Philosophischer Death Metal – Jean Baudrillard zum Elften September

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Minoru Yamasaki, Architekt des World Trade Center, vor seinem Werk. Die Skulptur im Hintergrund stammt übrigens von dem Würzburger Bildhauer Fritz Koenig.

Im November 2001 veröffentlichte der französische Philosoph Jean Baudrillard (1929 – 2007) den Text „Die Gewalt der Bilder. Hypothesen über den Terrorismus und das Attentat vom 11. September“, mit dem ich mich in der Folge ein wenig auseinandersetzen möchte:

… das Ereignis – und seine Singularität – …besteht [darin], dass es innerhalb eines …. generalisierten Tauschsystems plötzlich eine Zone schafft, in der ein Tausch unmöglich ist […].

Sehnt der Philosoph hier ein Wiedererscheinen von „Fremdartigkeit“ herbei für seine (nicht meine) entzauberte, metaphysisch langweilig gewordene Welt? Kommt ihm da NineEleven als „singuläres“ Ereignis gerade recht?

Wenn man diesen Moment der Bestürzung, der … Bewunderung … ablehnt, vermisst man jede Chance des Verstehens.

Das wäre dann exakt die Stockhausen-Position: NineEleven würde zum „größten Kunstwerk aller Zeiten“, ohne moralische Wertung, einfach, weil diese Tat so maßlos pathetisch ist. Genau besehen, ist sie ja nicht einmal irrational, denn sie war strategisch brillant konzipiert: Yamasakis Twin Towers sind bzw. waren das bekannteste architektonische Symbol des globalen Kapitalismus. Wenn wir, die Terroristen, dieses Symbol jetzt physisch zerstören, zerstören wir damit symbolisch den globalen Kapitalismus, oder?

Was ist denn in der Lage, wieder eine Zone zu erschaffen, in der der Tausch unmöglich ist, die potentielle Leere, aus der eine … fremdartige Situation erwachsen könnte?

NineEleven kann so mit etwas Chuzpe als „Soziale Plastik“ im Sinne Beuys‘ und seiner Wiedergänger (z. B. Schlingensief) interpretiert werden. Ob Atta und seine Spießgesellen dabei tatsächlich glaubten, den realen Kapitalismus durch einen symbolischen Akt zerstören zu können, spielt keine Rolle. Ihnen reichte wohl die Tatsache aus, dass Luftangriffe auf so riesige Gebäude an so einem prominenten Ort in jedem Fall gewaltige unmittelbare und mittelbare Schäden anrichten würden. Ihr Kalkül ist aufgegangen.

… es ist … keine Repräsentation dieses Ereignisses möglich, es ist in allen Diskursen … undarstellbar.

Das „in allen Diskursen Undarstellbare“ kann eigentlich nur „Gott“ oder wahlweise „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ (Böll) heißen. Aber wer legitimiert eigentlich Baudrillard, ausgerechnet NineEleven zum „absoluten Ereignis“ zu machen? Doch wohl nur Baudrillard selber, der damit vom Philosophen zum Priester wird: er erklärt ein reales Vorkommnis zu einer Gotteserscheinung, ohne sich dabei auch nur den Anschein rationalen Argumentierens zu geben.

Im Grunde ist das Ereignis als … einzigartiges … schon verschwunden … in einer ungeheuren … ideologischen Täuschungsarbeit, die eigentlich eine Trauerarbeit ist. Das Ereignis muss gelöscht werden, und der Diskurs soll seine Konsequenzen tilgen.

Also gibt es nun doch einen Diskurs, der das undarstellbare Ereignis darstellen kann? Oder was jetzt?

Von all diesen Vorgängen behalten wir vor allem das Erlebnis der Bilder, sie sind jetzt … unsere Urszene.

Ausgerechnet Baudrillard, der Hohepriester des Virtuellen, der Totengräber des Authentischen, spricht hier von „Urszene“, also einer, nach Freud, traumatisierenden Erfahrung, die jedoch verdrängt werden muss und irgendwann und irgendwo an unerwarteter Stelle Neurosen verursacht?

Was ist aber nun mit dem ‚wirklichen‘ Ereignis, wenn das Bild, die Fiktion, das Virtuelle allenthalben in die Realität eindringen?

Nun:

Dass die Türme des World Trade Centers einstürzten, war unvorstellbar, aber nicht genug, um daraus ein reales Ereignis zu machen.

Diese Art von Humor habe ich bisher noch bei keinem anderen Autor gefunden.

Das Spektakel des Terrorismus zwingt uns den Terrorismus des Spektakels auf.

Will sagen, NineEleven schafft es gerade nicht, „Wirklichkeit“ und „Geschichte“ wieder ihre verlorene Unschuld wiederzugeben. Wann und wodurch haben sie diese Unschuld eigentlich verloren? Muss schon sehr lange her sein, ich erinnere mich nicht, dass „Wirklichkeit“ und „Geschichte“ jemals unschuldige Begriffe gewesen wären. Selbst die pathetischste Kunstaktion aller Zeiten (meine Formulierung) entkommt, so Baudrillard, nicht der Tatsache, das sie nur als ein lediglich auf andere Zeichen verweisender Signifikant kommuniziert werden kann, sie kann, negativtheologisch gesprochen, keine Eucharistie ersetzen (Wen wundert’s?). Sie unterliegt, wie alles auf der „Ebene der Bilder und der Information“, der „unumschränkten Reversibilität“, d. h. der Umkehrbarkeit, der Möglichkeit des (Aus-)Tausches.

Baudrillard lässt mit dieser Argumentation allem wohlfeilen und gerade zum zehnten Jahrestag wieder allgegenwärtigen Pathos über NineEleven in allerdings nicht minder pathetischer, für mich, ich gebe zu, nicht ganz verstehbarer Weise, die Luft raus. Atta und seine Attentatskollegen, so möchte ich Baudrillard interpretieren, haben es trotz der Monstrosität ihres Tuns nicht geschafft, ein Ereignis zu generieren, das die Macht der „magischen Kanäle“ (McLuhan) bricht, das durch seine schiere „Unvorstellbarkeit“ bzw. eine bisher unbekannte Form von Obszönität ein Loch in die ach so virtuelle Welt brennt und so der „Wahrheit“, dem „Realen“ (welchen Inhalts eigentlich?) zum Sieg verhilft.

Es ist nicht bloß erschreckend, sondern auch wirklich geschehen.

Aber wer, außer Baudrillard selber, hätte sich denn ein so obszönes Super-Ereignis überhaupt gewünscht? Es tut mir leid, ich kann mir dieses Super-Ereignis nur als eschatologisches (Tod, Jüngstes Gericht, Himmel, Hölle) vorstellen, und als Agnostiker kann ich nun mal nicht davon ausgehen, dass die Apokalypse wirklich kommt. Und NineEleven hatte vielleicht höllische Züge, aber es war nicht „die“ Hölle. Also war NineEleven auch nicht singulär, es war und ist kontextualisierbar, es war und ist, auf die eine oder andere Weise, darstellbar, es generierte und generiert weiterhin politische, journalistische, ästhetische und, nicht zu vergessen, ökonomische Diskurse.

Zu postulieren, all diese Bestrebungen würden den dunklen Kern des Geschehens („das schwarze Licht des Terrorismus“, so Baudrillard) nicht erreichen, ist ebenso arrogant wie banal. Arrogant, weil Baudrillard dadurch für sich, und nur für sich, beansprucht, zu wissen, „was der Fall ist“, banal, weil ein Ereignis auf der „Ebene der Bilder und der Information“ noch nie vollständig und ohne Reibungsverlust (also „irreversibel“ im Sinne Baudrillards) kommuniziert werden konnte.

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