Je ne suis pas Charlie

GEORGES-WOLINSKI_EDITED
Die terroristische Barbarei von Paris ist durch nichts zu rechtfertigen – aber die sich anschließende sog. Solidaritätskampagne unter dem Rubrum / Logo / Hashtag „Je suis Charlie“ hatte die Inhaltlichkeit einer Icebucket-Challenge, nämlich keine.

Ich habe mir kurz nach den Gesinnungsmorden eine von arte dankbarerweise gesendete Dokumentation aus dem Jahr 2011 über einen der ermordeten Karikaturisten (Wolinski) angesehen – und meine durchaus vorhandene Empörungsbereitschaft kühlte sich unmittelbar merklich ab: Wolinskis Arbeit „schlicht“ zu nennen, wäre fast schon geschmeichelt. „Freizügige“ Zeichnungen dieser Art und Qualität habe ich hierzulande zuletzt im „Stern“ der frühen 1980er Jahre gesehen. Vielleicht gehören sie auch eher in die „Praline“ oder die „St. Pauli-Nachrichten“.

Bemerkenswert an der arte-Doku war, dass Wolinski (der übrigens in der jüdischen Community eines maghrebinischen Landes aufwuchs, den Islam also von Kindesbeinen an kennt) offenbar damals schon innerfamliär unter Beschuss gekommen war. Seine deutlich jüngere Frau, die sich als „feministisch“ bezeichnet, wirft seinen Arbeiten „Sexismus“ und „Phallokratie“ vor. Der Konflikt wird – unter Mediation der Schriftstellerin Benoîte Groult – in der Dokumentation selbst ausgetragen, allerdings ohne Ergebnis. Wolinski zieht sich auf ein trotziges „Ich kann halt nicht anders!“ zurück, seine Frau befürchtet, er werde sich immer stärker von den Zeitläuften isolieren. Zwischen den Zeilen hört man deutlich: „Ich denke, er hat den Anschluss verpasst und wird den Rest des Lebens seinen 68er-Ideen ‚Freier Liebe‘ nachhängen. Diese hatten zu ihrer Zeit zweifellos emanzipatorisches Potential, aber spätestens seit den 1980er Jahren wurden sie von der Geschichte überholt.“

Nun gut. Was soll’s? Ein bekennender 68er-Macho kritzelt bis an sein Lebensende Strichmännchen mit  überdimensionalen Ständern, deren archaischer Faszination letztlich kein Strichweibchen widerstehen kann. Gähn. Interessant wird’s aber da, wo sich Wolinski mit dem Islam, hm, „auseinandersetzt“. In einem seiner Bücher beschreibt er, wie eine Burka tragende Frau eine seiner Ausstellungen besucht und sich über deren pornografischen Inhalt empört. Wolinski kommt mit ihr (im Buch wohlgemerkt) ins Gespräch, Argumente werden ausgetauscht. Nach einigen Verwicklungen wirft die Frau schließlich die Burka ab, schminkt sich, kleidet sich westlich. Ende der Geschichte. (Ob die Protagonistin schließlich einwilligt, mit der Wolinski-Figur „freie Liebe“ zu machen, weiß ich nicht.)

Ich sagte es bereits, diese Art Weltsicht ist sehr schlicht und geht etwa so: „Was für mich als heterosexuellen jüdischen Mann, der in den 1950er Jahren erwachsen wurde, befreiend war, kann doch für eine in den 1980er Jahren geborene muslimische Frau nicht verkehrt sein, oder?“

Kann es doch, wage ich mal in aller Bescheidenheit anzumerken (unabhängig davon, dass Sibel Kekilli in gewisser Weise das Gegenteil bewies).

Nein, mit einem derartigen Gebrauch der Meinungsfreiheit – so sehr ich diese als solche für wichtig halte – mag ich mich nicht solidarisieren.

Je ne suis pas Charlie.

Und George Wolinski und seine Kollegen: Sie mögen in Frieden ruhen.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

Advertisements
Je ne suis pas Charlie