«spectre (borders of perception 1)», 2019

Spektrogramm der Komposition, erstellt mit Sonic Visualizer
Audio-Material slowenische Ratsche (fluctin6)
Audio-Editor Audacity 2.3.2
Audio-Effekte Chimes Delay, FSynth, Hamonic Adder, Paulstretch, Spectral Autopan
Faltungshall ORTF Studio

Kompositionsnotiz

Es gibt zwar keine Geister, aber trotzdem fürchte ich sie.

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«dozing the day away and it’s great (ambient 19)», 2019

(SH) Still Life (EIB), 2010

Klänge von Sinnah (Liqih 2016 ff.) und DarknessTheory (DSK 2008)
well-tuned nach La Monte Young
verarbeitet mit Cubase SE
und faltungsverhallt mit Medium Stairwell

Kompositionsnotiz

philosophisch

Dieser Track ist eine Hommage an das Dösen, dessen philosophische Relevanz zu selten thematisiert wird. Eine löbliche Ausnahme bildete mein philosophischer Lehrer Prof. Dr. G. Schulte, Uni Köln – der das Wort allerdings „Dääösen“ aussprach. Ich habe den Klang zwar noch genau im Ohr, er lässt sich orthographisch aber nicht abbilden.

Die Philosophen, denen ich mich am Nächsten fühle, also etwa Jankélévitch, Stirner, Wittgenstein, …, sind anti-philosophische Fragensteller bzw. „gescheiterte“ Künstler, nicht aber Antwortgeber wie Hegel, Lehmann, Luhmann, …

Letztere schätze ich zwar ebenso, aber ich fühle mich ihnen nicht so nah, denn sie sind Systembauer und dazu habe ich keine Lust, will sagen, ich kann mich zwar bis zu einem gewissen Grad in sie hineindenken, um ihre enormen Leistungen angemessen bewundern zu können, aber ich verspüre keinen Antrieb, sie nachzuahmen.

Keine Ahnung, ob Professor Schulte ein im konventionellen Sinn „guter“ Philosoph war, wohl eher nicht (hieß es), aber nur, soviel war mir stets klar, weil er das nicht wollte, das ganze Fach, die ganze Tradition, war ihm in höchstem Maße suspekt, obwohl oder gerade weil ihm die Unternehmung an sich extrem wichtig war und so heißt eines seiner bekannteren Bücher auch „Hauptsache Philosophie“.

Jedenfalls verdanke ich ihm nicht nur die Frage nach der philosophischen Relevanz des Däösens – seine Antwort erinnere ich nicht mehr –, sondern auch, noch wichtiger, die Frage nach der philosophischen Relevanz des „stundenlangen Klavierspielens, ohne aufhören zu können“. Auch hier erinnere ich mich an keine Antwort und ich weiß auch nicht, ob Schulte persönliche Erfahrungen mit stundenlangem Klavierspielen-ohne-aufhören-zu-können hatte. Es schien aber möglich zu sein.

Jedenfalls stand bei ihm zuhause ein Flügel und er forderte mich zum Improvisieren auf, als ich um 1990 herum zum Nachmittagskaffee bei ihm in der Emmastraße zu Köln eingeladen war und ihm unvorsichtigerweise erzählt hatte, ich improvisierte gerne auf dem Klavier. Aus Verklemmtheit lehnte ich seine Bitte damals ab – was ich heute bereue.

«dozing the day away and it’s great (ambient 19)» liefert eine eigene Antwort auf die Frage nach der Relevanz des Dääösens, aber es ist eine a-semantische, wortlose, musikalische – sprachlos, aber nicht sinnlos.

musikalisch-technisch

Die flötenähnlichen Klänge wurden ausschließlich mit dem freien Software-Synthesizer „Sinnah“ generiert, der nach meinem Wissen keine Samples verwendet (zumindest umfasst das Programm nur 942 KB, wo passen da Samples rein?). Eine ganz erstaunliche Leistung des Autors Liqih und des Nutzers SW, von dem das ursprüngliche Preset „Flute scrape“ stammt, dankeschön!

Der Drone (Basston) wurde mit Hilfe von DSKs Softsynth „DarknessTheory“ generiert, der, ob beabsichtigt oder nicht, so ziemlich alle Klischees heutiger Horrorfilmmusik zu reproduzieren vermag. Mich reizte die Idee, mit derart „belasteten“ Presets zu arbeiten, um aus ihnen etwas ästhetisch Reizvolleres zu machen, ohne dass ihre popkulturelle Herkunft komplett verschleiert wird (Ohne Klischees keine Ästhetik.).

Technischer Hinweis: Der Track enthält mehrere mehrsekündige Pausen.

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«the crossing (ambient 18)», 2019

(SH) Anatolian Landscape 04, 2010
Klänge ABvst, Tetra, Oatmeal
Verarbeitung Cubase SE
Faltungshall ORTF Studio

Kompositionsnotiz

Ausgangsfrage

Wie sollte sich Programm-Musik im Sinn von Richard Straussens „Alpensinfonie“ im Jahr 2019 anhören?

Umsetzung

Komposition eines einstündigen (!) ambient tracks für drei polyphone Softsynths, welcher sich in drei ineinander übergehende gleichlange Abschnitte gliedert. Jeder Abschnitt steht für ein „Programm“, das sich aus meinem inneren Erleben bei der fußläufigen Durchquerung einer Hochebene im anatolischen Taurus-Gebirge, die so nie stattgefunden hat, aber stattgefunden haben könnte, denn vor 10 Jahren war ich da mal (Beleg siehe Fotoarbeit oben), speist.

Für jeden Abschnitt des Tracks habe ich einen Wandertagebucheintrag erfunden:

ANATOLISCHES WANDERTAGEBUCH 2010

10. August, Taurus-Gebirge, Banaz Platosu

(I) … Ereignisloses Hineinwandern in die überaus karge und abwechslungsarme Hochebene. Zikaden machen ihre einförmigen Geräusche. Gelegentlich huschen Eidechsen über die heißen Steine, was uns ein wenig erschreckt, bis wir uns daran gewöhnt haben …

(II) … Allmählicher Aufstieg auf das Zentralmassiv der Ebene. Dohlen segeln neugierig um uns herum, der Ausblick wird besser und besser…

(III) … Abstieg vom Gipfel des Zentralmassivs, die Bergdohlen begleiten uns bis hinunter und weichen bis zum Ende der Wanderung nicht von unserer Seite. Die öde Hochebene empfängt uns wieder, ihr deprimierender Anblick wird jedoch gemildert durch die Erinnerung an die soeben genossene schöne Aussicht. Unsere Mägen beginnen zu knurren, es wird Zeit für die Brotzeit …

Das Konzept hat Ähnlichkeit mit Luc Ferraris Idee einer musique anecdotique, ohne jedoch field recordings zu verwenden, da das Geschilderte ja nie stattgefunden hat. Man könnte demzufolge von einer musique anecdotique fictive sprechen.

Instrumente

Verlaufsskizze des Tracks «the crossing (ambient 18)»: Oben die Timeline in Minuten.
schön, mittel und hässlich bezeichnen Gruppen von Synthi-Presets, künftig Instrumentengruppe (IG) genannt.
Die farbigen Linien markieren die ungefähre Dominanz der jeweiligen IG im Verlauf des Tracks.
Die Elemente Drum and Bass und voc fanden keine Verwendung.

Es folgt eine knappe Charakteristik der sieben verwendeten Presets. Kursiv Gesetztes markiert die Preset-Namen. Sie stammen nicht von mir, sondern vom Autor des jeweiligen Softsynths, ich käme ja nicht auf die Idee, ein Preset „near creature“ zu nennen.  Gesperrt Gesetztes markiert die Zugehörigkeit des Presets zu einer IG.

Synth I: ABvst

  • near creature | hässlich | links ein pulsierender Signalton; rechts und anderswo Zirpen; überall ständig Knackser, Knarzer und Kratzer
  • forgery sOU -n -d | hässlich | rechts stets doppelt aufblitzende Töne/Akkorde, die Echos hinter sich herziehen; überall Knackser, Knarzer und Kratzer

Synth II: Tetra

  • Fairyphone | schön | glockenartig, ist einen Dreiviertelton (66 Cent) tiefer temperiert als die anderen Instrumente
  • BrokenBell | schön | ein Glockenklang, der folgendermaßen moduliert:
ENTWICKLUNGEN von BrokenBell
1 Set1 | Color: 0  -1
2 MorphRange | Range Lower: 1  0
3 Set2 | Pitch (ohne Rundung): 0  -2
  • Chaos | mittel | polyphones Sirenengeheule

Synth III: Oatmeal

  • sworg | schön | ein leicht verzerrter, flächiger Klang; omnibus-tuned
  • overwrought (=“überreizt“) | mittel | technoider Klang, der sich wie folgt entwickelt:
ENTWICKLUNGEN von overwrought_mod
1 filter | track > Maximum
2 osc2 | transpose > Maximum
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«Valse automatique» pour piano, 2019 (réalisation d’ePlayer)

MIDI-Editoren Sekaiju (kuzu), MidiEditor (M. Schwenk), MIDIPLEX (Stas’M)
Sample-Bibliothek Beskhu (charmantes altes Klavier, verstimmt und mit abgenutztem Hammerfilz)
Sample-Renderer Freepiano
Faltungshall ORTF Studio

Kompositionsnotiz

Basiert auf dem Walzer aus meiner Marianischen Suite (im Original für zwei Klaviere). Die Form wurde erweitert und augmentiert, aber nicht viel. Der letzte Akkord (G – H – [D] – Fis) entspricht dem ersten von E. Saties berühmt-berüchtigtem Nacktknabentanz / Gymnopédie (altgr. γυμνός [gymnós] = „nackt“, gr. παιδός [paidos] = „Knabe“) #1 für Klavier aus dem Jahr 1888.

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«Am Fluss» für Klavier, 2019 (ePlayer-Realisierung)

MIDI-Editoren Sekaiju (kuzu), MidiEditor (M. Schwenk), MIDIPLEX (Stas’M)
Sample-Bibliothek Beskhu (charmantes altes Klavier, verstimmt und mit abgenutztem Hammerfilz)
Sample-Renderer Freepiano
Faltungshall ORTF Studio

Kompositionsnotiz

Material erwirtschaftet aus dem Standard MIDI File SONG_09, das ich zusammen mit anderen Dateien im Sommer 2018 auf meinem noch mit FloppyDisk-Laufwerk bestückten Yamaha MDF3 Standalone MIDI Recorder entdeckte. Die Improvisation stammt vermutlich aus den späten Nullerjahren.

Das Basismaterial war mir eine Spur zu Keith-Jarrett-mäßig, also habe ich während des Editing-Prozesses in der linken Hand eine Nirvana-artige Dissonanz eingeführt – dann ging’s auf einmal wunderbar.

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«Am Kamin» für Klavier, 2019 (ePlayer-Realisierung)

Visualisierung aller Noten des Klavierstücks «Am Kamin» unter Cubase Elements 6. Die Farben signalisieren die inhaltliche (Un-)Ähnlichkeit der Einzelabschnitte untereinander. Für bessere Auflösung bitte auf das Bild klicken.

MIDI-Editoren Sekaiju (kuzu), MidiEditor (M. Schwenk), MIDIPLEX (Stas’M)
Sample-Bibliothek Beskhu (charmantes altes Klavier, verstimmt und mit abgenutztem Hammerfilz)
Sample-Renderer Freepiano
Faltungshall ORTF Studio

Kompositionsnotiz

Material erwirtschaftet aus dem Standard MIDI File SONG_08, das ich zusammen mit anderen Dateien im Sommer 2018 auf meinem noch mit FloppyDisk-Laufwerk bestückten Yamaha MDF3 Standalone MIDI Recorder entdeckte. Stammt vermutlich aus den späten Nullerjahren (also die Datei jetzt, nicht der MDF3).

Umfangreiche Umstellungen. Angestrebt: Sonatenhauptsatzform, also die Abfolge Einleitung | Hauptsatz | Seitensatz | Durchführung | Reprise | Coda. – Fast geschafft, einzig die Durchführung ist mit Elementen der Reprise durchsetzt. Ergebnis:

  • Einleitung
  • 0’20“ Hauptsatz
  • 1’56“ Seitensatz
  • 3’33“ Reprise / Durchführung
  • 6’3″Coda

Die Komposition knüpft stilistisch an meinen frühesten Arbeiten überhaupt an, d. h. so bzw. so ähnlich haben sich meine ersten Kompositionen angehört, nachdem ich mit ca. 12 Jahren mit dem Klavierspielen begonnen hatte. Ich war perplex, wie authentisch ich diesen Stil 30 Jahre später zu reproduzieren in der Lage war, ohne eines der damaligen Stücke direkt zu zitieren. Es gibt da offenbar eine Art versiegelter Zeitkapsel in meinem Gedächtnis, die ich hier mal kurz angestochen hatte. „Normalerweise“ spiele ich ja so nicht mehr. Musik als Zeitmaschine. „Faszinierend!“ (Comm. Spock)

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«The well-tuned sonata» for piano, 2019 (ePlayer realization)

MIDI-Editoren Sekaiju (kuzu), MidiEditor (M. Schwenk), MIDIPLEX (Stas’M)
Temperierung nach La Monte Young (wird in der Kompositionsnotiz erläutert), mehr dazu auf der Homepage von Kyle Gann
Microtonal MIDI Software Harmonic, PianoTuner (F. Nachbaur)
Sample-Bibliothek Yamaha „Salamander“
Sample-Renderer sforzando
Faltungshall Anchorage Tunnel

Kompositionsnotiz

Grafische Darstellung der in meiner «Well-tuned sonata» verwendeten Klavierstimmung, die der Musik ihre charakteristische Färbung gibt. Die orangefarbene Linie markiert die Art und Weise, wie hierzulande üblicherweise Instrumente gestimmt werden („gleichschwebend“), die blaue die im Stück verwendete, deutlich abweichende Stimmung („well-tuned“). Die horizontale Achse bezeichnet die 12 Tonstufen inkl. Oktave (also z. B. C – Cis/Des – D – Dis/Es – E – F – Fis/Ges – G – Gis/As – A – Ais/B – H – C), wobei der Grundton (1) bei meiner Stimmung Eb ist, die vertikale Achse markiert die Intervalle in Cents (100 Cent entsprechen einem gleichschwebend temperierten Halbtonschritt, z. B. dem Intervall F – Fis). – Nebenbemerkung: Bizarrerweise fällt Youngs Skala an zwei Stellen – von Stufe 5 nach 6 und von Stufe 10 nach 11 –, statt zu steigen, wie man es gewohnt ist, d. h. das Gis auf dem Klavier klingt tiefer als das G und das Cis tiefer als das C. Das allein war für mich eine psychedelische Erfahrung und das meine ich nicht ironisch.
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