Geri Allen Trio „Unconditional Love“ (2011)

So schön, dass es weh tut:

So zärtlich können Blockakkorde sein. Auch die Komposition ist von Allen. Das bemerkenswerte Bass-Solo spielt Kenny Davis, das Zeug schlägt Tain Watts. Die Musik wurde am 7. September 2011 im Village Vanguard, dem Bayreuther Festspielhaus des Jazz, vom NPR, einer Art öffentlich-rechtlichem Rundfunk der USA (den es ja – bitte nicht vergessen – neben dem Fox News Channel auch gibt), mitgeschnitten. Das ganze Konzert kann man hier kostenlos und legal streamen.

P.S.: Falls sich jemand über den „angeschnittenen“ Anfang wundert: Das Trio spielte „Unconditional Love“ direkt im Anschluss an ein anderes Stück, eine echte Generalpause gab es da nicht.

Geri Allen Trio „Unconditional Love“ (2011)

Video der Woche: KW 43 : Geri Allen rockt die Pariser Philharmonie (2016)

gaIch habe Allens Karriere so ziemlich von Anfang an, also ab Mitte der 1980er-Jahre, mitverfolgt – die Schallplatte links habe ich damals sogar für das Fanzine „10.16“ besprochen, wenn ich mich da richtig erinnere (Herr Zimmermann?), fühlte mich aber zwischendurch immer mal wieder recht weit weg von ihr (als Jazzpianist) und war mitunter einfach enttäuscht, weil sie die Erwartung, die ich in sie setzte, nicht erfüllte. Sollte sie doch die Pianistin sein, die Steve Colemans M-Base concept, den Gegenentwurf zum Neo-Klassizismus von Wynton Marsalis, in die pianistische Praxis überführte.

Seit einigen Tagen hat sich das drastisch geändert:


Leider weiß ich nicht genau, wie das Stück heißt – in jedem Fall ist es es von McCoy Tyner. Die Namen ihrer wackeren Mitstreiter habe ich mittlerweile herausgefunden, es handelt sich um den Kontrabassisten Gerald Cannon und den Drummer Francisco Mela, beide Teil von Tyners aktuellem Trio. Was ich genau weiß, ist, dass mir die vollkommen überraschendende pop-harmonische Wende des Stücks ab 2’28″* immer wieder einen kleinen euphorischen Kick beschert 🙂 Wow, that’s it!

M-Base als abstraktes ästhetisches Konzept für improvisierende MusikerInnen dürfte hierzulande nicht sonderlich bekannt sein, deshalb hier mal ausnahmsweise zwei (leicht bearbeitete) Wikipedia-Snippets zum Thema. Den Begriff erklärt die deutschsprachige Wikipedia folgendermaßen:

Der Ausdruck M-Base ist einerseits eine Abkürzung für „Macro Base“ (große, weite, starke Basis) und enthält andererseits mit dem Wort „Base“ eine Abkürzung für „Basic Array of Structured Extemporizations“ (grundlegende Anordnung strukturierter Improvisationen).

Und die englischsprachige Wikipedia fasst die wesentlichen Desiderate von M-Base so zusammen:

(…) improvisation and structure, contemporary relevance, music as expression of life experience, growth through creativity and philosophical broadening and the use of non-western concepts.

Neben Allen und Coleman steht auch die Sängerin Cassandra Wilson dem M-Base nahe, der eine Generation jüngere Pianist Vijay Iyer und die zwei Generationen jüngere Bassistin und Sängerin Esperanza Spalding schöpfen – nach meinem Eindruck – ebenfalls aus dieser Quelle.

Eine Art „Markenzeichen“ des M-Base ist die selbstverständliche Verwendung komplexder, d. h. ungerader oder zusammengesetzter Metren innerhalb ansonsten konventioneller Jazz-Rhythmik, eine bis dahin eher exotische Praxis. Hier ein glänzendes Beispiel aus dem Jahr 1998, ebenfalls mit Geri Allen im Trio.


* Ab hier – und das meine ich als Kompliment – könnte das Stück auch aus der Feder von Sergio Mendes stammen
Video der Woche: KW 43 : Geri Allen rockt die Pariser Philharmonie (2016)

Anthony Braxton Quartet @ Jazzbühne Berlin (Friedrichstadtpalast), DDR 1985

Es ist immer wieder faszinierend, wie es Braxton versteht, durch seine erweiterten Spielanweisungen für improvisierende MusikerInnen („Compositions“) die Dinge im Fluss und spannungsreich zu halten, ohne dass man das Gefühl hätte, diese (also die MusikerInnen jetzt) seien dadurch irgendwie eingeengt.

Wenn es nicht so hässlich klingen würde, könnte man von einem Hybrid- bzw., äh, Bastardverfahren zwischen Improvisation und Komposition sprechen („Amalgam“ klänge ja ganz komisch nach Zahnarzt, „Komprovisation“ irgendwie obszön. „Gelenkte Improvisation“ wiederum hört sich an wie ein durchaus entbehrliches musikalisches Gegenstück zu Wladimir Putins „Gelenkter Demokratie“). Bleiben wir also bei der etwas monströsen Formulierung „erweiterte Spielanweisungen für improvisierende MusikerInnen“.

Anthony Braxton Quartet @ Jazzbühne Berlin (Friedrichstadtpalast), DDR 1985