«2011 (Star Trek)» für Orchester, 2018 (ePlayer-Realisierung)

Abb. 1 Der geschätzte jüdische Schauspieler L. Nimoy (1931-2015), Darsteller des Wissenschaftsoffiziers Mr. Spock, in späten Jahren (Bildgestaltung: Blogbetreiber).

Kompositions-Software Music Mirror (T. Katsuda), Cubase
MIDI-Editoren MidiEditor (M. Schwenk), MIDIPLEX (Stas’M), Sekaiju (kuzu), Cubase
Temperierung gleichschwebend, aber alle Saiteninstrumente1 sind einen Viertelton (50 Cent) tiefer gestimmt als der Rest des Orchesters, Klangerzeuger ohne markante Tonhöhen wie z. B. die Große Trommel ausgenommen
Soundfont Vienna Symphonic Library Special Edition
Faltungshall Anchorage Tunnel (EchoThief)

Kompositionsnotiz

Der Titel
Zum ePlayer
Kompositionstechnisches
Biografisches

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Der Titel
Abb. 2 Die Idee zur Kompositionsreihe «Jahreszahlen» wurde von On Kawaras Date Paintings inspiriert. Es handelt sich bei diesen Stücken aber nicht um Konzeptmusik.

«2011» setzt die Reihe der «Jahreszahlen»-Kompositionen, die im Jahr 2003 mit dem Orchesterstück «2003» begann, fort. Aber warum heißt das Stück dann 2011, wo es doch im Jahr 2018 komponiert wurde? Nun, irgendwann, nachdem ich jahrelang kein neues Stück zuwege gebracht hatte, beschloss ich, die Betitelung der «Jahreszahlen» dennoch beizubehalten, aber als rein numerische Ordnung. «2011» ist also keine Vertonung dessen, was ich in diesem Kalenderjahr so erlebt habe. Angesichts einer fehlenden Semantik kann Instrumentalmusik ohnehin generell nichts vertonen, was intersubjektiv verlässlich wiedererkennbar wäre bzw., wie der hierzulande leider ziemlich unbekannte französische Musikphilosoph Jankélévitch sagen würde: „Es gibt eine ‚musikalische Sprache‘ genau in dem Sinn, in dem es eine Blumensprache gibt.“
Die «Jahreszahlen» sind eine Reihe, wie etwa der „Tatort“, und keine Serie, wie etwa die „Lindenstraße“. Der Unterschied liegt in der narrativen Struktur: Eine Serie erzählt eine mehr oder weniger lineare Geschichte mit einem Anfang und einem Ende, eine Reihe umkreist ein Thema, einen Stoff oder sonstwas und ist ansonsten frei. Ihre Einzelbestandteile sind eben keine Ab-Folgen, sondern in sich geschlossene Entitäten. Lustigerweise fiel mir aber beim Anhören nach Abschluss der Arbeit an «2011» dann ausgerechnet eine Fernsehserie ein: „Star Trek“ bzw. „Raumschiff Enterprise“, wie es in meiner Kindheit in schwarzweiß aus dem Televisor suppte. Ich koppelte diese Wahrnehmung mit der existenzialistischen Einsicht, dass man sich zur fröhlichen Bejahung der Kontingenz durchringen sollte, wenn man ihr schon nicht entkommen zu können scheint. Und so habe ich die Komposition schließlich «2011 (Star Trek)» für Orchester genannt, obwohl ich mir in keinster Weise vorgenommen hatte, eine musikalische Hommage an diese Fernsehserie zu komponieren.

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Zum ePlayer
Abb. 3 Im Herzen einer Sample-Bibliothek: Hinter „EH staccato“ in der rechten Bildhälfte steht bsp.weise die Aufnahme aller möglichen Töne, die ein Englischhorn hervorbringen kann, staccato in diversen Lautstärken eingespielt von einem echten Englischhornisten. Links die zugehörige Matrix (1A, 2A,…), mit der sich diese Samplesammlungen (im Programm „patch“ genannt) nach Wunsch zu Artikulationen choreographieren lassen, auf die dann in Echtzeit bsp.weise via MIDI zugegriffen werden kann. Für etwas bessere Auflösung bitte auf das Bild klicken.

Sieht man etwas nach einem Hiatus von 8 Jahren erstmals wieder an, fallen einem sofort Dinge auf, die man schon längst hätte verbessern können, wenn man sie weiland nur bemerkt hätte. So habe ich denn während des Kompositionsprozesses sämtliche verwendeten Artikulations-Matrizen (Erklärung siehe Text zu Abb. 3) nach meinen Bedürfnissen neu strukturiert. Das größte Problem bleiben die Streicher in ihrer allzu penetranten Ordentlichkeit, die Simulation der sonstigen Orchesterinstrumente hat mich in ihrem Naturalismus schon immer überzeugt und überzeugt mich auch weiter.
Im Prinzip ist «2011» – wie alle meine Orchesterstücke – auch von einem konventionellen Sinfonieorchester spielbar, zumindest nach meinem, in diesem Bereich zugegeben nicht sonderlich hohen, Wissensstand. Aber darüberhinaus komme ich mehr und mehr zu der Überzeugung, dass meine Musik vermutlich einfach präziser, moderner und klarer klingt, wenn sie mithilfe eines wie auch immer gearteten ePlayers statt von einem herkömmlichen Klangkörper zum Klingen gebracht wird. Außerdem – ein unschlagbarer Vorteil – bin ich dann mein eigener Interpret und brauche mir keine weiteren grauen Haare wegen eventueller mieser Aufführungen wachsen zu lassen, die die Komposition schlechter aussehen lassen, als sie ist.2 Allerdings um den hohen Preis des Nichtstattfindens von „normalen“ Aufführungen 😦
Die Frage, ob ePlayer-Simulationen klanglich an „echte“ Einspielungen heranreichen, wird für mich immer unwichtiger, je länger ich so arbeite. Und eigentlich habe ich diesen ganzen Problemkomplex schon in meinem Essay Von der Tomate zur Tütensuppe. Evolution der ‚Neuen Musik‘ aus dem Jahr des Herrn 2012 abgearbeitet. Kurz gesagt: Der Vergleich von ePlayer-Einspielungen mit konventionellen Einspielungen ist sinnlos, da erstere ohnehin ganz allmählich ästhetisch, wenn auch nicht unbedingt klanglich, von letzteren wegdriften werden. Es ist ein bisschen wie mit Fotografie und Malerei: Die frühe Fotografie suchte die Malerei zu imitieren und wurde zurecht als defizitär verlacht. Dann besann sie sich auf das, was Malerei nicht kann. Der Rest ist Geschichte. Und – ganz wichtig – die Fotografie hat die Malerei nicht verdrängt, wie anfangs (von Malern) befürchtet.

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Kompositionstechnisches
Abb. 4 Ein Cubase-Screenshot vom 21. November, kurz vor Fertigstellung des Stücks. Für Ansicht in Originalgröße bitte auf das Bild klicken.

Vieles ist weiter Steve Reich und dem Techno geschuldet, die repetitiven grids – die diesmal besonders aufwendig ausgearbeitet sind, damit sich die Hörerin ja nicht langweilt, obwohl es doch Minimal music ist Zwinkersmiley -, das Komponieren ohne Noten im Sequenzer, die Skepsis gegenüber expressivem Musizieren sowie generell die Vorliebe für modulare Architektur. Und meine Art, Melodien zu bauen – hier folge ich wie eh und je meinem unmittelbaren Ausdruckswillen und je älter ich werde, desto dankbarer bin ich dafür, dass ich mir dieses bildungsferne Ausdrucksmittel über die Jahre bewahrt habe -, die von Tristano und Skrjabin beeinflusste Terz-Harmonik – die in einem neunstimmigen Akkordturm in der Mitte des Stücks kulminiert -, etwas Mikrotonalität – Details in den Credits oben – sowie ganz allgemein der anti-expressionistische Einfluss Saties und Strawinskys erledigen den Rest.
Erstaunt war ich darüber, wie wenig musikalisches Rohmaterial ich diesmal benötigte. Neben den interlocking patterns für die Klaviere und Marimbas waren nur zwei kurze Improvisationen auf dem Desktop-MIDI-Keyboard notwendig, um ausreichend Stoff für 20 Minuten meist doch recht dicht gewebter orchestraler Musik zu erhalten. Hier kommen alle drei musikalischen Keimzellen als Standard MIDI Files3:

Modul 1: Interlocking patterns  SMF
Modul 2: Einstimmige Melodie  SMF
Modul 3: Mehrstimmige Begleitung dieser Melodie  SMF

Der Rest war „Komposition“ im engeren Sinne, also das Zusammenstellen, Permutieren, Herumschieben und Variieren dieser Zellen im MIDI-Sequencer. Diesmal habe ich hierfür meistens Cubase Elements 6 (unter Windows 7) verwendet und die Abstürze, für die ich vermutlich überwiegend nicht das Programm, sondern meine ADHS-geplagte Motorik verantwortlich machen muss, hielten sich erfreulicherweise sehr in Grenzen. Es gab nur einen größeren Arbeitsunfall, weil ich mal wieder eine Datei geschlossen hatte, ohne vorher abzuspeichern. Dieses Programm hat seinen Schrecken – so viele Optionen, so viele Schalter! – verloren, es macht nun das, was ich will, zeigt nur das an, was ich will und macht sich ansonsten so unsichtbar wie möglich. Es gibt jetzt allerdings auch kein GUI-Kompartiment mehr, dass aussieht wie ab Werk.
Allerdings rauchte mitten im Projekt ohne jede Vorwarnung die externe Festplatte ab, auf der seit vielen Jahren die Vienna Symphonic Library und eine weitere käuflich erworbene Sample-Bibliothek gespeichert war. Erst kurz vorher hatte ich erstere aber klugerweise auf die interne Festplatte meines Laptops kopiert. Also Pfade umstellen und weitermachen. Ich würde in solchen Momenten immer ganz gerne Gott danken, wüsste ich denn, dass er existiert, denn der Glaube, dieser „einzig sichere Weg  zum Glück“ (Wittgenstein), ist mir versagt. Also dankte ich behelfsweise, wie ein alter Grieche, dem Schicksal.

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Biografisches

Acht Jahre liegen zwischen der Fertigstellung meiner letzten Orchesterkomposition «2005» und heute. Eine lange Pause, angefüllt mit reichlich Depressionen, am brutalsten musikalisch dargestellt im ePlayer-Ensemble-Stück «Several Rooms of Sadness» aus dem Jahr 2017. Wer sich für diese Komposition interessiert, sei hiermit gewarnt: Sie will in Teilen unerträglich sein und schafft das meiner Meinung nach auch.
Daran wollte ich nicht anknüpfen, sondern an die guten Zeiten der Nullerjahre, in denen der erste Schub der «Jahreszahlen» entstanden war. Aber die Errungenschaften von damals hatten den Reiz des Neuen längst verloren und waren schließlich – vor allem während der Arbeit an «2010» – für mich zur Machart verkommen. Was nicht heißt, dass ich «2010» für ein mieses Stück halte, dass man sich nicht anhören sollte, denn sonst hätte ich es eingestampft, statt es zu publizieren. Es war nur so, dass danach für mich etwas zu Ende war. Was völlig normal und, jedeR KünstlerIn weiß das, vollkommen unvermeidlich ist, wenn man sich über viele Jahre einer Sache widmet. Die Hörerin mag davon gar nichts mitbekommen, doch es war Grund genug für mich, die Produktion erst mal einzustellen, denn ich war nicht mehr in der Lage gewesen, mich selber zu überraschen. Die Dinge gingen zu leicht von der Hand, was im Schöpferischen immer hochverdächtig ist.
Mit den an sich dämlichen Vorsätzen, jetzt endlich mal alles richtig zu machen, an alles zu denken, sich diesmal nicht durch ultrahohe Ansprüche an den eigenen Output selbst zu strangulieren und alle Ideen wirklich umzusetzen ist es mir schließlich dann irgendwann irgendwie gelungen, anzufangen. Und es gelang. Darüber hinaus ging es sogar ein Stück weiter. Und das Ding ist fertig und ich finde es schön, nur das zählt am Ende.

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1 d. h. in diesem Fall Violinen, Bratschen, Celli, Kontrabässe, Harfen und Klaviere
2 Der Horror jedeR KomponistIn!
3 Sollte der Browser diese bei Klick auf das Notensymbol nur herunterladen statt abzuspielen (was die Voreinstellung bei Browsern ist), einfach noch mal auf die heruntergeladene Datei klicken, das müsste dann den MIDI-Synthesizer auf eurer internen Soundkarte antriggern.
Klick aufs Banner führt zu meinem Online-Shop, wo Downloads meiner Musik in allen denkbaren Audioformaten (wav | flac | mp3 | m4a | ofr | ogg | …) käuflich erworben werden können.
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«2011 (Star Trek)» für Orchester, 2018 (ePlayer-Realisierung)

Satieggert

SatieggertMoritz Eggert vermeldete am 18. Januar gewohnt launig die Gründung einer internationalen Erik-Satie-Gesellschaft (ESG), der er natürlich selber angehört. Das Photo rechts (ok, ich hab’s bearbeitet) zeigt Prof. Eggert während seiner angemessen performativen Huldigung des Meisters aus Honfleur.

Dass die Gründungsveranstaltung im lauschigen Kurörtchen Königsfeld im Schwarzwald, einem „Zentrum der Herrnhuter Brüdergemeine“ (Wikipedia) und nicht etwa in Honfleur oder gar in einem Pariser Bordell stattfand, wirkt zwar zunächst rätselhaft, kann aber auch als durchaus gelungene willkürliche Irreführung ganz im Sinne des dem Dadaismus nahestehenden Satie begriffen werden.

Die Aktivitäten der ESG werden zu beobachten sein. Ich wünsche der Unternehmung, was immer sie vorhaben mag, von Herzen den bestmöglichen Erfolg!

Satieggert

Erik Satie: „Subject matter (idea) and craftsmanship (construction)“ (1917)

Craftsmanship is often superior to subject matter.

To have a feeling for harmony is to have a feeling for tonality.

The serious examination of a melody will always, for the pupil, be the essence of an excellent harmonic exercise.

A melody does not imply its harmony, any more than a landscape implies its color. The harmonic character of a melody is infinite for a melody is an expression within the overall Expression.

Do not forget that the melody is the Idea, the outline; at the same time as being the form and the subject matter of a work. The harmony is an illumination, an explanation of the subject, its reflection.

In composition, the various parts, between themselves, no longer have connections with any ’school‘. The ’school‘ of composition has a gymnastic aim, nothing more; composition has an aesthetic aim, in which taste alone plays a part.

Make no mistake: the understanding of grammar does not imply the understanding of literature; grammar can help or be held in reserve as the writer pleases and on his responsibility. Musical grammar is nothing but grammar.

One cannot criticize the craft of an artist as if it constituted a system. If there is form and a new style of writing, there is a new craft.

To speak of ‚craft‘ requires great care and – at all events – great learning.

Who possesses such learning?

The error arises in that a great many artists lack ideas in general and even specific ideas.

The Masters of the past were brilliant through their ideas, their craft was a simple means to an end, nothing more. It is their ideas which endure. . . .

Become artists unconsciously.

The Idea can do without Art.

Let us mistrust Art: it is often nothing but virtuosity.

Impressionism is the art of Imprecision; today we tend towards Precision.

Quelle

Erik Satie: „Subject matter (idea) and craftsmanship (construction)“ (1917)

Open Cage – Voices & Organ

Eine aktuelle Konzertkritik von Gastautor Rigobert Dittmann.

Augustinerkirche Würzburg
Augustinerkirche Würzburg

Zuvorderst Prof. Armin Fuchs, der in Würzburg seine zweite Heimat gefunden hat, ist es zu verdanken, dass Cage100, die weltweite Feier des 100. Geburts­tages von John Cage, auch hier heuer mal die Käfigtüren aufstößt, hinter denen die ‚Bad Boys of Music‘ ansonsten ihr kümmerliches Dasein fristen. „Open Cage“ bot am Dienstag, den 12.06.2012, in der Augustinerkirche mit „Voices & Organ“ die Gelegenheit, einige selten aufgeführte Stücke von Cage in einem dafür wie geschaffenen Rahmen zu hören.

Als Effata (das „Öffne Dich!“ der Taufzeremonie) erklingt die Antiphonie ‚ear for EAR‘ (1983). A ca­pella intonieren zwei Sängerinnen, die eine sichtbar, die andere unsichtbar in der Seitenkapelle, wechselweise die Buchstaben Eee, Aaaa und eRRR. Die Akustik des Kirchenschiffs macht das zu einem Klangzauber, der selbst mei­ner ungläubigen Seele die Segel schwellt und sie auf den offenen Horizont zusteuern lässt. Danach spielt Martin Gál ‚Souvenir‘ für Orgel (1983). Unge­wohnter Cage fordert der Orgel unerhörte Sounds ab. Zwischen repetierten Motiven knurren immer wieder tiefste Bassregister, zuletzt aber fiepen nur noch die kleinsten Pfeifen. In die so in allen Höhen und Tiefen gereinigten Gehörgänge ergießt nun der viergeteilte Kammerchor der HfM Würzburg , beidseitig im Raum verteilt, ‚FOUR²‘ (1990). Jörg Straube dirigiert die Halte­töne der Chorgruppen und beachtet dabei die von Cage vorgegeben ‚time brackets‘. Die Sänger schwingen sich mit Stimmgabeln auf die exakten Ton­höhen ein, und wenn sich die Wellen dann überlagern, erweist sich Akustik erneut als eine der magischen Künste.

Orgel der Augustinerkirche
Orgel der Augustinerkirche

‚Variations on America‘ (1891/92) von Charles Ives konterkariert alles bisher Gehörte als so unfrommes wie über­schwängliches Orgelprachtstück. Gál fetzt vom Manual Klänge, die sich immer weiter von der anfänglichen ‚God Save the Queen‘-Hymnik entfernen. Wie die verhackstückt wird und mit allerlei virtuosen Schikanen und organistischem Schnedderedeng à la Kirmes, als Flamenco und mit Independence Day-Yippie Yeah! verschaukelt wird, das lässt sich nur mit breitem Grinsen quittieren.

Erik Saties ‚Messe des Pauvres‘ (1895) klingt danach wie der Aschermittwoch nach den tollen Tagen. Aber selbst wenn der Chor hier das Kyrie eleison an­stimmt und die jetzt kleinlaute Orgel skurrile Gebete murmelt, Saties Frömmig­keit war einem Spleen verwandter als der Orthodoxie. Als Kirchenmaus seiner eigenen Église Métropolitaine d’Art de Jésus Conducteure betete Monsieur le Pauvre in erster Linie für eine Wiederverzauberung der Welt.

Als Höhepunkt und Ausklang tragen zuletzt zwei Baritone die ‚Litany for the Whale‘ (1980) vor. Wechselseitig buchstabieren sie über die Breite des Kirchenschiffs hin­weg sonor ihren Namen und rücken dabei immer weiter drei Schritte längs­seits vor. Als würden sich die zwei Letzten einer Art, würdig und erhaben, noch einmal ihre Würde und Erhabenheit bestätigen. Der Raum wird zum Meer, und wieder geht von den wandernden Klängen jener Zauber aus, der sich der Schönheit von Stimmen und der Höhe und Weite des Raums verdankt.

Dass viele Sitze leer blieben, obwohl der Eintritt frei war und das, was da zu hören war, wohl nur alle 100 Jahre zu hören ist, erwähne ich nur zur allgemei­nen Beruhigung derer, die Kultur aus Käfighaltung vorziehen. Nein, es be­stand zu keiner Zeit Ansteckungsgefahr. Andernfalls hätten jederzeit die Polizisten einschreiten können, die vor der Augustinerkirche die hunger­streikenden iranischen Flüchtlinge im Auge behalten.

Autor: Rigobert Dittmann

Open Cage – Voices & Organ