Stürme in Wassergläsern

Es hallt & schallt mal wieder im deutschsprachigen Feuilleton, so dass der zugrundeliegende Event sogar mich erreichte. Der nicht ganz unbedeutende Schriftsteller Uwe Tellkamp habe sich während einer öffentlichen Veranstaltung in Dresden „rechtspopulistischer Äußerungen“ (FAZ [Bezahlschranke]) schuldig gemacht. Hier die gesamte Veranstaltung, wie sie auf dem YouTube-Kanal von pip-news.de* gepostet wurde:


Habe mir das ganze zweistündige Elend angetan. Neben für den intellektuellen Kontext entbehrlichen staatstragenden und PR-dienlichen ein- und ausleitenden Bemerkungen des Veranstalters beeindruckten mich darin vor allem

  1. die verhärmte Harmoniebedürftigkeit der Moderatorin,
  2. Grünbeins an Zynismus grenzende intellektuelle Blasiertheit,
  3. Herrn Tellkamps enervierende Angewohnheit, jeden seiner Sätze mit einer persönlichen Anrede zu beenden, Herr Tellkamp,
  4. Kubitscheks Talent, genau zum richtigen Moment als intellektueller Springteufel aus dem Auditorium heraus ins das Geschehen einzugreifen.

Tellkamp war mir bisher nicht als politischer Schriftsteller bekannt, um so überraschter war ich, dass er hier durchgängig, sehr flüssig, wie aus einem Guss und ganz ohne persönliche Einfärbung typische PEgIdA-Positionen referiert. Ich sage bewusst PEgIdA- und nicht AfD- oder rechtsintellektuelle Positionen, da gekränkter Dresdner Lokalstolz einen erheblichen Anteil von Tellkamps Unmut auszumachen scheint.

Das kippt allerdings in dem Moment, in dem der im Auditorium, also quasi im Hinterhalt lauernde und seinen Sermon als Zuschauerfrage tarnende, derzeit führende (hihi) deutsche Rechtsintellektuelle Götz Kubitschek Tellkamp ab 1h 41min schwäbelnd beispringt. Ab diesem Moment hatte ich dann schon den Eindruck, Tellkamp sei schon die ganze Zeit von Schnellroda (Wohnort Kubitscheks) ferngesteuert gewesen – aber das kann ich natürlich nicht beweisen.

Und während die Moderatorin – immer trauriger werdend – weiter tief verzweifelt nach dem „Kitt“ für eine durch Meinungspluralismus ganz offenbar vom unmittelbaren Untergang bedrohte Gesellschaft sucht, passiert – nichts: Tellkamp reproduziert weiter roboterhaft Rechtspopulistisches, Grünbein gähnt (rhetorisch) und wäre vermutlich jetzt lieber bei Gallimard in Paris anstatt in seiner öden Heimatstadt und Kubitschek referiert, ganz ehemaliger Offizier, wie er vor allem die weiblichen Angestellten seines Verlages künftig leider nicht mehr auf die Leipziger Buchmesse mitnehmen könne, denn es sei dort mittlerweile einfach zu gefährlich wg. Antifa und so. Fast hätte ich geweint.

Die Ausgangsfrage der Diskussion „Wie steht es um die Meinungsfreiheit in Deutschland?“ wird durch all dieses nur mäßig unterhaltende – weil bereits allzu vertraute – Geschehen allerdings vollumfänglich, wenn auch lediglich performativ, beantwortet: Hervorragend. Weder glattrasierte, zur Paranoia neigende reaktionäre Seitenscheitel- noch dreitagebärtige, meist abgehoben in die Ferne starrende und irgendwie linksliberale Hornbrillenträger sind hierzulande offenbar gezwungen, aus ihrem Herzen eine Mördergrube zu machen. Und auch einstmals wg. „Beteiligung an rechtsextremistischen Bestrebungen“ gemäß § 29 Abs. 1 Nr. 5 Wehrpflichtgesetz aus der Bundeswehr Entlassene dürfen ihre an intellektuellen Positionen des frühen 20.  Jahrhunderts sich entlangschlängelnde Agenda ungehindert präsentieren.

Aber dann doch noch zwei Sachen zum Schluss:

  1. Tellkamp kann es offenbar nicht aushalten, wenn er das Gefühl hat, seine Meinung sei nicht „erwünscht“, sondern nur „geduldet“. Weichei.
  2. Grünbein sollte zum taubenblauen Anzug keine kurzen dunkelblauen Socken tragen, die gelegentlich seine Beine entblößen. Hätte man ihm bei Gallimard aber eigentlich sagen müssen.

* Einem laut YouTube-Kanalinfo „privaten Medium für kleinstbürgerliche Spießeridylle mit punktuell sozialliberalen Anflügen.“ Wird ja auch keiner schlau draus.
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Stürme in Wassergläsern