Erwin (1993)

Eine unerhörte Begebenheit

Erwin schlug sich heute um vier Uhr morgens die Nase blutig.

Dies geschah in, für Erwin und, später, seinen herzallerliebsten Vater Erwin senior, unerklärlicher, Erwin sagte, „mysteriöser“, gar „mystischer“, Art und Weise. Er, Erwin, sei gerade so richtig eingeschlafen gewesen, als ihn irgendetwas veranlasste, sich abrupt auf die linke Seite des französischen Bettes zu werfen, wobei dann sein Kopf, von der heftigen Bewegung erfasst, mit aller Wucht gegen den unweit des Bettes stehenden Kleiderschrank geschleudert worden sei.

Er berichtete seinem Vater weiter, er habe zunächst geglaubt, von einem Einbrecher ins Gesicht geschlagen worden zu sein, derart, dass sofort „ein Sturzbach von Blut“ aus seinen Nasenlöchern geschossen sei, den ultramarinblauen Teppich verunreinigend.

Verwirrt habe sich Erwin vom Bett erhoben, das Blut sei ihm wirklich aus der Nase auf die Füße getropft. Mit dem Handrücken habe er den „Sturzbach“, wie er es nannte, aufhalten wollen, aber es sei vergeblich gewesen. Plötzlich sei er sich wie ein Stigmatisierter vorgekommen, erzählte Erwin zur Bestürzung seines Vaters, der ihm geduldig zuhörte. Er sei aufgestanden, vor den Flurspiegel gelaufen und habe sich dort als Gekreuzigter, aus Händen und Füßen blutender Christus wiedererkannt. Selbstverständlich sei ihm sofort die metaphysische Blödsinnigkeit, ja Verstiegenheit dieses Vergleichs aufgefallen.

Er habe schließlich zu grinsen begonnen, lachte dann kurz auf, um schließlich, gegen fünf Minuten nach vier, in ein circa zehnsekündiges lautes Gelächter auszubrechen, in Gedanken das alte Kirchenlied „O Haupt voll Blut und Wunden“ memorierend.

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Erwin (1993)

Zuckerfabrik (1991)

Da wird ein Schafkopf gedroschen, dass es kracht. Der Meister ein Zyniker. Zum weißen Kragen hat’s nicht gelangt trotz Abitur. So geht’s dahin in der Monotonie der Stunden. Das Knarzen einer Klappe erinnert mich an Posaunenetüden von Conny Bauer. Tote Mäuse im Schmutzzucker. Ein rotgesichtiger, alkoholisierter Höcherer, ewig murrend, nörgelnd, beleidigt und beleidigend. Und der Chef, ein kleiner Digdaador, sein Wille geschehe, umringt, wie immer, von einer ganzen Schar Trabanten, gierig kreisend, spähend nach Löchern im Gebälk der Hierarchie. Putzen sich die Gummistiefel, bis man sich darin spiegeln kann, lecken sich die Lippen, sortieren sich ihr Leben zurecht im grauen Alltag allzu durchsichtiger Abhängigkeiten.

Plötzlich und unerwartet das Grundproblem. Depressive Verstimmung. Eine Angst, dass es kracht. Fürchte mich vor etwas, von dem ich weiß, das es nicht existiert und deshalb auch nicht bekämpft werden kann. Ich gebe mich der Monotonie des Arbeitens hin, entferne sirupverklebte Pappkartons, entleere Leinensäcke, kehre den Hallenboden.

Eben noch guter Dinge, normale Gedanken im Kopf und, da plötzlich, kommt’s dann und trübt dein Hirn, lähmt deine Arbeitskraft, macht dich alle. Die Zeit dehnt sich erschreckend, alles zieht sich zurück, die Mitwelt wird bedeutungslos, die ganze Welt trübt sich ein, rückt in Schräglage und du mittendrin im Pfuhl, schwer angeschlagen. Du machst den denkbar schlechtesten Eindruck, zeigst dich denkbar uninteressiert, ja arrogant deinen Vorgesetzten gegenüber. Das trübt dich noch weiter ein, du beginnst unglückselig zu gleiten, ganz verliebt in die Möglichkeit des Scheiterns, in den Gedanken der vollkommenen Wertlosigkeit der eigenen Existenz, die dumpf empfundene Nichtigkeit des Gewesenen, Jetzigen und Zukünftigen.

Frühstückpause, ein ruhiger Morgen, gesammeltes Arbeiten. Meine Gedanken sind ernst und beschäftigen sich mit der isorhythmischen Motette des Josquin des Prèz, mit der Musik Bernd Alois Zimmermanns und Frescobaldis. Lektüre von Gert Neumanns DDR-Roman „Elf Uhr“: „Das sind die immer überraschend eintreffenden Rhythmen des Sinngeschehens, die bei ihrem Eintreffen sofort als erwartete verstanden werden und dem flachen Leben eine philosophische Dimension geben.“ Solipsistische Dimension abnormer Entität kollabiert in hellgrüner Salatsoße. Existenz als Experiment. Der Moloch des Grauens. Das Pulsieren immerwährender Melancholie, intuitiv sich steigernd, in Vorahnung leuchtender Wiesen. „Evaubee zweizwei“, ruft der Typ aus dem Magazin, beißt dabei in sein Schinkenwurstbrötchen. Ich mag ihn nicht sonderlich. Außerdem ist er dumm und behandelt wahrscheinlich seine Frau schlecht.

Ein scharfer, dumpfer Schmerz raubt die Ruhe, bohrt sich dann, im Hintergrund, in die Eingeweide. Dann plötzlich Klarheit, die die Arbeit behindert, eine Verschlimmbesserung. Meine Ex im Domina-Outfit, die schneeweißen Brüste vom Lederkorsett nach oben gepresst, die schwarze Mähne glatt nach hinten zu einem Knoten verzurrt, das Gesicht weißgeschminkt, dunkelrote Lippen, tiefblauer Lidschatten, Kajal um die Augen, lange schwarze Handschuhe, schwarze Strümpfe, Lackstiefel. Ich massiere sanft ihre feuchtgewordene, leicht angeschwollene Klitoris. Mein Finger rutscht auf ihrem Fleisch wie von selbst hin und her. Dann treibe ich mein Ding ruckartig in ihre heiße Möse, beide Hände hart in ihre Taille verkrampft. Kriegt meine volle Ladung Saft ins Gesicht. Leckt mich gierig leer.

Mein letzter Arbeitstag. Sabine, ein spirituelles Wesen. Unbestimmbare Empfindung. Bin müde, erschöpft und verwirrt. Auch glücklich. Hab ich ein Glück! Aber wohin mit dieser Frau? Ich erblickte sie und dachte, „da ist sie, meine Frau“, was natürlich ein ausgemachter
Blödsinn war. Aber der Gedanke war schön.

Flirrende Gluthitze, die Wespen mit ihrer gelbschwarzen Warntracht fressen sich gegenseitig. Erst beißt eine der anderen den Kopf ab, dann werden die Beißwerkzeuge gereinigt.

Ein ratloser Werksmeister, Furchen im Säufergesicht, fährt sinnlos auf seinem Gabelstapler hin und her durchs leere Gelände. Ein junger Mann, kinnlastiges Gesicht, den rechten Fuß vorgestellt, lehnt lässig über dem Treppengeländer. Der gute Junge.

Backsteine engen mein ohnehin beschränktes Blickfeld weiter ein bis zur Platzangst. Die Scheußlichkeiten des Betons säumen den blauen Himmel gnadenlos bis zum Letzten.

Alle geistige Erregung ist unnötige Kraftvergeudung. Es sind nur Worte. Schließlich erreicht man nichts. Immer diese Entrüstungen, Erwachsenenentgleisungen, Empörungserschöpfungen! Wozu dieser elende Scheißdreck? Wohin führt das eigentlich? Neumann spricht: „Das Thema dieser vielen, vielen Zeilen, die sich, wegen eines schweren Kampfs gegen die Bewusstlosigkeiten, in einer notwendig traurigen Gestalt zeigen müssen, ist manchmal der einfache Satz: Der einzige Ausweg, die Wirklichkeitsdiktatur zu durchbrechen, ist der Nachweis von Poesieruinen in dieser Gegenwart.“ Schwache Aussage, gerade im DDR-Kontext.

Werde ich mich jemals mit Sabine verständigen können? Sie erscheint mir geradezu als Mystikerin mit ihren Gespenstergeschichten. Jetzt verdreht sie wieder so ihre Augen ins Weiße, lässt die Kugel rollen, die Kleine, quält mich mit ihrem esoterischen Eifer. Ich laufe ihr ins Skalpell, exaltiert. Sie läßt mich am Straßenrand stehen, nach der vorsichtigen Berührung, startet durch mit quietschenden Reifen.

Es ist zu Ende, bevor es begonnen hat.

Zuckerfabrik (1991)

Kurzprosa der Neunzigerjahre

In den Neunzigerjahren habe ich mich gelegentlich an Kurzprosa probiert. Die kommenden 5 Samstage werde ich das Ergebnis dieser Bemühungen hier in der Weltsicht präsentieren. Die Texte stehen seit Jahr & Tag auf meiner Homepage, aber da kommt ja keiner drauf 🙂 Los geht’s mit „Zuckerfabrik“ aus dem Jahr 1991 (schwere Kost!), wir enden mit „Besuch“ aus dem Jahr 1999 (wesentlich verdaulicher, versprochen).

Der Autor im Jahr 1991 in Frankfurt am Main, sichtlich um Stil bemüht. Man beachte den Brillenschatten sowie die vertikale Stirnfalte. Foto: Reichenbach

Kurzprosa der Neunzigerjahre