(non-)MIDI Mists – Xenakis und der Transhumanismus

Musikarchitekt Iannis Xenakis versah sein Klavierstück „Mists“ aus dem Jahr 1981 absichtlich mit „unspielbaren“ Passagen. Fragt sich, wie er das gemeint hat. Nun, bisher begnügte man sich mit performativen Annäherungen an das „Unspielbare“, ganz wie der junge Pianist Hayk Melikyan es hier tut => non-MIDI Mists:

Es existiert auch eine hervorragende, vier (!) Minuten längere Interpretation des Pianisten Roger Woodward, dem Xenakis „Mists“ gewidmet hat. Vermutlich stammt sie aus der Entstehungszeit der Komposition, also den frühen 1980er Jahren. Ich konnte allerdings nur eine YouTube-Variante in miserabler Tonqualität entdecken :-(. Wer sie dennoch hören möchte, hier ist der Link.

Man kann es allerdings auch machen wie YouTube-Nutzer „allarmunumralla“ und alle Noten einfach in einen MIDI-Sequenzer eingeben, der dann ein (hier virtuelles, im Prinzip könnte es aber auch ein elektromechanisches sein) Selbstspielklavier ansteuert => MIDI Mists:

Auch hiervon existiert eine weitere, auf CD erschienene bzw. als MP3-Download erhältliche Variante des deutschen Musikers Daniel Grossmann aus dem Jahr 2008. Ich ziehe allarmunumrallas mit etwas mehr Hall und etwas „humanerem“ Anschlag ausgestattete Realisierung allerdings vor. Grossmanns Variante mag „korrekter“ sein (?), allarmunumrallas ist aber definitv angenehmer zu hören.

Ein anonym bleiben wollender YouTube-Nutzer ist also in der Lage, eine zumindest gleichwertige Realisierung eines Klassikers der Neuen Musik „allein zuhause“ zu erstellen!* Ein weiteres schönes Beispiel für Harry Lehmanns These von der Demokratisierung und Ent-Institutionalisierung der Neuen Musik durch die Digitale Revolution aus dem Jahr 2012.**

Welche Versionen sind nun authentischer bzw. zeitgemäßer? Die non-MIDI Mists von Woodward und Melikyan oder die MIDI Mists von Grossmann und allarmunumralla? Und wie hängt die Beantwortung dieser Frage mit den philosophischen Problemlagen zusammen, die Transhumanismus und Künstliche Intelligenz aufwerfen?

Stoff für mindestens einen weiteren musikphilosophischen Aufsatz – von wem auch immer.


* Nerd-Info: Über die technische Seite der Realisierung sagt allarmunumralla „Created, edited and mastered (by myself) in Digital Performer 5.13 (MOTU) using Ivory 2.0 sound banks (Synthogy).“

** Vgl. auch meinen Essay „Von der Tomate zur Tütensuppe“ aus dem selben Jahr. Zum Thema KI und musikalische Komposition siehe mein Dramolett „Interaktivität 2.0„.

(non-)MIDI Mists – Xenakis und der Transhumanismus