«Fahles Licht (2005)» für Orchester, 2020 (ePlayer-Realisierung)

0:00 Reinrutschen – 2:47 Trigger – 4:29 Klage – 8:55 Stupor – 12:32 Re-Trigger

Sample-Bibliotheken Vienna Symphonic Library Special Edition, Sonatina (Klavier)
MIDI-Editoren MidiEditor (M. Schwenk), MIDIPLEX (Stas’M), Sekaiju (kuzu), Cubase
Faltungshall Large Stanford Stairwell

Anfang des Standard MIDI Files der Komposition unter Sekaiju

Kompositionsnotiz

2010

2005 is an orchestral composition for Strings (Violas and Double Basses only), Brass (3 Trumpets, 3 Trombones, 8(!) French Horns), Percussion (Vibraphone, Gongs, Crotales, Rails, Wind Chimes and – last not least – a Thundersheet) and a Piano, which is tuned one quarter-tone (50 cents) lower than all other instruments. The composition’s name fills a gap in the „Jahreszahlen“ series. Back in 2005, I worked on a composition that primarily was called „2005“, but it developed in another direction and was renamed to „Cello Scene“. Later on, I continued the „Jahreszahlen“ series with „2006“ and so the gap came into being.

2020

(SH) Wittlich (Eifel), 2013

«Fahles Licht (2005)» für Violinen, Bratschen, Celli, Kontrabässe, 3 Trompeten, 3 Posaunen, 8 Waldhörner, Oboe & Englischhorn („Wiener Holz“), Fagott & Kontrafagott („Fagotte“), Klavier, Celesta, Crotales, Buckelgongs und Perkussion
Abschnitt 1: „Reinrutschen“
Abschnitt 2 : „Trigger“
Abschnitt 3: „Klager“
Abschnitt 4: „Stupor“
Abschnitt 5: „Re-Trigger“
Das Klavier ist einen Viertelton (-50 Cent) tiefer gestimmt als alle anderen diastematischen Instrumente.

*

In diesem Stück geht es um mein inneres Erleben einer Depression und der sie umgebenden Ereignisse, also etwas verbal nur unzureichend Vermittelbares. In der Folge werde ich es dennoch versuchen, aber in einem bewusst distanzierten, an das einschlägige psychiatrische Fachvokabular angelehnten Stil. Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen (Wittgenstein). Die emotionale Seite des inneren Erlebens lässt sich m. E. besser nonverbal, hier also mit Musik, vermitteln.1

Reinrutschen behandelt das allmähliche Hineingleiten in eine innere Unschärfe, d. h. ein nachlassendes Interesse an der aktuell virulenten Weltwahrnehmung, das von einer mentalen Erschöpftheit begleitet ist. – Trigger handelt von dem plötzlich, unvermittelt und katastrophisch einbrechenden kognitiven Event, der die eigentliche Depression auslöst. Der kohlenstoffweltliche Auslöser dieses Ereignisses ist nahezu arbiträr, es können aber auch schon lange vorher mit Zwangsgrübeleien behaftete idiosynkratische Vorstellungen sein. Bei mir waren dies oft innere Bilder von sich allmählich ablösenden Klebe-Etiketten auf an Freunde verschenkte CompactCassetten, die mich bei den Beschenkten blamieren, weil sie etwas über die Mängel („Schlampigkeit“, Nachlässigkeit) meiner Persönlichkeit aussagen. – Klage handelt von der Melancholie, die mitunter auch weit weniger vornehm bzw. literarisch als „Jammerdepression“ firmiert. Ein politisch inkorrekter Ausdruck, der dennoch exakt beschreibt, wie melancholische Menschen früher oder später auf ihre Umwelt wirken: als Jammerlappen eben. – Unter Stupor versteht man klassischerweise einen „Starrezustand des ganzen Köpers bei wachem Bewusstsein“. Die Hörerin wird sich vielleicht wundern, warum dieser Abschnitt dann musikalisch so unruhig ist. Nun, die Art von depressivem Stupor, die ich kenne, ist charakteristischerweise mit einem unangenehmen, ungerichteten inneren Zucken und Zappeln verbunden, den man im Volksmund gerne als „Nervosität“ bezeichnet. Die Musik versucht, die Gleichzeitigkeit von kognitiver Erstarrung und diesen stroboskopischen brain zaps darzustellen. – Re-Trigger ist, musikalisch gesehen, eine nur leicht modifzierte Wiederholung des zweiten Abschnitts. In meinem inneren Erleben entspricht dies dem Immer-mal-wieder-und-immer-im-blödesten-Moment-Auftauchen des Triggers auch innerhalb des depressiven Stupors, welches jeweils eine Auffrischung und Re-Intensivierung der depressiven Verstimmtheit bewirkt. Es ist, als ob sich dadurch der Akku der Depression wieder auflädt.

Die Komposition ist eine weitere Übung in Musik als Psychoplastik.


  1. Malerei, Fotografie, Bildhauerei, Tanz etc. gehen natürlich auch, aber das ist ja nicht mein Metier. 

«Am Bahnhof / Entfremdung (2003)» für Orchester, 2020 (ePlayer-Realisierung)

0:00 Präludium – 1:12 Am Bahnhof I.I – 3:12 Entfremdung I – 4:39 Am Bahnhof I.II – 5:02 Entfremdung II – 6:50 Interludium – 8:20 Am Bahnhof II – 10:16 Entfremdung III – 11:52 Am Bahnhof III – 14:37 Entfremdung IV – 17:15 Stretta

Sample-Bibliotheken Vienna Symphonic Library Special Edition, Sonatina (Klavier)
MIDI-Editoren MidiEditor (M. Schwenk), MIDIPLEX (Stas’M), Sekaiju (kuzu), Cubase
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Kompositionsnotiz

2003

2003 is an orchestral composition for Strings, Brass, Celesta, Harp, Percussion and Piano, which is tuned one quarter-tone (50 cents) lower than all other instruments. The music was desktop-composed in 2003 using a MIDI Keyboard and a sequencer.

2020

(SH) Trinkhalle, 2007

«Am Bahnhof / Entfremdung (2003)» für Bratschen, Celli, Harfe, 3 Trompeten, 3 Posaunen, 8 Waldhörner, 2 Tuben (Tenor, Kontrabass), Klavier, Celesta, Glockenspiel, Plattenglocken, Kesselpauken und Perkussion
Abschnitt 1: „Präludium“
Abschnitt 2 : „Am Bahnhof I.I“
Abschnitt 3: „Entfremdung I“
Abschnitt 4: „Am Bahnhof I.II“
Abschnitt 5: „Entfremdung II“
Abschnitt 6: „Interludium“
Abschnitt 7: „Am Bahnhof II
Abschnitt 8: „Entfremdung III“
Abschnitt 9: „Am Bahnhof III“
Abschnitt 10: „Entfremdung IV“
Abschnitt 11: „Stretta“

Das Klavier ist einen Viertelton (-50 Cent) tiefer gestimmt als alle anderen diastematischen Instrumente.

*

Ganz für mich habe ich «2003» immer gern als „meinen Sacre“ bezeichnet. Nicht, weil ich finde, dass mein Stück qualitativ oder sonstwie auch nur im Geringsten an Strawinskys Schlüsselwerk heranreicht, sondern weil es eine ähnliche Stellung in meinem Komponistenleben einnimmt (abgesehen davon, dass Fürst Igor eines meiner role models war und ist): Ich hatte immer das Gefühl, hier erstmals angekommen zu sein, d. h. einen Widerschein von dem umgesetzt zu haben, was ich von Musik will.

Als ich die Arbeit nun 17 Jahre später nochmals virtuell anfasste, um sie dem Stand der Dinge anzupassen, fiel mir als Erstes auf, wie un-ökonomisch ich damals meine Ideen verarbeitet hatte: Manches eher Epigonale, vor allem Minimalistische à la Glass, hatte ich auch noch breitgewalzt, während eigenständigere melodische Einfälle oft lediglich kurz aufblitzten, um anschließend ungenutzt auf ewig im Orkus zu verschwinden. Ich weiß noch genau, wie froh ich damals (2003) gewesen war, erstmals überhaupt ein funktionierendes Orchesterstück zustandegebracht zu haben; eine Freude, die allzu große Selbstkritik komplett überdeckte. Ich finde die Urfassung weiter charmant, aber dieses reworking bringt die Substanz des Stücks deutlich besser zur Geltung.

Wie stets bei meinen Überarbeitungen habe ich auch hier nicht Substanzielles hinzukomponiert. Wenn etwas im Vergleich zur Urfassung neu klingt, dann ist es immer eine Permutation des Altmaterials.

Weiter mit «Fahles Licht (2005)» für Orchester (verfügbar ab 19. September 2020)

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«As we go along (2006)» for Orchestra, 2020 (ePlayer realisation)

0:00 Verwirrung – 0:57 Aufklärung – 2:52 Häusliches Idyll – 6:04 Fegefeuer – 7:49 Himmel

Sample-Bibliotheken Vienna Symphonic Library Special Edition, VSCO2 (Marimbafon), Sonatina (Klavier)
MIDI-Editoren MidiEditor (M. Schwenk), MIDIPLEX (Stas’M), Sekaiju (kuzu), Cubase
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Kompositionsnotiz

2006

2006 is an orchestral composition for Strings, Brass, 2 Pianos and 2 Marimbas. It consists of almost pure contrapunctual minimal music in the tradition of Steve Reich. The music was desktop-composed in spring and summer 2006 using a MIDI Keyboard and a sequencer.

2020

(SH) Mainufer (Eibelstadt) 2, 2006

«As we go along (2006)» für Bratschen, Celli, 3 Trompeten, 3 Posaunen, 8 Waldhörner, 2 Tuben (Tenor/Kontrabass), 2 Klaviere, 2 Marimbafone, Kesselpauken, Plattenglocken und Marschtrommeln
Abschnitt 1: „Verwirrung“
Abschnitt 2 : „Aufklärung“
Abschnitt 3: „Häusliches Idyll“
Abschnitt 4: „Fegefeuer“
Abschnitt 5: „Himmel“
Die Abschnitte 2, 3 sowie 4+5 sind doppelt so lang wie der jeweils vorhergehende Abschnitt (in Takten). Die Klaviere sind einen Achtelton (-25 Cent) tiefer gestimmt als alle anderen diastematischen Instrumente. Der Werktitel ist ein Ausschnitt aus der Ludwig Wittgenstein zugeschriebenen Sprachspiel-Direktive „Making the rules as we go along.“

*

Ich empfinde «2006» / «As we go along» als die am leichtesten zu hörende Komposition in der Werkreihe «Jahreszahlen». Und meine formale Charakterisierung als „contrapunctual minimal music in the tradition of Steve Reich“ vor 14 Jahren trifft’s immer noch. In der überarbeiteten Fassung habe ich zwar versucht, das Reichianische ein wenig zurückzudrängen, aber allein das continuo von 2 Klavieren und 2 Marimbafonen genügt natürlich schon, um einer kundigen Hörerin klarzumachen, wer hier das kompositorische Vorbild war. Sei’s drum, ich bin damit im Reinen.

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«Lieberose» für Melodieinstrumente, 2020 (ePlayer-Realisierung)

(SH) La Vie de Bohème 02, 2009

00:00 «Escaping the Agony (2009)» – 04:26 «Lieberose (2007) I» – 14:40 «Ein Prozess (2008)» – 28:01 «Ein Tag (2004)» – 48:20 «Lieberose (2007) II»

Sample-Bibliotheken Vienna Symphonic Library Special Edition, VSCO2 (Marimbafon, Xylofon), Sonatina (Klavier), Smolken (gezupfter Kontrabass)
MIDI-Editoren MidiEditor (M. Schwenk), MIDIPLEX (Stas’M), Sekaiju (kuzu), Cubase
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Die vergangenen 4 Samstage habe ich die überarbeiteten Versionen meiner in den Nullerjahren entstandenen «Jahreszahlen»-Reihe für Melodieinstrumente hier präsentiert. Schon damals entstand die Idee, diese Musikstücke zu einer Suite zusammenzustellen. Dieser Idee bin ich treu geblieben, deshalb heute die aktualisierte Version dieser Suite, die jetzt «Lieberose» heißt.

Sehr dezenter Hinweis

Wer meine künstlerische Arbeit unterstützen will, kann gerne in meinem WebShop einen Download dieser Komposition in unkomprimierter Audio-Qualität (früher: „CD-Qualität“) erwerben. Online ist «Lieberose» – wie alle meine Arbeiten übrigens – nur in MP3-Qualität (128 kbps) zu erfahren.

Vielen Dank an alle, die während der vergangenen Wochen gelauscht und kommentiert haben, euer Interesse bedeutet mir was!

Aktell bin ich nun über der Re-Komposition der ebenfalls vier «Jahreszahlen»-Kompositionen für Orchester aus den Jahren 2003 bis 2010. Also dranbleiben, FreundInnen der Weltsicht, der Musik ist kein Ende 🙂

Kompositionsnotiz (nonverbal)

(SH) The Sea 08 (Antalya), 2008
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«Ein Prozess (2008)» für Melodieinstrumente, 2007 rev. 2020 (ePlayer-Realisierung)

00:00 „Einzug“ – 01:30 „Verhandlung“ – 09:13 „Letzte Worte und Auszug“

Sample-Bibliotheken Vienna Symphonic Library Special Edition, VSCO2 (Marimbafon), Sonatina (Klavier)
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Kompositionsnotiz

2008

2008 is a chamber music composition for Violin, Viola, Cello, Contrabass, Trumpet, Trombone, Flute, Oboe, Englishhorn, Contrabassoon, Clarinet, Bass Clarinet, Piano and Marimba. The music was laptop-composed during a „composer-in-residence“ vacation in Lieberose (Brandenburg / Germany) in August 2007. A rhythmically and harmonically freewheeling section in the composition’s center is sharply contrasted by two rigidly minimalistic sections at the beginning and at the end of the piece.

2020

Glas Keil (Würzburg) 02, 2007 – Eine Fotoarbeit aus dem Jahr, in dem die Komposition entstand. Der/die ArchitektIn dieses wahrhaft minimalistischen Industriegebäudes, welches vermutlich aus den 1970er-Jahren stammt, ist mir unbekannt.

«Ein Prozess (2008)» für Violine, Bratsche, Cello, Kontrabass, Trompete, Tenorposaune, Querflöte, Oboe, Englischhorn, Fagott, Kontrafagott, Klarinette, Bassklarinette, Klavier und Marimbafon
1. Satz: „Einzug“
2. Satz: „Verhandlung“
3. Satz: „Letzte Worte und Auszug“

Weiter mit «Escaping the Agony (2009)» for Melody Instruments

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«Escaping the Agony (2009)» for Melody Instruments, 2009 rev. 2020 (ePlayer realisation)

00:00 „Agony“ – 01:34 „Escape“

Sample-Bibliotheken Vienna Symphonic Library Special Edition, VSCO2 (Marimbafon, Xylofon), Sonatina (Klavier)
MIDI-Editoren MidiEditor (M. Schwenk), MIDIPLEX (Stas’M), Sekaiju (kuzu), Cubase
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Kompositionsnotiz

2009

2009 is a chamber music composition for Contrabass, Trumpet, Trombone, French Horn, Piccolo Flute, Flute, 2 Pianos and 2 Vibraphones. The music was laptop-composed during a „composer-in-residence“ vacation in Lieberose (Brandenburg / Germany) in August 2009. The piece shifts between elegiac sections at the beginning and at the end to a Reggae-like minimalistic section in the composition’s center.

2020

(SH) La Vie de Bohème 02, 2009 – Kompositions-Environment von «Escaping the Agony» in der sog. „Schönberg-Wohnung“ in Lieberose (Niederlausitz). V.l.n.r.: MIDI-Keyboard, Soundmodul, Laptop. Lampendesign von R. Schuster

«Escaping the Agony (2009)» für Piccolotrompete, Querflöte, Horn, Bassposaune, Xylofon, Marimbafon, Klavier und Kontrabass
1. Satz: „Agony“
2. Satz: „Escape“

Unmusikalischer Zusatz: Cottbus (Lieberose) 2009, eine Slideshow

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«Lieberose (2007)» für Melodieinstrumente, 2006 rev. 2020 (ePlayer-Realisierung)

00:00 „Tristesse“ – 02:31 „Lichte Momente“ – 06:19 „Übergang“ – 10:08 „Encore Tristesse“

Sample-Bibliotheken Vienna Symphonic Library Special Edition, Smolken’s Double Bass, VSCO2 (Marimbafon), Sonatina (Klavier)
MIDI-Editoren MidiEditor (M. Schwenk), MIDIPLEX (Stas’M), Sekaiju (kuzu), Cubase
Faltungshall Large Stanford Stairwell

Kompositionsnotiz

2006

«2007 (Lieberose)» is a chamber music composition for Violin, Viola, Cello, Contrabass, Trumpet, Trombone, Flute, Oboe, Englishhorn, Contrabassoon, Clarinet, Bass Clarinet, Piano and Marimba. The music was laptop-composed during a „composer-in-residence“ vacation in Lieberose (Brandenburg / Germany) in rainy summer 2006. It’s in an almost pure minimalist style.

2020

(SH) Nirvana 03 (Lieberose), 2006

«Lieberose (2007)» für Violine, Bratsche, Cello, Kontrabass, Horn, Wagnertuba, Kontrabassposaune, Piccoloflöte, Oboe, Englischhorn, Klarinette, Kontrafagott, Marimbafon und Klavier
1. Satz: „Tristesse“
2. Satz: „Lichte Momente“
3. Satz: „Übergang“
4. Satz: „Encore Tristesse“

Die «Jahreszahlen» – Einflüsse, Ideen, Konzepte

1 Braxton, Blasinstrumente

Die Melodik vor allem der Blasinstrumente ist meiner Begeisterung für die eigenwillige Phrasierung des afro-amerikanischen (Free)Jazz-Saxofonisten, Komponisten und Stockhausen-Verehrers Anthony Braxton geschuldet, allerdings mit dem Vorsatz, diese Ausdrucksweise auf dem Jazz bzw. der Improvised music möglichst fernstehende Holzblasinstrumente anzuwenden. Dabei fielen mir als erstes drei ein, die es aufgrund der Dominanz des historisch jüngeren Saxofons nicht mehr in den Jazz geschafft haben: Oboe, Englischhorn und (Kontra-)Fagott. Diese Entscheidung sollte den sound der gesamten «Jahreszahlen»-Reihe prägen und lässt die Musik oft europäischer klingen, als sie es vom Materialstand her ist. Was mir zupass kommt , denn ich möchte, dass die «Jahreszahlen» als Kunstmusik 1  rezipiert werden.

2 Minimal music

Die zweite Inspiration ging von der Minimal music Steve Reichs und, ich gebe es hiermit zu, durchaus auch des vielgeschmähten Philip Glass, aus. Vor allem Reichs Idee der permutierenden Wiederholung Bebop-artiger Phrasen, die zudem kanonmäßig phasenverschoben übereinandergelegt werden, fasziniert mich seit jeher. Klingt jetzt ausgesprochen technisch, hört sich aber ziemlich groovy an.

Die Minimal music hat während der 1960er- und 70erjahre eine Gelenkfunktion zwischen Avantgarde und Postmoderne eingenommen, nur wenig später begannen ebenfalls „repititivistische“ Stile wie Disco, dann Techno und House die Tanz- bzw. „Clubmusik“ der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu dominieren. 2 

3 Musik als Psychoplastik

Eine dritte Quelle ist meine eigene Idee einer psychoplastischen Musik, also einer Musik, die kognitive Ströme („Gedanken“) möglichst verlustfrei in Echtzeit sonifiziert. Wer hier an einen musikalischen stream of consciousness  à la Joyce denkt, liegt sicherlich nicht ganz falsch, wesentlich stärker wurde ich aber von Oswald Wiener / Thomas Raab und deren Vorstellung mehr oder minder systematischer Selbstbeobachtung beeinflusst. Ich maße mir dabei nicht an, Freuds und Wieners Ideen en detail bzw. gar wissenschaftlich korrekt verstanden zu haben, sondern beute das, was ich von diesen Ideen begriffen zu haben glaube, für meine Zwecke aus.

Joyces und Wieners Ideen einer Widerspiegelung des Selbst in sich selber sind, das ist mir bewusst, himmelweit voneinander entfernt. Was sie aber gemeinsam haben, ist die Neugier auf bisher unbekannten bzw. verborgenen bzw. latenten bzw. lediglich impliziten Eigencontent. Im Sinne von Freud / Joyce wären das bisher mehr oder minder tabuisierte Triebregungen, uneingestandene, weil gesellschaftlich unerwünschte Emotionen, Fantasien und Ähnliches, bei Wiener / Raab geht es eher um die nüchterne Protokollierung und Modellierung wiederkehrender kognitiver Abläufe im eigenen Bewusstsein. Richtig verstanden, ergänzen sich beide Ansätze ganz hervorragend.

Freuds / Joyces Idee des Selbst lässt sich mit dem Bild einer Pfütze vergleichen, in die ein Stein geworfen wird, der verblüffend tief sinkt und eigentlich gar nicht mehr aufhört, immer noch tiefer zu sinken. Die flache Pfütze am Wegesrand erweist sich als mehr oder minder bodenloser Pfuhl. Es geht darum, die Spur, die der sinkende Stein im Wasser hinterlässt, zu beschreiben.

Wieners / Raabs Idee symbolisiere ich gerne mit dem Bild des Selbst als Maschine, die über ihre eigene Maschinenhaftigkeit reflektiert und sich dabei vollkommen bewusst (sic!) ist, dass sie schon aus logischen Gründen kein vollständiges Bild ihrer selbst erwirtschaften kann. Dennoch lässt sie nicht nach in ihrem Drang, das eigene Erleben als Abfolge bzw. Netzwerk mehr oder minder komplexer Algorithmen begreifen zu lernen.

4 Improvisation (Komposition)

Ich bediene mich der altbekannten Praxis der musikalischen Improvisation, die Derek Bailey hier in überzeugender Weise als „anthropologische Konstante“ identifizieren konnte.

Mein Improvisationsbegriff geht allerdings über diese Vorstellung hinaus, indem er auch jegliche Form des Komponierens inkl. algorithmischer Kompositionstechniken umfasst. Komposition, so könnte man in diesem Sinn sagen, ist „eingefrorene“ Improvisation. Das Wesentliche an dieser Vorstellung ist eine Wert-Umkehr der gängigen Vorstellung in der westlichen Kunstmusik, in der Improvisation stets als der Komposition irgendwie unter- bzw. nachgeordnet empfunden wurde. Folgt man Baileys Beobachtungen, wird aber klar: Jegliche musikalische Formbildung entstand irgendwann aus mehr oder minder „absichtsloser“ Improvisation. Die Sonate wurde nicht auf dem Notenpapier erfunden, sondern ist Derivat ziellosen Herumklimperns auf dem Clavichord. Kompositorische Epochen und Stile sind also lediglich, so verstanden, im Nachgang algorithmisierte Auswüchse unablässiger improvisatorischer Praxis neugieriger (und gelanweilter!) KlimpererInnen. Im Jazz weiß das jedes Kind, doch sich bsp.weise Beethoven oder Richard Strauss beim suchenden und verwerfenden Herumstümpern am Klavier vorzustellen, scheint weiterhin schwierig zu sein für viele Menschen.

Die Idee der Konzeptmusik, also dem Ausdenken einer Musik im Kopf ohne jeglichen Kontakt mit einem Musikinstrument gibt es freilich auch, aber sie ist relativ neu und bsp.weise nebenan in Johannes Kreidlers Blog „Kulturtechno“ zu bestaunen.

Weiter mit «Ein Prozess (2008)» für Melodieinstrumente


 

1 Die Kunstmusik ist die Erbin der Neuen Musik. Zu meinem Verständnis des noch zu selten gebrauchten Begriffs „Kunstmusik“ siehe hier.

 

2 Zum Zusammenhang von Minimal music und Disco vgl. die musikologische Studie „Repeating Ourselves“ von Robert Fink aus dem Jahr 2005.
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