Dittmanns Hafensommer 2012 (1 von 4): Elliott Sharp, 17 Hippies

Zum Vorwort

Der 6. Hafensommer beschert mir am 25.07.2012 meine erste Begegnung mit den 17 Hippies. Eigentlich sollten die mir gefallen, spielen sie doch „Imaginäre Folklore“, echter als echt. Das, wenn man nachzählt, glatte Dutzend Männlein und Weiblein schnappt aus der Berliner Luft, was der Ostwind und der Balkanexpress mit sich bringen, und mischt das zu einem Potpourri aus flotten Freilachs („traditioneller jüdischer Tanz aus dem Umfeld der Klezmer-Musik, der besonders gern auf Hochzeiten gespielt wurde“ [Wikipedia]), Sîrbas und Kolomyjkas, gewürzt mit Chan­sons, einigen Ausläufern auf der Atlantikroute und hessischem Rap. Mir geht das alles zu schnell, diese Lumpen-am-Stecken-Tollerei und Hits wie die „Frau von Ungefähr“ oder „Six Green Bottles“ hören sich schon nach der dritten Variation irgendwie einerlei an. Inmitten der ständig rochierenden Tröter, Fiedler, Zupfer und Akkordeonspieler ist ausgerechnet Lüül, der legendäre Agitation Free-Mann und einst Nicos Lebensgefährte so unscheinbar, als wäre er gar nicht dabei.

Aber, ehrlich gesagt, hat mich auch nicht diese Allerweltsver­sion von Russendisko hergelockt, sondern Elliott Sharp. Mit seinem kahlen Schädel eine der markantesten Gestalten der Downtown-Szene, spielt er als Auftakt des bullen­stallwarmen Abends ein, wie mir scheint, etwas überambitioniertes Sologitarrenset, das leider nicht so effektvoll gelingt, wie ich mir das für’s Wiederhören nach so langer Zeit erhofft hatte. Bluesige Dobro-Anklänge, seine typischen Tap-Techniken, Slide- und E-Bow-Drones, oft noch durch Pedal- und Computereffekte frisiert, können doch so manche kahle Stellen nicht verdecken, auch wenn einige der verblüffenden Sounds das Potential ver­raten.

Dass das riskante Machen von lebendiger Musik – um Livemusik einmal beim Wort zu nehmen – neben ihrer bloß routinierten Wiedergabe doch seine besonderen Reize hat, zeigt, als ich innerlich schon heimgehen will, ansatzweise das Zusammenspiel von Sharp mit den 12 Hippies. Christopher Blenkinsop integriert Sharps Gitarrenbizarrerie als eine Art Diva ins Hippiekollektiv, das er per Konduktion, sprich vorab verabredeten Handzeichen, in einen konzertanten Klangkörper verwandelt, um ihn dann doch durch die Manege zu jagen und durch Reifen springen lassen. Das klingt ein wenig wie John Zorns Cobra auf spaßig, und Sharp schlägt sich, auch wenn er manchmal den Eindruck macht, als wisse er nicht, wie ihm geschieht, tapfer als Breakdancer auf einem Bein. Es wirkt aber schon ein wenig so, als hätte man ihn für diese Schnapsidee an den nicht vorhandenen Haaren herbei gezogen.

Als Grande Finale werden die Tanzlüsternen noch einmal ums Goldene Kalb gejagt, und Blenkinsop ist von seinen „magischen“ Händen so begeistert, dass er gleich noch die Standing Ovations mitdirigiert. Sharp hat sich da von seinem Zenit als unfreiwillige Stimmungskanone schon wieder verkrümelt.

Autor: Rigobert Dittmann

Offizielle Fotos vom Abend: Elliott Sharp, 17 Hippies

Dittmanns Hafensommer (2 von 4): Stian Westerhus, Nils Petter Molvær

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Dittmanns Hafensommer 2012 (1 von 4): Elliott Sharp, 17 Hippies