Daniel Kehlmanns „Ruhm“

Gerade Daniel Kehlmanns „Roman in neun Geschichten“ namens „Ruhm“ beendet. Oh wie zwiespältig! Der Mann ist von einer derart beinernen Virtuosität, dass ich nie weiß, ob ich ihn bewundern oder mich ekeln soll. Irgendwie scheinen beide Gefühle eine Berechtigung zu haben.

Bewunderung, weil sich hier jemand seiner Mittel äußerst gewiss ist und sie bei nahezu jeder Gelegenheit kalkuliert einzusetzen weiß. Ekel, weil genau diese Fähigkeiten letztlich einen eher künstlichen, fast sterilen Text hervorbringen, der eben auch nur von eben diesen erstaunlichen Möglichkeiten seines Verfassers kündet. „Oh, wie ungerecht und unangemessen ist diese Kritik!“ Natürlich, natürlich, hier kann nur der bloße Neid sprechen. Oder?

Am deutlichsten blieb mir die Geschichte „Ein Beitrag zur Debatte“ in Erinnerung. Der Autor lässt hier einen aus dem Gleichgewicht geratenen, ödipalen, äußerlich unattraktiven und offensichtlich adipösen Blogger zu Wort kommen, der, aus Gründen, die ihm selbst nicht klar sind, einem bekannten, sich arrogant und abweisend verhaltenden Schriftsteller (ein Schelm, wer hier Böses denkt!) nachstellt, um – tja, mit ihm zu plaudern … oder was? Der Blogger weiß das selbst nicht so recht, aber Kehlmann lässt deutlich durchblicken, dass das eigentliche Motiv Geltungssucht ist (Hallo Herr Breivik!).

Nun – ein aktuelles Thema fürwahr, doch wie setzt Kehlmann hier seine literarischen Fähigkeiten ein, um dem Leser dieses unangenehme, ja beklemmende Sujet (das verzweifelte Bemühen des Durchschnittsmenschen um Liebe, Zuwendung und Anerkennung) zu vermitteln? Er schreibt den ganzen Text als post eben dieses Bloggers, unter Verwendung eines, hm, manierierten „Bloggersprech“, dessen Authentizität ich mangels blogosphärischer Erfahrung weder beweisen noch falsifizieren kann. Das klingt dann so (zufällig herausgegriffen):

Don’t worry, will keinen totdösen, indem ich Details. Tagung eben. Flipcharts, Tafeln, alles Englisch leider, viel Händeshaken zwischendurch, aber zu mir keiner.

Durchaus unterhaltsam, prägnant, schon wieder durch und durch gekonnt. Aber ist dieser Blogger wirklich eine literarische Figur? Mir scheint er eher ein Papiertiger zu sein, die Ausgeburt eines zwar höchstbegabten, aber abgehobenen Literaten. Obwohl die Bloggerfigur viele tragische Züge hat, versucht der Autor, für mich jedenfalls, an keiner Stelle Mitgefühl für ihn zu erwecken. Stattdessen breitet er genüsslich dessen psychosomatische Symptome (Hyperhidrose, Stottern, Kontaktscheue, Paranoia, you name it) vor dem Leser aus. Für mich denunziert er diese Figur damit, er gibt sie der Lächerlichkeit preis – ohne jede Tragik, der Blogger erscheint einfach als „armes Schwein“ und notorischer loser.

So illlustriert diese Geschichte also Schirrmachers „Payback“-These vom hirnzermanschenden Einfluss des Internets, ohne auch nur irgendwie auf die Gründe einzugehen, warum der Blogger in diese Malaise gelangt ist. Oder wäre eine solche Spurensuche des Autors dieses Buches von „funkelnder Intelligenz“ (FAZ), dieses „literarischen Bravourstücks“ (Die Welt), dieses „hochintelligenten Lesevergnügens“ (DeutschlandradioKultur), dieses „verteufelt guten, brillanten“ Werkes, eines Autors also, der „alles zu können scheint“ (Neue Zürcher Zeitung) etwa nicht würdig?

Postskript: Kehlmann schreibt grundsätzlich „Mobiltelefon“, wenn er „Handy“ meint. Das verdient einerseits Lob, denn das Wort „Handy“ ist tatsächlich ziemlich dämlich, andererseits ist es auch ein wenig snobistisch, oder?

Hat dir dieser Text gefallen? Dann gib mir doch auch etwas zu lesen.
Am besten von meinem Wunschzettel.
Daniel Kehlmanns „Ruhm“