«6p4ppp (6 Pieces for Prepared Player Piano), 2016»

Kompositionsnotiz

Das bereits bestehende Stück wurde mit K.J. Werners frei im Internet erhältlicher Sample-Bibliothek eines streng nach John Cages Angaben präparierten Konzertflügels neu gerendert und anschließend dem gewaltigen Hall des York Minsters ausgesetzt. Dieses Stück ist also (mal wieder) ein „lupenreiner digitaler Bastard“, bzw., vornehmer ausgedrückt, ein iteriertes Kunstmusik-Mashup: Laurie Spiegel durch die Brille von S.H. durch die Brille von John Cage. Aber Spaß macht es auch 🙂

prepared_piano_EDIT

Zur Entstehungsgeschichte seiner Sample-Bibliothek schreibt Werner:

I recorded these prepared piano samples in October, 2011 on the CCRMA stage using my Zoom H4n and its built-in stereo mic pair. The grand piano on the CCRMA stage had been prepared for a performance of John Cage’s „Sonatas and Interludes for Prepared Piano,“ and I made recordings of each altered note, without and sometimes with the sustain pedal engaged (none of the notes above G#5 have a sustained version, as a consequence of my race against the recording time available to me).

Werner hat die Sample-Bibliothek unter einer Creative Commons Attribution 3.0 Unported License publiziert.

 

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«6p4ppp (6 Pieces for Prepared Player Piano), 2016»

Auch John Cage mochte nicht alles

Leider habe ich Cages Kommentar zu den Arbeiten Brancas in diesem Video akustisch nicht komplett verstanden. Aber vom „Hirten und seiner Herde“ ist in jedem Fall die Rede (im Sinne von: „Ich, Cage, bin der Hirte.“). Kann das bitte mal jemand für mich heraushören?

Das komplette Interview mit Branca steht hier.

Auch John Cage mochte nicht alles

Der schlechte Komponist John Cage

Ausschnitt der Flügel-Präparierung, fotografiert von S. H. unmittelbar nach dem Konzert am 24. Oktober 2012 im Toscana-Saal der Würzburger Residenz Vermutlich kann man die „Sonatas and Interludes“ von 1949 nicht besser spielen als Armin Fuchs. Genau deswegen fiel mir umso mehr auf, wie mäßig dieses Stück doch eigentlich komponiert ist, wie langweilig das alles vor sich hinplätschert mitunter. Ist Cage ein „schlechter Komponist“? Mochte er deshalb Erik Satie, der auch ein „schlechter Komponist“ war? Vermutlich. Aber was ist hier mit „schlecht“ gemeint? Cage ist „schlecht“ im Licht einer ausdifferenzierten, „späten“ Ästhetik, bei der die Nuance mehr zählt als die Erfindung, das skrupulös formulierte Detail mehr als der noch etwas unklare, aber überraschende Einfall, das Feinstoffliche (was immer das ist) mehr als der krude Paukenschlag.

In diesem Sinne mangelt es gerade heute fatal an schlechten Komponisten, speziell in der „Neuen Musik“.

P.S. Gerade höre ich, dass Conlon Nancarrow heute 100 Jahre alt geworden wäre. Noch so ein schlechter, evtl. sogar noch viel mieserer Komponist (im obigen Sinne).

Der schlechte Komponist John Cage

Open Cage – Voices & Organ

Eine aktuelle Konzertkritik von Gastautor Rigobert Dittmann.

Augustinerkirche Würzburg
Augustinerkirche Würzburg

Zuvorderst Prof. Armin Fuchs, der in Würzburg seine zweite Heimat gefunden hat, ist es zu verdanken, dass Cage100, die weltweite Feier des 100. Geburts­tages von John Cage, auch hier heuer mal die Käfigtüren aufstößt, hinter denen die ‚Bad Boys of Music‘ ansonsten ihr kümmerliches Dasein fristen. „Open Cage“ bot am Dienstag, den 12.06.2012, in der Augustinerkirche mit „Voices & Organ“ die Gelegenheit, einige selten aufgeführte Stücke von Cage in einem dafür wie geschaffenen Rahmen zu hören.

Als Effata (das „Öffne Dich!“ der Taufzeremonie) erklingt die Antiphonie ‚ear for EAR‘ (1983). A ca­pella intonieren zwei Sängerinnen, die eine sichtbar, die andere unsichtbar in der Seitenkapelle, wechselweise die Buchstaben Eee, Aaaa und eRRR. Die Akustik des Kirchenschiffs macht das zu einem Klangzauber, der selbst mei­ner ungläubigen Seele die Segel schwellt und sie auf den offenen Horizont zusteuern lässt. Danach spielt Martin Gál ‚Souvenir‘ für Orgel (1983). Unge­wohnter Cage fordert der Orgel unerhörte Sounds ab. Zwischen repetierten Motiven knurren immer wieder tiefste Bassregister, zuletzt aber fiepen nur noch die kleinsten Pfeifen. In die so in allen Höhen und Tiefen gereinigten Gehörgänge ergießt nun der viergeteilte Kammerchor der HfM Würzburg , beidseitig im Raum verteilt, ‚FOUR²‘ (1990). Jörg Straube dirigiert die Halte­töne der Chorgruppen und beachtet dabei die von Cage vorgegeben ‚time brackets‘. Die Sänger schwingen sich mit Stimmgabeln auf die exakten Ton­höhen ein, und wenn sich die Wellen dann überlagern, erweist sich Akustik erneut als eine der magischen Künste.

Orgel der Augustinerkirche
Orgel der Augustinerkirche

‚Variations on America‘ (1891/92) von Charles Ives konterkariert alles bisher Gehörte als so unfrommes wie über­schwängliches Orgelprachtstück. Gál fetzt vom Manual Klänge, die sich immer weiter von der anfänglichen ‚God Save the Queen‘-Hymnik entfernen. Wie die verhackstückt wird und mit allerlei virtuosen Schikanen und organistischem Schnedderedeng à la Kirmes, als Flamenco und mit Independence Day-Yippie Yeah! verschaukelt wird, das lässt sich nur mit breitem Grinsen quittieren.

Erik Saties ‚Messe des Pauvres‘ (1895) klingt danach wie der Aschermittwoch nach den tollen Tagen. Aber selbst wenn der Chor hier das Kyrie eleison an­stimmt und die jetzt kleinlaute Orgel skurrile Gebete murmelt, Saties Frömmig­keit war einem Spleen verwandter als der Orthodoxie. Als Kirchenmaus seiner eigenen Église Métropolitaine d’Art de Jésus Conducteure betete Monsieur le Pauvre in erster Linie für eine Wiederverzauberung der Welt.

Als Höhepunkt und Ausklang tragen zuletzt zwei Baritone die ‚Litany for the Whale‘ (1980) vor. Wechselseitig buchstabieren sie über die Breite des Kirchenschiffs hin­weg sonor ihren Namen und rücken dabei immer weiter drei Schritte längs­seits vor. Als würden sich die zwei Letzten einer Art, würdig und erhaben, noch einmal ihre Würde und Erhabenheit bestätigen. Der Raum wird zum Meer, und wieder geht von den wandernden Klängen jener Zauber aus, der sich der Schönheit von Stimmen und der Höhe und Weite des Raums verdankt.

Dass viele Sitze leer blieben, obwohl der Eintritt frei war und das, was da zu hören war, wohl nur alle 100 Jahre zu hören ist, erwähne ich nur zur allgemei­nen Beruhigung derer, die Kultur aus Käfighaltung vorziehen. Nein, es be­stand zu keiner Zeit Ansteckungsgefahr. Andernfalls hätten jederzeit die Polizisten einschreiten können, die vor der Augustinerkirche die hunger­streikenden iranischen Flüchtlinge im Auge behalten.

Autor: Rigobert Dittmann

Open Cage – Voices & Organ