variation 4 («omnibus stones») for 2 microtonal player pianos, 2019

Kompositions-Software Cubase, Red Dot Forever
MIDI-Editor MIDIplex
Temperierung wie in Klarenz Barlows Klavierkomposition „Çoğluotobüsişletmesi“ (1978)
Sample-Bibliotheken 2x Baldwin Baby Grand Piano (Joe Stevens)
Sample-Renderer 2x sforzando
Faltungshall Schellingwoude Kerk Amsterdam (F. van Saane)

Kompositionsnotiz

Eine kompositorische Doppelbelichtung (man könnte es auch einen Kanon nennen): Mein Klavierstück „Über spitze Steine“ erklingt zwei mal gleichzeitig. Die zweite Ausführung setzt ca. 20 Sekunden später im selben Ausgangstempo (120 bpm) ein und wird dann allmählich schneller, bis sich die beiden Schlussakkorde exakt treffen.

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Donaueschingen auf AI – aber leider ohne mich :-(

Mit der folgenden Aufnahme und einem Standard MIDI File der Komposition antwortete ich auf einen Call for Piano Music der Donaueschinger Musiktage, der erstmalig von einer eigens konzipierten Künstlichen Intelligenz, dem curAItor von Nick Collins, kuratiert wurde:

Am 23. Juli ging mir diese Analyse des curAItors inkl. eines freundlichen Dankesschreibens des „Donaueschingen Teams“ zu:

Score based on a corpus model's prediction of your piece, in comparison to previous concert pieces (higher is better, 0 to 1): 0.48801252348274
Score based on proximity to a corpus and avoidance of an anticorpus (higher is better, 0 to 1): 0.7026725360496
Combined final score: 0.59534252976617
Final ranking (out of 97, ranking hidden if out of top 50): >50

Breakdown by individual audio features:
Loudness:  5.5346552351223  versus reference value on corpus:  5.2232684801942
Sensory Dissonance:  4.692594439056  versus reference value on corpus:  4.5037298522905
Bass Energy:  5.3462620477312  versus reference value on corpus:  5.3025771911455
Mid Range Energy:  5.5850956411719  versus reference value on corpus:  5.2259321343936
High Frequency Energy:  5.5245241634743  versus reference value on corpus:  4.9222018875124
Harmonic Energy:  5.5040426003768  versus reference value on corpus:  5.2830766894793
Percussive Energy:  5.2509538924743  versus reference value on corpus:  5.3410536707862
Tonal Root:  5.3842366804151  versus reference value on corpus:  5.1884044160175
Tonal Mode:  3.7466802932466  versus reference value on corpus:  3.6490005699024
Key Clarity:  5.5564387294373  versus reference value on corpus:  5.5196535155713
Density of Onsets:  3.9153920106925  versus reference value on corpus:  2.9400751912191
Mean Inter-Onset Intervals:  4.527680502488  versus reference value on corpus:  3.4991224039002
Standard Deviation of Inter-Onset Intervals:  3.9641032799717  versus reference value on corpus:  2.907427133889
Beat Histogram Entropy:  1.5237079556482  versus reference value on corpus:  4.9871679891972
Beat Histogram 1st to 2nd Ratio:  5.0052519324022  versus reference value on corpus:  5.519946147904
Beat Histogram Diversity:  1.4394362949168  versus reference value on corpus:  5.027475842776
Beat Histogram Metricity:  4.6642308265936  versus reference value on corpus:  5.2292435026894

Moderne Zeiten!

Schwach nur, dass der Künstlerische Leiter Björn Gottstein nicht in der Lage zu sein scheint (?), Fragen zum curAItor per Facebook zu beantworten – trotz prominentem Support (u. a. Karlheinz Essl!) meiner Anfrage:

Auch 3 Wochen nach meiner dreimaligen höflichen Anfrage keine Reaktion des Künstlerischen Leiters.

Bemerkenswert dagegen, dass meine Komposition auch ohne mitgelieferte Partitur (sie existiert bis heute nicht) überhaupt teilnehmen durfte. Die Audio-Aufnahme und das Standard MIDI File (SMF) genügten offenbar. Harry Lehmanns Erkenntnis, Leitmedium der Komposition im digitalen Zeitalter seien nicht mehr Noten, sondern Samples, scheint sich also ganz allmählich durchzusetzen.

Genaugenommen enthält ein SMF natürlich keine Samples, sondern Befehle wie Note On, Note Off etc., aber diese machen nur Sinn, wenn damit Samples oder MIDIfizierte traditionelle Instrumente angetriggert werden, z. B. eben ein Selbstspielklavier. In diesem Sinn ist das bereits 1983 standardisierte MIDI-Protokoll eine historische Verbindung zwischen Partitur und „nativem“ Komponieren mit Samples.

Wen’s interessiert: Das 59 KB große eingesandte SMF ist hier => SMF

Johannes Kreidler „rationalization – irrationalization“

Kreidlers Kompositionen haben in der Regel intellektuell-analytischen Charakter, sie sind ästhetische Aufklärung im Sinn der Arbeiten Alexander Kluges: Voraussetzungsreich und zunächst überaus spröde, ja intrikat, aber es lohnt sich, länger zu verweilen, um ihre vielfachen Zusammenhänge geduldig auszuwickeln.

Bei dieser Komposition denke ich nicht an „erweiterte Spieltechniken“ à la Lachenmann, denn es geht hier in keinster Weise um irgendeine Entlarvung irgendeines überkommenen ästhetischen Apparats. Die Glissandoflöte ist vielmehr Trigger nicht-musikalischer (hier: visueller) Events, sie dirigiert eine strukturierte Abfolge von Bildern und Clips. Diese wiederum mögen dem unerfahrenen Auge zunächst ein wenig kryptisch, aber jedenfalls nicht willkürlich erscheinen.

Je länger man hinhört und -schaut, desto stärker erschließen sich einem jedoch die aufklärerischen Absichten des Komponisten: Es geht um die Darstellung von universellen „Schönheitslinien“ im Sinn von Hogarths The Analysis of Beauty:

Die Glissandoflöte tut nichts anderes, als diese – in betont prosaisch und populär gehaltenem Medienalltagsmaterial aufgefundenen – Linien musikalisch zu repoduzieren. Und so erscheint die Auswahl des Instruments ebenfalls in keinster Weise zufällig, denn geschwungene Linien lassen sich akustisch nun mal am besten mit einem Instrument darstellen, dem feste Tonhöhen eher fremd sind (Ein Theremin wäre auch denkbar gewesen).

The World of Kenneth Kirschner (1 von 2)

Eigentlich wäre ich selber gerne Kenneth Kirschner. Denn als ich die Arbeiten und – vor allem – die Arbeitsweise des US-amerikanischen Komponisten vor fünf Jahren über das Blog NewMusicBox kennenlernte, dachte ich als Erstes: Donnerwetter, der macht es richtig – das Internet als Publikationsmedium ernst nehmen, produktionstechnisch komplette Unabhängigkeit anstreben, um die eigenen Ideen ohne Abstriche umsetzen zu können und ansonsten komplett normal und ohne jede Attitüde durch’s Leben gehen.

Hier ein Interview aus dem Jahr 2013…


…und mein bisheriges Lieblingsstück von Kirschners Webseite. Es heißt – wie im Übrigen alle Kompositionen auf http://www.kennethkirschner.com – so wie der Tag, an dem es publiziert wurde (Gruß an On Kawara an dieser Stelle), also in diesem Fall…

May 27, 2016


…und dauert exakt eine halbe Stunde. Ich wünsche von Herzen erbauliches und – vor allem – geduldiges Lauschen. Es lohnt sich.

Was Sie schon immer über Johannes Kreidler wissen wollten

Ein Mann mit klarem Leitbild: Johannes Kreidler (rechts). Links Stockhausen.

Der 1980 geborene Erfinder des Neuen Konzeptualismus plauderte am 4. Dezember 2018 entspannt, lebhaft und nicht ohne Anflüge von Selbstzufriedenheit mit Irene Kurka über das Leben und die Kunst:

Dabei fiel mir auf, was viele vor allem ältere Neue Musik-KomponistInnen wahrscheinlich wirklich so provozierend finden am Schaffen und der Haltung von Johannes: seinen dezidierten Atheismus und seine skeptische (aber tolerante) Haltung gegenüber allen Formen von Spiritualität, Mystizismus und Glossolalie.

neue musik leben ist der erste mir bekannte deutschsprachige Podcast, der sich ausschließlich mit Kunstmusik beschäftigt. Geht doch.

Der RSS-Feed von „neue musik leben“ ist hier.

Anton Wassiljew „Mr Jock“

Wassiljew wurde im Kontext der Konzeptmusik-Debatte der frühen Zehnerjahre erstmals einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Jetzt reüssiert er mit bittersüßer digitaler Melancholie:

Definitiv eine Komposition aus dem 21. Jahrhundert. Komisch, dass ich 18 Jahre nach der Jahrtausendwende immer noch ab und zu das Bedürfnis verspüre, so etwas zu betonen. Liegt vermutlich daran, das die mich umgebende Musikkultur zu 99% retro ist.

Konzeptmusik, Konzeptkunst – was ist das eigentlich?

Ein zusammenhängende Theorie des „Konzeptuellen“ in Bildender Kunst und Musik* ist mir nicht bekannt, obwohl die große Zeit der Conceptual art doch schon über ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Im folgenden Vortrag, den er am 25. November diesen Jahres in Düsseldorf hielt, versucht Harry Lehmann, gründlich und nüchtern wie immer, diese Lücke zu schließen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass ein „Isomorphismus von Konzept und Perzept“ das konstitutive Element konzeptueller Ästhetik sei. Das klingt – wie so oft bei Lehmann – trügerisch einfach, ist aber, wie sich bald herausstellt, das Ergebnis sehr weitgehender und scharfsinniger Reflexionen und Analysen.

Es lohnt sich für jede, die an zeitgenössischer Ästhetik interessiert ist, diesem Vortrag zu lauschen, denn dass unsere ästhetische Gegenwart auch eine „postkonzeptuelle“ (Peter Osborne) ist, dürfte klar sein:


Mein Stück Zwangsgedanke für Selbstspielklavier aus dem Jahr 2016 ist bei den Musikbeispielen dabei, was eine große Ehre bedeutet, vielen Dank dafür, Harry, das hat mich sehr berührt! Hier ist die Passage, in dem es um „Zwangsgedanke“ geht (Dauer unter 2 Minuten):


* Was ist eigentlich mit dem Konzeptuellen in der Literatur? Ich denke da immer an die Texte der Wiener Gruppe, aber gibt’s nicht noch mehr?