Albrecht von Lucke zur politischen Lage der Nation (2018)

Endlich ein public intellectual, mit dem ich nicht nur was anfangen, sondern auch in weiten Teilen seiner gesellschaftlichen Analyse (und hier passt das Wort wirklich) zustimmen kann:


Zudem ist er nur ein Jahr jünger als ich und damit Teil der deutschen Generation X (=Geb.jahr 1965 – 1980), aus der Florian Illies so gerne die apolitische, konsumfixierte Generation Golf gemacht hätte. Leider hat Illies aber insofern ins Schwarze getroffen, als ich den Löwenanteil meiner Generation durchaus als apolitisch und konsumfixiert erlebt habe und erlebe.

Das Schöne an von Lucke ist sein „reines“ Intellektuellentum, d. h. er beschränkt sich auf Analyse und Deutung der politischen Verhältnisse, ohne eine Agenda im engeren Sinn zu verfolgen. Er macht ein leidenschaftlich vorgetragenes, vollkommen un-ironisches Deutungsangebot, das dabei aber stets falsifizierbar bleibt. Was ihn vor postmoderner Beliebigkeit bewahrt, sind seine linksliberalen Grundüberzeugungen, die er niemals in Frage zu stellen scheint. Auch „gehört“ er publizistisch niemandem (Springer, öffentlich-rechtliche Rundfunk- und Fernsehanstalten), denn die Blätter sind Teil des linken Urgesteins der Bonner Republik und haben wundersamerweise bis heute durchgehalten.

Als „rein“ im Sinne von sachorientiert und uneigennützig emfinde ich von Luckes Stil auch, weil er die seltene Eigenschaft hat, Meinungsfreude mit Toleranz zu verbinden. Zudem scheint er nicht sonderlich eitel zu sein –  und narzisstisch schon gar nicht. Ein verkappter Möchtergern-Wissenschaftler, der es „nur“ zum Journalisten geschafft hat, ist er auch nicht. Dass das weiland auch schon seine Politikwissenschafts-Profs erkannten, bekennt er erfrischend freimütig.

Eher nebenbei berichtet er, sein Grund, aus den Grünen auszutreten (er war mehr oder minder von Anfang an dabei), sei damals die Aufnahme seiner journalistischen Tätigkeit gewesen. Man könne schließlich, sagt er treuherzig, nicht über eine Partei journalistisch berichten, der man selber angehöre. Soviel Integrität macht mich dann schon ein bisschen fassungslos, denn ich kenne hauptsächlich Journalisten, die bei Aufnahme ihrer beruflichen Tätigkeit in eine Partei eintraten.

Kurzum, ein großer Gewinn für mein derzeit nicht allzu üppig gefülltes gesellschaftspolitisches Info-Portfolio, oder, um mit Karl Barth zu sprechen, als er die „Blätter“ lange vor von Luckes Ägide charakterisierte, „eine Insel der Vernunft in einem Meer von Unsinn“.

Coolness zweiter Ordnung

Bei der Lektüre eines Interviews mit der israelischen Soziologin Eva Illouz aus dem Jahr 2003 stach mir eine Passage ins Auge, die sehr gut die „Coolness zweiter Ordnung“ definiert, die mir für meine Alterskohorte, die Generation X (geb. 1963 – 1982), typisch zu sein scheint:

Einerseits wähnen sich die Leute über dem Klischee, weil sie so originell und kreativ sind, und zugleich wiederholen sie die Muster der Konsumkultur. […] Eben dann, wenn man das macht, was alle anderen tun, fühlt man sich besonders originell und kreativ. Diese Position ist nicht ohne Pathos.