Stokowski über das Phänomen „Schulzzug“

Die gesamte SPD wirkt zurzeit wie diese Leute, die jahrelang unfreiwillig Single waren … und die dann eines schönen Frühlings plötzlich … jemanden finden, der diesmal wirklich der Richtige ist …, von dem sie dann aber auch ununterbrochen sprechen. Und die allen Umstehenden schon sehr bald gehörig auf den Sack gehen, weil zwar vieles im Leben durchs Teilen schöner wird, aber Notgeilheit nicht.

Margarete Stokowski: Die ausgehungerte Partei (spiegel.de 2017-03-21)

Stokowski über das Phänomen „Schulzzug“

Komplexität, Philip Roth und „The Donald“

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Kim Albrecht: „Trump Connections“. Um zur interaktiven Version dieser Visualisierung auf Albrechts Homepage zu gelangen, bitte auf das Bild klicken.

Als mir diese Visualisierung von Donald J. Trumps geschäftlichem Netzwerk fast gleichzeitig mit folgender Äußerung von Philip Roth über Trumps Wortschatz begegnete…

I found much that was alarming about being a citizen during the tenures of Richard Nixon and George W. Bush. But, whatever I may have seen as their limitations of character or intellect, neither was anything like as humanly impoverished as Trump is: ignorant of government, of history, of science, of philosophy, of art, incapable of expressing or recognizing subtlety or nuance, destitute of all decency, and wielding a vocabulary of seventy-seven words that is better called Jerkish than English.*

…kam mir der frevelhafte Gedanke, dass es in Trumps Lebenswelt ja Aspekte von Komplexität geben könnte, die der Sensibilität eines Schriftstellers komplett entgehen mögen.


* Philip Roth 2017 in einer E-Mail an den „New Yorker“, Quelle
Komplexität, Philip Roth und „The Donald“

Im Kopf von Donald Trump

Thomas Grüter (*1957)
Thomas Grüter (*1957)

Der hier schon öfter verlinkte Sozialpsychologe Thomas Grüter bloggte vor Kurzem einen nur halb satirisch gemeinten fiktiven inneren Monolog des aktuellen president elect der USA. Dabei identifizert Grüter folgende Handlungsgrundsätze Trumps*:

  1. Ist ein Präsident erst einmal im Amt, sollte seine Souveränität so wenig wie möglich beeinträchtigt werden können. Wer dem Chef widerspricht, darf sich auf harte Zeiten einstellen, denn wer dem Präsidenten schadet, schadet dem Land. Das gilt nicht nur für die veröffentlichte Meinung, sondern im Grundsatz auch für Parlament und Justiz.
  2. Ökologische Probleme werden nur dann bekämpft, wenn sie die Arbeitskraft des amerikanischen Volkes nachweisbar schwächen. Die Investition in Umweltschutz ist nur dann sinnvoll, wenn dadurch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Staates direkt gesteigert werden kann. Maßnahmen gegen den Klimawandel zählen demzufolge nicht zu diesen Investitionen.
  3. Zwischenstaatliche Beziehungen werden entweder durch Männerfreundschaften** oder mittels Drohungen gereget. Mit Staatschefs, die man respektiert, einigt man sich in einem Kamingespräch auf Augenhöhe. Allen anderen macht man klar, dass allein die USA bestimmen, wo es lang geht. Warum setzen wir Atomwaffen eigentlich nicht ein, wenn wir sie schon haben?
  4. Ein Staat und ein Familienunternehmen funktionieren nach denselben Regeln. Keiner darf sich vor der Arbeit drücken, nur weil er mich nicht gewählt hat. – Länder, die mehr an uns verkaufen, als sie bei uns einkaufen, werden behandelt wie Lieferanten. – Freihandel ist Unsinn, weil keine Firma freiwillig die Kontrolle über ihre Einkaufskonditionen aufgibt. – NATO-Stützpunkte in aller Welt sind ein Verlustgeschäft, also werden sie zugemacht oder umstrukturiert. Wer Schutz haben will, zahlt dafür. Er kauft seine Waffen bei uns und trägt die Kosten für die Stationierung. – Meine Kinder haben naturgemäß geniale Anlagen und müssen deshalb zum Wohle des Landes an der Regierung beteiligt werden. – Wer in Zukunft mit den USA Geschäfte machen will, macht automatisch auch mit mir Geschäfte.

Hat man diese nur scheinbar einfachen vier Handlungsgrundsätze Trumps erst einmal erkannt, erklärt sich ein Großteil seines erratischen Verhaltens und der Mythos seiner Unberechenbarkeit zerfällt.

Es geht mir (mit Grüter) hier nicht darum, ob diese Grundsätze wahr, falsch oder gar wahnhaft sind, sondern allein darum, die Eigenlogik von Trumps Denken so nüchtern und unemotional wie möglich dingfest zu machen, um ihn anschließend besser einschätzen zu können.


* Ich habe Grüters Text frei paraphrasiert und zugespitzt. Der Begriff „Handlungsgrundsätze“ taucht bei ihm nicht auf.
** Das gilt auch, wenn die Staatschefin eine Frau ist.
Im Kopf von Donald Trump

Donald Trump als Objekt der Geschichte

Erst der „unmögliche“ Brexit, jetzt wurde ein „Unmöglicher“ zum US-Präsidenten gewählt. Es scheint dem Weltgeschehen mehr und mehr egal zu werden, wie es sich laut massenmedialer Erwartung (zumindest hierzulande, der Fox News Channel jubiliert freilich) gefälligst zu entwickeln hat. Das kann man Kontrollverlust nennen. Ich bevorzuge „Offenheit“.

Meine vorherrschende Empfindung ist nicht Furcht, sondern Neugier. Was wird passieren? Ich meine, was wird wirklich, d. h. unabhängig von den Prognosen der vielen, die angeblich genau wissen, was jetzt passieren wird und gerade kaum an sich halten können, uns ihr „Wissen“, genauer ihre Ängste und Befürchtungen, mitzuteilen, passieren?

Ich hoffe doch stark, etwas, das ich noch nicht kenne, das ich nicht erwarte, das ich nicht ahnen konnte und das auch der Gottseibeiuns persönlich, also Mr. T., weder ahnen noch wollen kann, weil er nun mal in jedem Fall – da kann er sich aufführen, wie er will – auch Objekt der Geschichte sein wird. Wer das zu abstrakt klingt, die soll sich mal an Obamas Agenda zu Beginn seiner ersten Amtszeit erinnern (Weltfrieden, das Land einen, Friede zwischen Schwarz und Weiß, mehr soziale Gerechtigkeit) und was davon trotz zweier Amtszeiten unter dem Strich Realität wurde. Mitunter hat er sogar das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte. Das soll nicht heißen, das ich Trump Erfolglosigkeit wünsche, er wird aber ganz sicher auf Hindernisse und Widerstände treffen, die wir jetzt noch nicht vorhersehen können. See what I mean?

Deshalb wage auch ich jetzt mal eine Prognose: Je konsequenter Trump versuchen wird, seine reaktionäre* Agenda in die Tat umzusetzen, desto stärker zwingt er die progressiven** Kräfte, die ihrige auf Validität zu überprüfen. Im besten Fall trägt die Präsidentschaft Trumps so zu einer konstruktiven Selbstkritik und Re-Vitalisierung progressiven Denkens und Handelns bei.

Sowohl der Brexit als auch Trumps Sieg sind auch Niederlagen der alten Kommunikations- gegen die neuen Humanmedien***. Als selber humanmedial Tätiger kann ich das aber nicht grundsätzlich schlecht finden, so wenig ich inhaltlich mit den Sympathisanten von Mr. T. gemeinsam habe.

Außerdem: Jemand, der sich ins mächtigste Amt der Welt hineingetwittert hat, kann schließlich auch wieder aus ihm hinausgetwittert werden.


* Trump ist ja nicht konservativ, sondern reaktionär. Er verfolgt eine rückwärts gewandte Utopie, weswegen sein Schlachtruf ja auch nicht „Make America great!“, sondern „Make America great again!“ heißt. Der Konservative will Bestehendes bewahren, der Reaktionär will etwas verloren Geglaubtes re-animieren. Wonach genau sich Trump zurücksehnt, scheint mir klar zu sein: In das Amerika Reagans, in dem „Neo-Liberalismus“ noch kein Kampfbegriff, sondern „Avantgarde“ war.

** Damit meine ich all jene, die das Heil nicht ausschließlich in Ideen und Lösungsmodellen der Vergangenheit suchen, sondern offen sind für (intelligente) Experimente auf der technologischen wie sozialphilosophischen Höhe der Zeit.

*** Zum Begriffspaar Kommunikationsmedien vs. Humanmedien, das ich von Harry Lehmann übernommen habe, siehe dieser Weltsicht-Artikel aus dem Jahr 2014.

Donald Trump als Objekt der Geschichte