Nicht schon wieder! Ironiekritik

To live ironically is to hide in public.

(Ch. Wampole, How to Live Without Irony, 2012)

Der Ironiker ist nichts als bequem, wenn er lässig auf etwas zeigt, was er „eigentlich“ gar nicht mag und damit (uneingestanden) ängstlich verbirgt, was er wirklich zeigen will. Er thematisiert das Zeigen an sich und glaubt, dabei auf einem höheren Reflexionsniveau zu stehen als der „Inhaltist“. Das ist zwar kurzfristig richtig, führt aber langfristig in die soziokulturelle Endlosrekursion.

Martin Kippenberger: "Helmut Newton für Arme", 1985
Martin Kippenberger: „Helmut Newton für Arme“, 1985 (zum Vergrößern anklicken)

Subversiv wirkt das ironische „Zeigen des Zeigens“ nur innerhalb monokultureller bzw. hegemonialer Strukturen. Martin Kippenbergers anti-sozialdemokratische Ironie hat in den 1980er Jahren hervorragend funktioniert. Heute ist sie Teil der Kunstgeschichte (wenn auch ein tatsächlich erfrischender), denn der „Sozialdemokratismus“ als soziokulturelles Dispositiv ist längst vom Neo-Liberalismus, und dieser vom digitalen Kapitalismus abgelöst worden.

(Nebenbemerkung: Dasselbe gilt für Johannes Kreidlers Konzeptualisierung der „Neuen Musik“ heute: Sie wäre unspektakulär, gäbe es da nicht ein Meta-Narrativ, das „Neue Musik“ weiterhin als direkten Ausfluss des Weltgeistes, negativtheologisch oder kunstreligiös versteht – keinesfalls aber „relational“.)

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One cannot accelerate meaningful remembrance.

(Ch. Wampole, a. a. O.)

Das Massenphänomen „Retro“ (von Instagram bis bsp.weise zum all-wochenendlichen Reenactment der Lebenswelt des „Mittelalters“) fungiert als aufgestaute Emotionen abfackelndes Spektakel im Sinne Thomas Raabs:

So ist es für den Einzelnen … zumindest kurzfristig wirtschaftlicher, sich der Unterhaltung hinzugeben, als sich etwa anzustrengen, das Funktionieren von Unterhaltung am eigenen Leib zu verstehen.

(Th. Raab, „Nachbrenner“, 2006, S. 78 f.)

Dem Retro-Fan ist die Gegenwart oft unerträglich, weil zu komplex, zu widersprüchlich, zu wenig fassbar, kontrollierbar, berechenbar etc. – oder sie erscheint ihm, in Schirrmachers paranoider Variante, als ausschließlich „berechnet“. So sehnt er sich nach einer umfriedeten Welt, wo – für die Gegenwart scheinbar „unpassende“ – Bedürfnisse wie Nostalgie, kindliches Herumalbern oder Einfach-mal-jemand-anderes-sein-wollen folgenlos ausgelebt werden können. Das geht ganz gut, wenn man sich bsp.weise in eine historische Epoche imaginiert, in der man selbst niemals gelebt hat. Jegliche Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenswirklichkeit wird so ausgeschlossen. Sie könnte schließlich schmerzhaft sein – und wenn die Eskapistin irgendetwas nicht sucht, dann die schmerzvolle Auseinandersetzung mit seiner Individualität. Stattdessen glaubt er, sich, zumindest temporär, zu entlasten, um damit neue Energie für die Gegenwart schöpfen zu können.

Werch ein Illtum!

Wieder im Heute, fühlt man sich noch ein Stück fremder im kalten Jetzt und ist zudem mehr denn je davon überzeugt, dass „früher“ alles besser war (obwohl einem ja eigentlich klar ist, dass dieses „Früher“ ein lediglich eingebildetes ist) – was dann sowohl die Verachtung der Gegenwart als auch die Sehnsucht nach dem „Anderen“ weiter befeuert: eine Spirale der Entfremdung.

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The ironic frame functions as a shield against criticism.

(Ch. Wampole, How to Live Without Irony, 2012)

Denn natürlich ist „professionelle“, sprich habitualisierte Ironie nicht an sich moralisch bedenklich. Im Gegenteil,

Die Ironie ist der normative Kitt, mit der die postmoderne Gesellschaft immer noch zusammengehalten wird, über die sie sich immer noch ein positives Selbstbild zu geben vermag. Sie ist in der Lage, einen kulturellen Gemeinsinn zu stiften, welche der Pluralität der sozialen Verhältnisse angemessen ist und als basales Instrument gesellschaftlicher Kontingenzbewältigung in einer Zwischenzeit optimal funktionierte.

(H. Lehmann, „Neutralisierte Indifferenz„, 2007)

Doch was passiert, wenn ironische Lebenshaltungen hegemonial werden? Eine ursprünglich intelligente und durchaus ehrenwerte Strategie erodiert zum Nihilismus. Das Problem ist, dass diese subtile, aber folgenschwere Wandlung gar nicht so leicht zu erkennen ist:

Der Zyniker lacht ein letztes Mal über das moraline Selbstbild der Ironiker und verhält sich ansonsten aus Mangel an Alternativen genauso wie sie im angestammten Kulturhabitat – was hinzukommt, ist die Verachtung, mit der er es tut.

(H. Lehmann, „Neutralisierte Indifferenz„, 2007)

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

Nicht schon wieder! Ironiekritik