Satieggert

SatieggertMoritz Eggert vermeldete am 18. Januar gewohnt launig die Gründung einer internationalen Erik-Satie-Gesellschaft (ESG), der er natürlich selber angehört. Das Photo rechts (ok, ich hab’s bearbeitet) zeigt Prof. Eggert während seiner angemessen performativen Huldigung des Meisters aus Honfleur.

Dass die Gründungsveranstaltung im lauschigen Kurörtchen Königsfeld im Schwarzwald, einem „Zentrum der Herrnhuter Brüdergemeine“ (Wikipedia) und nicht etwa in Honfleur oder gar in einem Pariser Bordell stattfand, wirkt zwar zunächst rätselhaft, kann aber auch als durchaus gelungene willkürliche Irreführung ganz im Sinne des dem Dadaismus nahestehenden Satie begriffen werden.

Die Aktivitäten der ESG werden zu beobachten sein. Ich wünsche der Unternehmung, was immer sie vorhaben mag, von Herzen den bestmöglichen Erfolg!

Satieggert

Erik Satie: „Subject matter (idea) and craftsmanship (construction)“ (1917)

Craftsmanship is often superior to subject matter.

To have a feeling for harmony is to have a feeling for tonality.

The serious examination of a melody will always, for the pupil, be the essence of an excellent harmonic exercise.

A melody does not imply its harmony, any more than a landscape implies its color. The harmonic character of a melody is infinite for a melody is an expression within the overall Expression.

Do not forget that the melody is the Idea, the outline; at the same time as being the form and the subject matter of a work. The harmony is an illumination, an explanation of the subject, its reflection.

In composition, the various parts, between themselves, no longer have connections with any ’school‘. The ’school‘ of composition has a gymnastic aim, nothing more; composition has an aesthetic aim, in which taste alone plays a part.

Make no mistake: the understanding of grammar does not imply the understanding of literature; grammar can help or be held in reserve as the writer pleases and on his responsibility. Musical grammar is nothing but grammar.

One cannot criticize the craft of an artist as if it constituted a system. If there is form and a new style of writing, there is a new craft.

To speak of ‚craft‘ requires great care and – at all events – great learning.

Who possesses such learning?

The error arises in that a great many artists lack ideas in general and even specific ideas.

The Masters of the past were brilliant through their ideas, their craft was a simple means to an end, nothing more. It is their ideas which endure. . . .

Become artists unconsciously.

The Idea can do without Art.

Let us mistrust Art: it is often nothing but virtuosity.

Impressionism is the art of Imprecision; today we tend towards Precision.

Quelle

Erik Satie: „Subject matter (idea) and craftsmanship (construction)“ (1917)

Open Cage – Voices & Organ

Eine aktuelle Konzertkritik von Gastautor Rigobert Dittmann.

Augustinerkirche Würzburg
Augustinerkirche Würzburg

Zuvorderst Prof. Armin Fuchs, der in Würzburg seine zweite Heimat gefunden hat, ist es zu verdanken, dass Cage100, die weltweite Feier des 100. Geburts­tages von John Cage, auch hier heuer mal die Käfigtüren aufstößt, hinter denen die ‚Bad Boys of Music‘ ansonsten ihr kümmerliches Dasein fristen. „Open Cage“ bot am Dienstag, den 12.06.2012, in der Augustinerkirche mit „Voices & Organ“ die Gelegenheit, einige selten aufgeführte Stücke von Cage in einem dafür wie geschaffenen Rahmen zu hören.

Als Effata (das „Öffne Dich!“ der Taufzeremonie) erklingt die Antiphonie ‚ear for EAR‘ (1983). A ca­pella intonieren zwei Sängerinnen, die eine sichtbar, die andere unsichtbar in der Seitenkapelle, wechselweise die Buchstaben Eee, Aaaa und eRRR. Die Akustik des Kirchenschiffs macht das zu einem Klangzauber, der selbst mei­ner ungläubigen Seele die Segel schwellt und sie auf den offenen Horizont zusteuern lässt. Danach spielt Martin Gál ‚Souvenir‘ für Orgel (1983). Unge­wohnter Cage fordert der Orgel unerhörte Sounds ab. Zwischen repetierten Motiven knurren immer wieder tiefste Bassregister, zuletzt aber fiepen nur noch die kleinsten Pfeifen. In die so in allen Höhen und Tiefen gereinigten Gehörgänge ergießt nun der viergeteilte Kammerchor der HfM Würzburg , beidseitig im Raum verteilt, ‚FOUR²‘ (1990). Jörg Straube dirigiert die Halte­töne der Chorgruppen und beachtet dabei die von Cage vorgegeben ‚time brackets‘. Die Sänger schwingen sich mit Stimmgabeln auf die exakten Ton­höhen ein, und wenn sich die Wellen dann überlagern, erweist sich Akustik erneut als eine der magischen Künste.

Orgel der Augustinerkirche
Orgel der Augustinerkirche

‚Variations on America‘ (1891/92) von Charles Ives konterkariert alles bisher Gehörte als so unfrommes wie über­schwängliches Orgelprachtstück. Gál fetzt vom Manual Klänge, die sich immer weiter von der anfänglichen ‚God Save the Queen‘-Hymnik entfernen. Wie die verhackstückt wird und mit allerlei virtuosen Schikanen und organistischem Schnedderedeng à la Kirmes, als Flamenco und mit Independence Day-Yippie Yeah! verschaukelt wird, das lässt sich nur mit breitem Grinsen quittieren.

Erik Saties ‚Messe des Pauvres‘ (1895) klingt danach wie der Aschermittwoch nach den tollen Tagen. Aber selbst wenn der Chor hier das Kyrie eleison an­stimmt und die jetzt kleinlaute Orgel skurrile Gebete murmelt, Saties Frömmig­keit war einem Spleen verwandter als der Orthodoxie. Als Kirchenmaus seiner eigenen Église Métropolitaine d’Art de Jésus Conducteure betete Monsieur le Pauvre in erster Linie für eine Wiederverzauberung der Welt.

Als Höhepunkt und Ausklang tragen zuletzt zwei Baritone die ‚Litany for the Whale‘ (1980) vor. Wechselseitig buchstabieren sie über die Breite des Kirchenschiffs hin­weg sonor ihren Namen und rücken dabei immer weiter drei Schritte längs­seits vor. Als würden sich die zwei Letzten einer Art, würdig und erhaben, noch einmal ihre Würde und Erhabenheit bestätigen. Der Raum wird zum Meer, und wieder geht von den wandernden Klängen jener Zauber aus, der sich der Schönheit von Stimmen und der Höhe und Weite des Raums verdankt.

Dass viele Sitze leer blieben, obwohl der Eintritt frei war und das, was da zu hören war, wohl nur alle 100 Jahre zu hören ist, erwähne ich nur zur allgemei­nen Beruhigung derer, die Kultur aus Käfighaltung vorziehen. Nein, es be­stand zu keiner Zeit Ansteckungsgefahr. Andernfalls hätten jederzeit die Polizisten einschreiten können, die vor der Augustinerkirche die hunger­streikenden iranischen Flüchtlinge im Auge behalten.

Autor: Rigobert Dittmann

Open Cage – Voices & Organ