Besuch (1999)

Das einzig sympathische Haushaltsmitglied war die behinderte Katze. Sie
humpelte ab und zu durch den Raum, um uns an ihre Existenz zu erinnern,
sonst tat sie nichts. Schmiegte sich nicht an, wie es Katzen sonst oft
tun, maunzte nicht herum, nervte nicht durch das Herabstürzen
irgendwelcher Gegenstände.

Unsere Gastgeber waren höfliche, korrekte Deutsche. Also ein wenig
unsauber, betont spießig, er kariertes Hemd, sie Rüschenbluse. Er eher
analytisch, sie eine christliche Schwärmerin, von leicht verhärmtem
Äußeren und unbeirrbarer, theoretisch fundierter Freundlichkeit.

Ich reagierte, unklug ehrlich wie ich manchmal bin, mit gelindem, aber
doch deutlich spürbarem Spott: erkundigte mich nach ihrer Bibelgruppe,
ihren sozialen Aktivitäten, zeigte echtes Interesse, ohne aber die
Sache selbst zu bewerten. Sie erklärte mir alles freundlich, eifrig,
aber ohne zu missionieren, die Augen sinnend auf ein fernes Außen
gerichtet.

Wir, Gerald, Sabine und ich, waren zu Eberhard und Mathilde gekommen,
um Silvester zu feiern. Die Jahreswende im trauten Kreis. Traut? Ich
lernte Eberhard und Mathilde gerade erst kennen. Gerald war ein alter
Freund von mir, Sabine seine frischangetraute Ehefrau.

Ich erwartete einen langweiligen Gesellschaftsabend. Nur nicht diese
Feiertagsnächte irgendwo allein verbringen! Ich versumpfe in
emotionalem Brei und höre schlechte Musik.

Man wohnt im Hochhaus. Der Ausblick auf die mittelgroße Stadt im
Niederrheinischen: Bäume, nah, ein Kirchturm, fern, weitere Hochhäuser
von mäßiger Größe, ein paar Grünstreifen, das Stadtzentrum in
ahnungsvoller Entfernung. Ich stehe sinnend mit Gerald, dem
nachdenklichen, polytoxikomanen Gerald, auf dem Balkon. Wie so oft
wissen wir gar nicht, was wir reden sollen, wir sehen uns selten in
letzter Zeit, die alten Zeiten sind vorbei, die neuen haben noch nicht
so richtig angefangen. Ich durfte bei Geralds und Sabines Hochzeit den
Trauzeugen spielen, darauf bin ich stolz, denn das ist ein
Vertrauensbeweis, denke ich.

Gerald ist beruflich sehr eingespannt, sagt er, er habe so viel zu tun.
Ich verstehe das immer gar nicht, wie jemand so viel zu tun haben kann.
Ich hatte noch nie in meinem Leben „viel zu tun“, so absurd das jetzt
klingen mag, aber ich habe diesen Zustand immer zu vermeiden gewusst.
Gerald jedoch scheint ihn zu suchen. Warum? Er hasst es doch, dieses
Abgehetztsein, dieses Von-Termin-zu-Termin-Hasten, diese gedankenlose
Flucht durchs Irgendwas!

„Nächstes Jahr … eigene Abteilung“, murmelt er, mehr zu sich selbst
als zu mir, das Whiskyglas fest in der Hand. „Brasilien, Venezuela,
vielleicht Kanada!“ Ich lausche interessiert und teilnehmend. Gerald
stützt sich auf am Kunststoff-Balkongeländer, blickt, schon leicht
angesäuselt, in die diesige, amorphe Winterabendsonne. Ein paar Stare
umkreisen die Wohnblocks. Die Glocken der Backsteinkirche gegenüber
läuten zur letzten Messe des Jahres.

Gerald wird jetzt pathetisch. „Was wird das nächste Jahr bringen?“
singt er, mit selbstironischem Unterton. Er blickt nach unten, in die
Tiefe. „Depressionen, Geldsorgen, Arbeit.“ Instinktiv suche ich nach
aufmunternden Worten, sage dann aber lieber nichts. Manchmal lässt sich
Gerald nicht aufmuntern.

Sabine quatscht drinnen mit Mathilde über etwas. Eberhard macht den
Salat an, kümmert sich auch sonst ganz allein um die
Essensvorbereitung. Die Tafel ist schon gedeckt: bescheiden und ein
wenig schlampig. Leicht vergeistigt. Kräftige Genüsse sind nicht zu
erwarten, aber Käsefondue. Käsefondue soll die Kommunikation fördern,
weil man gezwungen ist, sich mit allen Personen zu einigen, die auch
ihr Brotwürfelchen in die zähe heiße Kaugummipampe halten. Es kommt
zwangsläufig zu Kollisionen, Brotwürfelverlusten, verzweifelten
Suchaktionen, Stochern im Käsebrei etc. All das soll zu gemeinsamer
Heiterkeit führen, soll Gesprächsstoff entstehen lassen, ein
Gemeinschaftserlebnis erzeugen.

So auch an diesem Abend.

Man behandelt sich höflich, spart aber auch nicht an kritischer
Kommentierung als politisch unkorrekt empfundener Äußerungen des
Anderen. Es wird über alles Mögliche geredet, also über nichts
Besonderes. Mathildes Puritanismus, ihre charismatische Innerlichkeit,
prägt die Atmosphäre. Zwar spricht sie den ganzen Abend nicht einmal
vom Seelenbräutigam, doch strahlt er ihr aus den Augen. Seligkeit,
innere Erfüllung, unnennbares, immerwährendes Glück. Oder zumindest die
unstillbare Sehnsucht danach.

Zwischen Eberhard und Gerald wird ständig ein Spiel gespielt: Fang den
Hut. Gerald ist der Hut, Eberhard versucht ihn zu fangen. Gerald stellt
möglichst radikale Behauptungen über die Zeitläufte im Allgemeinen auf,
Eberhard kommentiert diese moderierend mit geradezu väterlichem
Verständnis. Gerald trinkt dann wieder einen Schluck Whisky und
sinniert weiter. Eberhard tut unbeteiligt, doch ich spüre seine innere
Befriedigung, dem für unreif gehaltenen Freund einen guten Ratschlag
gegeben zu haben. Eberhard ist angehender Studienrat für Deutsch und
Geschichte.

Es wird dunkel. Das Essen ist vorbei. Bevor Langeweile aufkommen kann,
wird ein Spiel vorgeschlagen. Eine dieser aufwendigen Neuerfindungen,
die aber doch immer wieder die gleichen Emotionen hervorrufen wie
„Mensch ärgere dich nicht!“. Der Spielplan ist kompliziert und
unübersichtlich. Es handelt sich um eine Variante von „Trivial
Pursuit“, jene kindische Protzerei mit zusammenhangslosem
Kreuzworträtselwissen. Karten werden gezogen, man darf sich gegenseitig
Fragen stellen. Der Spielgenuss scheint darin zu bestehen, den jeweils
anderen einer Prüfungssituation unterziehen zu dürfen. Das gibt Raum
für mehr oder minder subtile Demütigungen, sollte der Prüfling
versagen. Es ist fast wie im richtigen Leben. Das Spiel wird in
Deutschland sehr oft verkauft.

Ich weiß nicht, wie lang die Chinesische Mauer ist und wer das U-Boot
erfand, doch kann ich Fragen über Fernsehserien der 70er Jahre ganz gut
beantworten. Alle halten sich leidlich. Ich weiß gar nicht mehr, wer am
Ende die meisten Punkte hatte. Ich vermute, Eberhard. Mathilde erzählt
irgendwann später, er habe sich die Woche zuvor hingesetzt und die
Antworten studiert. Eberhard ist dieses Outing sehr peinlich. Doch er
tut lässig, als mache es ihm nichts aus, von seiner Frau vor anderen
bloßgestellt zu werden.

Sabine wird lebendiger, als wir ein neues Spiel spielen: Pantomime.
Kreativität und Schauspieltalent sind gefragt. Auch ich wache ein wenig
auf. Es soll ein Begriff dargestellt werden. Alle ergehen sich in
komischen Verrenkungen, schnaufen am Boden, tänzeln ungeübt, stehen
steif herum, heben ein Bein wie ein pinkelnder Hund, springen auch kurz
in die Luft. Einer macht immer den Hampelmann und die anderen müssen
raten. Sabine ist mit Geralds Darstellungen nie zufrieden. Dieser
behält während der Pantomime die Pfeife im Mund, was ein wenig wurstig
aussieht. Ich liebe ihn dafür. Mathildes Performance ist erwartet
staksig, körperlos und eckig. Dieses Grimmassieren. Dieser stets
altruistische Blick. Ich bin nun doch fasziniert. Hingabe,
Selbstaufgabe. In allem, was sie tut. Sie ist nicht schön, nicht
übermäßig intelligent, nicht redegewandt. Sie ist in Vielem
Durchschnitt. Doch ihr Glaube macht sie, vor sich selbst, zu etwas
Besonderem. Meine eigene Pantomime ist, meiner gedämpften Stimmungslage
entsprechend, wenig inspiriert. Trotzdem wird ein wenig gelacht. Ich
soll das Kinderlied „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ darstellen.
Erst spiele ich den Fuchs, dann die Gans. Der Fuchs wieselt schnüffelnd
auf allen Vieren herum, ungeduldig, lüstern, gierig geifernd ob des
kommenden Genusses. Bei der Darstellung der Gans tue ich mir schwerer.
Ich gehe in die Hocke, watschle herum, imitiere mit meiner Hand den
plappernden Schnabel. Es ist demütigend. Aber das Lied wird
identifiziert. Ich glaube, es war Sabine.

Es werden Chips und Erdnüsse gereicht. Das Bedürfnis nach Musik. Ich
stöbere im Plattenschrank. Die Ausbeute ist mäßig. „Stop Making Sense“
von den Talking Heads, ein bisschen Roxy Music, dann nur noch
Grönemeyer, Westernhagen, Rainhard Fendrich. Zum Schluss doch noch ein
paar halbwegs obskure Tanzmusikplatten aus den späten 60ern. Damit
fange ich an, denn ich spiele den DJ, wie bei jeder Party. Keine
schlechte Rolle, denn man hat immer was zu tun, wird auch gern
angesprochen. Wünsche werden an einen herangetragen. Wünsche, die man
erfüllen kann, oder auch nicht. Es wird getanzt. Die Stimmung wird,
alkoholbedingt, haltloser. Die Frauen lachen manchmal ein wenig zu
laut. Die Männer grinsen still und ein wenig dämlich vor sich hin. Ab
und zu humpelt die Katze verstört durch den Raum.

Kurz vor Mitternacht schalte ich den Fernseher an, aus Langeweile. Ich
will jetzt das kollektive Erlebnis des Jahreswechsels. Sekt wird aus
dem Kühlschrank geholt. Wie auf Kommando versammeln wir uns auf dem
Balkon. Natürlich hörte man schon den ganzen Abend vereinzelte Böller
knallen, aber jetzt gehts natürlich massiv weiter. Niederrhein in
Flammen. Rosen, Tulpen, Nelken. Balustrade. Man fällt sich vorsichtig
um den Hals, wohltemperiert. Das Gesicht verzerrt sich, vom langen
Abend schon leicht angestrengt, zur Freundlichkeitsmaske, während die
Arme den obligatorischen Halbkreis umschreiben. Bussi. Die Oberkörper
berühren sich nur an den Schultern. Die Brüste der Frauen bleiben
ungequetscht. Die Männer umarmen sich nur andeutungsweise, aufkommende
Zärtlichkeit durch gleichzeitiges Rückenklopfen neutralisierend.

*

Intrade. Verlust, ausgekostet. Ich bin enttäuscht: Das neue Jahr fühlt
sich genauso an wie das alte. Geschmacklos, holzig und ein bisschen
fade. Ich stehe jetzt allein und beschwipst auf dem Balkon und möchte
mich gerne hinunterstürzen. Triumphales Ende. Starr aufgerissenen Auges
mit dem Gesicht zur Grasnarbe, das eigene Blut schmeckend, kleine
Knochensplitter dringen in die Hirnrinde ein. Fetzen aus Erinnerung:
Studienjahre, die Wittgenstein-Ausgabe unter der Lederjacke. Die Welt
ist alles, was der Fall ist. Wovon man nicht sprechen kann, darüber
muss man schweigen. Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern
dass sie ist. Oder auch: (W W F F) (p, q) in Worten: p.

Das Fernsehen zeigt jetzt leichtbekleidete langbeinige französische
Tänzerinnen. Moulin Rouge, die rote Mühle in Paris. Nie war ich dort.
Ich will auch nicht hin.

Der Abend ist gelaufen. Kein Überborden der Stimmung, kein brünstiges
Sich-Entäußern, keine unerwarteten Ekstasen. Stattdessen
Wohlanständigkeit.

Mir wird die Iso-Matte zugewiesen, im Studierzimmer des zukünftigen
Herrn Studienrates. Bücher, Schreibtisch, Computer, Zeitschriften, eine
Topfpflanze.

Das Licht ist aus, ich liege flach und starre auf die
Dürrenmatt-Gesamtausgabe ca. einen halben Meter vor meinem Gesicht.
Warum steht der Dürrenmatt so tief? Mag Eberhard den Schweizer
Moralisten nicht? Würde mich wundern. Wahrscheinlich ist Dürrenmatt
gerade nicht „dran“.

Der Schlaf, der Tod, der Traum, das All. Der Kosmos, die Entgrenzung,
der Rand zum Nichts. Dürrenmatt skalpiert Wolfgang Borchert. Bert
Brecht treibt es mit Wolfgang Koeppen und Heinrich Böll wixt sich einen
dazu.
Die Humpelkatze huscht über meinen Adventure-Schlafsack. Ein sanfter
Luftzug. Es ist Tag. Ich habe mein Morgentief, will nicht aufstehen.
Man sollte mich wegtragen müssen. Geräusche aus dem Wohnzimmer. Das
Klappern von Geschirr, natürlich. Ich denke an wahrscheinlich
bevorstehende Abspülexzesse und bin noch tiefer verstimmt.

Doch am Frühstückstisch eine Offenbarung: die besten Eier mit Schinken,
die ich jemals … Keine Ahnung, wie Eberhard das hinbekommen hat,
jedenfalls schmeckt es mir großartig. Eberhard und Mathilde werkeln
eifrig am Herd, ich gewinne die beiden richtig lieb, denn Liebe geht
durch den Magen. Es fehlt eine zweite Pfanne. Erst wird eine Weile
vergeblich gesucht, schließlich wird das gute Stück auf dem Schrank,
oberhalb des Herds, entdeckt. Lagert dort etwas labil auf einem Stapel
alten Geschirrs. Mathilde steigt auf einen wackligen Stuhl, greift nach
dem Pfannenstiel, dann passiert es.

Es passiert.

Ich sehe alles in Zeitlupe. Mathilde hebt die Pfanne an, doch nicht
hoch genug, und reißt den ganzen Geschirrstapel mit in die Tiefe. Mit
grausamem Poltern und Klirren folgt er dem sturen Gesetz der
Gravitation.

Porzellanscherben bohren sich ins Rührei, perforieren kross gebratene
Schinkenstückchen. Sabine lässt einen markerschütternden Schrei fahren.
Die Katze, die es sich bettelnd neben dem Herd bequem gemacht hatte,
humpelt blitzschnell davon und ward nicht mehr gesehen. Eberhard wirkt,
ich beobachte ihn genau, für einen Moment grässlich indigniert, reißt
sich aber sofort wieder am Riemen, setzt seine kontrolliert-wichtige
Miene auf und beginnt sofort, beruhigend auf seine wild gestikulierende
Frau einzureden. Mathilde ist von der Leiter gestiegen, ihr schlechtes
Gewissen färbt den ganzen Kopf dunkelrot. Sie verfällt in blinden
Aktivismus und schneidet sich an einer Scherbe leicht in die Hand. Als
die Wunde anfängt zu bluten, scheint es ihr ein wenig besser zu gehen.
Sabines Bestürzung hat sich bald wieder gelegt, sie eilt herbei, um
Mathildes Verletzung zu versorgen. Gerald hat das Ganze verkaterten
Auges verfolgt, ist nur ganz kurz zusammengezuckt und murmelt jetzt
etwas von „Menetekel“. Ich selbst kann mich nach anfänglichem Schreck
eines schadenfrohen Grinsens nicht erwehren, halte aber sofort meine
Hand vor den Mund, damit mich meine Gastgeber nicht vor die Tür weisen,
wo es gegen null Grad geht.

In kürzester Zeit ist das Malheur beseitigt, aber die friedliche
Neujahrsmorgenstimmung ist zerplatzt. Plötzlich erinnern sich alle an
wichtige Termine, die ja gerade heute, am ersten Tag des Jahres, noch
wahrzunehmen seien: familiäre Verpflichtungen vor allen, ja, vor allem
die, Mutti und Vati sind sonst gleich wieder beleidigt, wenn wir nicht
vorbeikommen und wer weiß, wie lange der Großvater noch lebt.

Die Abschiedszeremonie erlebe ich im Zeitraffer, von allen löst sich
eine gewisse Anspannung. Die Gastgeber freuen sich darauf, bald wieder
nur Privatleute ohne Schauseite sein zu dürfen, im T-Shirt in der
Wohnung herumlaufen zu können, in der Unterhose, die Zahnbürste im
weißumschäumten Mund. Die Gäste sind erleichtert, die stickige Wohnung
verlassen zu dürfen und nicht mehr ständig Objekt aufmerksamer
Bewirtung sein zu müssen. Man entlässt sich gegenseitig. Draußen
scheint die Sonne. Es ist kalt. Es ist ein neues Jahr.

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Besuch (1999)

Rausch (1996)

Es ist dunkel. Es ist hell. Es ist dunkel. Ich radle auf das Dorf zu, das in diesen Tagen sein großes Fest feiert. „Großes Fest“ ist eigentlich schon zuviel gesagt, denn wie sollte ein Dorf, an dem alles so klein ist, überhaupt ein großes Fest feiern können? Villariba und Villabajo fallen mir schlagartig ein, die beiden spanischen Käffer aus der Geschirrspülmittelwerbung. Die feiern beide gleichzeitig ein Fest,und das eine Dorf bekommt dann dank des besseren Geschirrspülmittels seine riesigen Paella-Pfannen schneller und gründlicher sauber.

Die Pappelallee hört plötzlich auf, die Straße macht einen Knick und gibt den Blick auf die Autobahnbrücke frei. Ein monströses Bauwerk, finde ich immer wieder, obwohl es nun schon einige Jahre hier steht und funktioniert, reibungslos. Nur ein paar Selbstmörder zweckentfremden es, hin und wieder. Praktischerweise befindet sich am Fuß der Brücke ein Betonwerk mit fürchterlich hartem Bodenbelag. Da geht kein Selbstmordkandidat das Risiko ein, etwa noch einmal zusammengeflickt zu werden.

Jenseits der Brücke das Dorf. Wenn ich seinen Namen höre, muss ich immer sofort an Gemüse denken, denn dort wächst, neben etwas Wein, nur Gemüse. Gemüse ist die Haupteinnahmequelle des winzigen Dorfes: Lollorosso-Salat, Kopfsalat, Gurken, Tomaten.

Es ist ein Gärtnerdorf, voll von automatisierten Treibhäusern. Die fallen einem als erstes auf, wenn man die Ortsgrenze überschreitet. Es sind gläserne Roboter, in denen sich unablässig Maschinen bewegen. Sie beregnen, belüften, bewässern. Selten sieht man einen Menschen. Es wird still produziert.

Die Autobahnbrücke liegt jetzt deutlich hinter mir. Ihr Autoverkehr produziert ein fernes, abstraktes Geräusch, das man sofort mit Geschwindigkeit verbindet: Schräg hinter mir, in großer Höhe, rasen Ottomotoren über das Tal.

Die Bebauung wird dichter. Zur Rechten der Fluss mit den üblichen Schwänen darauf. Der Himmel ist blau und wird vom Wasser wiedergespiegelt. „Wie gnädig“, denke ich mir, denn das Flusswasser ist schmutzigbraun. Als Kind dachte ich: „Sicherlich hat es flussaufwärts gerade geregnet, der Fluss trägt viel Schlamm mit sich. Später wird sich die Farbe des Wassers verändern, vielleicht in ein klares Blau“. Später kam nie. Schmutzigbraun ist die normale Farbe des Flusses. Außerdem riecht es nach Fisch, wenn man ganz nah herangeht.

Jetzt kommt das Dorffest immer näher. Als Erstes hört man immer die Musik. Erst ganz undeutlich und verwaschen, kaum wahrnehmbar und unscharf, vom Wind verweht, dann, mit abnehmender Entfernung, immer deutlicher. Zuerst sind es nur Fetzen von Melodien, eine Basslinie, ein Rhythmusfragment, Spitzentöne der Blechbläser. Dann fügt sich etwas zusammen, unwillkürlich versucht man zu erraten, was gerade gespielt wird, welches Stück, ist es The Final Countdown oder Thriller?

Am gegenüberliegenden Flussufer liegt das kleine Landstädtchen, wo ich das Gymnasium besuchte, Abitur machte. Zwei Männer schippern auf einer Jolle den Fluss hinauf. Die Jolle ist grell bemalt, in den Kifferfarben grün, gelb und rot. Vielleicht ist der Besitzer Fan von Bob Marley.

Der Festplatz kommt in Sicht. Er befindet sich direkt am Flussufer und ist nur mäßig belebt. „Es ist zu heiß für ein Fest“, denke ich mir und blicke an mir herab. Mein weißes T-Shirt ist von winzigen schwarzen und braunen Punkten übersät: Mücken, die während der Fahrt auf mich prallten und an meinem Oberkörper zerschellten wie sonst am Kühlergrill eines Wagens. Außerdem bin ich schweißüberströmt.

Wo soll ich das Fahrrad abstellen? Ich entscheide mich für den Vorplatz des Hergenrötherschen Anwesens, gleich hinter Corinnas Wagen. Wegen Corinna bin ich eigentich hier, habe die Strapaze des kilometerlangen Weges in praller Sonne auf mich genommen. In Corinna bin ich nämlich verliebt. Sie aber nicht in mich. Das ist das Problem. Corinna wird auf dem Dorffest arbeiten. Ich sagte ihr, dass ich vorbeikommen wolle. „Ich
habe aber zu arbeiten“, entgegnete sie. „Das macht nichts“, antwortete ich. Es machte aber doch was.

*

Ich finde sie gleich im weißen Festzelt. Corinna trägt ein rotes Kleid. Trotz ihrer bescheidenen Art ist sie eine auffällige Erscheinung in diesem dörflichen Umfeld. Das Zelt ist nicht einmal halbvoll. Es spielt eine rotbejackte Blaskapelle von etwa fünfzehn Musikern. Die Verstärkeranlage ist viel zu laut eingestellt, das soll die Leute mitreißen. Entschlossen und etwas furchtsam gehe ich auf Corinna zu. Als sie mich sieht, nimmt ihr Gesicht einen eigenartigen Ausdruck an: halb belustigt, wie in plötzlicher Erinnerung an vergangenen Spaß, halb gequält, als fühle sie sich belästigt. Sie steht hinter der Theke und verkauft Wurst- und Käsebrötchen.

„Hallo!“

„Hallo.“

Sie gibt sich freundlich wie immer, wie es sich gehört. Wahrscheinlich spürt sie, dass ich mehr erwarte, sieht aber keinen Grund, mir mehr zu geben. Also verharren wir regungslos voreinander.

Ich beginne ein Gespräch, rede über irgend etwas, das Wetter, die Musik. Ich weiß gar nicht mehr, was ich redete, es ist auch nicht weiter wichtig. Ich möchte nicht all die schweißtreibenden Kilometer gefahren sein, um dann dieser Schönen stumm gegenüberzustehen.

Das Gespräch versackt. Corinna blickt mich an, ohne bestimmbaren Gesichtsausdruck. Ich beschließe einen Rundgang über das Festgelände.

Es gibt einen Streichelzoo mit Ziegen und einem Kaninchen. Den Tieren ist es entschieden zu heiß. Eine Ziege lungert unter einem Bretterverschlag, eine andere steht daneben und leckt an einem Salzblock. Das ungewöhnlich massige Kaninchen liegt lang ausgestreckt in der prallen Sonne, die Hinterläufe verdreht. Es hechelt wie ein Hund. Die dritte Ziege, sie ist braun und hat zwei unterschiedlich große Euter, läuft ständig am Zaun entlang und versucht, den vorbeigehenden Menschen etwas Essbares abzubetteln. Ich bekomme Lust,
sie zu foppen und tue so, als hätte ich etwas in der Hand. Gierig trippelt sie heran, schnüffelt an meiner Hand, erkennt den Betrug, hebt kurz den Kopf und läuft dann in eine andere Richtung.

Jetzt macht die Blaskapelle eine Pause, meine Ohren können sich ein wenig erholen. Ich sehne mich nach Kühle und Schatten. Vielleicht kann ich mit Corinna Kaffe trinken und Kuchen essen, wenn ihre Arbeit beendet ist. Bis dahin muss ich warten. Man wartet ja gern auf jemand, in den man verliebt ist.

Ich schlendere in Richtung der Stahlbrücke, die hinüber ins Landstädtchen führt. Eigentlich ein Nachkriegsprovisorium, aber bereits vor einigen Jahren renoviert, nun eine dauerhafte Einrichtung. Schräg unterhalb der Fahrbahn führt eine mächtige Rohrleitung entlang. Steigt
man über das Brückengeländer, kann man sie leicht erreichen und sich auf sie stellen. Von dort springen die mutigsten Jungs des Dorfes im Sommer in den Fluss. Das sind ungefähr zehn Meter Höhe. So auch heute. Skeptisch blicke ich nach oben: da stehen wieder zwei, so circa vierzehn, fünfzehn Jahre alt. Beide tragen Badehosen und T-Shirts. Das eine ist weiß. Es steht Blue System drauf. Jetzt springen sie, gleichzeitig. Unten auf der Wiese kreischt ein Mädchen. Ich halte den Atem an, während die beiden zwischen Himmel und Erde schweben. Widerwillig muss ich sie bewundern. Ich konnte in ihrem Alter die Angst vor der Höhe nicht überwinden. Über das Dreimeterbrett kam ich nicht hinaus und selbst von diesem sprang ich nur Kerze. Charlie sprang Köpfer vom Zehnmeterbrett, was ich todesmutig fand. Ich hatte immer dieses unerträgliche Kitzeln im Bauch, wenn ich vom Dreier sprang. War heilfroh, wenn ich unten war. Die Zeit unterwegs erschien mir unerträglich lang. Wie lang musste sie einem erst nach dem Absprung vom Zehner werden? Jetzt knallen die beiden Jungenskörper auf die Wasseroberfläche auf. Beide Köpfe sind sofort wieder oben. Sie reden miteinander, während sie Richtung Ufer schwimmen.

Ich überlege, was zu tun ist, um die Zeit zu überbrücken. Ich könnte zur nächsten Telefonzelle laufen, um jemand anzurufen, Stefan zum Beispiel. Boris Becker spielt gerade in Wimbledon. Das ist doch etwas, worüber man reden könnte.

*

Ich raffe mich auf, um die Brücke zu überqueren. Brütende Hitze auf meinem Kopf, als ich über dem Fluss bin. Alles ist durchnässt, T-Shirt, Unterhemd, Unterhose, Jeans, Socken. Nur meine Sandalen natürlich nicht, denn die sind ja aus Leder. Drüben angekommen, wähle ich nicht den Weg durch die Fußgängerunterführung, um die Straße zu kreuzen. Ich überquere die Brückenstraße oberhalb, weil ich glaube, so schneller zu Telefonzelle zu kommen. Das ist aber ein Irrtum. Ich befinde mich jetzt auf der falschen Seite der Einmündung und muss die Hauptstraße überqueren. Auf der anderen Seite kommt gleich die Leitplanke, kein Bürgersteig. Ich klimme über die Planke und stolpere die steil abfallende, grasbewachsene Böschung hinunter auf den vielfach geflickten Asphalt der Nebenstraße, an der die Zelle steht. Das schmerzt in den Fußsohlen.

In der Zelle ist die Hitze unerträglich. Es ist eines dieser altmodischen Münztelefone. Glücklicherweise habe ich ein Markstück bei mir. Mit Groschen hantiere ich gar nicht erst herum, es ist sowieso ein Ferngespräch. Ich werfe die Mark in den dafür vorgesehenen Schlitz, wähle Stefans Nummer.

„Köhler.“

„Hi Stefan!“

„Ach, der Martin! Na, wie gehts?“

Undsoweiter.

Becker hat den ersten Satz gewonnen, ich bin überrascht. Ansonsten gibt es bei Stefan nichts Neues, außer, dass er pleite ist und zudem eine Geldbuße wegen Alkohols am Steuer zahlen muss.

Aber das weiß ich ja eigentlich schon.

„Tschüss Martin! Bis Mittwoch!“

„Tschüss Stefan! Bis Mittwoch!“

Bin nun heiterer gestimmt und wähle den Weg zurück durch die Fußgängerunterführung.

Corinna steht noch immer in ihrem roten Kleid am Brötchenstand und sieht schön aus. Jemand kauft ihr gerade etwas ab. Sie bedient höflich und korrekt, zuvorkommend könnte man sagen. Ich bestelle eine Halbe Radler am Getränkestand, das Glas kostet fünf Mark Pfand, setze mich auf eine der orangefarbenen Brauereibänke mit den blauen Stützen und
sehe Corinna an. Sie steht ungefähr zehn Meter von mir weg. Meistens sieht sie nicht in meine Richtung. Ich werde traurig, blicke mich um.

Rechts neben mir, am anderen Ende der Bank, sitzt ein Mann mittleren Alters mit unwahrscheinlich dickem Bauch und dunkelrotem Gesicht. Er hat lichtes blondes Haar und einen gewaltigen Schnauzbart, trägt ein kariertes Hemd, das angespannt seinen Wanst bedeckt. „Sicherlich ein Arbeiter“, denke ich mir. Der Arbeiter stemmt eine Maß Bier. Dabei brüllt er etwas Unverständliches zum Bratwurststand hinüber. Erst verstehe ich nicht, wen er meint, dann bemerke ich den sehr gutaussehenden Farbigen, der hinter dem Stand Teller wäscht. Der Farbige, ungefähr im gleichen Alter wie der Arbeiter, grinst vieldeutig
und ruft einen Gruß zurück. Der Arbeiter brüllt etwas hinterher und wendet sich wieder seinen Tischnachbarn zu, die alle wie Arbeiter aussehen.

Es ist an der Zeit, dass etwas passiert, irgend etwas. Wieder fängt die Kapelle zu spielen an. Neugierig betrachte ich die Musiker näher. Der Sänger kommt mir bekannt vor. Er ist einige Jahre jünger als ich. Wahrscheinlich war auch er auf dem Gymnasium in Leinbach. Auch das
Gesicht der Sängerin kommt mir bekannt vor. War sie auch in Leinbach? Ich glaube nicht. Der Bassist ist ein blonder Endzwanziger mit dezentem Punk-Habitus. Der einsame, alkoholisierte Held. Interessant. Seine Spielhaltung ist lässig, so als könne er jederzeit etwas ganz anderes machen. Aber er tut nichts anderes: spielt weiter die Basslinie von „O du wunderschöner deutscher Rhein“. Du wirst immer Deutschlands Zierde sein. Längs des Fahrradwegs war mir ein Aufkleber der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands aufgefallen. „Das andere Deutschland. Freiheit für Günter Deckert.“ Wer war noch mal Günter Deckert?

Ich langweile mich jetzt entschieden. Neben Corinna steht mittlerweile ein nicht mehr ganz junger, bauernschlau dreinblickender Mann mit dunkelblondem Haar und Oberlippenbart. Er steht schräg hinter Corinna und redet auf sie ein. Sie ist froh, dass sie jemand anspricht.
Wahrscheinlich langweilt sie sich auch. Plötzlich glaube ich zu spüren, dass der Dunkelblonde unheimlich scharf auf Corinna ist. Am liebsten würde er sie wohl über die Schulter legen, irgendwo hingehen und sofort mit ihr schlafen. Aber das geht natürlich nicht. Tatsächlich ist Corinna mit Abstand die attraktivste Frau in Sichtweite. Zudem hat sich im Dorf herumgesprochen, dass sie sich scheiden lassen will. Ihr Mann soll sich zu wenig um sie gekümmert haben. Der Bauernschlaue mag sich einbilden, sich sehr gut um Corinna kümmern zu können. Auch ich denke das dauernd. Eifersucht beginnt in mir aufzusteigen, aber das Gespräch ist bald beendet. Der Bauernschlaue hat anderweitig zu tun und läßt Corinna an ihrem Brötchenstand stehen.

Ich fasse mir ein Herz, stehe auf und gehe mit meiner Radlerhalben auf den Stand zu. Vorsichtig stelle ich das mächtige Glas auf dem Plexiglastresen ab und versuche erneut, ein Gespräch zu beginnen. Aber Corinna teilt mir als Erstes mit, dass sie nach der Arbeit gleich nach Hause gehen werde. Aus dem geplanten Nachmittagskaffee wird wohl nichts werden.

Jetzt bin ich enttäuscht und deprimiert. Es war also alles umsonst. Ich spüre kalte Wut in mir aufsteigen, versuche, mir das nicht anmerken zu lassen. Zum Schein plaudere ich noch ein wenig weiter, zücke dann unvermittelt das rote Herzchen aus Holz, das ich Corinna mitgebracht habe. Dränge es ihr auf. „Du vergewaltigst die Leute“, hat sie mir mal am Telefon gesagt. Jedenfalls komme ich mir nie böse dabei vor. Ich folge lediglich einem
starken inneren Impuls.

„Wo hast’n des her?“

„Von meiner Mutter.“

Sie hängt sich das hölzerne Herz vor die Brust, sagt sinnend: „Das Herz am rechten Fleck.“

„Ich fahr‘ dann mal wieder.“

„Ja.“

„Tschüss!“

„Tschüss.“

Rausch (1996)

Erwin (1993)

Eine unerhörte Begebenheit

Erwin schlug sich heute um vier Uhr morgens die Nase blutig.

Dies geschah in, für Erwin und, später, seinen herzallerliebsten Vater Erwin senior, unerklärlicher, Erwin sagte, „mysteriöser“, gar „mystischer“, Art und Weise. Er, Erwin, sei gerade so richtig eingeschlafen gewesen, als ihn irgendetwas veranlasste, sich abrupt auf die linke Seite des französischen Bettes zu werfen, wobei dann sein Kopf, von der heftigen Bewegung erfasst, mit aller Wucht gegen den unweit des Bettes stehenden Kleiderschrank geschleudert worden sei.

Er berichtete seinem Vater weiter, er habe zunächst geglaubt, von einem Einbrecher ins Gesicht geschlagen worden zu sein, derart, dass sofort „ein Sturzbach von Blut“ aus seinen Nasenlöchern geschossen sei, den ultramarinblauen Teppich verunreinigend.

Verwirrt habe sich Erwin vom Bett erhoben, das Blut sei ihm wirklich aus der Nase auf die Füße getropft. Mit dem Handrücken habe er den „Sturzbach“, wie er es nannte, aufhalten wollen, aber es sei vergeblich gewesen. Plötzlich sei er sich wie ein Stigmatisierter vorgekommen, erzählte Erwin zur Bestürzung seines Vaters, der ihm geduldig zuhörte. Er sei aufgestanden, vor den Flurspiegel gelaufen und habe sich dort als Gekreuzigter, aus Händen und Füßen blutender Christus wiedererkannt. Selbstverständlich sei ihm sofort die metaphysische Blödsinnigkeit, ja Verstiegenheit dieses Vergleichs aufgefallen.

Er habe schließlich zu grinsen begonnen, lachte dann kurz auf, um schließlich, gegen fünf Minuten nach vier, in ein circa zehnsekündiges lautes Gelächter auszubrechen, in Gedanken das alte Kirchenlied „O Haupt voll Blut und Wunden“ memorierend.

Erwin (1993)

Zuckerfabrik (1991)

Da wird ein Schafkopf gedroschen, dass es kracht. Der Meister ein Zyniker. Zum weißen Kragen hat’s nicht gelangt trotz Abitur. So geht’s dahin in der Monotonie der Stunden. Das Knarzen einer Klappe erinnert mich an Posaunenetüden von Conny Bauer. Tote Mäuse im Schmutzzucker. Ein rotgesichtiger, alkoholisierter Höcherer, ewig murrend, nörgelnd, beleidigt und beleidigend. Und der Chef, ein kleiner Digdaador, sein Wille geschehe, umringt, wie immer, von einer ganzen Schar Trabanten, gierig kreisend, spähend nach Löchern im Gebälk der Hierarchie. Putzen sich die Gummistiefel, bis man sich darin spiegeln kann, lecken sich die Lippen, sortieren sich ihr Leben zurecht im grauen Alltag allzu durchsichtiger Abhängigkeiten.

Plötzlich und unerwartet das Grundproblem. Depressive Verstimmung. Eine Angst, dass es kracht. Fürchte mich vor etwas, von dem ich weiß, das es nicht existiert und deshalb auch nicht bekämpft werden kann. Ich gebe mich der Monotonie des Arbeitens hin, entferne sirupverklebte Pappkartons, entleere Leinensäcke, kehre den Hallenboden.

Eben noch guter Dinge, normale Gedanken im Kopf und, da plötzlich, kommt’s dann und trübt dein Hirn, lähmt deine Arbeitskraft, macht dich alle. Die Zeit dehnt sich erschreckend, alles zieht sich zurück, die Mitwelt wird bedeutungslos, die ganze Welt trübt sich ein, rückt in Schräglage und du mittendrin im Pfuhl, schwer angeschlagen. Du machst den denkbar schlechtesten Eindruck, zeigst dich denkbar uninteressiert, ja arrogant deinen Vorgesetzten gegenüber. Das trübt dich noch weiter ein, du beginnst unglückselig zu gleiten, ganz verliebt in die Möglichkeit des Scheiterns, in den Gedanken der vollkommenen Wertlosigkeit der eigenen Existenz, die dumpf empfundene Nichtigkeit des Gewesenen, Jetzigen und Zukünftigen.

Frühstückpause, ein ruhiger Morgen, gesammeltes Arbeiten. Meine Gedanken sind ernst und beschäftigen sich mit der isorhythmischen Motette des Josquin des Prèz, mit der Musik Bernd Alois Zimmermanns und Frescobaldis. Lektüre von Gert Neumanns DDR-Roman „Elf Uhr“: „Das sind die immer überraschend eintreffenden Rhythmen des Sinngeschehens, die bei ihrem Eintreffen sofort als erwartete verstanden werden und dem flachen Leben eine philosophische Dimension geben.“ Solipsistische Dimension abnormer Entität kollabiert in hellgrüner Salatsoße. Existenz als Experiment. Der Moloch des Grauens. Das Pulsieren immerwährender Melancholie, intuitiv sich steigernd, in Vorahnung leuchtender Wiesen. „Evaubee zweizwei“, ruft der Typ aus dem Magazin, beißt dabei in sein Schinkenwurstbrötchen. Ich mag ihn nicht sonderlich. Außerdem ist er dumm und behandelt wahrscheinlich seine Frau schlecht.

Ein scharfer, dumpfer Schmerz raubt die Ruhe, bohrt sich dann, im Hintergrund, in die Eingeweide. Dann plötzlich Klarheit, die die Arbeit behindert, eine Verschlimmbesserung. Meine Ex im Domina-Outfit, die schneeweißen Brüste vom Lederkorsett nach oben gepresst, die schwarze Mähne glatt nach hinten zu einem Knoten verzurrt, das Gesicht weißgeschminkt, dunkelrote Lippen, tiefblauer Lidschatten, Kajal um die Augen, lange schwarze Handschuhe, schwarze Strümpfe, Lackstiefel. Ich massiere sanft ihre feuchtgewordene, leicht angeschwollene Klitoris. Mein Finger rutscht auf ihrem Fleisch wie von selbst hin und her. Dann treibe ich mein Ding ruckartig in ihre heiße Möse, beide Hände hart in ihre Taille verkrampft. Kriegt meine volle Ladung Saft ins Gesicht. Leckt mich gierig leer.

Mein letzter Arbeitstag. Sabine, ein spirituelles Wesen. Unbestimmbare Empfindung. Bin müde, erschöpft und verwirrt. Auch glücklich. Hab ich ein Glück! Aber wohin mit dieser Frau? Ich erblickte sie und dachte, „da ist sie, meine Frau“, was natürlich ein ausgemachter
Blödsinn war. Aber der Gedanke war schön.

Flirrende Gluthitze, die Wespen mit ihrer gelbschwarzen Warntracht fressen sich gegenseitig. Erst beißt eine der anderen den Kopf ab, dann werden die Beißwerkzeuge gereinigt.

Ein ratloser Werksmeister, Furchen im Säufergesicht, fährt sinnlos auf seinem Gabelstapler hin und her durchs leere Gelände. Ein junger Mann, kinnlastiges Gesicht, den rechten Fuß vorgestellt, lehnt lässig über dem Treppengeländer. Der gute Junge.

Backsteine engen mein ohnehin beschränktes Blickfeld weiter ein bis zur Platzangst. Die Scheußlichkeiten des Betons säumen den blauen Himmel gnadenlos bis zum Letzten.

Alle geistige Erregung ist unnötige Kraftvergeudung. Es sind nur Worte. Schließlich erreicht man nichts. Immer diese Entrüstungen, Erwachsenenentgleisungen, Empörungserschöpfungen! Wozu dieser elende Scheißdreck? Wohin führt das eigentlich? Neumann spricht: „Das Thema dieser vielen, vielen Zeilen, die sich, wegen eines schweren Kampfs gegen die Bewusstlosigkeiten, in einer notwendig traurigen Gestalt zeigen müssen, ist manchmal der einfache Satz: Der einzige Ausweg, die Wirklichkeitsdiktatur zu durchbrechen, ist der Nachweis von Poesieruinen in dieser Gegenwart.“ Schwache Aussage, gerade im DDR-Kontext.

Werde ich mich jemals mit Sabine verständigen können? Sie erscheint mir geradezu als Mystikerin mit ihren Gespenstergeschichten. Jetzt verdreht sie wieder so ihre Augen ins Weiße, lässt die Kugel rollen, die Kleine, quält mich mit ihrem esoterischen Eifer. Ich laufe ihr ins Skalpell, exaltiert. Sie läßt mich am Straßenrand stehen, nach der vorsichtigen Berührung, startet durch mit quietschenden Reifen.

Es ist zu Ende, bevor es begonnen hat.

Zuckerfabrik (1991)

Kurzprosa der Neunzigerjahre

In den Neunzigerjahren habe ich mich gelegentlich an Kurzprosa probiert. Die kommenden 5 Samstage werde ich das Ergebnis dieser Bemühungen hier in der Weltsicht präsentieren. Die Texte stehen seit Jahr & Tag auf meiner Homepage, aber da kommt ja keiner drauf 🙂 Los geht’s mit „Zuckerfabrik“ aus dem Jahr 1991 (schwere Kost!), wir enden mit „Besuch“ aus dem Jahr 1999 (wesentlich verdaulicher, versprochen).

Der Autor im Jahr 1991 in Frankfurt am Main, sichtlich um Stil bemüht. Man beachte den Brillenschatten sowie die vertikale Stirnfalte. Foto: Reichenbach

Kurzprosa der Neunzigerjahre