur, wie die Dinge laufen können, wenn Stumpfheit, Abenteuerlust, Naivität, erotische Sehnsucht, Orientierungslosigkeit, „politische Romantik“, Aggressivität, jugendliches Unabhängigkeitsstreben, Frustration, Identifikationsbedürfnis, Perspektivlosigkeit, Unbildung, Provinzialität, kriminelle Energie, Alkoholismus, Gruppendruck sowie … (Liste bitte nach Belieben ergänzen) auf eine gesellschaftliche Umbruchsituation treffen, in der das Alte nicht mehr und das Neue noch nicht real ist (hier: „Wendezeit“).

In „Heute ist nicht alle Tage“ wird, ein weiteres Verdienst des Films, der stets gewitzt, lässig und pop-affin daherkommende neurechte Sprachgebrauch in all seiner Drastik und stilisierten Grobheit dokumentiert. Das am häufigsten gebrauchte Wort des Films dürfte „Jude“ sein: Eigennamen, aber auch Gefühle, Gedanken, Blicke, Kleidungsstile, Essgewohnheiten und Konsumverhalten, schließlich sogar die Kleidung, das Essen und das Konsumprodukt selbst (und am Ende gar Tiere, Pflanzen und Steine?) sind entweder „jüdisch“ oder eben nicht. Eine dritte Option gibt es nicht. Man kommt nicht umhin, hier von einer histrionischen Ordnungsfantasie, besser: einem Phantasma zu sprechen, welches offenbar auch völlig unabhängig von der realen Existenz oder gar Bekanntschaft mit Menschen jüdischen Glaubens ganz prima funktioniert. HIstrionisch-phantasmatisch steht hier nicht für harmlos, weil ja schließlich alle Beteiligten um die offensichtliche Absurdität ihres Szenesprechs, den man besser nicht mit „Humor“ verwechseln sollte, zu wissen scheinen. Das Gegenteil ist der Fall. Die sorgfältig gepflegte Wahnvorstellung von der lauernden Allgegenwart „des Jüdischen“ dient den SprecherInnen weniger zur Unterhaltung als zur fortschreitenden Immunisierung gegen die als feindlich empfundende Außenwelt. Und immer geht es auch um ein durchaus narzisstisches, in jedem Fall aber hedonistisches Spiel mit der eigenen Irrationalität, die die erwartbare Empörung des Durchschnittsbürgers bereits lässig eingepreist und so der Optimierung des eigenen Lustempfindens dienstbar gemacht hat.*

Das untergründige Thema von Schwochows Arbeit heißt darum auch nicht Wohlstandsverwahrlosung, sondern Identitätsverlust. Der Film erzählt nichts anderes als eine Identitätswiederbeschaffungsmaßnahme dreier orientierungsloser Jugendlicher, die vollkommen aus dem Ruder läuft. UBU tun buchstäblich alles, um dazuzugehören. Dabei spielen die weltanschaulichen Inhalte der ersehnten Gemeinschaft ganz erstaunlicherweise eine untergeordnete Rolle (so mutiert gleich zum Beginn des Films Mundlos grundlos von der Zecke zum Nazi, einfach so, von heute auf  morgen). Viel wichtiger sind die emotionalen und sozialen Belohnungen, die die jeweilige Gruppenzugehörigkeit bietet. Demzufolge inszeniert Schwochow die einschlägigen neurechten Sauf- , Konzert- und Spieleabende (Zschäpe kreiert eine Monopoly-Variante namens „Pogromoly“ und erntet Respekt) geradezu mitreißend ekstatisch (was mir tatsächlich leichten Brechreiz verursachte): UBU, die sich ja aus ganz unterschiedlichen Gründen marginalisiert fühlen, dürfen sich hier endlich – und wer weiß, vielleicht zum ersten Mal überhaupt in ihrem Leben! – als funktionierende, ja tragende Mitglieder einer community fühlen. Das macht sie ebenso glücklich wie dankbar und erhöht gut nachvollziehbar ihre Bereitschaft, der sinnstiftenden Idee – hier: die Errichtung eines Vierten Reiches – etwas zurückzugeben, sprich: sich aufzuopfern.

Mundlos, Sohn eines Informatik-Professors, liefert hierfür die pseudo-intellektuellen Grundlagen und ein gewisses Konzept, Böhnhardt, traumatisierter Kleinkrimineller mit sehr niedriger Frustrationstoleranz, dient sich dem verehrten Mundlos als Mann für’s Grobe an und Zschäpe, permanent gepeinigt vom sorgfältig gehüteten „Makel“ ihrer teilweise rumänischen Abstammung, sorgt dafür, dass es beide Penisträger zwar gut, aber nicht zu gut haben, indem sie beziehungsmäßig pausenlos virtuos zwischen U1 und U2 hin- und herlaviert. Ständig hat sie U1 „gerade“ verlassen und nähert sich (wieder) U2 an, bevor sie schließlich U2 verlässt, um sich – nach angemessener Schamfrist – erneut U1 anzunähern etc. Auf diese Weise bleibt sie stets für beide Männer attraktiv, weil nie ganz eroberbar. Gleichzeitig bewahrt sie sich so eine Art Autonomie zwischen den beiden testosteronsatten Hitzköpfen. Und so gelingt ihr das unwahrscheinliche Kunststück, die labile ménage à trois zusammenzuhalten.

Vieles an „Heute ist nicht alle Tage“ ist überdurchschnittlich, außergewöhnlich und herausragend: Das entschlossene Aufgreifen des Themas natürlich als erstes, zweitens die filmische Umsetzung, die ihrem schweren Stoff mehr als gerecht wird, das dramaturgische Konzept, das die Zuschauerin bis zur letzten Sekunde zu fesseln weiß drittens, sowie viertens, fünftens und sechstens die darstellerischen Leistungen (Anna Maria Mühe verkörpert Beate Zschäpe glaubhaft als auf unangenehme Weise „Erwachende“), die uneitel der Sache dienende Bildgestaltung (Kamera: Frank Lamm) und nicht zuletzt der kunstvoll mit abrupten Brüchen arbeitende Schnitt (Jens Klüber, Julia Karg).

Wenn das Sujet nicht so ernst und tragisch wäre, könnte man von großem Kino sprechen –  aber „souveränes Filmkunstwerk“ trifft es in dem Fall wohl besser.


* Die flächendeckende Postmodernisierung macht eben auch vor neurechten Ideologemen nicht halt. Sie ist hier sogar besonders effektiv, da die ganz unironische Behauptung einer white supremacy mit popkultureller Lässigkeit erst mal gar nicht zusammenzugehen scheint. Und schon entfaltet diese semantische Nebelgranate ihre Wirkung. Das popkulturelle Spiel mit Symbolen, Figuren, Emblemen und Phrasen etc. des Dritten Reiches kann denn auch bis auf Performancekünstler wie Boyd Rice und Konzeptbands wie Laibach und Deutsch Amerikanische Freundschaft zurückverfolgt werden – allerdings hatten diese überwiegend emanzipatorische bzw. „gesellschaftskritische“ Absichten, z. B. im Sinne einer „anti-sozialdemokratischen Ästhetik“. Davon kann im neurechten Kontext natürlich keine Rede mehr sein. Die Provokationsstrategien sind gleichwohl identisch.

 

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

 

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