Joscha Bach glaubt an die Möglichkeit bewusster Maschinen (2014)

Ganz dickes Brett: Bach, mit dem ich vor Kurzem die Ehre hatte, auf Michael Seemanns Blog diskutieren zu dürfen, verbindet in diesem dichten, anstrengenden, aber lohnenden Vortrag zeitlose philosophische Fragestellungen à la Wokommenwirherwogehenwirhin mit aktueller Informationstechnnologie. Wie brillant Bach wirklich ist, zeigt sich vor allem ab ca. Minute 36, wo er auf komplexe Publikumsfragen aus dem Stand ebenso komplexe Antworten formulieren kann (die zeigen, wie schnell er das Problem des jeweiligen Fragestellers zu erfassen in der Lage war). Dabei wird zwischendurch (ab 46:50) eben mal so nebenbei Luhmanns Autopoiesis verabschiedet.

Wen interessiert, was die anglo-amerikanische akademische Philosophie aktuell zum Thema „The Computational Theory of Mind“, deren Hauptvertreter Jerry Fodor hierzulande nach meinem Kenntnisstand ziemlich unbekannt ist, zu sagen hat, dem sei dieser Artikel der Internet Encyclopedia of Philosophy ans Herz gelegt.

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Joscha Bach glaubt an die Möglichkeit bewusster Maschinen (2014)

Wie Arsch auf Eimer

Wie ist diese Dissipationsmöglichkeit in den Individuen strukturell realisiert? Daß verkapselte Strukturen [Definition siehe unten, S.H.] und erste Prä-Modelle [s. u., S.H.] um so wirksamer zur Geltung kommen, je einfacher die Modellwelt [s. u., S.H.] des Organismus ist, wurde gesagt. Am unmittelbarsten wirkt in dieser Hinsicht die Musik, die entsprechend häufig den jeweiligen „Geruch“ innerhalb einer Subkultur bereitstellt. Nehme ich meine Entwicklung als Beispiel, so war dieser „Geruch“ ab dem Alter von etwa sechzehn Jahren die populärere Musik von Außenseitern (in bezug auf mein Herkunftsmilieu). Die Vorbilder in diesem Genre zeichneten sich durch eine Rebellenpose aus, die mich anzog. Der musikalische Aspekt selbst scheint im Rückblick weniger wichtig gewesen zu sein als die Identifikation mit dem Außenseitertum plus Zugehörigkeit zur Subkultur. Die Musik selbst ist bei nüchterner Betrachtung durch einfache, fast immer doppelmetrische Rhythmen charakterisiert, welche von Prä-Modellen akzeptiert werden können, die bereits in der frühen Kindheit durch Kinderlieder erlernt werden. Elementarer noch wirkt das für dieses Genre typische Verzerren der Gitarrenakkorde: Diese Klänge können unsere verkapselten Strukturen nicht weiter „parsen“. Allein schon deswegen können sie nicht durch Modelle strukturiert werden und bewirken daher kleine Orientierungsverluste. Die auf Konzerten dieser Bands eingesetzten Beleuchtungstechniken sowie die Lautstärke der Musik sorgen zusätzlich für ausreichend autonom hergestellte Aspektverluste, so daß die affektive Wirkung gesichert war.

Thomas Raab: Nachbrenner Zur Evolution und Funktion des Spektakels (2006), S. 142 f.

Begriffsdefinitionen nach Raab S. 89 f.:

  • Verkapselte Strukturen“ adaptieren sich weder an ihre Umwelt, noch ist ihre Funktion durch Zugriff von genetisch jüngeren Strukturen … beeinflußbar. Sie sind strukturell statisch. Typischerweise handelt es sich um Rückenmarksreflexe sowie die untersten Stufen der sensorischen Verarbeitung, die physikalische Impulse (z. B. Lichtteilchen) in bereits strukturierte Sinnesoberflächen transformieren. Trotz ihrer Statik und ihres phylogenetischen Alters sind sie in Notfällen die zum Überleben des Organismus notwendigsten Strukturen.
  • Prä-Modelle [sind] … durch phylogenetische Selektion im Organismus bloß „angelegte“ Strukturen, die daher „Erlernen“ durch aktive, „spielerische“ Einübung erfordern. Im Gegensatz zu verkapselten Strukturen sind sie dynamisch, d. h. sie passen sich im Zuge ihres Gebrauchs immer genauer an die Umwelt an … In ihrer Genese fußen sie auf der Strukturierung von Reflexen. Sowohl „verkapselte“ Strukturen als auch Prä-Modelle rechnen sensorische Inputs ohne Intervention von Modellen in motorische Outputs um.
  • Innere Modelle sind Strukturen, die durch Lernen im Zuge der Interaktion des Organismus mit der Umwelt ontogenetisch gebildet wurden. Sie sind „dynamisch“, da sie sich im Zuge der Interaktionen mit der Umwelt permanent weiterentwickeln können. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß sie im Gegensatz zu verkapselten Strukturen und Prä-Modellen Zeichenketten auf einem internen Schirm unmittelbar generieren und durch Modellkonstruktion immer „feiner“ strukturiert werden können. Der Schirm ist eine Sammelbezeichnung für die Output-Vorrichtungen aller gerade aktualisierten Strukturen; durch ihn können intern generierte Zeichenketten anderen Strukturen zugänglich gemacht werden. Um Zeichenketten auf dem Schirm zu generieren, müssen die generierenden Modelle von der Sensomotorik abgekoppelt sein.
Wie Arsch auf Eimer