Unterwegs zu einer Diagnose des Digitalen Zeitalters

Der Berliner Netztheoretiker Michael Seemann versucht gerade, eine umfassende soziale Diagnose des Digitalen Zeitalters (meine Formulierung, Seemann selber würde das wohl bescheidener ausdrücken) zu schreiben, Respekt! Vor einigen Tagen bloggte er erstmals ein Abstract seines im Entstehen begriffenen Buches „Das Neue Spiel“ (Ist das eine Anspielung auf Roosevelts „New Deal„?), dessen prägnanteste Thesen ich hier kurz in weitgehend eigenen Worten zusammenfassen möchte:

  1. Kontrollbedürfnis erzeugt Kontrollverlust. Die Verdatung der Welt, die Beschleunigung der Datenströme sowie die steigende Aussagekraft der Daten durch unvorhergesehene Verknüpfungen bewirken paradoxerweise einen zunehmenden Kontrollverlust – und zwar nicht nur auf Seiten des Individuums, sondern (und das ist der verblüffende Dreh an Seemanns Denke), auch auf Seiten der Institutionen, also des Staates und seiner Geheimdienste sowie der Wirtschaft und ihren Unternehmensberatern.
  2. Die Ordnung der Query. Im Zentrum des Digitalen Zeitalters steht etwas, das Seemann „Query“ nennt, also „Abfrage“. Gemeint ist nichts anderes als bsp.weise meine ganz ordinäre private Suchanfrage auf Google, aber auch die Späh-Aktionen der NSA oder die Marktbeobachtungen von Analysten. Was haben all diese Tätigkeiten gemeinsam? Nun, sie nutzen die algorithmischen Abfragemöglichkeiten moderner Datenbanken (nichts könnte rationaler, ja rationalistischer sein, meint man), um Erkenntnisse über einen persönlichen bzw. politischen bzw. ökonomischen Sachverhalt zu gewinnen. Glauben zumindest die Abfrager. In Wirklichkeit, und hier spinne ich Seemanns Gedankengang vermutlich etwas weiter, ist ihre Abfrage interessegeleitet (also alles andere als objektiv bzw. sachbezogen), so dass die Query, unbeabsichtigt, eine Ordnung der Dinge erzeugt, statt sie nur nüchtern zu reproduzieren. Diese queryologische Ordnung wiederum benutzen die Abfrager als „objektiven“ Ausgangspunkt ihres weiteren Handelns, ohne sich jedoch ihrer Kontingenz bewusst zu sein.
  3. Die Aufrechterhaltung der Privatsphäre bedeutet die Aufrechterhaltung des Alten Spiels „Überwachen und Strafen“. „Die derzeitige Disruption der Privatsphäre wird nur deswegen hingenommen, weil auch ihre gesellschaftliche Funktion weitgehend obsolet geworden ist.“ Hier muss ich unwillkürlich an 68er-Thesen à la „Alles Private ist politisch.“ denken, aber diese Ähnlichkeit ist nur oberflächlich. Es geht Seemann wohl nicht um das Wiederbeleben „kommunitaristischer“ (oder gar kommunistischer) Sozialutopien, sondern um das desillusionierte Hinnehmen des Heraufdämmerns einer technologisch bedingten Unmöglichkeit von Privatsphäre. Auch hier wird’s wieder reichlich paradox, aber (für mich) plausibel: Je allgegenwärtiger (und billiger!) die Überwachungsmöglichkeiten, desto unwichtiger wird ihre Rolle im Gefüge der Macht werden. Da es tendenziell immer leichter werden wird, jeden jederzeit überall zu überwachen (man könnte fast von einer, äh, Demokratisierung der Überwachung sprechen), verliert die Überwachung mehr und mehr ihren totalitaristischen Schrecken, weil sie jeder jederzeit an jedem Ort immer mitdenkt und sein Verhalten entsprechend anpassen wird.  Wer Seemann hier politische Naivität unterstellt, vergisst, dass auch die „Gegenmacht“ der Hacker sich überwachender Technologien bedient. Die Medien des Totalitarismus, also die Zeitung, das Radio und das klassische Fernsehen, hatten keinen Rückkanal, sie waren strikt uni-direktional. Eine echte „Hacker-Gegenmacht“ war, im Unterschied zu heute, unmöglich, da Untergrund-Medien leicht als solche identifiziert und flugs liquidiert werden konnten. Als Snowden sinngemäß sagte, im Grunde sei er „immer noch Mitarbeiter der NSA, und zwar ihr bester und treuester“, war das keinesfalls ironisch gemeint. Ob Hacker beim Geheimdienst arbeiten oder für Anonymous, ist letztlich: – kontingent, denn die Technologie ist die selbe.
  4. Plattformen sind der Erbe des Staates. Es ist jetzt schon abzusehen, dass das, was heute so federleicht „Soziale Medien“ genannt wird (also Facebook, Twitter und die Blogosphäre – Seemann spricht hier abstrahierend von „Plattformen“) viele Funktionen übernehmen wird, die einmal dem Staat vorbehalten waren (was allerdings nicht heißt, dass dieser verschwinden wird, bitte!). „eGovernment“ ist ein allzu harmloser Begriff hierfür. Aber je stärker soziale Systeme „plattformisiert“ werden (meine Formulierung), desto stärker avancieren Plattformen zum Paradigma sozialer Kontrolle. Fatal nur, dass sich ein Großteil der heutigen Plattformen in Privatbesitz (Hallo, Herr Zuckerberg!) befindet und somit nur schwer politisch „eingehegt“ (Seemanns Formulierung) werden kann. Seemann prognostiziert demzufolge das Heraufdämmern eines „Digitalen Feudalismus“, der allerdings überwindbar sein  sollte (durch „Einhegung“, versteht sich).

Anmerkung: Die Thesen 3 und 4 spitzen Seemanns Aussagen deutlich zu. Dies tue ich nicht, um seine Gedanken zu verfälschen oder ihn gar zu denunzieren, sondern aus eigenem Erkenntnisinteresse. Es handelt sich um Gedankenexperimente.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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Unterwegs zu einer Diagnose des Digitalen Zeitalters

Wer schützt eigentlich meine Gefühle als Agnostiker?

Ach menno, über nix darf man sich mehr lustig machen: über den Islam nicht (sowieso), über das Christentum nicht (bzw. immer weniger) und über das Judentum auch nicht (außer, man/frau ist Jude/Jüdin).

Nur Menschen, die einfach nicht wissen, ob es einen Gott gibt oder nicht (ich zum Beispiel), deren Haltung (man könnte fast von „Weltsicht“ sprechen, hehe) kann folgenlos mit Füßen getreten werden.

Scheinbar gehöre ich zur letzten weltanschaulichen Gruppe, die noch straflos beleidigt werden kann.

Doch damit ist jetzt Schluss!

Ich bin empört, ich bin beleidigt, ich bin zornig! Ich könnte Halbmondgraffittis übermalen, Kreuze von der Wand reißen oder siebenarmige Leuchter verbiegen! Ständig bin ich mit Menschen konfrontiert, die meinen Agnostizismus einfach nicht akzeptieren, ja, mir gar finstere Strafen (vor allem nach meinem Tod, mitunter aber auch schon zu Lebzeiten) androhen, falls ich mein Leben nicht augenblicklich in ihrem jeweiligen, allein seligmachenden Sinne, ändere.

Manchmal frage ich mich, wie ich das eigentlich alles aushalte, ohne vor leidenschaftlicher Empörung zu platzen.

Schade eigentlich, dass beim Agnostizismus die Toleranz sozusagen zum BIOS gehört und es deshalb selbstwidersprüchlich wäre, allen Gottgläubigen mal so richtig die Fresse zu polieren! Vor allem, wenn diese eingebaute Toleranz von jenen als „Laschheit“ bzw. „Feigheit“ oder gar „Unentschiedenheit“ abgetan wird und mir anschließend die immergleichen drei Fragen gestellt werden:

  1. „Hej, Mann, hast du keinen Stolz?“
  2. „Glaubst du denn an gar nichts?“
  3. „Hast du denn gar keine Werte?“

Das macht mich dann noch zorniger.

Also, ihr Blödmänner, Antwort auf Frage 1: Mein Stolz fußt auf der Einsicht, die Existenz Gottes weder beweisen noch widerlegen zu können (Dies ist kein Atheismus. Der Atheist glaubt, beweisen zu können, dass Gott nicht existiert. Häufig ist mit dieser Einstellung ein Hass auf alles Religiöse verbunden, der mitunter genauso dogmatisch daherkommt wie eine religiöse Weltsicht. Gewissheit wie Hass des Atheisten sind mir gleichermaßen fremd.). Ich fühle mich aufgrund dieser, mühsam gewonnenen, Einsicht (wurde römisch-katholisch sozialisiert, mit allem Drum und Dran) religiösen Menschen keinesfalls überlegen, aber eben auch nicht unterlegen. Wenn ich gut drauf bin, kann ich ganz gut begründen, warum Agnostizismus eine vernünftige Weltsicht darstellt, die die Spielräume meines Handelns maximiert, ohne in Beliebigkeit zu münden.

Ich bin jetzt aber nicht gut drauf.

Antwort auf Frage 2: Nein, ich glaube tatsächlich an gar nichts. Ich weiß lieber. – Ich liebe allerdings. Die Wissenschaft zum Beispiel. Die Menschen (o. k., manche mehr, manche weniger). Die „Natur“ (wenn ich nicht gerade im Winter an der Bushaltestelle lange warten muss). Und die Künste. Das reicht, nach meinem aktuellen Erfahrungsstand, vollkommen aus für ein Leben.

Antwort auf Frage 3: Natürlich habe ich Werte! Sie lassen sich in vier Buchstaben zusammenfassen: UDHR. Und ich lege Wert auf die Feststellung, dass moralisch einwandfreies Verhalten auch in Abwesenheit irgendeiner religiösen Grundeinstellung möglich ist. Die ethischen Grundlagen moderner Gesellschaften sollten deshalb auch ohne Verwendung religiöser Kodizes formuliert sein (der Gottesbezug im Grundgesetz beispielsweise ist antiquiert). Die weitverbreitete Ansicht unter Katholiken hierzulande: „Na ja, was der Papst sagt, ist natürlich Unsinn, aber unser Kind schicken wir schon in den katholischen Kindergarten, schließlich braucht es Werte!“ – das, liebe Gottgläubige,  ist wirklich lasch, feige und unentschieden!

Also, Agnostiker aller Länder, ziert euch nicht, tut nicht so vornehm und erhebt eure Stimme! Benutzt euren Verstand, traut eurer Intuition, gebt euren Gefühlen Raum! Nutzt eure geistige Freiheit, denn sie ist per definitionem größer als die der Gottgläubigen (nicht, dass das immer so leicht erträglich wäre)!

Verteidigt eure Würde des Nichtwissens!

[Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.]

Wer schützt eigentlich meine Gefühle als Agnostiker?