Konzeptmusik, Konzeptkunst – was ist das eigentlich?

Ein zusammenhängende Theorie des „Konzeptuellen“ in Bildender Kunst und Musik* ist mir nicht bekannt, obwohl die große Zeit der Conceptual art doch schon über ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Im folgenden Vortrag, den er am 25. November diesen Jahres in Düsseldorf hielt, versucht Harry Lehmann, gründlich und nüchtern wie immer, diese Lücke zu schließen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass ein „Isomorphismus von Konzept und Perzept“ das konstitutive Element konzeptueller Ästhetik sei. Das klingt – wie so oft bei Lehmann – trügerisch einfach, ist aber, wie sich bald herausstellt, das Ergebnis sehr weitgehender und scharfsinniger Reflexionen und Analysen.

Es lohnt sich für jede, die an zeitgenössischer Ästhetik interessiert ist, diesem Vortrag zu lauschen, denn dass unsere ästhetische Gegenwart auch eine „postkonzeptuelle“ (Peter Osborne) ist, dürfte klar sein:


Mein Stück Zwangsgedanke für Selbstspielklavier aus dem Jahr 2016 ist bei den Musikbeispielen dabei, was eine große Ehre bedeutet, vielen Dank dafür, Harry, das hat mich sehr berührt! Hier ist die Passage, in dem es um „Zwangsgedanke“ geht (Dauer unter 2 Minuten):


* Was ist eigentlich mit dem Konzeptuellen in der Literatur? Ich denke da immer an die Texte der Wiener Gruppe, aber gibt’s nicht noch mehr?
Werbeanzeigen

Musikgeschichte als Mediengeschichte

Wer Harry Lehmanns „medialistische“ (R. Schuster) Rekonstruktion der Musikgeschichte noch nicht kennt, für den ist dieser bereits im Februar diesen Jahres in Freising gehaltene Vortrag eine hervorragende Einführung. Lehmann schafft es, historische Makro-Zusammenhänge einleuchtend zu erklären, ohne jemals in den üblichen akademischen Jargon zu verfallen (wie ich es manchmal tue – allerdings aus anderen Gründen).

Ich komponiere und Harry Lehmann macht die Theorie dazu … gut, das ist natürlich stark übertrieben und reichlich narzisstisch, aber als ich 2012 erstmals Bekanntschaft mit Harrys Gedanken machte, kam es mir schon ein wenig so vor, also ob da zwei Bachläufe, die bisher in verschiedenen Tälern munter vor sich hin geplätschert hatten, plötzlich zusammenflössen, um sich zu einem etwas mächtigeren Strom zu vereinen. Danke, Harry!

Postskriptum: Idee für einen eigenen Vortrag: „Komponieren ohne Noten“

Ein Buch und seine Folgen

Buchcover
Wird von KunstmusikkomponistInnen offenbar nicht nur gelesen, sondern auch ernstgenommen: Harry Lehmanns Musikphilosophie „Die digitale Revolution der Musik“ aus dem Jahr 2012. Klick aufs Bild führt zum Verlag, wo die eBook-Ausgabe für derzeit € 14,99 heruntergeladen werden kann.

Jundurg Delphimė, von dem ich weiß, dass er die Weltsicht seit Jahren zumindest gelegentlich wahrnimmt, hat am 28. November den konzisen Aufsatz „Fünf Wege für eine Musik des 21. Jahrhunderts“ in sein Blog gestellt, der jedem ans Herz gelegt sei, der sich für kunstmusikästhetische Fragen der Gegenwart interessiert.

Wer diese Debatte, die ziemlich von Beginn an die Weltsicht mitgeprägt hat, kennt, wird sofort spüren, dass da einer gründlich nachgedacht hat. Aber auch wer sich in der Materie nicht auskennt, wird einen informativen, authentischen und sehr gut formulierten Text finden.

Meine eigenen Gedanken zu diesem Buch, in der Weltsicht publiziert zwischen November 2012 und März 2015, sind hier zusammengestellt.

Hirst, Lehmann und der Gehalt – und was keinesfalls passieren sollte

Weiterhin lesenswert: Harry Lehmanns kunstphilosophisches Buch Gehaltsästhetik aus dem vergangenen Jahr, das ich die Ehre hatte, lektorieren zu dürfen 🙂 In Bezug auf Damien Hirsts Skulptur The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living (1991) schreibt der Autor auf Seite 207:

Die Haiskulptur führt exemplarisch vor, über welche beiden Negationen die gehaltsästhetische Kunst aus der Konzeptkunst hervorgegangen ist. Die selbstbezüglichen Konzepte werden durch gehaltvolle Konzepte ersetzt und die Anästhetik wird durch eine gehaltsspezifische Ästhetik überwunden. In diesem Sinne wirkt die Konzeptkunst wie ein Katalysator für eine gehaltsästhetische Wende in den Künsten.

Folgendes aber sollte auf keinen Fall passieren:

Illustration: Christoph Niemann

Donald Trump als Objekt der Geschichte

Erst der „unmögliche“ Brexit, jetzt wurde ein „Unmöglicher“ zum US-Präsidenten gewählt. Es scheint dem Weltgeschehen mehr und mehr egal zu werden, wie es sich laut massenmedialer Erwartung (zumindest hierzulande, der Fox News Channel jubiliert freilich) gefälligst zu entwickeln hat. Das kann man Kontrollverlust nennen. Ich bevorzuge „Offenheit“.

Meine vorherrschende Empfindung ist nicht Furcht, sondern Neugier. Was wird passieren? Ich meine, was wird wirklich, d. h. unabhängig von den Prognosen der vielen, die angeblich genau wissen, was jetzt passieren wird und gerade kaum an sich halten können, uns ihr „Wissen“, genauer ihre Ängste und Befürchtungen, mitzuteilen, passieren?

Ich hoffe doch stark, etwas, das ich noch nicht kenne, das ich nicht erwarte, das ich nicht ahnen konnte und das auch der Gottseibeiuns persönlich, also Mr. T., weder ahnen noch wollen kann, weil er nun mal in jedem Fall – da kann er sich aufführen, wie er will – auch Objekt der Geschichte sein wird. Wer das zu abstrakt klingt, die soll sich mal an Obamas Agenda zu Beginn seiner ersten Amtszeit erinnern (Weltfrieden, das Land einen, Friede zwischen Schwarz und Weiß, mehr soziale Gerechtigkeit) und was davon trotz zweier Amtszeiten unter dem Strich Realität wurde. Mitunter hat er sogar das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte. Das soll nicht heißen, das ich Trump Erfolglosigkeit wünsche, er wird aber ganz sicher auf Hindernisse und Widerstände treffen, die wir jetzt noch nicht vorhersehen können. See what I mean?

Deshalb wage auch ich jetzt mal eine Prognose: Je konsequenter Trump versuchen wird, seine reaktionäre* Agenda in die Tat umzusetzen, desto stärker zwingt er die progressiven** Kräfte, die ihrige auf Validität zu überprüfen. Im besten Fall trägt die Präsidentschaft Trumps so zu einer konstruktiven Selbstkritik und Re-Vitalisierung progressiven Denkens und Handelns bei.

Sowohl der Brexit als auch Trumps Sieg sind auch Niederlagen der alten Kommunikations- gegen die neuen Humanmedien***. Als selber humanmedial Tätiger kann ich das aber nicht grundsätzlich schlecht finden, so wenig ich inhaltlich mit den Sympathisanten von Mr. T. gemeinsam habe.

Außerdem: Jemand, der sich ins mächtigste Amt der Welt hineingetwittert hat, kann schließlich auch wieder aus ihm hinausgetwittert werden.


* Trump ist ja nicht konservativ, sondern reaktionär. Er verfolgt eine rückwärts gewandte Utopie, weswegen sein Schlachtruf ja auch nicht „Make America great!“, sondern „Make America great again!“ heißt. Der Konservative will Bestehendes bewahren, der Reaktionär will etwas verloren Geglaubtes re-animieren. Wonach genau sich Trump zurücksehnt, scheint mir klar zu sein: In das Amerika Reagans, in dem „Neo-Liberalismus“ noch kein Kampfbegriff, sondern „Avantgarde“ war.

** Damit meine ich all jene, die das Heil nicht ausschließlich in Ideen und Lösungsmodellen der Vergangenheit suchen, sondern offen sind für (intelligente) Experimente auf der technologischen wie sozialphilosophischen Höhe der Zeit.

*** Zum Begriffspaar Kommunikationsmedien vs. Humanmedien, das ich von Harry Lehmann übernommen habe, siehe dieser Weltsicht-Artikel aus dem Jahr 2014.

Rezension der „Gehaltsästhetik“ im Artblog Cologne

covergehaltAndreas Richartz möchte Lehmanns Buch eigentlich bewundern, findet dann aber doch einige missliebige Aspekte, wie z. B. die angebliche Aussparung der politischen Dimension von Kunst* sowie die stiefmütterliche Behandlung von Subkultur**, die sein Gesamturteil schließlich eher durchwachsen ausfallen lassen, was schade ist.

Auch das leidige Thema der angeblichen „Normativität“ von Lehmanns Kunstphilosophie kocht wieder hoch. Mein Gott. Was soll das überhaupt sein, eine normative Ästhetik? Doch wohl ein theoretisches Regelwerk, das explizit und exklusiv festlegt, was gute Kunst ist und was durch’s Raster fällt. Und genau das ist „Gehaltsästhetik“ nicht.

Im ersten Teil des Buches entwirft der Autor eine allgemeine, an naturwissenschaftliche Erkenntnisse anknüpfende Theorie ästhetischer Erfahrung, im zweiten Teil artikuliert er seine Desiderate an zeitgemäße Kunst: sie müsse gehaltsästhetische Züge haben, um ihrem Kunstanspruch gerecht zu werden, ansonsten handle es sich eben „nur“ um Kunsthandwerk bzw. Design.

Ich habe den Eindruck, was speziell westdeutsch Sozialisierte immer wieder an Lehmanns Position irritiert, ist, dass da überhaupt mal wieder ein Intellektueller präzise definierte Ansprüche an Kunst stellt, anstatt sich auf ironische Kommentare zum Kunstbetriebsgeschehen zu beschränken. Wenn es aber schon normativ – sprich: eine Zumutung – ist, Ansprüche an Kunst heranzutragen, die nicht von der Künstlerin selber willkürlich vordefiniert wurden, gerät das ganze Dispositiv in Schieflage und es kommt früher oder später zu einer „Diktatur der Kunst“ – allerdings nicht im Sinne Jonathan Meeses. Denn die real existierende Diktatur der Kunst ist so gar nicht „geil“, sondern eher bleiern.

Genau diese Malaise spricht Richartz an, wenn er eine „flächendeckend erschreckende Sprachlosigkeit zwischen Künstlern (untereinander) und Publikum, ja eine nahezu vollendete Anschlusslosigkeit von Kommunikation“ beklagt. Klar: Wo „die Kunst“ sich ihre eigenen Regeln gibt und alle das prima finden, erübrigt sich jene Form von substanziellem Gedankenaustausch, die man früher „Kunstkritik“ zu nennen pflegte. Denn wer meint und argumentiert, hat schon verloren, Ende Gelände.

Was übrig bleibt, ist mehr oder minder geistreiches Geplauder. Oder eben gleich Geldverhandlungen.


* Es gibt wohl kaum politischere Kunst als gelungene gehaltsästhetische Werke wie z. B. Lars von Triers „Melancholia“, aber auch Leni Riefenstahls „Olympia“ (meine Beispiele). Freilich handelt es sich hierbei nicht automatisch um politsch korrekte Kunst bzw. um Kunst, deren politische Verortung und Vereinnahmung auf der Hand liegt.
** Hier muss ich dem Rezensenten recht geben. In „Gehaltsästhetik“ sucht man vergeblich nach Namen wie Janis Joplin oder Jimi Hendrix, einzig Steve Reichs Minimal music, die zumindest hierzulande zeitweise unter „Alternativkultur“ firmierte, findet ausführliche Erwähnung (S. 191 – 193). Das spricht allerdings nicht gegen die Allgemeingültigkeit von Lehmanns philosophischer Ästhetik, denn Schönheit, Erhabenheit, Ereignishaftigkeit und Ambivalenz finden sich natürlich auch bei John, Paul, George und Ringo. Gerade die Geschichte der Popmusik lässt sich ganz hervorragend als Abfolge von Medienver- und entschachtelungen beschreiben. Wäre eine schöne Aufgabe für eine akademische Arbeit, fällt mir gerade auf 😉

 

Hat dir dieser Text gefallen? Dann gib mir doch auch etwas zu lesen.
Am besten von meinem Wunschzettel.

Lehmann in Berlin

covergehaltVideodoku der Präsentation von Harrys brillantem neuem Buch „Gehaltsästhetik“ am vergangenen 11. Februar in Berlin-Charlottenburg, an dem ich als Lektor und „erster Leser“ (H.L.) beteiligt war. Die überaus freundlichen Gastgeber waren Sarah & Jascha Nemtsov.

Ich habe an diesem Abend auch ein wenig mitdiskutiert und außerdem im Laufe der Veranstaltung 10 Bücher für den Autor verkaufen können, was für ein so „hartes“ philosophisches Werk gar nicht mal schlecht ist 🙂

„Gehaltsästhetik“ rekonstruiert die europäische Kunstgeschichte ab ovo mit gestaltpsychologischen und systemtheoretischen Mitteln und analysiert zentrale Werke der Bildenden Kunst der letzten Jahrzehnte von Ai Weiwei, Damien Hirst, Luc Tuymans u. a. gegen den Strich als „gehaltsästhetisch“ (=post-formalistisch und auf soziokulturellen Impact hin optimiert). Weiterhin werden Bedingungen der Möglichkeit valider gehaltsästhetischer Kunst heute formuliert.

Das Video wurde praktischerweise mit Untertiteln versehen, so dass man erkennen kann, wer aus dem Publikum gerade Fragen stellt, auch wenn die betreffende Person nicht im Bild zu sehen ist. Es gliedert sich folgendermaßen (Zeitangaben gerundet):

  • Begrüßung durch die Gastgeberin: 0:00 – 1:30
  • Der Autor präsentiert sein Buch: 1:30 – 45:00
  • Gedankenaustausch zwischen dem Autor und dem Kunsthistoriker Christian Demand 45:00 – 1:04:00
  • Der Autor stellt sich Fragen des Publikums 1:04:00- 1:19:00

Leseprobe (PDF)
Gehaltsästhetik@Wilhelm Fink
Gehaltsästhetik@amazon.de
Gehaltsästhetik@ebook.de