Pianogramme

Unter dem Pseudonym Joey Cloud hat ein australischer Programmierer eine wunderbare Visualisierungsidee für Klaviermusik konzipiert und zur freien Anwendung ins Netz gestellt:

The visual … shows how often each key gets pressed relative to the rest for a given piano piece. It is a piano-looking histogram, so I named it a Pianogram!

Histogramme kannte ich vom Display meiner digitalen Kompaktkamera, wusste aber mit ihnen nichts anzufangen. Die Wikipedia erklärt hier recht akademisch: „Ein Histogramm ist eine graphische Darstellung der Häufigkeitsverteilung … skalierter Merkmale. […] Es werden direkt nebeneinanderliegende Rechtecke von der Breite der jeweiligen Klasse gezeichnet, deren Flächeninhalte die … Klassenhäufigkeiten darstellen. Die Höhe jedes Rechtecks stellt dann die … Häufigkeitsdichte dar.“ Alles klar? Nein? Ok, hier ein gutes Beispiel, ebenfalls aus der Wikipedia:

histogramm_tore

Jetzt klar? Ich denke schon: Das Diagramm zeigt recht anschaulich, dass die meisten Tore während der Fußball-Europameisterschaften 2004 und 2008 zwischen der 85. bis 90. Spielminute fielen, die wenigsten zwischen der 10. bis 15.

Nun war ich natürlich neugierig, wie die Pianogramme meiner eigenen Klaviermusik aussehen würden. Kein Problem: Man kann beliebige Standard MIDI Files auf Joeys Pianogram-Seite hochladen, wo sie in Sekundenschnelle visualisiert werden. Diese Visualisierung kann man anschließend als PNG-Datei herunterladen. Und so geschah es. Hier 4 prägnante Beispiele inkl. kurzer Kommentare:

Abyss [Audio-Link]
Pianogram_Abyss

In diesem Stück habe ich mich (bewusst) besonders „gehenlassen“, d. h. während der Improvisation innere Kontrollmechanismen zeitweise stark heruntergedimmt und den Dingen ihren Lauf gelassen. Interessanterweise nähert sich das Pianogramm dadurch (?) der Gauß’schen Glockenkurve („Normalverteilung„), allerdings mit deutlichem „Linksdrall“, was sich evtl. daraus erklärt, dass ich Linkshänder bin und das Stück gedanklich „dunkel“, d. h. „tief“ angelegt war. Die anomale Häufigkeit des obersten Tons ist dagegen leicht erklärbar: Eine mittellange Passage von „Abyss“ beinhaltet die permanente Repetition dieses Tons als zentrales Gestaltungselement.

Rätsel [Audio-Link]Pianogram_Raetsel

… und hier das krasse Gegenstück: Ca. die Hälfte aller Klaviertasten werden überhaupt nicht berührt, und von den wenigen verwendeten Tasten werden auch noch drei extrem bevorzugt. Warum es gerade diese sind, ist mir momentan nicht klar*, es muss aber natürlich mit dem musikalischen Material der Komposition zu tun haben. Dennoch war ich von der extremen Dominanz von nur 3 Tönen ziemlich überrascht, denn so eintönig dreitönig klingt „Rätsel“ in meinen Ohren nicht ;-).

all mixed up [Audio-Link]Pianogram_allmixedup

Hier ist – mit etwas gutem Willen – eine nahezu mittige Glockenkurven-Struktur zu erkennen. Die beiden „Ausreißer“ oben (weiße Taste) und unten haben wiederum eine kompositorische Erklärung. In „all mixed up“ gibt es eine Passage, in der diese beiden Töne als „Rhythmusbox“ verwendet werden (einfach ins Audio reinhören, dann wird klar, was ich meine).

Miniatur [Audio-Link]Pianogram_Miniatur

Der Tastenverwendung ist hier nicht ganz so reduziert wie bei „Rätsel“, dafür bewege ich mich aber wirklich ausschließlich in der mittleren Lage, die unterste wie die obersten eineinhalb Oktaven werden komplett ignoriert. Innerhalb der mittleren Lage ist die Tonverwendung grob glockenkurvig, aber im Detail eher, äh, chaotisch.

Keine Ahnung, ob Clouds Pianogramme in dieser Form wirklich ein tiefgründiges musikologisches Analysetool darstellen, darauf kommt es mir in diesem Artikel aber auch gar nicht an. Es geht mir vielmehr – wie eigentlich immer auf der Weltsicht – um Belege für die These, dass die Digitalisierung einen immer noch nicht in aller Breite und Tiefe verstandenden soziokulturellen Wandel auslöst, wie wir die Welt – hier: Musik – sehen, den ich gerne „Soziodigitalisierung“ nenne.

„Joey Cloud“ ist alles andere als ein Kunstmusik-Experte, er beschreibt sich selbst so:

In my free time I enjoy watching movies, playing DotA, lurking on reddit, developing things for web, playing piano, and collecting/trading Pokemon cards.

Er ist also ein nahezu prototypischer Nerd und hat vermutlich keine akademische musikalische oder kulturwissenschaftliche Vorbildung. Nun, Nerds sind es gewohnt, Daten zu visualisieren, z. B. die aus ihren für mich weiterhin wenig inspirierenden Multiplayer-Ballerspielen, wie das von Cloud erwähnte DotA, oder auch Word of Warcraft, mit denen sie ihre Tage verbringen ;-). Cloud hat seine so erworbene „Visualisierungskompetenz“ auf die 88 Tasten des guten alten Klaviers angewandt – mehr nicht. Das ist so simpel, dass man sich fragt: „Warum ist da nicht schon früher jemand drauf gekommen?“**

Das wiederum ist eine Frage, die man sich nur bei wirklich guten Ideen stellt, und zwar immer wieder.


* Ergänzung 2016-05-01: Mittlerweile hat sich das geklärt. Die drei Töne bilden einen linkerhand häufig, aber sehr leise repetierten Begleitakkord, der nicht unangenehm auffällt.

** Sollte jemand darüber etwas wissen, bitte melden, danke :-).

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