Von der Alternativlosigkeit des Ad-Blockings

Einer muss sie ja machen, die Drecksarbeit. CCC-Boss Rieger hat sich mit Thorsten Schröder zusammengetan und es einfach erledigt. Die beiden erklären und belegen detailliert, warum die Verwendung eines Werbeblockers derzeit ein Gebot der Vernunft ist.

Definitiv nicht spannend, aber lehrreich und in den technischen Details – speziell für den nicht-technikaffinen Internetnutzer – streckenweise erschreckend.

Full disclosure: Ich verwende derzeit uBlock Origin für Chrome, vorher jahrelang AdBlock und ganz früher Proxomitron.

Von der Alternativlosigkeit des Ad-Blockings

Rieger und Gonggrijp pfeifen im Wald – und sammeln ihre Truppen

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Typische Begleitgrafik zum Vortrag von Rieger & Gonggrijp. Doch sie scheinen selber zu bezweifeln, ob diese Form von „gutem altem“ Hacker-Zynismus noch ausreicht, um die Dinge wirklich voranzubringen.

Die „Hackervereinigung“ Chaos Computer Club (CCC) fand sich Ende 2015 zum Jahrestreffen und CCC-Boss Rieger hielt mit dem Niederländer Rop Gonggrijp, offenbar einem alten Kampfgefährten, dort etwas, was man anderswo vielleicht „Impulsreferat“ oder auch keynote address zu nennen pflegt: Wie ist er denn so, der allgemeine Stand der Dinge in der Community, wie fühlt sie sich, die Systemadministratoren-  und IT-Beratergemeinde (denn ich nehme doch stark an, der durchschnittliche CCCler ist genau sowas – und nicht etwa ein Hacker im kriminellen Sinn) in diesen Post-Snowden-Jahren?

Kurz gesagt: desillusioniert, desorientiert, depressiv. Der staatliche Kontrollwille bedient sich angesichts konkreter und eingebildeter Terrorgefahren weiter der so unendlich flexiblen Digitalsphäre, um dem angeblich unersättlichen Sicherheitsbedürfnis der Bürger auch angemessen Rechnung tragen zu können. Dabei, so Rieger und Gonggrijp, kommt ihm zupass, dass die Erwirtschaftung persönlicher und vertraulicher Daten nicht nur leichter, sondern – und dieses Argument hört man nicht so oft – billiger geworden ist durch den technologischen Fortschritt der vergangenen 10, 20 Jahre.

Aber es gibt auch andere Töne in diesem Vortrag: Da wird dann ganz klassisch an das Gemeinschaftsgefühl appelliert, die eigene Exzellenz betont, zum Stolzsein auf das bereits Erreichte aufgerufen etc. Eigentlich das, was „normale“ CEOs bzw. ParteiführerInnen ständig machen (manche machen sogar nichts anderes). Im traditionell coolen bis ultracoolen CCC-Soziotop wirkt das jedoch geradezu innovativ (und wurde vom Publikum im Übrigen gut aufgenommen). Rieger & Gonggrijp möchten wohl einfach ihre Truppen sammeln, sie möchten wohl auch, dass sich ein paar mehr aus ihren Kreisen von gelangweilten Wohlstandsnerds in disziplinierte linksliberale Polit-Aktivisten wandeln. Rieger sinngemäß: „Es gibt Wichtigeres, als darüber zu diskutieren, welche Linux-Distribution die beste ist.“

Es ist nicht ohne unfreiwillige Komik, wie man die beiden Herren sich winden sieht in diesem langen und auch ein wenig langatmigen Vortrag: Einerseits sind sie ja schon, auf ihr Referat aus dem Jahr 2005 mit dem schönen Titel „We lost the War“ verweisend, ganz Club-of-Rome-mäßig stolz darauf, immer schon alle Katastrophen vorausgeahnt zu haben, andererseits wollen sie ihr Auditorium auch nicht komplett in die Depression treiben. Also pfeifen sie ein wenig im Wald bzw. verbreiten so eine Art schizophrener „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst“-Atmosphäre. Speziell Gonggrijp, der bisher offenbar stets als wohlgelittener „Warner und Mahner“ aufzutreten pflegte, scheint sich in dieser Rolle nicht mehr wohlzufühlen. Ihm fällt aber auch keine neue ein, also warnt und mahnt er munter weiter, Eulen nach Athen tragend.

Das ist menschlich verständlich, strategisch aber eher kontraproduktiv. Denn natürlich war „We lost the War“ 2005 nicht wörtlich, sondern als trotziger „Jetzt erst recht!“-Schlachtruf gemeint. Bleibt für mich als externen Beobachter der Eindruck einer tiefen Verunsicherung, die sich da im (prinzipiell sympathischen und unterstützenswerten!) organisierten „Hackertum“ breitgemacht zu haben scheint: So wie bisher kann es nicht weitergehen, aber wie es weitergehen soll, wissen wir auch nicht. Immerhin diese Botschaft wurde überzeugend kommuniziert.

Rieger und Gonggrijp pfeifen im Wald – und sammeln ihre Truppen

Rieger@re:publica

Für mich die anregendsten und gehaltvollsten Beiträge zur diesjährigen re:publica. Vor allem Frank Riegers vorbildlicher intellektueller und auch rhetorischer Stil begeistert mich immer wieder: nüchtern, aber nicht unangenehm cool, selbstbewusst, aber vollkommen uneitel und schließlich engagiert und entschieden, aber in keinster Weise eifernd oder gar sektiererisch. Wow!

Rieger@re:publica

Der Jahresrückblick 2014…

…der klugen, wenn auch stets pflichtgemäß nerdig-albernen Köpfe von Leitner (links) und Rieger (rechts) auf der Jahresversammlung des Chaos Computer Clubs schlägt alle sonstigen (mehr oder minder) satirischen Jahresrückblicke, die ich bisher gesehen habe (Doyé/Wiemers, Nuhr, Priol) um Längen, denn er ist unterhaltsam, politisch sensibel, lässig und – vor allem – mit Agenda (die ich für mich mit „Freie Kommunikation für freie Individuen!“ übersetze). Die Veranstaltung fand am 29. Dezember 2014 in Hamburg statt:

Der Jahresrückblick 2014…

„Propaganda“ – ein Podcast von 2014 und ein Song von 1985

Im (für mich, aber ich kenn halt auch nicht alles) gehaltvollsten politischen Podcast dieser Republik geht es in dieser Ausgabe vom 26. August 2014 um den „Kalten Krieg – damals und heute“:

 

Nicht, dass ich etwa mit allen hier geäußerten Analysen, Meinungen und Mutmaßungen übereinstimmte, speziell Felix von Leitner (ein 1973 geborener Wessi, hohe Stimmlage, Quieklache, wirkt pausenlos „amüsiert“) scheint mir Russland stets etwas zu wohlwollend und den USA stets etwas zu misstrauisch gesinnt zu sein, was allerdings durch Frank Riegers (ein 1971 geborener Ossi, Brummstimme, spricht sehr leise und leicht konspirativ) exakt umgekehrte Präferenzen mehr als ausgeglichen wird, klar ist jedoch, dass die beiden mit ihrem Podcast „Alternativlos!“, der es auf mittlerweile 32 Ausgaben in vier Jahren, was einer Durchschnittsfrequenz von einem Podcast alle eineinhalb Monate entspricht, bringt, einen längst überfälligen Internationalen Frühschoppen 2.0 etabliert haben.

Das „2.0“ bezieht sich dabei vor allem auf die Sprache, in der komplexe politische Sachverhalte verhandelt werden: Sie ist flapsig, betont lässig und nah an der Alltagssprache, ohne aber je ins Vulgäre bzw. Undifferenzierte bzw. Populistische zu kippen. Von Leitner und Rieger sprechen, als ob sie „unter sich“ wären (auf eine vertrackte Weise sind sie es ja auch), nehmen keinerlei institutionelle Rücksichten (warum auch, sie sind keine angestellten bzw. freien Journalisten, sondern Funktionäre des Chaos Computer Clubs, die sich hier aber als private Individuen, d. h. als Bürger [vgl. das Motto dieses Blogs], äußern) und streben auch keine „professionelle“ journalistische Objektivität an (d. h., sie sagen so oft „ich“, wie es ihnen angemessen erscheint). Paradoxerweise wirken sie aber gerade durch diese unter Werner Höfer komplett undenkbaren Verhaltensweisen auf mich relativ sachlich und, ja: – glaubwürdig.

Das Wichtigste am Diskursstil der Alternativlosen scheint mir aber zu sein, dass es ihnen letztlich gar nicht um Meinung (oder gar die „richtige“) geht, sondern um Aufklärung.

Bereits 1985, also kurz vor Ende des Kalten Krieges, veralberte ich, damals Abiturient, mit Hilfe der eigens zu diesem Behufe gegründeten und anschließend gleich wieder aufgelösten Formation „Die Komsomolzen“, das Thema „Propaganda“ in folgendem Song, der auf der Idee basiert, Ronald Reagans damals brandaktuelle „Mikrofonpanne“, während der er scherzhaft die atomare Auslöschung der Sowjetunion ankündigte, ins Russische zu übersetzen und mit ein paar beliebigen Fragmenten aus der russischen Tageszeitung „Prawda“ („Wahrheit“) zu vermengen:

 

(Besetzung: Rezitation – Volker Reichenbach; Konzept, Komposition & Keyboard – S. H.; Bass – Robert Weber; Schlagzeug – Ralf Schuster)

„Propaganda“ – ein Podcast von 2014 und ein Song von 1985

Der Chaos Computer Club entdeckt Lyotards „Widerstreit“ (indirekt)

Über 3 Stunden (!) diskutierten in diesem am 15. April publizierten Podcast Frank Rieger, Felix von Leitner und Linus Neumann erfahrungsgesättigt und erfreulich emotional über „Diskursformen im Internet“. Ich habe viel gelernt:

 

Ab ca. 01:09:30 wird’s besonders interessant. Zunächst referiert Neumann kurz und treffend das philosophische Konzept der Diskursanalyse nach Michel Foucault (freilich, ohne dass dessen Name genannt wird, statt dessen ist etwas allgemein von „Poststrukturalismus“ die Rede). In der sich anschließenden Diskussion erinnert dann einiges sehr verblüffend an Gedanken aus Jean-François Lyotards „Widerstreit“ (der sich wiederum an Wittgensteins Sprachspiel-Begriff anlehnt).

Zu diesem Podcast gibt es eine instruktive Linkliste, die die wichtigsten verwendeten Spezialbegriffe erläutert.

Der Chaos Computer Club entdeckt Lyotards „Widerstreit“ (indirekt)