Kubitschek definiert völkisches Denken

Mal wieder das Thema Rechtsintellektualismus (der die geistige Grundlage für den Rechtspopulismus der AfD liefert). Im erweiterten Freundes- und Bekanntenkreis kommen immer mal wieder Zweifel daran auf, dass es sich bei Götz Kubitschek und seinem intellektuellen Umfeld (Höcke und Kalbitz z. B.) wirklich um völkische Nationalisten und nicht etwa „nur“ um Nationalkonservative handelt.

Der Unterschied zwischen diesen politischen Weltsichten wirkt, so formuliert, marginal, aber es ist einer „ums Ganze“, um eine Formulierung des deutschen Philosophen Adorno zu benutzen. Denn Nationalkonservative sind immer noch, wenn auch nur knapp, verfassungskompatible DemokratInnen, völkische NationalistInnen allerdings fallen unter das verfassungsinkompatible Rubrum rechtsextrem bzw. rassistisch.

Der Soziologe-mit-Migrationshintergrund Armin Nassehi hat vor 5 Jahren einen Briefwechsel mit Kubitschek geführt und ihn im Anhang seines Buches im Einverständnis mit seinem Briefpartner publiziert. Es gibt dort eine Stelle, an der sich Kubitschek klar als völkischer Nationalist verrät. Es handelt sich dabei um drei aufeinanderfolgende Absätze, von denen ich hier den mittleren auslasse, weil er keine neuen Argumente bringt. Ansonsten zitiere ich in der Folge ohne die sonst in der Weltsicht üblichen Auslassungszeichen, um mich nicht dem Vorwurf der Bedeutungsmanipulation durch gezielte Kürzung auszusetzen:

Ich komme zu den anderen Fragestellungen Ihres Briefs, sie hängen damit zusammen: Sehr wohl sehe ich, sehen wir das Desintegrative in unserer Gesellschaft, und es ist fast billig zu sagen, dass auch uns manches gut erzogene Migrantenkind sympathischer ist und näher steht als jene anmaßenden, deutschen Rotzlöffel, denen noch nie eine äußere oder innere Not Beine machte. Dennoch sind diese Rotzlöffel Teil unseres Volkes, und wenn der seit Jahrzehnten abwesende Ernstfall im Großen oder im Kleinen den sozialen, staatlich finanzierten Reparaturbetrieb zum Erliegen bringt, wird sich jeder sofort daran erinnern, wer »Wir« ist und wer »Nicht-Wir«. Die Fremdheit, die daraus resultiert, ist in der Tat ziemlich stabil, die Anverwandlung des Fremden in das Eigene ein langsamer Prozess. Und: Die Abgrenzung des Ichs und des Wirs von etwas Fremdem ist schlicht eine Konstante. Ist es nicht so, dass nirgends die Ausgrenzungsmechanismen gnadenloser arbeiten als aus Gruppen heraus, die Gruppenexistenzen leugnen? Liegt dies nicht an ihrer grundsätzlichen Instabilität? […] Von diesem Punkt aus kann ich nun Ihre Frage beantworten, ob es zwischen uns Differenzen gäbe, wenn dieses Land keine oder nur ganz wenige Migranten hätte. Wir hätten keine, wenn Sie mir zustimmten, dass das deutsche Volk ein sehr besonderes Volk sei und dass es das Ziel unserer Bemühungen sein müsse, diese Besonderheiten zum Blühen zu bringen, immer wieder aufs Neue. Anders ausgedrückt: Dass die Deutschen in mancher Hinsicht auch ein Volk wie jedes andere seien, ist so banal, dass man es gar nicht erwähnen muss. Darüber hinaus sind die Deutschen jedoch auf eine seltsame Art begabt und waren im Bereich der Musik, der Philosophie, der Wissenschaft, der Dichtung eine intellektuelle, in der Volksbildung, dem Handwerk und den sozialen Errungenschaften eine praktische Großmacht (nicht meine Worte, sondern die von Peter Watson, der vor einigen Jahren den »deutschen Genius« in einem Buch feierte). Daraus abzuleiten, dass es von diesen besonderen Begabungen und Eigenarten absehen sollte, um politisch nicht aus dem Ruder zu laufen, ist dumm und bösartig.

Götz Kubitschek im Briefwechsel mit Armin Nassehi. In: Armin Nassehi: „Die letzte Stunde der Wahrheit“, 2015 (calibre eReader Pos. 617.3)

„Ernstfall“ steht im rechtsintellektuellen Jargon immer für „Krieg“. Und nach meinem Kenntnisstand glauben ja Kubitschek und die seinen, dass wir uns innerhalb Deutschlands bereits im Krieg befinden, wenn auch in keinem militärischen, sondern einem durch Überfremdung ausgelösten Kultur- und Rassenkrieg. Der „Ernstfall“, den Kubitschek in seinem Brief nur hypothetisch setzt, ist also eigentlich bereits eingetreten. Dass sich dann „jeder sofort daran erinnert, wer ‚Wir‘ [ist] und und wer ‚Nicht-Wir'“ (Kubitschek), ist eine, sagen wir mal, zumindest steile These, die im Übrigen Kaiser Wilhelms des Zweiten bekanntes Diktum „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“ zu Beginn des 1. Weltkriegs exakt reformuliert. Denn folgt man Kubitscheks These, dürfte es keineN einzigeN BundeswehrsoldatIn mit Migrationshintergrund geben, die/der die „Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland … auch am Hindukusch verteidigt“ (P. Struck). Die Realität sieht aber anders aus und Kubitschek weiß das als Jugoslawienkrieg-erfahrener Bundeswehr-Veteran natürlich. Also unterstellt er hier (indirekt) jeder/m BundeswehrsoldatIn mit Migrationshintergrund einen Mangel an Loyalität zur Bundesrepublik Deutschland bzw., in Kubitscheks Logik ausgedrückt, ist diesem Personenkreis aufgrund seiner völkischen Zugehörigkeit prinzipiell keine Loyalität zu Deutschland möglich.

Dass Gruppen, die ihre Gruppenexistenz leugnen, aufgrund ihrer daraus resultierenden Zerbrechlichkeit weitaus exkludierender agieren als solche, die das nicht tun, widerspricht jeglicher Alltagserfahrung. Abgesehen davon, dass mir eine derartige Gruppe sowieso eine rechtsintellektuelle Kopfgeburt zu sein scheint. Kubitschek referiert hier vermutlich eher auf die Angst vor Identitätsverlust angesichts respektloser Türkenjungs, die die Leute aus Spaß auf der Straße anspucken, weil sie wissen, dass der durchschnittliche Deutsche nicht genügend „Ehre“ hat, darauf mit einem Faustschlag zu antworten. Aber selbst dann trifft sein Argument nicht, denn der jugendliche Delinquent weiß ja ganz genau, zu welcher (unterpriviligierten) Gruppe er gehört und welche (priviligierte) Gruppe er mit seinem Akt der Verachtung demütigen will.

Warum nennt Kubitschek die Begabtheit der Deutschen „seltsam“? Würde man mich nach herausragenden Beiträgen von Deutschen zur Weltkultur fragen, würde ich zwar mehr oder minder exakt die selben Bereiche aufzählen wie Kubitschek, also Musik, Philosophie, Wissenschaft, Dichtung, Volksbildung, Handwerk und soziale Errungenschaften – aber ich käme im Leben nicht auf die Idee, diese Leistungen als „seltsam“ zu werten. Als seltsam werden üblicherweise rätselhafte, unerklärliche Phänomene bezeichnet, die sich mit herkömmlichen Modellen nicht erklären lassen. Übliche Regeln und Übereinkünfte scheinen hier ausgehebelt. Folgt man dieser Semantik, gilt dies – aufgrund ihrer „Seltsamkeit“ – dann wohl auch für die Deutschen. Sie stehen demzufolge jenseits bzw. über allen anderen Völkern und haben jedes Recht, mit letzteren zu verfahren, wie es ihnen beliebt. Und schon sind wir wieder beim deutschen Wesen, an dem die Welt genesen soll.

Stürme in Wassergläsern

Es hallt & schallt mal wieder im deutschsprachigen Feuilleton, so dass der zugrundeliegende Event sogar mich erreichte. Der nicht ganz unbedeutende Schriftsteller Uwe Tellkamp habe sich während einer öffentlichen Veranstaltung in Dresden „rechtspopulistischer Äußerungen“ (FAZ [Bezahlschranke]) schuldig gemacht. Hier die gesamte Veranstaltung, wie sie auf YouTube* gepostet wurde:


Habe mir das ganze zweistündige Elend angetan. Neben für den intellektuellen Kontext entbehrlichen staatstragenden und PR-dienlichen ein- und ausleitenden Bemerkungen des Veranstalters beeindruckten mich darin vor allem

  1. die verhärmte Harmoniebedürftigkeit der Moderatorin,
  2. Grünbeins an Zynismus grenzende intellektuelle Blasiertheit,
  3. Herrn Tellkamps enervierende Angewohnheit, jeden seiner Sätze mit einer persönlichen Anrede zu beenden, Herr Tellkamp,
  4. Kubitscheks Talent, genau zum richtigen Moment als intellektueller Springteufel aus dem Auditorium heraus in das Geschehen einzugreifen.

Tellkamp war mir bisher nicht als politischer Schriftsteller bekannt, um so überraschter war ich, dass er hier durchgängig, sehr flüssig, wie aus einem Guss und ganz ohne persönliche Einfärbung typische PEgIdA-Positionen referiert. Ich sage bewusst PEgIdA- und nicht AfD- oder rechtsintellektuelle Positionen, da gekränkter Dresdner Lokalstolz einen erheblichen Anteil von Tellkamps Unmut auszumachen scheint.

Das kippt allerdings in dem Moment, in dem der im Auditorium, also quasi im Hinterhalt lauernde und seinen Sermon als Zuschauerfrage tarnende, derzeit führende (hihi) deutsche Rechtsintellektuelle Götz Kubitschek Tellkamp ab 1h 41min schwäbelnd beispringt. Ab diesem Moment hatte ich dann schon den Eindruck, Tellkamp sei schon die ganze Zeit von Schnellroda (Wohnort Kubitscheks) ferngesteuert gewesen – aber das kann ich natürlich nicht beweisen.

Und während die Moderatorin – immer trauriger werdend – weiter tief verzweifelt nach dem „Kitt“ für eine durch Meinungspluralismus ganz offenbar vom unmittelbaren Untergang bedrohte Gesellschaft sucht, passiert – nichts: Tellkamp reproduziert weiter roboterhaft Rechtspopulistisches, Grünbein gähnt (rhetorisch) und wäre vermutlich jetzt lieber bei Gallimard in Paris anstatt in seiner öden Heimatstadt und Kubitschek referiert, ganz ehemaliger Offizier, wie er vor allem die weiblichen Angestellten seines Verlages künftig leider nicht mehr auf die Leipziger Buchmesse mitnehmen könne, denn es sei dort mittlerweile einfach zu gefährlich wg. Antifa und so. Fast hätte ich geweint.

Die Ausgangsfrage der Diskussion „Wie steht es um die Meinungsfreiheit in Deutschland?“ wird durch all dieses nur mäßig unterhaltende – weil bereits allzu vertraute – Geschehen allerdings vollumfänglich, wenn auch lediglich performativ, beantwortet: Hervorragend. Weder glattrasierte, zur Paranoia neigende reaktionäre Seitenscheitel- noch dreitagebärtige, meist abgehoben in die Ferne starrende und irgendwie linksliberale Hornbrillenträger sind hierzulande offenbar gezwungen, aus ihrem Herzen eine Mördergrube zu machen. Und auch einstmals wg. „Beteiligung an rechtsextremistischen Bestrebungen“ gemäß § 29 Abs. 1 Nr. 5 Wehrpflichtgesetz aus der Bundeswehr Entlassene dürfen ihre an intellektuellen Positionen des frühen 20.  Jahrhunderts sich entlangschlängelnde Agenda ungehindert präsentieren.

Aber dann doch noch zwei Sachen zum Schluss:

  1. Tellkamp kann es offenbar nicht aushalten, wenn er das Gefühl hat, seine Meinung sei nicht „erwünscht“, sondern nur „geduldet“. Weichei.
  2. Grünbein sollte zum taubenblauen Anzug keine kurzen dunkelblauen Socken tragen, die gelegentlich seine Beine entblößen. Hätte man ihm bei Gallimard aber eigentlich sagen müssen.

* Einen offiziellen YouTube-Kanal des Kulturpalasts konnte ich nicht finden, also bin ich auf die Nutzung der Kanäle mir unbekannter YouTuber angewiesen, die das Video gepostet haben. Es kann sein, dass diese Kanäle auch Inhalte präsentieren, die ich politisch ablehne und von denen ich mich hiermit vorsorglich distanziere.