hetzeltriooberduerrbach 2013-09-21

Hetzel, Thieme und Volpert direkt nach der Einspielung am 21. September 2013. Foto: Christoph Reiß, Bearbeitung: S. H.
Offenbar restlos glücklich: Hetzel, Thieme und Volpert direkt nach der Einspielung am 21. September 2013. Foto: Christoph Reiß, Bearbeitung: S. H.

Wohl seit den Tagen des raumquartier-Projekts Anfang diesen Jahres geisterte bei BluesRockJazz-Gitarrist Jochen Volpert die Idee durch den Kopf, Improvisierte Musik mal „mit richtig gutem Sound“ aufzunehmen (früher hätte man „im Studio“ gesagt). Am 21. September war es dann so weit. Wir trafen uns, augmentiert durch die Vokalistin Carola Thieme, bei Toningenieur Christoph Reiß zu Hause – und spielten. Und spielten. Und spielten.

Take 1

Take 2

Take 3

Take 4

Die Homepage des Items bei archive.org ist hier.

raumquartier@Guitarworld.de

raumquartier-Gitarrist Jochen Volpert, wenig vertraut mit Improvisierter Musik (wie einige andere Akteure des Projekts auch) und bisher vor allem als Blues- und Rockgitarrist unterwegs, war wohl einfach neugierig, wie seine aktuellen musikalischen Erfahrungen so „allgemein“ ankommen und verlinkte unsere Arbeiten einfach mal mit folgenden Worten im Mainstream-Forum Guitarworld.de:

Musik für Wenige hier ein Projekt … wer lässt sich darauf ein? smile Nix geprobt – nix abgesprochen …

Hier eine Auswahl von Kommentaren, die er daraufhin erhielt. Jeder Block kompiliert die Aussagen eines Kommentators, anonymisiert als „K1“ bis „K15“. Alle orthographischen und grammatikalischen Eigenheiten und die zeitliche Abfolge wurden beibehalten. Einige Kommentare wurden gekürzt. Die verwendeten Emoticons wurden in Normalsprache transkribiert.

K1: Moin, hab‘ mich ca. 4 Minuten darauf eingelassen. Ist das Jazz? (duck und wech)

K2: Ich habe mich ein wenig auch darauf eingelassen. Bestimmt spannend für die, die es machen. Und zum Zusehen, weil ich Musik gerne entstehen sehe, wie die Interaktion zwischen den Musikern und mit dem Publikum läuft usw. Zum reinen Hören passt es nicht zu mir.

K3: Mir gefällt das sehr gut. Eben lief bei mir noch SRV [gemeint ist vermutlich Stevie Ray Vaughan; S.H.] Live at Montreux und danach ist Eure Musik für meine Ohren eine ziemliche Entspannung smile Improvisierte Musik zu spielen, ist spannend und belohnend. Den Thread-Titel hätte ich weniger exkludierend (?) formuliert. besten Dank dafür!

K4: Ähm… mmmh?! Ich habe beide Aufnahmen etwa eine Minute laufen lassen … Habe ich richtig gehört? Oder sind meine Lautsprecher kaputt? Bei der ersten Aufnahme hört man jemand rumtrampeln und ein Klavier spielt immer zwei Akorde, bei der zweiten Aufnahme hört man … nix. shocked Also, wenn das Musik ist, dann tatsächlich nur für wenige. wink Ich kann damit garnix anfangen. Achselzucken Sorry.

K5: Also, ich hab mich auch mal durch die erste Nummer gezappt. Die ersten zehn Minuten, ähm, wie schreibt der Mensch auf der homepage: Stilistik des Diletantismus … nix für mich. Irgendwo bei ca. 11 min kommt dann mal was, was man Groove nennen könnte. mit minimalistischen Anklängen. Das Kann Nik Bärtsch aber viel spannender. Dann zerfällt es irgendwann wieder in Bedeutungslosigkeit. Neee, wesentliche Elemente, die für mich Musik definieren sind ja immer noch Meldoie, Harmonik und Rhythmus. Das fehlt hier fast ganz. Das ist ein Happening, aber keine Musik. und dabei höre ich schön recht viel strange Mucke … Ich war vor Jahren mal mit dem Forumsmitglied X. auf einem LiveGig eines Quartetts, die Impro-Jazz gemacht haben. Da war immerhin noch Groove dabei. Und selbst das war selbst für Musiker so, dass man sagen muss, dass bei rein improvosierter Musik ein Auftritt geil ist, wenn weniger als die Hälfte Füll & Schwund ist. Ist so. Der X. weiß das, weil er auch schon mal in diesen Bereichen musiziert und ich habe letztes Jahr auch mal eine Session mit einem Saxer und einem Percussionisten frei improvisiert. Das war aber immer noch modales Gedudel, so unter dem Motto: nächstes Stück: D-Lydisch. Da waren dann auch magische Momente dabei. Das hier gezeigte ist mir einfach zu collagenhaft. Da ist so eine Stelle dabei, wo Papier zerrissen wird. Das ist erstmal Klang. Daraus könnte Rhythmus werden. Reentko ist zB ein Musiker, der seine perkussiven SOunds zT aus ungewöhnlichen Quellen generiert. Sehr geil. BItte mal googlen/jutuben … LOL Das Papierzerreißen im Video stellt sich für mich allerdings ziemlich beliebig dar.

K6: Die minimale Definition von „Musik“ ist: „eine organisierte Form von Schallereignissen.“ Quelle Wikipedia Hier gibt es im Wesentlichen nur Schallereignisse ohne Organisation. Wenn der Drummer in einen Beat fällt, dann gibt es kurz „Musik“, weil sich alle ihm anpassen. Die restliche Zeit improvisiert jeder vor sich hin ohne Bezug zum Rest. Mir kommt Joseph Beuys in den Sinn und seine Theorie über Kunst, die ich nicht teile. Unsystematischer Geräusche sind für mich Krach. Mir gefällt es einfach nicht. Zumindest nicht zum Hören. Mitmachen könnte Spaß machen, da die Mitmusiker vermutlich interessante Menschen sind. Und Frauen, die an solchen Dingen Spaß haben, sind oft auch sonst interessant.

K7: schöne interaktion zwischen piano und gitarre und drums. ich finds cool. liegt aber auch daran, dass meine Ohren durch Marc Ducret u.a. geschult wurden.

K8: Hurz????

K9: ich sehe das so: Es wäre schön gewesen, wäre der obigen Situationsbeschreibung Musik gefolgt, in der die Musiker eben auch ohne Probe und Absprache zueinander gefunden und miteinander musiziert. Wenn Musik zu einer Art Sprache wird, in der man sich verständigt. So wie es immer wieder mit unserem Drummer vorkommt, dass er und ich in einem 15minütigen Jam ohne Absprache, Einleitung und Blickkontakt mittendrin gemeinsam ein Break treffen – das ist mir immer wieder eine innerliche Gartenparty, da sage ich dann auch gerne und mit Stolz „Nix geprobt – nix abgesprochen“. So etwas finde ich bei Euch leider nicht. Das klingt mir sehr angestrengt nach Kunst. Vielleicht belächelt mich die Kunstszene dafür als Simpel, aber mir gefällt Musik mehr, wenn sie miteinander gestaltet wird als irgendwie nebeneinander her. Achselzucken Gruß & Grooves

K10: Mir gefällt sowas ja … ich höre aber auch Fred Frith und Henry Kaiser wink Es ist jedenfalls ein Weg, aus Musik auch Kunst zu machen. Was ich allerdings immer noch nicht mag, ist, wenn man Kunst oder Musik als großes Minimalwerk bezeichnet, es im Grunde genommen aber nur ein Produkt von Unfertigkeiten darstellt. Was aber nicht heißen soll, das nicht jeder auch Musik oder Kunst machen soll. Wenn aber jemand, der offenbar sein Handwerk versteht, dafür auch viel getan hat, sich neuem öffnet, dann kann das auch schon mal „schräg“ oder „zusammenhangslos“ wirken. Interessant ist es allemal, wenn auch nicht für jeden.

K11: Also ich hab’s lange Zeit versucht zu hören über Kopfhörer. Es macht mich aber nervös und auch aggressiv – etliche Kissen flogen laughing Ich denke das ist Musik die man auch sehen muss, oder besser noch aktiv daran teilnehmen muss. PS: wenn ich Licks von alten Bluesern übe läuft auch alles flüchtend aus dem Haus razz

K12: viele stellen sich auf die Bühne ungeprobt und ohne Absprache … aber mit Konzept, Songs, Melodien und gemeinsamer Sache … all das was Musik ausmacht. Hier höre ich ein paar Individualisten bei einem Experiment … Ich bin ehrlich: Experiment gescheitert. aber ich bin konservativ und Traditionalist … mit dem Modernen habe ich es nicht so … mir ist das zu gewollt anders, ohne für den Zuhörer einen wirklichen „Aha-Effekt“ zu erzeugen. Denn irgendwann muss zumindest ein Ton mal ein gewissen „Aufbegehren“ oder sagen wir platt „Gefühl“ erzeugen … das ist nur Kopf … und Musik ist für mich primär eines „Gefühl“ … Es geht darum, dass „man“ als Zuhörer eine gewisse Struktur erwartet. Hier hat man das Gefühl, jeder macht sein Ding für sich … das ist wie in der Kommunikation, der Empfänger entscheidet über den Inhalt … wenn kein konkreter Inhalt beabsichtigt ist, wird`s für viele schwer darin einen zu erkennen bzw. „zu erfinden“ oder wie so oft „hineinzuinterpretieren“ … ich halte auch nichts davon „dem Modernen des modern sein Willens“ zu fröhnen … das hat für mich schon eine neue Dimension der „Spießigkeit“ … Für mich ist das Mindestmaß an Struktur schlicht und ergreifend „motivorientiertes gemeinsames Spiel“ … Ich höre und erkenne keine Motive … das hat was mit Beliebigkeit zu tun … mit Jazz würde ich mich gerne etwas mehr beschäftigen, komm ich aber auch aus Zeitgründen nicht wirklich rein … ich mache eigentlich in der Musik ausschließlich das, was ich wirklich gerne und mit Leidenschaft mach und hör … gestörte Musik gehört definitv nicht dazu…. wink ich sehe auch keine Notwendigkeit, meinen Radius noch mehr zu erweitern … ich möchte auf meinem Instrument auch nicht ständig was neues ausprobieren, sondern das was ich kann, so gut wie möglich spielen … lieber spiele ich 10 Licks wirklich richtig perfekt und geil, wie 300 so lala und blutleer. Ich kann mich nur mit etwas identifizieren, was ich beherrsche, nichtmit etwas was ich nur mal ausprobiere …

K13: Es ist natürlich mutig, so einen Link in einem Gitarrenforum zu posten. Schließlich sind Rockmusiker fast so konservativ wie Taliban, nur nicht ganz so gewalttätig. wink Nachdem ich die Kommentare gelesen hatte, habe ich eine ganz wilde oder abstrakte Musik erwartet. Ich war überrascht, dass ich dann so viel Wohlklang zu hören bekam. Mir hat’s jedenfalls gefallen, und ich finde das überhaupt nicht angestrengt oder verkopft. Danke für den Link, Jochen! Und zum Thema „nix geprobt, nix abgesprochen“: Wenn man sich so auf die Bühne stellt, geht man natürlich auf volles Risiko, weil man keine festen Strukturen hat, die als Sicherheitsnetz funktionieren. Ein missratener Song ist immer noch als solcher erkennbar, mit freier Improvisation kann man dagegen voll auf die Nase fliegen, wenn’s nicht funkt. Andererseits können dabei auch Dinge entstehen, die komponiert und geprobt nie passiert wären. Dazu gehört aber auch, dass man genau aufeinander hört und es zulässt, dass sich das Stück beim Spielen verändert und in neue Richtungen geht. Das ist was anderes als 10 Minuten D-Lydisch. wink […] so wahnsinnig „modern“ finde ich das gar nicht, was ich da gehört habe. Da gab es schon in den 1960er Jahren wesentlich abgefahrenere Musik. Es ist halt auch eine Frage der Hörgewohnheit. Wenn ich bisher nur Bach gehört habe, werde ich mich mit einer Mahler-Symphonie auch erst einmal schwer tun. Deshalb finde ich das auch gar nicht verkopft, was ich da höre. Im Gegenteil, für mich ist das eher Bauchmusik als der Bluesrock einer Coverkapelle.

K14: Hi, die Bezeichnung „Musik“ finde ich in diesem Zusammenhang etwas irreführend smile Nix für ungut

K15: Ohne Kontext und Struktur, ohne Entwicklung … komisch. Jeder Mainstream Radio-Hit ist aber genauso wenig wirksam bei mir. Einzig die Gitarrenimpro später im Stück erinnerte mich an Themen von Nguyen Le, wem der was sagt … Das war dann ein interessanter Punkt. Ansonsten könnte man sagen. Das ist Musik, aber sie klingt nicht schön. Also ist es Kunst? Musik ist immer eine Kunstform. Sie löst i.d.R. etwas aus. Hier vielleicht bei vielen Abneigung. Wunderbar! Ziel erreicht ! wink