Komponisten improvisieren (1967)

Vor allem im ersten Teil dieser Dokumentation des Norddeutschen Rundfunks über die Gruppo di Improvvisazione di Nuova Consonanza (GINC) aus dem Jahr 1967 ist gelungene Musique concrète instrumentale – in Reinkultur und noch fast ganz unschuldig – zu hören. Bemerkenswert die Kamera von Niels Peter Mahlau, die, neugierig, fast penetrant, das Geschehen visuell zu erfassen versucht und mitunter in die Musiker geradezu hineinkriecht.

Ein weiteres Faszinosum, abgesehen von der Brille von Initiator Franco Evangelisti (!) und der Tatsache, dass fast alle Beteiligten ständig betont lässig vor sich hinqualmen, obwohl hinten an der Wand groß und breit „Vietato fumare“ steht, ist die ästhetische wie soziokulturelle Heterogenität, in die sich die Gruppenmitglieder später hineinentwickeln sollten: Trompeter Ennio Morricone (ja, es ist der Ennio Morricone, leider kommt er im Film nicht zu Wort) wurde bekanntermaßen zu einem der stilbildenden Filmmusik-Komponisten der 2. Hälfte des 20. Jahrhunders („Spiel mir das Lied vom Tod“ muss um die gleiche Zeit entstanden sein!), während Hammond-Organist Roland Kayn sich den Rest seines Lebens vor allem esoterischsten Tonbandfrickeleien widmen sollte, die selbst innerhalb der Neue-Musik-Szene wohl nur wenigen bekannt sein dürften. Frederic Rzewski, der aussieht wie ein etwas attraktiverer junger Woody Allen – er hatte sich zum Zeitpunkt der Dreharbeiten offenbar bereits von der GINC gelöst und wurde deshalb auch in einem vollbesetzten amerikanischen (?) Restaurant separat interviewt – wurde in den 1970er Jahren als politisch engagierter (Post-)Minimalist bekannt. Bandleader und Pianist Evangelisti wiederum, für mich die eindrücklichste und charismatischste Figur des Films, taucht zwar in jeder Anthologie der Neuen Nachkriegsmusik auf, aber ich kenne niemand, der mit seinen Kompositionen vertraut wäre (Allerdings raunt die Wikipedia, dass Evangelistis Musik „derzeit wiederenteckt und aufgeführt“ werde. Nun, wir werden sehen.).

Die Diskussionen zwischen dem leicht schweizerisch (?) klingenden Herrn – ich nehme an, es handelt sich um Theo Gallehr, den Autor des Films – und Evangelisti (ab 36’30“), Kayn (ab 38’6″) sowie Rzewski (ab 39’22“) demonstrieren, wie im besten Sinn umverschämt die Herren Komponisten die GINC für ihre je eigenen (durchaus nicht immer gruppendienlichen!) Ziele benutzten. Dabei nehmen die kritischen Töne, vor allem aus dem Munde Rzewskis und Kayns, im Verlauf des Films immer mehr zu. In gleichem Maße verflüchtigt sich meine anfängliche Euphorie beim Ansehen des Streifens und macht einer gewissen Sämigkeit und Bräsigkeit Platz. Schließlich stellt sich allmählich eine Art „Neue Musik-Gefühl“ (im schlechten Sinn) her, wie es bis heute dieses Genre in weiten Teilen zu prägen scheint: Ein rein spielerischer, frischer kreativer Ansatz wird langsam und qualvoll in einer grauen Masse von Zweifeln (ich weigere mich, das „Reflexion“ bzw. „Intellektualität“ zu nennen!) erstickt. Alle sitzen ein bisschen beleidigt in ihrer Ecke, haben recht, unrecht, große Egos und große Möglichkeiten, aber keine Lust, diese in den Dienst einer Sache zu stellen, die darüber hinausginge. Trist.

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Komponisten improvisieren (1967)