Dubstep Week 6 of 6 | F „Spacewalker“ (2014)

Florent Aupetit aka „F“ 1  ist ein Meister des musikalischen Flows (Mihály Csíkszentmihályi). Man möchte einfach nicht, dass es aufhört. Und die Massivität der Bässe treibt einem dabei – angemessene Lautsprecher vorausgesetzt – die Tränen in die Augen. In dem Track kommt eine Technik sehr effektvoll zum Einsatz, die ich erst seit ca. 2000 kenne: Dabei werden die üblichen Synthesizer-Schwaden zwar rhythmisiert, aber unregelmäßig verzögert, so dass sie die Stupidität des Beats immer ein wenig dementieren. 2  Es mag HörerInnen geben, die das so irritiert, dass sie hier einen Fehler oder gar Dilettantismus zu hören meinen. Es handelt sich aber ganz im im Gegenteil um einen Fall von Raffinement. Alors


 

1 Dieser Künstler will offenbar nicht, dass man ihn im Internet findet.

 

2 Auch „Wet Look“ von Joy Orbison (siehe Dubstep Week 3 of 6) setzt diese Technik sehr wirkungsvoll ein.
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Dubstep Week 5 of 6 | Appleblim „Flows From Within“ (2018)

Feingehäckselte, obertonreiche Soundchips flattern mysteriös durch den von schweren Synkopen parzellierten Raum. Immer mal wieder schreit jemand destruktiv dazwischen, aber letztlich siegt die rhythmisierte Ordnung der Dinge. „Flows From Within“ beweist außerdem, dass auch noch nach 2011 substanzielle Dubstep-Tracks entstanden.

Dubstep Week 4 of 6 | Blawan „Lavender“ (2011)

Ein brachialer, nahezu plump wirkender Beat aus den kundigen Händen von Jamie Roberts aka Blawan (Wie man das ausspricht, bleibt rätselhaft: Blahwahn? Blohen? Blohwähn?), der einem mit dem nackten Hintern ins Gesicht springt (also der Beat jetzt). Die Musik steht gute fünf Minuten sehr kunstvoll auf der Stelle. Und so, genau so, Freundinnen und Freunde der Tanzmusik, ist das auch gemeint und muss das sein.

Dubstep Week 3 of 6 | Joy Orbison „Wet Look“ (2009)

Orbison habe ich in der Weltsicht ja bereits des Öfteren gefeaturet (Bitte bei Bedarf unten auf den entsprechenden tag bei „Verschlagwortet mit“ klicken.) – ganz einfach weil er so bemerkenswert ist. „Wet Look“ ist ein typischer Joy Orbison-Track, weil er zwar, oberflächlich gehört, Clubmusik ist, also ein ausgesprochen repetitives Arrangement weniger Elemente, dank effizienter Handhabe prägnanter Vokalsamples, ein paar eingängigen Harmonien und bestechenden Formgefühls jedoch einen gewissen Pop-Appeal hat. Gelegentlich kommt gar das Gefühl auf, man habe es mit Soul zu tun. Ein Song ist „Wet Look“ deswegen zwar noch lange nicht, aben eben auch keine irgendwie randomly wirkende Ansammlung von Samples.

Dubstep Week 2 of 6 | Ramadanman „Work Them“ (2010)

Nach längerem einleitendem neutralem Getrommel und Geklatsche präsentiert David Kennedy aka Ramadanman (Was für ein Pseudonym! Gibt es etwa einen deutschen DJ, der sich „Karwochenkumpel“ nennt?), der – zumindest auf dem Foto, das das YT-Video ziert – wirkt, als sei er letztes Jahr noch von Mami in die Krabbelgruppe gebracht worden, einen ebenso obsessiven wie enervierenden Vokal-Loop, den man entweder faszinierend findet oder man schaltet sofort aus. Unerwartet dann die Oase aus üppigen Synthie-Seen im ansonsten ariden Klanggeschehen. Erst nach dem Stück merkt man, in welchen Abgrund man gerade gesehen hat.

Dubstep Week 1 of 6 | Horsepower Productions „Gorgon Sound“ (2000)

Ich sag’s lieber gleich: Der einzige wirklich unbeschwerte Track in meiner Revue. Und gleichzeitig der älteste. Es springt einen – auch dies untypisch für den Rest meiner Auswahl – extrovertiert an und groovt ebenso synkopiert wie unwiderstehlich. Woher das „Dub“ aus „Dubstep“ stammt, versteht man nach dem Anhören auch besser. (Das Video ist nur eine Endlosschleife.)

Dubstep Week

Ein CD-Cover aus dem Jahr 2006 mit unprätentiösen Impressionen schöpferisch arbeitender Kräfte im South London der Jahrtausendwende.

Abgesehen vom Montagsklavier steht die kommende KW ganz im Zeichen des Dubstep, der vermutlich eine der letzten kreativen Zuckungen des an Stilen und Ismen so überaus reichen 20. Jahrhunderts war. 1  Die Musikrichtung ist in den späten 1990er-Jahren in Londoner Clubs entstanden und verbindet die Linearität des Techno mit den Breakbeats des Drum and Bass. Die Schöpfungshöhe des Dubstep ist eher mäßig, will sagen, selbst ich brauchte eine Weile, um das Spezifische dieser musikalischen Ästhetik gegenüber verwandt klingenden Techno- oder Drum and Bass-Arbeiten herauszuhören.

Charakteristisch ist vor allem die Behandlung der Basstrommel, die zwar den Sound einer Techno-Kickdrum hat, aber stets synkopiert daherkommt, wodurch das markante Stampfen des Techno, das soo vielen soo auf die Nerven geht, entfällt. Ansonsten werden, wie in elektronischer Tanzmusik üblich, relativ wenige, aber prägnante Samples in Schichtarbeit hin- und hergeschubst, als gäbe es kein Morgen.

Die hier präsentierten 6 Musikstücke neigen zu unsentimentaler Verknappung, haben also rein gar nichts mit Burial oder gar Skrillex 2  zu tun (falls irgendjemand da draußen diese Namen schon mal gehört haben sollte). In den Vordergrund geschobene, nochmals affirmierte und übermächtige Beats stehen in nahezu leeren oder bestenfalls spartanisch möblierten akustischen Räumen, durch die gelegentlich meist nach Frau klingende Vokalsamples wie aus einer anderen Welt herumspuken.

Hedonistisch klingt das jedenfalls nicht, eher schon unterschwellig traurig, resigniert, stumpf und passiv-aggressiv. M. a. W., es handelt sich um angemessene Musik zur Zeit.

Den geneigten HörerInnen aufschlussreiches Lauschen wünscht

der Blogbetreiber


 

1 Im 21. Jahrhundert scheinen keine neuen Musikstile mehr zu entstehen, die mehr als zwei Dutzend Leute länger als vier Wochen begeistern können – ein faszinierendes soziokulturelles Phänomen, vermutlich eine Sekundärfolge der Digitalisierung. Ich lasse mich jedoch gerne vom Gegenteil überzeugen, bitte melden!

 

2 Burials post-digitale Variante romantischen Weltschmerzes geht in Ordnung, aber die Tracks von Skrillex verstören mich stets auf Neue als Anhäufung des musikalisch Hässlichen. Leider scheinen viele zu glauben, Dubstep „an sich“ klinge wie Skrillex. Aber Techno „an sich“ klingt ja auch nicht wie DJ Ötzi.
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