Jenseits der Digital Audio Workstation

[Aktualisiert 2018-03-05]

Schon seit vielen Jahren pflege ich auf meiner Homepage eine kommentierte Liste in englischer Sprache mit Software, die ich gerade beim Komponieren verwende. Dabei handelt es sich nicht um eine der üblichen Zusammenstellungen von „Lieblings-Apps“ zu einem bestimmten Themengebiet, von denen das Netz überquillt (und die zweifellos nützlich sind, wenn man sich gar nicht auskennt), sondern um die Quintessenz persönlicher Auseinandersetzung mit einer ganz beträchtlichen Menge von Musik-Software. Für jede gelistete Software könnt ihr ruhig 6 bis 7 weitere Anwendungen annehmen, die es nicht in die Liste geschafft haben.

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Eine integrierte Digital Audio Workstation (DAW), also die Art von Anwendung, die die digitale Musikproduktion aller Genres weiterhin dominiert, werdet ihr dort allerdings nicht finden. Aber warum?

Ein Blick zurück: Angefangen mit der rechnerbasierten Musikproduktion habe ich vor über 15 Jahren sehr wohl mit einer Freeware-DAW namens Massiva (kennt heute keiner mehr), einem wunderbar übersichtlichen, leicht zu handhabenden Programm, von dessen MIDI-Funktionalität ich massiv (pardon) profitierte. Autor Jørgen Aase war mit diesem Stand der Dinge aber offenbar nicht zufrieden und bettete Massiva in ein umfassenderes Programmkonzept namens energyXT ein. Und dann war ich draußen, denn mit der „Technizität“ dieser Weiterentwicklung kam ich partout nicht zurecht.

Einen ähnlich guten MIDI-Sequenzer wie Massiva kannte ich damals nicht und so sah ich mich gezwungen, zu einer der „großen“ DAWs zu wechseln. Irgendwo las ich, dass Cubase den besten MIDI-Support hat, also legte ich mir hoffnungsvoll die damals aktuelle Light-Version Cubase SE zu. Das war schon ein schwererer Brocken, mit gefühlt unendlich vielen Optionen vor allem im Audio-Bereich, die mich zwar neugierig machten, die ich aber letztendlich doch nicht nutzte. Außerdem gab mir Cubase im Gegensatz zu Massiva das ständige Gefühl, etwas falsch zu machen.

Und so erwischte ich mich irgendwann dabei, mehr Zeit mit Grübeleien über das „richtige“ Handling dieser Software zu verbringen als mit der kreativen Arbeit. Etwas überspitzt gesagt: Das DAW-Prinzip der technischen Integration hatte bei mir zur kreativen Desintegration geführt. Damals schrieb ich das meiner „Dummheit“ zu. Mittlerweile weiß ich, dass die meisten Menschen, die keine besonders ausgeprägte Affinität zu ingenieursmäßigem Denken haben, ihre liebe Not mit hochintegrierten DAWs hatten und haben.

Aus dieser Not heraus begann ich erneut, nach kleinerer und leichterer Software zur Lösung der anstehenden Aufgaben zu suchen. Nach einigem Umherirren im WWW fand ich schließlich in den Weiten der Filehosting-Dienste SourceForge und GitHub, wo mehr oder weniger professionelle ProgrammiererInnen aus aller Welt ihre Arbeit öffentlich teilen, was mein Herz begehrte.

Heute nutze ich Cubase kaum noch*. Ich habe festgestellt, dass es – zumindest meinem – kreativen Workflow zuträglicher ist, der Reihe nach mit überschaubaren Komponenten zu arbeiten und deren Output nachträglich sozusagen zusammenzukleben. So gelang es mir – Stück für Stück und ganz allmählich – mich von der einschüchternden Dominanz der DAW und vor allem dem lähmenden Gefühl der Dummheit zu befreien, was dann auch meiner Produktivität gut tat.


* Wenn es um die Koordination von MIDI-basierten Klängen mit Audioaufnahmen geht, führt allerdings weiterhin kein Weg daran vorbei.
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