Unser ist die Herzenstiefe

Karl-Theodor zu Guttenberg
Karl-Theodor zu Guttenberg

Es steht völlig außer Frage, dass ich einen auch für mich selbst ungeheuerlichen Fehler begangen habe, den ich auch von Herzen bedauere.

Nachdem wir offenbar etwas getan hatten, dass anderen merkwürdigerweise nachhaltig als Ungeheuerlichkeit erschien, fühlten wir uns nach einiger Zeit zu allem Überfluss auch noch gedrängt, ja, nachgerade gezwungen, diese Meinung zu unserer eigenen zu machen.

Tatsächlich bin ich verantwortlich für das, was ich im Leben richtig und gelegentlich falsch gemacht habe.

Bürgerliche Kräfte zwingen uns leider immer wieder dazu, von uns selbst in der, geben wir es doch zu: demütigenden, ersten Person Singular zu sprechen. – Im Grunde machen wir immer alles richtig, gelegentliche Fehlleistungen sind unter dem Strich fraglos vernachlässigbar.

… dass es … plötzlich Zeiträume … bis zu einem Jahr gab, in denen ich mich teilweise überhaupt nicht mehr mit dieser Arbeit befasst habe …

Teilweise hatten wir uns über ein Jahr hinweg plötzlich überhaupt nicht mehr mit dieser Arbeit befasst.

Irgendwann hatte ich einen Wust an Informationen, der allerdings, abgesehen von den Gliederungspunkten, keinerlei innere Ordnung mehr hatte.

Die inhaltliche Gliederung der Arbeit war kein Problem. Und zu jedem Unterpunkt hatten wir bereits genügend unbearbeitetes Material von Dritten gesammelt.

Ich wollte diese Quellen später entsprechend aufarbeiten. Tatsächlich ist das nur sehr mangelhaft geschehen.

Es erschien uns als zu mühsam, das Fremdmaterial so umzuformulieren, dass es als Eigenmaterial erscheinen möge, also haben wir es gelassen.

Ich wusste offensichtlich später auch nicht mehr, … welcher Text mein eigener und welcher möglicherweise ein Fremdtext war …

… und irgendwann erschien uns das auch gleichgültig, denn es ging uns schließlich um das große Ganze! Da wäre es schlicht unverantwortlich gewesen, uns an Details zu verschwenden. Und ist nicht sowieso jeder Text, dem wir die Ehre geben, von uns verwendet zu werden, gleichsam automatisch „unser“ Text?

Dass ich ihm [dem Doktorvater] Schmerzen zugefügt habe, ist etwas, das mich tief bewegt und erschüttert.

Wir sind doch nachhaltig befremdet darüber, wie schnell so ein durch lebenslange Arbeitsleistung erworbener akademischer Ruf durch lässliche formale Fehler unsererseits zunichte gemacht wurde.

Insbesondere in der Endphase der Arbeit lag der Schwerpunkt nicht mehr auf der notwendigen wissenschaftlichen Sorgfalt, sondern auf Inhalt und Schlüssigkeit meiner Aussagen.

Irgendwann während des Verfassens dieser Dissertation begannen wir, Wissenschaftlichkeit und Sorgfalt durch schlüssige Inhalte zu ersetzen.

Ich wollte mit dem Ineinanderfügen der unterschiedlichen Kapitel ein geschlossenes intellektuelles Ganzes abliefern.

Wir glaubten, durch das geschickte Kompilieren möglichst vieler möglichst hochwertiger samples würde ein geistiger Eigenwert entstehen, als dessen Urheber fürderhin wir selbst würden gelten können.

Ich hätte mir die wissenschaftliche Kärrnerarbeit antun müssen.

… was wir jedoch tunlichst unterließen.

Wenn ich die Absicht gehabt hätte, zu täuschen, dann hätte ich mich niemals so plump und dumm angestellt, wie es an einigen Stellen dieser Arbeit der Fall ist.

Gerade unsere kaum verhohlene Ungeschicklichkeit ist doch Ausdruck unserer Anständigkeit und Lauterkeit! Wir sind also nicht Täter von niederer Gesinnung, sondern unschuldige, ein wenig tumbe Opfer allerdings widriger Zeitläufte.

Wenn der Mann einen Rest an Intelligenz hat, dann hätte er anders getäuscht.

Seid doch alle einfach froh, dass wir noch nicht einmal ansatzweise unsere tatsächliche Intelligenz in dieser Arbeit haben aufscheinen lassen – der Nobelpreis wäre einfach unvermeidbar gewesen!

Wenn ich etwas verschleiern wollte, würde ich es so verfremden, dass es niemand merkt. Das dürfen Sie mir durchaus zutrauen.

Offenbar wird unsere stupende Fähigkeit, fremde Gedanken als unsere eigenen erscheinen zu lassen, immer noch nicht zur Gänze erkannt und wertgeschätzt. Ein bedauerlicher, wenn auch verständlicher Missstand!

Natürlich hatte ich mittlerweile Zeit, mich mit dieser Arbeit auseinanderzusetzen.

… was uns während der Zeit ihrer Abfasssung leider nicht vergönnt war: wir haben die Arbeit damals lediglich geschrieben.

Ich habe mit dem Abfassen dieser Doktorarbeit die … denkbar größte Dummheit meines Lebens begangen.

Sie können getrost davon ausgehen, dass wir in den verbleibenden Jahres unseres Lebens keine noch größere Dummheit mehr begehen werden.

Aber man kann damit beginnen, die Dinge innerlich abzuarbeiten. Dass ich die härtesten persönlichen Konsequenzen gezogen habe, war ein erster Schritt in diese Richtung.

Unser Rücktritt vom Amt des Verteidigungsministers war lediglich Ausdruck einer beginnenden inneren Abarbeitung eines uns leider unterlaufenen Fehlers.

… wenn ich wüsste, dass ich das absichtlich gemacht hätte, würde ich dazu stehen.

… doch leider weiß ich das nicht.

Die eingerückten Passagen sind unverändert übernommene Ausschnitte aus einem Interview, das Karl-Theodor zu Guttenberg dem Chefredakteur der ZEIT für die Ausgabe vom 24.11.2011 gab. Alle anderen Passagen entstammen ausschließlich der Fantasie des Autors.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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