Goodbye Jaki :-(

jakiVor nicht ganz zwei Wochen starb der brillante deutsche Musiker Jaki Liebezeit. In einer wenig bekannten Aufnahme hört man ihn hier an den Drums anlässlich einer Realisierung der Klarenz-Barlow-Komposition „Relationships“, die Mitte der 1980er-Jahre aufgenommen wurde. Klarinette: Michael Riessler, Synth & Programmierung: Klarenz Barlow. Enjoy!

1999 produzierten Rudi Dolezal und Hannes Rossacher die spielfilmlange Dokumentation „Can“, in der es einiges über Liebezeit zu erfahren gibt. Und SEHR VIEL Musik mit ihm:

Die Doku zeigt anschaulich, dass Can gerade keine simplen Groove-Hedonisten oder gar verkiffte Wir-trommeln-jeden-Abend-im-Stadtpark-Daddel-Hippies waren, sondern musizierende Intellektuelle, die mit der Arbeit von Cage, Stockhausen und – vor allem – der Fluxus-Bewegung der 1960er-Jahre vertraut waren (vgl. Irmin Schmidt bei 1:04:00 [sinngemäß]: „In 1966, I met Dick Higgins, Terry Riley and Steve Reich in Manhattan. And I got corrupted.“

Besonders interessant die Selbstbeschreibung eines Gruppenmitglieds ziemlich zum Anfang des Videos [sinngemäßes Zitat]: „Wir haben immer versucht, den Menschen aus unserer Musik herauszuhalten. Es sollte möglichst unpersönlich klingen.“ Das klingt nach dem exakten Gegenteil von „Selbstverwirklichung“ und erinnert eher an Michel Foucaults Diktum „Wen kümmert’s, wer spricht?“ aus dieser Zeit, oder auch Steve Reichs Satz

Focusing on the musical process makes possible that shift of attention away from he and she and you and me towards it.

Steve Reich: „Music as a Gradual Process“, 1968

Dazu passt auch, dass der Rockmusiker Liebezeit offenbar keine Berührungsängste angesichts der „unpersönlichen“, sprich algorithmischen Ästhetik von Barlows Musik  hatte – die Scorpions aber bsp.weise kann man sich in einem derartigen Kontext nicht vorstellen (oder AC/DC, Van Halen, Black Sabbath…). Rockmusikspielen war für Can also, flapsig formuliert, „Emanzipation durch Selbstauflösung“ und gerade kein Vehikel des (Neo-)Mackertums, wie etwa bei den gleichzeitig entstehenden „Rockerbanden“, also bsp.weise den Hell’s Angels.

Umso faszinierender, dass trommelnde Hippies im allgemeinen Sprachgebrauch bis heute – neben dem sprichwörtlichen Töpferkurs in der Toskana – als Inbegriff von abwertend gemeinter „Selbstverwirklichung“ gelten. Irgendwas an „Can“ wurde da wohl bis heute von vielen nicht verstanden…

Goodbye Jaki :-(

…und zum 1. Weihnachtsfeiertag zwei festliche Musikbilder von K. Barlow

Der Meister aus Santa Barbara hat mir erlaubt, zwei seiner optisch kargen, aber konzeptuell hochstringenten Visualisierungen der Musik anderer Komponisten (James Tenney und Frederic Rzewski) hier einzustellen, die Anfang der 1990er Jahre auf einem Atari ST-Rechner (sic!) entstanden. Viel Spaß!


Zur Tenney-Visualisierung gehört folgender Text Barlows:

Jim Tenney’s Spectral Canon for Conlon Nancarrow was conceived in 1972 and realized a couple of years later – Nancarrow himself punched the notes on piano roll. The present version was realized at the Darmstadt Summer Courses on July 29, 1990 by Clarence Barlow – the formulas from which the piece derives were programmed in Pascal into an Atari computer, the MIDI output being sent to a computer-controlled player piano. Jim Tenney was also present. In this work, 24 repeated harmonics of and including the second lowest A on the piano first accelerate, each from once every four seconds to six times a second, and then decelerate back to once every four seconds. The partials enter every eight attacks of the fundamental. In 1974 Tenney stopped the process after under four minutes at a point where all partials are played simultaneously for the first time. In 1990 Barlow allowed the process to complete itself, the piece thereby lasting two minutes longer.

…und zum 1. Weihnachtsfeiertag zwei festliche Musikbilder von K. Barlow

Proto-Konzeptualismus 1973 (Klarenz Barlow)

Kladiophonkonzert
Barlow konzipierte 1973 ein „Konzert für Kladiophon, Magnetophon und Grammophon“. Im Text zur Partitur heißt es u. a.:

Das Kladiophon … besteht aus einem Radiowellenempfänger, dessen Empfangsfrequenzen von einer klavierartigen Tastatur aus abgestimmt werden („Kladio“ = „Klaviatur“ + „Radio“). Auf dieser Tastatur wird … die Solostimme eines vorkomponierten Stücks für Tasteninstrument und begleitendes Ensemble gespielt; […]. Für diese Version wurde der erste Satz von Beethovens erstem Klavierkonzert op. 15 gewählt; eine solistenlose Schallplattenaufnahme ist bsp.weise im Londoner „Music-Minus-One“-Katalog vorhanden … Die Kladiophonstimme ist identisch mit dem Klavierpart dieses Satzes; sie ist ohne Veränderung mit Einhaltung der Pausen ganz durch zu spielen.

Interessanterweise gibt es 42 Jahre später „Music-Minus-One“ immer noch, und zwar hier. Als „klavierartige Tastatur“ würde man heute natürlich ein MIDI-Keyboard verwenden (MIDI wurde aber erst 9 Jahre später als Industriestandard definiert). Und die Idee, vorhandene Werke des Standardrepertoires ohne „tragende“ Melodie-, bzw. Solostimmen zu präsentieren, erinnert natürlich ein wenig an Kreidlers „-Bolero“ aus dem Jahr 2015.

Klarenz Barlow erlaubte der Weltsicht freundlicherweise die Publikation seiner eingescannten Originalpartitur, sie ist hier.

Proto-Konzeptualismus 1973 (Klarenz Barlow)

„Die“ Kultur und ihr Gehalt – ein Brief

Hallo Dennis,

ich bin dir ja noch einen Kommentar auf den o. a. Text schuldig, den ich eben noch mal durchgelesen habe, also: Steinfeld hat recht, wenn er sagt, dass Kultur nicht allein deshalb schützenswert ist, weil es „Kultur“ (im Gegensatz zu „Natur“) ist. Zur „Kultur“ in diesem ganz breiten Sinn gehört nämlich auch jede Menge Unsinn, bzw. Dinge, deren Vorhandensein eher ein nerviges Ärgernis darstellt (denk an was du willst).

Zweitens hat er recht damit, dass es in Deutschland eine besonders effiziente Kulturlobby gibt, die funktioniert wie ihr Pendant in der Wirtschaft, man also Verlautbarungen von Goethe-Instituten genauso ernst oder un-ernst nehmen sollte wie solche von Arbeitgeberverbänden oder Gewerkschaften: Sie sind Artikulation von Partikularinteressen, legitimen zwar, aber halt doch partikularen, d. h. sie formulieren nicht Anliegen des „Gemeinwohls“, sondern ihre eigenen.

Drittens hat er recht damit, dass es Blödsinn ist, Kultur vom ökonomischen Prinzip auszunehmen: Dann sähe die gesamte „Kulturlandschaft“ schnell aus wie die Neue-Musik-Welt: Ein bunter Zoo von zwar evtl. integren, aber publikumsfernen und versponnenen Eierköpfen, die ihre Glasperlenspiele spielen und sich darauf verlassen können, von den meisten Steuerzahlern wenn schon nicht gehasst, dann wenigstens gründlich ignoriert zu werden (aber dass mir da kein Missverständnis aufkommt: Ich liebe [tendenziell, d. h., natürlich nicht alle, aber einige doch] solche Figuren – nicht, weil sie die Dreistigkeit haben, Steuergelder zu verbraten, sondern weil sie „Dinge um ihrer selbst Willen tun“ [ich denke jetzt an Künstler wie Klarenz Barlow]): Nein, wer will schon sowas!

Viertens hat er recht damit, dass Kultur nicht aus „Kultur“, sondern aus Inhalten (ich würde im Lehmann’schen Sinn lieber „Gehalte“ sagen, denn „Inhalt“ ist nur content, „Gehalt“ aber impliziert, dass sich aus dem kulturell vorgesetzten content beim Rezipienten bereits eine Reaktion / ein Verstehen / eine Haltung / eine Idee etc. gebildet hat; kurz gesagt: Auch, pardon, menschliche Exkremente sind „Inhalte“, aber nicht per definitionem „gehaltvoll“ bzw. in diesem speziellen Fall sogar außerordentlich gehaltsarm) besteht.

Beste Grüße sendet

Stefan

„Die“ Kultur und ihr Gehalt – ein Brief