Ist das bildungsferne deutsche Facebook Folge eines Elitenversagens?

Folgende Grafik der OECD, auf die Sascha Lobo in seiner wöchentlichen Kolumne auf SPIEGEL ONLINE am 20. Januar hinwies, lässt mir keine Ruhe mehr:

prollnetz

Sollten diese Angaben der Realität entsprechen (und welchen Grund sollte die OECD haben, hier zu manipulieren?), wird klarer, was mitgemeint ist, wenn so oft von Deutschland als einem „digitalen Entwicklungsland“ die Rede ist: Nicht nur die (relativ) miese Netzanbindung und die (relativ) hohen Nutzungsgebühren, sondern die Tatsache, dass Deutschland europaweit die (absolut) bildungsfernsten Nutzer Sozialer Netzwerke (=Facebook, Whatsapp, Twitter und der klägliche Rest) aufweist.

Weiterhin fällt auf, dass in diesem Ranking (mit der bemerkenswerten Ausnahme Ungarn) ziemlich genau die Länder auf das Schlusslicht Deutschland folgen, in denen rechtspopulistische Parteien (relativ) großen Einfluss auf die Politik haben (vgl. hierzu meinen Weltsicht-Artikel aus dem Jahr 2014. Demnach wirken die erfolgreichsten rechtspopulistischen Parteien Europas in folgenden Ländern: Schweiz, Österreich, Ungarn, Finnland, Norwegen, Lettland, Dänemark).

Ein Korrelation zwischen anhaltender Social Media-Abstinenz von Akademikern und dem Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen eines Landes scheint also gegeben (Hinweis: Eine Korrelation begründet kein Kausalverhältnis).

Aber warum scheuen weite Teile der Deutschen mit high formal education weiterhin das ursprünglich als Wissenschaftsnetzwerk gedachte Internet, vor allem in seiner populärsten Erscheinungsform, nämlich Facebook? Dazu folgende These:

Aufgabe einer Meinungselite sollte u. a. sein, die soziokulturelle Bedeutung neuer Technologien angemessen einzuschätzen und zu kommentieren. Die publizistische Lage in Rest-Europa kenne ich nicht, in Deutschland aber wurde „das“ Internet von den großen Intelligenzblättern wie FAZ, ZEIT und SÜDDEUTSCHE bisher sehr oft als vor allem „verdummendes“ Medium beschrieben (wie einst das Fernsehen, remember?). Publizisten wie Frank Schirrmacher („Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“, 2009) und Manfred Spitzer („Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“, 2012 sowie „Cyberkrank!: Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“, 2015) verfassten darüber hinaus internetkritische Bücher, die jeweils zu Bestsellern wurden.

Das Spezifische an dieser Art von Internetkritik ist, dass hier ein ganzes Medium mit seinen zweifellos vorhandenen problematischen Nebenwirkungen kurzgeschlossen wird. Das aber ist schlicht bizarr. Niemand käme bsp.weise auf die Idee, dass das Medium Telefon dumm macht. Oder das Medium Radio. „Dumm“ macht nur ein unreifes Nutzerverhalten (das es massenhaft gibt, das möchte ich gar nicht bezweifeln). Autoren wie Schirrmacher und Spitzer verwechseln also schlicht Ursache und Wirkung: Die Menschen werden nicht deshalb immer zerstreuter, gedankenloser und stumpfer, weil sie das Internet nutzen, sondern es gibt einfach viele zerstreute, gedankenlose und stumpfe Menschen, die nicht in der Lage sind, mit dem Internet auf erwachsene, verantwortungsvolle Weise umzugehen. Natürlich verschlimmern sich dadurch ihre Symptome. Aber warum ist daran dann das Internet schuld?

Die jahrelange Kritik weiter Teile der papierbasierten deutschen Meinungselite am Internet als Medium hatte offenbar nachhaltigen Erfolg. Mit der Folge, dass in Deutschland der Hausmeister auf Facebook ist, nicht aber die Professorin. Parallel hat sich mittlerweile zwar durchaus eine Reihe von (im Verhältnis zu Facebook) mikroskopisch kleinen alternativen Sozialen Netzwerken wie etwa nensch.de, der deutsche Ableger von Diaspora* oder die Community des FREITAG etabliert. Wer aber dort auf oft respektablem bis mitunter hohem Niveau diskutiert, ist  für Facebook – und damit für eine potentiell breite Öffentlichkeit – meist verloren. Man bleibt – in einer Art soziodigitaler Segregation – vornehm unter sich.

Die papierbasierte deutsche Meinungselite sieht sich natürlich jetzt, nach „Köln“, in ihren alten (Vor-)Urteilen gegen Soziale Netzwerke mehr als bestätigt. Nur ist Facebook mittlerweile so mächtig geworden, dass es selbst die Kanzlerin für notwendig hält, quasi auf Augenhöhe mit dem Unternehmen zu verhandeln.

Dass sie ein Stück weit selbst dazu beigetragen haben, das deutsche Facebook so geistfern zu machen, wie es leider nun mal in weiten Teilen ist, wird den Machern der deutschen Intelligenzmedien aber wohl niemals in den Sinn kommen.

In diesem Sinn lässt sich das sagenhaft bildungsferne Niveau weiter Teile des deutschen Facebooks auch als Folge eines Elitenversagens begreifen.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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Ist das bildungsferne deutsche Facebook Folge eines Elitenversagens?

Michael Seemann über Alternativen zu Facebook

Vortrag vom 6. Mai 2014:

Das Brillante an Seemann ist, dass er (soweit ich das beurteilen kann) programmiertechnisches Detailwissen (und – vermutlich – auch Können) mit soziokultureller awareness verbinden kann. Die meisten re:publica-ReferentInnen sind ja entweder Nerds mit inadäquaten bzw. unterkomplexen Vorstellungen über die Regeln des Politischen oder aber ehrenwerte Polit-AktivistInnen mit inadäquatem bzw. unterkomplexem Wissen über Technologie. In diesem Sinn ist Seemann „gefährlich“, will sagen, sollte er eines Tages (bitte bald!) das, was er empfindet und weiß, in konsistenter Form publizieren können (er arbeitet derzeit an seinem ersten (!) Buch), wird’s mächtig knallen (die Prophezeiung gönne ich mir hier mal ausnahmsweise).

Zu Michael Seemans Weblog.

Michael Seemann über Alternativen zu Facebook

Diez über Facebook, kommentiert

Die eigenartige Dynamik von Facebook ist ja … : Je mehr Freunde man dort hat, desto enger wird die Welt, die man sieht […].

Georg Diez: Facebooks ferngesteuerte Affen (SPIEGEL ONLINE 2013-08-30)

Nun, nicht jedeR Facebook-NutzerIn ist einE ferngesteuerteR Äffin/Affe, denke ich mal. Dass ich Diez (dessen, äh, „Provokationen“ ich nicht immer schätze, mitunter riechen sie ein wenig nach dem, was man früher einmal „Salonkommunismus“ nannte) dennoch zustimmen kann, ist auf folgende Beobachtung zurückzuführen: Ich erweiterte meinen bisher mikroskopisch kleinen Facebook-Freundeskreis (ca. 20 Personen) vor einiger Zeit auf 44 Personen, darunter waren erstmalig auch Menschen, die ich in der Kohlenstoffwelt eher flüchtig oder gar nicht kannte.

Seitdem nervt mich mein Netzwerk mehr und mehr, denn diese Personen posten Dinge, von denen ich bisher verschont blieb, z. B.

  • Solidaritätsaufrufe für „verfolgte Minderheiten“, mit denen ich mich aber vielleicht gar nicht solidarisieren will (unabhängig davon, ob diese wirklich Schikanen zu erleiden haben oder nicht).
  • Meme, die in ihrer hanebüchenen Banalität an Überflüssigkeit nicht mehr zu überbieten sind (à la „Religion ist Opium für das Volk“, „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“ etc.). Für wie dumm hält mich der, der mich an dieser, äh, „Information“ teilhaben lässt?
  • Nahaufnahmen der speichelumflorten Mundpartien ihrer Haustiere. – Ich halte ja bsp.weise Schimmelpilze, wie man sie z. B. auf verrottetem Frischkäse findet, für eine hochinteressante, durchaus näher beobachtenswerte Lebensform. Manchmal mache ich Fotos von Schimmelpilzen, käme aber nicht auf die Idee, diese auf Facebook zu posten. Vielleicht sollte ich das ja einfach mal tun. Vielleicht fänden meine neuen Facebook-FreundInnen das dann abartig, abstoßend, ekelerregend oder gar pervers. Das könnte ich verstehen. Ganz sicher aber würden sie nicht verstehen, warum ihre hemmungslose Zurschaustellung der Beziehung zu einem vierbeinigen, vollbehaarten Säugetier bei mir ganz ähnliche Gefühle hervorruft wie bei ihnen der Anblick prächtig wuchernder saprophiler Organismen.
  • ihre Empörung über Kindesmissbrauch. – Die Verdammung dieses Verbrechens ist für mich keiner besonderen Erwähnung wert. Genausogut könnte ich mich ja darüber empören, dass ständig in irgendeinem Folterkeller dieser Welt Unschuldige von gelangweilten Schergen irgendeines Dumpfbackenregimes aus Spaß langsam und qualvoll zu Tode gefoltert werden. Aber warum sollte ich mich darüber in Form eines Facebook-Posts empören?

Logisch – je größer mein Facebook-Freundeskreis, desto unspezifischer wird der Meldungsstrom werden, dem ich ausgesetzt bin. Die inhaltlichen Gegensätze aber türmen sich so nicht zu differenzierter, irgendwie, äh, „spannender“ Vielfalt, im Gegenteil: sie nivellieren sich zu einem öden Grau, einer sozusagen forcierten Indifferenz, die dann immer stärker und immer fataler an exakt die Alltagswelt erinnert, der ich ohnehin permanent ausgesetzt bin und zu der ich gerne mal eine Gegenwelt gehabt hätte.

Zum  Beispiel  mithilfe eines sozialen Netzwerks wie Facebook.

Ich habe diesen Artikel in sprachlich leicht überarbeiteter Form zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

Diez über Facebook, kommentiert

Fahrendes Facebook-Volk, enthemmt

Theodor Hosemann: "Drei Herumziehende Musikanten" (1838)
Theodor Hosemann: „Drei Herumziehende Musikanten“ (1838)

Bei den sozialen Netzwerken [gemeint sind v. a. Facebook und Twitter, S.H.] bleiben jedoch die Projektionen der Deutenden. Ähnlich wie ehedem Bürger und Beamte den fahrenden Musikern und Tänzerinnen eine enthemmte und abartige Lebensweise unterstellten, werden hier ebenso begehrte Abweichungen von der eigenen Norm projiziert auf Unbekanntes.

Holger Schulze: Spiel mit dem Biest!

Fahrendes Facebook-Volk, enthemmt