Karl F. Gerber: „Key Switch“ for MIDI keyboard (2017)

Neue ePlayer-Komposition von meinem geschätzten Münchner Kollegen. Anspieltipp: der 2. Satz (?) ab ca. 4’15“, eine schöne (post-)minimalistische Textur:

Wenn ich das richtig sehe -bitte korrigiere mich, Karl- , handelt es sich technisch um ein MIDI-Keyboard, das Klavier-Samples antriggert, die in Echtzeit mithilfe von fünf Pedalen modifiziert werden können.

Anmerkung: Die Bezeichnungen „for MIDI keyboard“ und „ePlayer-Komposition“ stammen nicht vom Komponisten, die habe ich mir einfallen lassen.

Karl F. Gerber: „Key Switch“ for MIDI keyboard (2017)

Probleme gehaltsästhetischen Komponierens

Mein gehaltsästhetisch gewendeter Munich Remix von Karl F. Gerbers algorithmischer Komposition „Giesing Township“ wurde vor Kurzem hier auf der Weltsicht publiziert. Jetzt hat mich Karl vor eine ungleich schwierigere Aufgabe gestellt: Wie ließen sich wohl die Maßkrugsymbole* auf untenstehendem Ausschnitt eines Aushangs der Münchner U-Bahn angemessen sonifizieren?

Es zeigt sich: Lässt man sich erst mal ernsthaft auf außermusikalische Gehalte im kunstmusikalischen Komponieren ein, steht man sofort vor echten kreativen Herausforderungen. Und das ist jetzt nur halb als Scherz gemeint.


* Es handelt sich um die Jahresübersicht 2017 der Verkehrseinschränkungen durch Bauarbeiten auf den Linien U1 und U2, die während des Oktoberfestes aufgehoben werden. Der unbeschnittene Originalaushang steht hier im Netz.
Probleme gehaltsästhetischen Komponierens

«Giesing Township Morph (Gerber)» for Player Piano, 2017 (ePlayer-Realisierung)

Basiskomposition Giesing Township (Karl F. Gerber)
Kompositionssoftware Microsoft Excel (unter Verwendung von Daten der Website 360.here.com)
Soundfont Bösendorfer Imperial (VSL)
Sample Player Vienna Instruments (VSL)
Faltungshall Schellingwoude Kerk Amsterdam (F. van Saane)

Kompositionsnotiz

Karls algorithmische Komposition „Giesing Township“ hat mich nicht losgelassen und ich fragte mich, wie ich diesem Stück gehaltsästhetische Bedeutung einhauchen könnte.

Nach dem üblichen quälenden Hin & Her hatte ich schließlich ein brauchbares Konzept gefunden. Warum nicht das Stück, wie es ist, mit permanent schwankender Geschwindigkeit abspielen? Und zwar nach dieser Struktur:

24-Stunden-Verlauf der maximal möglichen Durchschnittsgeschwindigkeit auf den Straßen Münchens (Quelle)
24-Stunden-Verlauf der maximal möglichen Durchschnittsgeschwindigkeit auf den Straßen Münchens (Quelle)

Im Sequenzer übertrug ich die km/h-Werte aus diesem Diagramm so genau wie möglich auf die Tempospur des Standard MIDI Files von Karl Komposition:

oben: Verkehrsdiagramm, unten: Tempokurve
Oben: Verkehrsdiagramm, unten: Tempospur

Damit war die gehaltsästhetische Wende vollzogen 😉 Witzigerweise ließen sich die Werte hier sogar 1:1 übertragen, d. h. aus 90 km/h wurden 90 bpm, aus 120 km/h 120 bpm etc.

Bei der Prüfung des musikalischen Ergebnisses stellte sich jedoch heraus, dass die Temposchwankungen – sie bewegten sich, wie an der Grafik abzulesen ist, zwischen 84 und 102 bpm – keine sonderliche Prägnanz hatten. Sie waren zwar für das geübte Ohr gut wahrnehmbar, aber ich wollte ja gehaltsästhetisch sein, und das hieß in diesem Fall, auch für Nicht-SpezialistInnen klar erkennbare musikalische Signale zu senden.

Es ging also darum, die Schwankungsbreite deutlich zu erhöhen, ohne dabei allerdings die interne Kurvenstruktur (die ja den typischen Tagesverlauf abbildet) zu verändern. Ein befreundeter Jazzmusiker und Informatiker half mir bei der mathematischen Umsetzung dieser Idee. Schließlich landete ich bei Werten zwischen 20 – 150 bpm:

Dieses Excel-Spreadsheet ist übrigens interaktiv, d. h. man kann mit ihm rechnen 🙂 Tragt doch z. B. mal bei „Min“ oder „Max“ (rote Zahlen) andere Werte ein…

Mithilfe dieser Formel lassen sich natürlich auch beliebige andere Verkehrsprofile verarbeiten, z. B. dieses von New York City:

nyc
In New York City kommt man offensichtlich deutlich langsamer voran als in München – und gegen halb sechs am Nachmittag eigentlich gar nicht mehr so richtig (Quelle wie oben).

Die Dramaturgie meiner Re-Komposition hatte sich nun deutlich verbessert, ohne dass der Groove-Charakter von Karls Original komplett auf der Strecke blieb.

Als Soundfont wählte ich die (nur kommerziell erhältlichen) Samples eines „Bösendorfer Imperial“ von VSL. Der Imperial klingt – wie alle(?) Bösendorfer-Flügel – auch bei mittelstarkem Tastenanschlag noch sehr hell und transparent, also „modern“  – und das schien mir hier die angemessene klangliche Umsetzung zu sein. Als winzige, aber prägnante Reverenz an den erweiterten Tastaturumfang dieses bemerkenswerten Instruments habe ich den letzten Ton der Basiskomposition nach unten oktavverdoppelt.

boesendorferimperial

Zu guter Letzt holte ich die Publikationserlaubnis von Karl ein (Danke!) und stelle den fertigen Remix hiermit ins Netz.

Das Projekt schreit natürlich nach einer Visualisierung, und auch darum habe ich mich bemüht, bin aber rasch an die Grenzen meines mathematischen Know-hows gestoßen. Hat jemand Lust, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen? Im Prinzip ginge es zunächst einmal „nur“ darum, das Verkehrsdiagramm parallel zur Musik abzutasten.

«Giesing Township Morph (Gerber)» for Player Piano, 2017 (ePlayer-Realisierung)

Neue ePlayer-Realisierung von Karl F. Gerbers Komposition „Giesing Township“

Kompositionssoftware MIDI Improvisor (Karl F. Gerber)
Soundfont Surprise Piano (Joe Stevens)
Sample Player Kontakt 5 Demo Mode
Faltungshall Chromatische Saitenresonanzen eines Klaviers (Netzfundstück)

Kompositionsnotiz 2017 von Karl F. Gerber

Formeleditor des MIDI Improvisors
Der Formeleditor des MIDI Improvisors, programmiert in GFA-BASIC.

Das Stück entstand aus Improvisationen mit meinem Programm MIDI Improvisor um das Jahr 2000. Dabei werden MIDI-„Partituren“ live aufgezeichnet (zum Konzept siehe www.formelimprovisation.de).
Als Klangerzeuger („Sample Player“) stand mir zunächst neben dem Soundmodul Roland SC-88 Pro das E-Piano Yamaha P-120 zur Verfügung. Mein Bestreben war, zusätzlich eine Aufnahme auf einem computergesteuerten akustischen Klavier zu veröffentlichen.
Die erste derartige Aufnahme kam 2004 durch das Cutting Edge Music Studio von David Breaux in Austin, TX (USA) auf einem Yamaha U1 Disklavier (48 inch upright) zustande.
Der Austausch der Daten erfolgte ausschliesslich über Internet.
Der Track erschien 2004 auf der Eigenklang-CD „future chords“. Als Begleittext wurde lediglich das Studio und der Hinweis „recorded … from composer’s MIDI file in realtime, no overdubs“ angegeben.

Ein weitere Möglichkeit ergab sich völlig unverhofft beim First Munich Classical Music Hack Day 2013, wo ein roter Steinway-Computerflügel in der Eingangshalle des Instituts für Informatik Nähe Englischer Garten aufgestellt war. Dem Vernehmen nach stammte dessen Computerisierung von der Firma QRS. Trotz absehbarer Störungen und Nebengeräusche beschloss ich, einige Aufnahmen zu machen und dabei auch die Tastenbewegungen zu videographieren:

Mein Begleittext zur YouTube-Veröffentlichung vom 25.12.2013 erklärte die oben erwähnte Vorgeschichte und (auf Englisch) „‚Giesing‘ ist das Münchner Stadtviertel, in dem der Komponist wohnt. ‚Township‘ bezieht sich auf Klänge und Stimmungen der Musik des afrikanischen Musikers Dollar Brand.“

sdf
Karl F. Gerber

Im Januar 2017 traf ich nach mehrjährigem Internetkontakt erstmals den Komponisten Stefan Hetzel bei seinem Seminarvortrag in der Musikhochschule München. Er verwendet seit Jahren virtuelle Musikinstrumente (ePlayer) und ich war von seinen Klaviersound-Emulationen sehr positiv überrascht, während er an Disklavier-Aufnahme-Möglichkeiten interessiert war. Ich stellte ihm mein MIDI-File von „Giesing Township“ zur Verfügung und er „renderte“ als Gegenüberstellung zur akustischen Disklavier-Aufnahme weitere ePlayer-Versionen.
Als Visualisierung steuere ich ein Screen Capture der Partiturdarstellung im Pianorollen-Format des Sequenzers Cubase bei (Lochstreifendarstellung).
Meine spontane Reaktion auf Stefans erste ePlayer-Version per Mail war wie folgt: „Vielen Dank, diese Einspielung ist ein großer Gewinn für mich: gerade die rhythmischen Schichten kommen wunderbar … danke, Jazz! Danke, Afrika!“

*

Ergänzung S.H.: Die Farbcodierung der Note-On-Werte in Karls Video bezeichnet die Anschlagsdynamik in folgender Weise:
kfgfarbcodierung

Neue ePlayer-Realisierung von Karl F. Gerbers Komposition „Giesing Township“