Klaus Schulze „Crystal Lake“ (1977)

Der Anfang von „Crystal Lake“: immer noch großartige teutonische* Minimal music. Der Rest der LP ist – wie bei Schulze leider die (triste) Regel – eher amorph und nicht wirklich fesselnd. Aber egal, ich halte mich an die herausragenden Aspekte dieser Arbeit (was man bei uneben produzierenden Künstlern, die man aber „im Prinzip“ mag, übrigens stets tun sollte 🙂  ). Ich habe über „Crystal Lake“ bereits während meiner Gymnasialzeit, also in den frühen Achtzigerjahren, aus freien Stücken ein Referat im Musikunterricht gehalten, was meinen Ruf als Nerd – das Wort gab’s damals freilich noch nicht – vermutlich bis zum Ende der Schulzeit festklopfte. Den Kommentar des leicht gelangweilten Musiklehrers zur Schulzemusik damals habe ich nicht vergessen: „Warum hat er denn nicht wenigstens ungerade Metren verwendet? Dann wäre es interessant geworden.“

Das Video enthält die gesamte LP, ich habe aber einen Pointer auf „Crystal Lake“ gesetzt. Von diesem Track wiederum möchte ich die ersten beiden (?) Sektionen hervorheben, die im Wesentlichen delaygetriebene „geometrisierende“ Minimal music mit ein bisschen melodischer Impro sind. Sofort weniger reizvoll wird es in meinen Ohren, sobald Schulze die subtil swingenden „Xylotones“ ausblendet und in mehr oder minder formloses (damals nannte man das wohl „kosmisches“) Synth-Gewaber übergeht (ab ca. 43:00) 😦 Später allerdings kehren die Xylotons glanzvoll zurück und „Crystal Lake“ rundet sich doch noch sehr ordentlich.


* „Teutonisch“ meint hier, dass kaum etwas an Blues, Jazz oder gar außereuropäische Musik erinnert wie etwa in den zeitgleichen Arbeiten von Steve Reich, eher grüßt von fern Richard Wagner (was mich sonst ja fast immer  stört, bei Schulze aber komischerweise fast nie).
Klaus Schulze „Crystal Lake“ (1977)

Ben Whalley: „Krautrock – The Rebirth of Germany“ (BBC-Doku 2009)

Eine sorgfältig recherchierte und zudem ungewöhnlich witzige Doku, bei der die Leidenschaft des britischen Autors für sein Thema stets durchschimmert. Bemerkenswert ist Whalleys wiederholte Kritik an seinen Landsleuten wg. der letztlich doch nicht wirklich coolen Bezeichnung „Krautrock“*.

Dass dezidiert anti-bürgerliche Hippies wie Jaki Liebezeit, Edgar Froese oder Michael Rother etwas – und zwar nicht wenig! – zur „Wiedergeburt“ Deutschlands nach dem WK II beigetragen haben sollen, kommt übrigens konservativen Menschen bis heute in Deutschland nur widerwillig über die Lippen (Man könnte direkt mal Kretschmann fragen, hehe). Als im ländlichen Nordbayern Franz Josef Straußens im kleinbürgerlich-sozialdemokratischen Milieu Aufgewachsener kann ich nur bestätigen, dass „Langhaarigen“ damals generell tiefes Misstrauen, wenn nicht gar offene Verachtung – „Lange Haare, kurzer Verstand“, „Gammler“, „arbeitsscheues Gesindel“ – entgegengebracht wurde. Und wenn sie dann auch noch Musik machten, war’s ganz aus: „Die sind alle heroinsüchtig, und du wirst das automatisch auch, sobald du dich in deren Nähe begibst, pass nur auf!“

Was aus heutiger Sicht an diesen KünstlerInnen tief beeindruckt, war ihr beharrliches Streben nach ästhetischer wie moralischer Integrität inmitten einer postfaschistischen Gesellschaft, die sich im Kopf noch nicht wirklich vom Nationalsozialismus verabschiedet hatte bzw. verabschieden wollte. Ständig hörte ich damals Sachen wie „Es war doch nicht alles schlecht beim Adolf“, „Wenn er nur das mit den Juden nicht gemacht hätte“, „Immerhin hat er die Autobahnen gebaut“, „Von Mengeles Experimenten profitiert die Medizin ja bis heute“ etc. – und zwar von ganz „normalen“ Leuten im Alter meiner Eltern und Großeltern.

Vor allem Klaus Schulze zählte zu meinen ganz frühen und sehr prägenden Musikerfahrungen, was ich lange Jahre schamhaft verbarg, denn meine Peergroup setzte sich hauptsächlich aus hippie-kritischen Post-Punks zusammen. Mittlerweile ist mir das egal – und intelligente Post-Punks haben sowieso längst gecheckt, dass die angeblich so verpeilten Hippieklampfer ihre natürlichen Verbündeten im Kulturkampf sind bzw. waren.

Habe deshalb beschlossen, die Weltsicht während dieser Kalenderwoche, abgesehen vom obligatorischen Foto-Dienstag, ganz diesen Heroen meiner frühen musikalischen Jugend zu widmen, die bezeichnenderweise bis heute im anglo-amerikanischen Raum und vermutlich auch sonstwo in der Welt weitaus höher geschätzt werden als in Deutschland selber**. Eine echte musikhistorische Ungerechtigkeit, der ich hier, im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten, mal ein bisschen was entgegensetzen will.

Ok, die KW 20/2016 wird demzufolge zur „Krautweek“ erklärt und hier ist die Vorschau:


* Soweit mir bekannt, nannte man in Großbritannien damals belgische Musiker auch nicht „Pommesrocker“, österreichische „Dampfnudelrocker“, ungarische „Gulaschrocker“, italienische „Spaghettirocker“, japanische „Sushirocker“ bzw. russische „Wodkarocker“, oder? Hm, aber auf der anderen Seite gab’s vor nicht allzu langer Zeit in Deutschland noch die Bezeichnung „Dönermorde“ für die Verbrechen des sog. „NS-Untergrundes“. Vielleicht lässt sich ja generell feststellen, dass es einfach ein bisschen dämlich ist, die nationale Zugehörigkeit eines Menschen durch die jeweilig typische Landesspeise darzustellen?

** Ein simpler, wenn auch indirekter Beleg hierfür ist, dass die einschlägigen englischsprachigen Wikipedia-Artikel selbst im Jahr 2016 oft ausführlicher sind als ihre deutschen Gegenstücke. Das ist ungefähr so, als ob der deutschsprachige Artikel über Pink Floyd ausführlicher wäre als der englischsprachige.

Ben Whalley: „Krautrock – The Rebirth of Germany“ (BBC-Doku 2009)